Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 39-40 (15.5.1902)
- Date
- 1902-05-15
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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bannen. Wir stehen nicht an, zu erklären, daß diese letzteren Dinge an sich wohl nicht von so überaus großer Bedeutung wären, wenn wir nicht dabei zur Genüge bemerken möchten, daß bei „diesen Kleinigkeiten" die Furcht vor „Verjüdelung" vorherrschend und ausschlaggebend ist, die auch die große „Verjüdelung" nicht haben möchte. Kleine Ursachen — große Wirkungen! . Welche Angst unsere neologen Brüder vor einer „Verjüdelung" haben, möge auch an folgendem klassischen Beispiele gezeigt werden, das uns von ganz glaubwürdiger Seite zugeht. Wir würdigen es auch nur deßhalb, hier zu verewigen, weil es uns einen klaren Spiegel neologen Denkens, Fuhlens und Wollens bietet. Die jüdische Gemeinde zu Z. hat das Glück oder Unglück, einen Vorstand zu haben, der ein vollkommener Typus der Neologie ist. Vor allem ist er jedweder jüdischen Bildung bar und ist nicht im Stande, selbst einen leichten hebräischen Satz zu übersehen, geschweige denn zu verstehen und erklären, und hat auch von der jüdischen Geschichte, wie man zu sagen Pflegt, keinen blauen Dunst. Dies wäre seine erste Qualifikation. Die jüdischen Gebote'tritt er mit Füßen, sowohl in der Oeffentlichkckeit, wie zu Hause, und selbst der heilige Jom Kippur ist aus seinem Religionskodex gestrichen. Dies wäre seine zweite Qualifikation. Daß er, trotz seiner notorisch bekannten Ignoranz auf jüdischem Gebiete, sich in alle jüdischen Angelegenheiten hineinmengt: Gutachten abgibt in rabbinischen Fragen, Rathschläge ertheilt zum Gottesdienst, Sitzungen leitet über Kaschruth, und Schechitah, Beschlüsse erhebt über Religionsunterricht etc., ist mehr als selbstverständlich; Und dies wäre seine dritte Qualifikation. Endlich gehört es bei ihm mit zum guten Tone und zur feineren Bildung, daß er die Gesetzestreuen der Gemeinde zu vergewaltigen sucht, ihren frommen Lebenswandel belächelt, ihre Charakterstärke bekrittelt — auf eine mehr oder minder große Lüge kommt es da nicht an — die religiösen Gebräuche der Frommen bespöttelt, und überhaupt die geoffenbarte Religion in den Bereich der Märchen versetzt; denn der ehrenwerthe Mann ist ohne jede Vorstudien — ein großer Philosoph, und das wäre seine vierte Qualifikation. Wir brauchen wohl nicht noch zu erwähnen, daß er an Zerstörungswahn leidet und das Judenthum gründlich reformiren mochte, denn seine, Qualifikation befähigt ihn nur zu solchen Heldenthaten. Unser „aufgeklärter Philosoph" scheint der Meinung zu sein — und das wäre die Logik in seiner Unlogik — daß ebenso wie das kranke Glied eines Menschen oft amputirt wird, um ihn für das Leben zu erhalten, so müsse man auch vom kranken Leibe deS Judenthums, gerade im Interesse des Ganzen, einzelne Theile entfernen. Armer, beschränkter Kopf! Er vergißt, daß der Mensch, dem einmal fein Fuß, seine Hand abgeschnitten worden ist, ein ewiger Krüppel bleibt. And nimmer nach wie vor gehen, bezw. arbeiten könne.^ Nicht das Judenthum ist krank, mcht daS Judenthum bedarf der Verbesserung, sondern die Juden, ' und diese müssen geheilt und gereinigt werden von ' ihren Sunden durch die Wundermacht der nnwn, der Reue, Buße, Besserung, durch vollständige Rückkehr zu Gott. So meint es und predigt auch fortwährend der Rabbiner jener Gemeinde, der mit seinem talmudischen und weltlichen Wissen auf der Höhe der Zeit und seiner Aufgabe stehend, ein mächtiges Bollwerk gegen die Fluth und Wuth der Reform bildet und, wie es von einem ehrenhaften Rabbiner gar nicht anders zu erwarten ist, die drei Säulen des Judenthums, die der Thora, Abodah und des Gemilus Chassodim mit gleicher Liebe und Wärme befestigt und gepflegt wissen will. In einer seiner Predigten wies der Rabbiner in zündenden Worten auf die hohe Wichtigkeit der Zedokoh-Pflicht hin und forderte seine Zuhörer auf, einen Verein zu gründen zur Unterstützung verschämter Armen, herabgekommener jüdischer Gelehrten. Ist das Ziel des Strebens werih? Gewiß, wird jeder fühlende Mensch sagen. Nun beantragte der Rabbiner, der' Verein möge den Namen „Maskil el Dol" führen, bezugnehmend auf jenes Psalmwort: 'n brr b'vvv *wrr ".21 Heil dem, der mit Verständniß dem Armen seine'. Fürsorge zuwendet, am Tage des Unglückes rettet ihn Gott. (Ps. 41. 2.) Sämmtliche Zuhörer beeilten sich, ihren Beitritt zu dem humanen Vereine anzumelden; doch der „philosophirende" Präses — zögerte und versuchte, durch heftige Agitation das edle Vorhaben im Keime zu ersticken, was ihm jedoch nicht gelungen ist. Auf Befragen, sein rätselhaftes und inhumanes Vorgehen zu rechtfertigen, erklärte er unumwunden, er wäre mit „Leib und Seele" für den Wohlthätigkeitsverein, doch diesem Vereine bei dem allgemeinen Fortschritte der Zeit einen — man sehe, höre und staune — jüdischen Namen beizulegen, das.wäre etwas Ungeheuerliches!!, und ergoß sich gleichzeitig mit den unfläthigsten Worten über Bibel, Talmud, Schulchan-Aruch, Orthodoxie in buntem Durcheinander. Man erzählte sich, der Rabbiner soll ihm gesagt haben, wenn es ihm besser gefiele, so möge ihm kein Heil erblühen und der l. Gott möge ihn nicht retten in der Stunde der Gefahr; wir wollen uns an das trostreiche Psalmwort halten. (Fortsetzung folgt.) . ZerLrmgsNschrrchLes rmd Corresyorwenre«. D e u t s ch l a n d.>' - Mainz, 16. Mai. Die israelitischen Lehrer Rheinhessens hielten am 4. Mai Hierselbst eine Konferenz in der Margarethengasse 1 ab, welche sehr gut besucht war.; Die Herren Rabbiner Dr. Stein-Worms, Dr. Gold-