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Jüdische Korrespondenz · 1918-12-05 · 36 (5.12.1918) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
36 (5.12.1918)
Date
1918-12-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 36 (Die Palästinafrage.) „Manchester Guardian" erfährt, daß die Führer der Zionistenbewegnng die Versicherung erhalten haben, daß sie Gelegenheit erhalten werden, die jüdischen Ansprüche auf Palästina bei der Friedenskonferenz geltend zu machen. Sokolow reist nach Paris, um dort mit Zustimmung der englischen und der französischen Regierung ein zionistisches Bureau zu eröffnen. Es besteht die Absicht, binnen kurzem in London einen zionistischen Kongreß zu eröffnen, an dem die Vertreter aller alliierten und neutralen Länder teilnehmen werden. (Die erste zionistische Regierung.) Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß sich in Palästina die erste zionistische Regierung gebildet hat. Das Kabinett hat folgende Zusammensetzung: Ministerpräsident: Brandeis; Auswärtige Angelegenheiten: Dr. Max Nordau und Schriftsteller Israel Zangwill; Landesverteidigung: Goldschmied; Inneres : Sokolow; Finanzen: Albert v. Rothschild; Justiz: Mandelstam; Oeffentlicher Unterricht: Oppenheim; Landwirtschaft: Ussyschkin. — (Diese Nachricht stammt, wie übrigens manche ähnliche in letzter Zeit, aus einer indirekten Quelle. Eine authentische diesbezügliche Meldung sollte eigentlich direkt aus London kommen. Deswegen soll dieselbe nur unter Vorbehalt wiedergegeben werden. Die Ministerliste entspricht nicht ganz den Verhältnissen, und anderseits ist kaum anzunehmen, daß England so weit gehen würde, ein förmliches Kabinett einzusetzen, bevor die Palästinafrage an und für sich völlig gelöst ist.) (Antizionistische Propaganda in Amerika.) Die Reformrabbiner Friesh und Philippson habm eine antizionistische Liga ins Leben gerufen, die im Namen der amerikanischen Juden dem Präsidenten Wilson eine antizionistische Note überreichen soll. Jacob Schiff, der eingeladen wurde, sich der Aktion anzuschließen, soll dies, nach einem Berichte des I. K. in Stockholm, entschieden abgelehnt haben, indem er erklärte, daß er seit dem Beginn der russischen Revolution und seit Balfours bekannter Erklärung mit dem Zionismus sympathisiere und die Errichtung eines nationalen Heimes für die Juden in Palästina für durchaus wünschenswert und möglich halte. (Eine Kundgebung vor de« neutralen Gesandtschaften in Wien.) Vorige Woche zog ein geschlossener Zug von über dreihundert jüdfichnationalen Offizieren, Soldaten und Studenten zur niederländischen Gesandtschaft. Während die Leute auf der Straße blieben, wurde eine mehrgliedrige Abordnung zum Gesandten geschickt und ihm ein Protest gegen die Pogrome in Galizien übermittelt. Nachdem der Gesandte den Protest zur Kenntnis genommen hatte, marschierte der Zug weiter zur schweizerischen Gesandtschaft und überreichte durch dieselbe Abordnung auch dem schweizerischen Gesandten denselben Protest. An die beiden Gesandten wurde das Ersuchen gestellt, diese Proteste ihren Regierungen zu übermitteln, damit sie schleunigst Schritte unternehmen, um den Greueln Einhalt zu tun. Die Gesandten haben den Abordnungen diesbezügliche Zusagen gemacht. Vom Vereiusleben. (Humanitärer Verein „Tiferes Bachirnm" zur Unterstützung armer Wiener Talmudschüler.) Sonntag, den 17. v. M., fand im Saale der Talmud Thora eine gut besuchte Vollversammlung des „Tiferes Bachurum"-Vereines statt, in der es besonders erfreulich hervortrat, daß die Jugend, bisher durch die Notwendigkeiten des Krieges vollauf in Anspruch genommen, nunmehr in die Bahnen des jüdischen Lebens zurückkehrend, regen Anteil an derselben nahm. Es wurde unter Einstimmigkeit aller Anwesenden beschlossen, die Mitglieder und Gönner des Vereines zu ersuchen, ihre Jahresbeiträge zu kapitalisieren, derart, daß sie durch einmaligen Erlag eines bestimmten Betrages, dessen Zinsen als jährlicher Beitrag zu verwenden sind, zu ewigen Mitgliedern des Vereines werden. Es soll auf diese Weise ein Fonds geschaffen werden, dessen Ertrag dauernd dem edlen Zwecke des Vereines, der Förderung des Studiums der Thora, zugeführt wird. Es ist im übrigen auf den in gleicher Nummer abgedruckten Aufruf hingewiesen. Das absterbende jüdische Saloniki. Daß dieser Weltkrieg das Schicksal der Juden besonders unheilvoll beeinflussen würde, war schon bei seinem Ausbruch mit Bestimmtheit vorherzusehen. Ein Krieg zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Rußland konnte ja nur in Gebieten ausgefochten werden, welche massenhaft von Juden bewohnt sind. Die Entwicklung der Ereignisse hat es nun mit sich gebracht, daß auch die jüdischen Zentren des Balkans, unter ihnen an erster Stelle Saloniki, die einzige jüdische Großstadt der Erde, in die verhängnisvollen Folgen des Krieges hineingezogen wurde. Vom Leben und vom Charakter dieser jüdischen Großstadt ist uns nicht viel bekannt. Was die jüdische Presse bisher über Saloniki brachte, war mehr oder weniger feuilletonhaft und oberflächlich: Zur Bereicherung der jüdischen Forschung, speziell ihrer neueren Zweige, der Demographie, Soziologie und Statistik bot Saloniki eine einzigartige Gelegenheit, die nun für immer verloren ist. In dieser Stadt sind die Verhältnisse durch den Krieg so gewaltig verändert, daß es kaum möglich sein wird, das Versäumte an Forschungen in bezug auf das Leben der jüdischen Gemeinde nachzuholen. Gleichwohl wird zu hoffen sein, daß Saloniki, das jetzt seinen Charakter als einzige jüdische Großstadt mit kultureller Autonomie und gesundem sozialen Aufbau ein-.. gebüßt hat, auch späterhin noch eine reiche Quelle für jüdische Forscher bilden wird. Saloniki war der kräftigste Beweis gegen die „Notwendigkeit" von Anomalien im jüdischen Leben von Europa. Alle die Galuth- Erscheinungen, an welchen das jüdische Leben auch unter den günstigsten Bedingungen krankt, waren dort unbekannt. Die Ursache hievon ist nicht darin zu suchen, daß die jüdische Bevölkerung Salonikis zwei Drittel aller Bewohner ausmachte und der Rest sich auf so viel verschiedene Nationalitäten verteilte, daß ein Streben der einen oder anderen Partei nach überwiegendem Einflüsse ausgeschlossen war. — Im Gegenteil, man muß es als eine besondere Charakteristik der jüdischpolitischen Denkart betrachten, daß eine überwiegende Mehrheit von Juden sich so tolerant gegenüber den Forderungen anderer Nationalitäten zeigte, wie es in Saloniki geschah. Griechenland hat besonders Grund zur Anerkennung dieser entgegenkommenden Gesinnung der Juden, denn nirgendwo stieß die griechische Propaganda auf weniger Widerstand als bei den Juden in Saloniki. Für die Frage der Beziehung zwischen einer kulturellen Autonomie und Königtum war Saloniki das beste Beispiel, besonders zur Zeit der türkischen Herrschaft. Die Zweifel, ob nicht durch ein kulturell-nationales Eigenleben der Zusammenhang mit dem türkischen Reiche gefährdet worden sei, werden bei einem RüiKlick auf die jüngste Epoche der türkischen Geschichte verschwinden. Die Revolution von 1908, Euvers Marsch nach Konstantinopel und der Sieg der Jungtürken wären nicht möglich gewesen ohne die moralische und materielle Unterstützung von seiten der einflußreichen Kreise Salonikis. Wenk diese Tatsachen noch immer ein Rätsel bleiben, dem können sie auf ganz einfache Weise klar gemacht werden. Saloniki ist das einzige jüdische Zentrum, welches sich nicht aus dem Ghetto herausgebildet hat. Dem Saloniker Juden blieb der historische Leidensweg von der Knechtschaft zur Emanzipation,, zum gleichberechtigten Staatsbürger jüdischen Glaubens, erspart. Vom Herrscher Konstanttnopels als Schutzort für die Tausende von dem „allerchristlichsten" Volke aus Spanien vertriebenen Juden bestimmt, genoß Saloniki bis in die letzten Tage der türkischen Regierung ein solches Maß von Freiheit, wie es auch sehr moderne europäische Königreiche sich zum Vorbild nehmen könnten. Die Türkei hat sich durch diese Tat die Dankbarkeit des ganzen jüdischen Volkes gesichert. Wenn man die den Entwicklungsgeist des europäischen Judentums unterbindende Kraft des Ghettos recht erkennen will, muß mau einige Zeit das Leben in Salomki betrachten.! Ein Schamgefühl ergreift deck europäischen Juden, den sein Schicksal zufällig dorthin verweht hat, ein Gefühl, ähnlich wie es der Schwache dem Starken gegenüber empfindet. Leider haben nur wenige Juden einen solchen historischen Anschauungsunterricht genossen: (Schluß folgt.) Deutschösterreichische Staatsanleihe. Die deutschösterreichische Regierung ruft die Bevölkerung zur Zeichnung der Staatsanleihe auf, die derselben die Möglichkeit verschaffen soll, die Staatsgeschäste weiterzusühren. Es bedarf, keiner besonderen Bewnung, daß die Zeichnung der Staatsanleihe die Pflicht eines jeden Bürgers ist. Die Bevölkerung Deutschösterreichs hat sich entschlossen und diszipliniert auf den Boden der neuen Ordnung gestellt, ohne jeden Klassen- und Parteiunterschied. Der Wunsch, in diesen schweren Tagen jeden Streit und jede parteimäßige Auseinandersetzung zu vermeiden, hat alle Volksgruppen veranlaßt, sich um die neue Regierung zu schaaren und ihr die Erfüllung ihrer Aufgaben zu erleichtern. Rach den harten Prüfungen der Kriegsjahre soll zumindest im Innern die Ruhe und die Ordnung gewahrt bleiben; denn nur dann wird es möglich sein, die Wunden, die der Krieg geschlagen, zu heilen und die Friedenswirtschaft wieder einzuführen. Die Regierung, die stch dieser schweren Aufgabe unterzogen hat, benötigt aber die finanziellen Mittel, um den staatlichen Apparat

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