Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 36 (5.12.1918)
- Date
- 1918-12-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Jüdische Korrespondenz. Seite 5 unsere Pflicht ist es, dieselben zu überzeugen und zu belehrend) Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich sage, daß die Verwaltung .sämtlicher Kultusgemeinden in Westeuropa in jüdischnationalen Händen dem religiösen Judentume und seinen Institutionen viel mehr gerecht werden wird als die Verwaltung derselben durch Assimilanten.y Denn der ganze Verfall der Kultusgemeinden beruht ja hauptsächlich darauf, daß die Juden sich im Eheleben, in den Speisegesetzen und auch im geschäftlichen Leben in weitestgehender Weise den Völkern assiimiliert haben. Die jüdischnationale Verwaltung wird ihren Prinzipien getreu in den Kultusgemeinden auch in religiöser Beziehung die jüdischnationalen Institutionen Herstellen^) und was am wichtigsten ist, da ja diese Institutionen überall mehr oder weniger bestehen, dafür sorgen müssen, daß sie nicht zum Scheine vegetieren, sondern ihre Bestimmung in ehrlicher Weise erfüllen. Es ist also unsere Pflicht, uns vor aller Welt offen zu erklären als das, was wir sind, nämlich Juden, Inden auch als Volk und Nation und wie es immer genannt wird und an allen Bestrebungen der Jüdischnationalen teilzunehmen, dieselben an der Hand der Thora und der Propheten, sowie der Traditionen und der Geschichte über die wahre Zweckbestimmung des jüdischen Volkes zu belehren. Zwang, Unduldsamkeit, Zwietracht müssen aus unserem Volke ausgeschlossen werden. Sämtliche Institutionen der Gemeinden müssen auf jüdischnationaler, das ist konservativer Grundlage errichtet und dauernd geführt werden. Zum Schluffe noch eine kurze Bemerkung. Wer die mehrtausendjährige Geschichte des Judentums betrachtet, weiß es, daß das Judentum nur dann Bestand gehabt hat, wenn es thoratreu gewesen ist, und wer offenen Auges die Geschichte der letzten 50 Jahre gewissenhaft beobachtet, muß, in welchem Lager er immer steht, diese Tatsachen bestätigen. Das Judentum kann als rein nationaler Körper ohne Anerkennung der Thora und Durchführung derselben im Leben nicht auf die Dauer bestehen. Dies wissen wir aus der Geschichte der beiden Reiche Juda und Israel. Daß es in der Zerstreuung ohne Thora spurlos verschwunden wäre, das wird auch der größte Assimilant und Atheist anerkennen müssen. Die Beobachtung der Thora und der traditionellen Gesetze ist gleichzeitig eine so intensive Betätigung des nationalen Lebens, baß sie durch andere Geisteswiffenschaften und auch durch die extensivste Verbreitung der hebräischen Sprache nicht ersetzt werden kann. Daß die gemeinsame Sprache das Judentum vor dem Verfalle nicht gerettet hat, ist bekannt. Wir müssen also sagen, daß das konservative Judentum das eigentliche nationale Judentum vorstellt, zumal es auch von jeher die Pflege der hebräischen Sprache sowie die Kolonisation in Palästina zu ihren Hauptgrundsätzen gezählt hat. Wenn wir also eine Bewegung vor uns haben, welche diese zwei ’) Sie Nationalisten wollten sich aber nicht be- lehren lasten, sondern maßen sich das Recht an, zu Uhren und zu belehren. Die Red. 3) Beide find gleich gefährlich. Unter Umständen ist ein versteckter Feind noch gefährlicher als ein offener. Die Red. s) Der geehrte Herr Verfasser ist doch zu optimriftisch. Die Red. Grundsätze mit Begeisterung und Liebe als die eigentlichen Kriterien des nationalen Judentums hervorhebt, so müssen wir dies für alle Fälle, wie ich bereits bemerkt habe, begrüßen. Hiezu kommt aber noch ein zweiter Punkt. Für wen will das konservative Judentum die geistigen Schätze, die es zu verwalten hat, aufbewahren? Die Jugend Westeuropas ist jüdischnational, und wenn wir uns zu derselben in einen Gegensatz bringen, der nach meiner innersten Ueberzeugung historisch nicht gerechtfertigt ist, so entziehen wir uns der uns obliegenden Aufgabe, diese Jugend zu belehren, und wir sind dann schuld, daß die Thora für einen großen Bruchteil des Judentums verloren gehen wird. Ob es schon uns gelingen wird, unsere Aufgabe vollständig zu erfüllen, können wir nicht wissen. Wir haben aber die Pflicht, die Ausgabe zu leisten und den Erfolg Gott zu überlassen, der das Judentum bis zum heutigen Tage erhalten hat. Dr. Alfred Stern s. A. Wenige Wochen nach seinem Rücktritt ist der langjährige Präsident der Wiener Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, 88 Jahre alt, am Samstag abends gestorben. Dr. Alfred Stern war entschieden eine der hervorragendsten Persönlichkeiten der österreichischen Judenheit in letzter Zeit. Man kann ohne Uebertreibung sagen: der bedeutendste Mann im Kreise des liberalen Judentums. Bon einer seltenen Energie trotz seines hohen Alters, hat er in den 15 Jahren seiner Präsidentschaft vieles geleistet und die Wiener Kehilla vielfach modernisiert und ausgestaltet. Selbst seine schärfsten Gegner — und er hatte deren recht viele — versagten ihm die Achtung und die Wertschätzung nicht. In der gegenwärtigen ernsten und an brennenden Tagesfragen reichen Zeit ist nicht die Möglichkeit gegeben, das Leben und das Wirken Dr. Alfred Sterns eingehend zu würdigen. Er war ein ganzer Mann und seine Verdienste sollen auch seitens seiner Gegner unbestritten bleiben. Das Leichenbegängnis fand Mittwoch, vormittags, vom Tempel in der Seitenstettengasse aus bei einer sehr großen Beteiligung statt. Im Tempel widmete Oberrabbiner Dr. Chajes dem Verblichenen einen tiefempfundenen Nachruf. Auf dem Friedhof sprachen Rabbiner Dr. Grünwald, Vizepräsident Dr. Rappaport, Rektor Schwarz, Dr. Kuranda, Dr. Spitzer, Sekretär Dr. Adler und Ing. Stricker. „Ieschurun"-Lurse. Die vom Verein „Jeschurun" eingerichteten Kurse werden nunmehr beginnen und in den Sälen der Talmud Thora, H-, Malzgaffe 16, für alle Teilnehmer vollkommen unentgeltlich abgehalten. Es werden sprechen: Frau Ernestine Bondi über „CHum i sch" (für Damen). Erstes Buch Moses ist mitzubringen. Montag 1/27 bis y28 Uhr. Beginn Montag, den 9. Dezember. Herr David Bondy über „Aussprüche aus Midrasch und Talmud über jüdi sch eLebensanschauung (für Herren und Damen). Mittwoch, * */27 des Vä8 Uhr. Beginn Mittwoch, den 11. Dezember. Herr Siegfried Schlesinger, cand. phil., über „Newiim-Chethubim" (fürHerren). Samstag, y2 7 bis 8 Uhr. Beginn Samstag, den 14. Dezember. Rundschau. (Jndenexzesse in Prag.) Aus Prag wird gemeldet: Montag, den 2. Dezember, um die Mittagsstunde, sammelten sich auf dem Graben mehrere hundert Personen an, die von einigen Häusern, in denen sich Geschäftslokale befinden, die Herausgabe der jüdischen Besitzer verlangten, und zwar mit der Begründung, daß die Juden an dem Elend schuld seien, das der Krieg gebracht habe. Es gelang ihnen auch, mehrerer Geschäftsleute habhaft zu werden. Diese wurden tätlich insultiert. Nur rasches Eingreifen von Soldaten und Sokoln verhinderte weitere Ausschreitungen. Man brachte die betreffenden Geschäftsleute in die Josefskaserne und hielt sie dort in Schatzhaft. Um halb 1 Uhr wurde der Josefsplatz abgesperrt. Die Menge zog unter stürmischen Rufen: „Richtet die Juden hin!", „Hängt sie auf!", „Sperrt sie ein!", „Gebt ihnen Kraut und Kriegsbrot zu fressen!" vor das Deutsche Haus, in dem sich angeblich mehrere jüdische Geschäftsleute verborge» halten sollten. Dem Militär gelang es, die Menge wiederum gegen den Pulverturm zurückzudrängen und den Graben abzusperren. (Plan zur Entsendung einer amerikanischen Mission nach Lemberg.) Aus Bern wird gemeldet: Auf Grund einer Petition des schweizerisch-jüdischen Komitees, dem auch der hier anwesende Wiener Gemeinderat Dr. v. Schwarz-Hiller ange-?iört, verhandeln die amerikanische Gesandtchaft und die polnische Vertretung in Bern über die Entsendung einer amerikanischen Mission nach Lemberg zur Untersuchung der Pogrome. Eine Erklärung der amerikanischen Regierung steht bevor. (Judenverfolgungen im Arader Komitat.) Wie der „Pester Lloyd" meldet, haben in mehreren Gemeinden des Arader Komitats Judenverfolgungen stattgefunden. In einer Gemeinde wurden 34 jüdische Familien ausgeplündert. Angehörige der Intelligenz bestärkten das Volk in dem Glauben an das Ritualmordmärchen. Die Haupträdelsführer wurden verhaftet und der Staatsanwaltschaft übergeben, von dieser jedoch sofort wieder in Freiheit gesetzt. (Deutsch-jüdische Erklärung gegen den Zionismus.) Aus Berlin erhielten wir folgende Zuschrift: „Die Unterzeichneten Verbände, welche die überwiegende Mehrheit der Deutschen jüdischen Glaubens in sich vereinigen, erklären im Gegensatz zu dem Standpunkt der einen Bruchteil unserer Glaubensgenossen vertretenden Zionisten, daß wir uns als unablöslichen Bestandteil des deutschen Volkes fühlen, daß wir eine Glaubensgemeinschaft, nicht aber ein jüdisches Volk in Deutschland find und jeder nationalen Absonderung widerstreben. Verband der deutschen Juden: Geheimer Justizrat Cassel. Deutsch-Israelitischer Gemeindebund: Prof. Dr. Kalischer. Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdische» Glaubens: Geheimer Justizrat Dr. Euge» Fuchs."