Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 36 (5.12.1918)
- Date
- 1918-12-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 in einer regelmäßigen Funktion erhalten zn können. Nicht bloß zum Kriegführen, sondern auch zur Wiedereinordnung der Friedenswirtschaft ist Geld und wieder einmal Geld notwendig. Die Bürger Deutschösterreichs sind deswegen ebenso wie der Staat daran interessiert, daß die Regierung die finanziellen Mittel erhält, um die Verwaltung führen zu können. Es ist daher zu erwarten, daß jeder Bürger seine Pflicht erfüllen wird. Die Tuberkulose unter den Juden. Von Dr. Maurice Fishberg, New Aork. Vortrag, gehalten am Internationalen Tuberkulosekongreß m Washington. «Schluß., III. Bei der Besprechung der Daten des Zensusbureaus der Vereinigten Staaten führte ich früher aus, daß dieselben nicht absolut richtig seien, weil ein besonderes Verhältnis von Kaufleuten und -anderer freier Berufe darin enthalten ist, unter denen Tuberkulose weniger häufig ist als unter den Arbeitern. Dieser Vorwurf besteht nicht zurecht, wenn wir von den Juden in Osteuropa oder in London, New Uork, Chicago, St. Louis, Baltimore usw. sprechen. Es ist wohl bekannt, daß der Stadtbewohner mehr zur Tuberkulose disponiert ist als der Bewohner des offenen Landes, speziell der Ackerbauer. Die Juden sind in der ganzen Welt Stadtbewohner par excellence. In Preußen leben über 60 Prozent der Bevölkerung am Lande, während bloß ein Siebentel der Juden auf dem Lande lebt. In Rußland, wo sie bloß 4 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, sind sie über 15-6 Prozent der gesamten städtischen Bevölkerung. Dasselbe gilt von Oesterreich, Ungarn und Rumänien. Bon den 2 Millionen Juden in den Vereinigten Staaten habe ich berechnet, daß über •60 Prozent in den neunzehn Städten leben, die nach der letzten Zählung eine Bevölkerung über 200.000 haben, während bloß 16 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes in diesen Städten gefunden werden. Die Juden sind hauptsächlich Städtebewohner und find mehr geneigt, in den •großen, als in den kleinen Städten zu leben. Das ist natürlich, wenn man ihre Beschäftigung in Betracht zieht. Sie können bloß in den großen Handels- und Industriezentren ein Auskommen finden. Dies ist wieder wichtig in bezug auf ihr Verhalten zur Tuberkulose. Nach der russischen Zählung von 1907 waren 782.454 oder ein Siebentel der Gesamtzahl der Juden von der Bekleidungsindustrie abhängig. In dieser Klasse waren Schneider, Schuhmacher, Hutmacher, Kappenmacher, Handschuhmacher und Putzmacher eingeschloffen. Auch in Oesterreich wurde bei der Zählung von 1900 konstatiert, daß 81 von 10«10 der Juden in der Bekleidungsindustrie beschäftigt waren gegen bloß 40 bei den Katholiken. Dasselbe gilt von den Juden in Ungarn und Rumänien. Da wir diesbezüglichkeine besondere Statistik über die Verhältniffe in den Vereinigten Staaten haben, müffen wir uns aus die Angaben von Rubinow in dem Berichte der Einwanderungskommission stützen, die zeigt, daß dasselbe auch hier gilt. Unter den 330.573 Juden, die während der Jahre 1901 bis 1906 zur Einwanderung in die Vereinigten Staaten zugelassen wurden, waren 78.502 Schneider und 13.123 Schuhmacher, das heißt 28 Prozent waren Beinkleidungsarbeiter. Hier lernen überdies viele der jüdischen Einwanderer, die in Europa keine Schneider waren, die einfacheren Arten der Maschinenarbeit, so daß ein« Schätzung, daß 35 Prozent aller jüdischen Einwanderer in den Vereinigten Staaten Bekleidungsarbeiter sind, ungefähr das Richtige treffen würde. Wir alle kennen den „Schwitzsystem"-Arb«iter. An erfter Stelle ist er der Typus der physisch Schwachen, selbst bevor er in der Bekleidungsindustrie arbeitet. Männer mit wohlausgebildeten Muskeln finden einträglichere Beschäftigungen. Seine Brust ist flach und bietet alle Stigmata des sagenannten Habitus phthisicus dar. Diese Brust, obwohl in großem Maße eine Folge der Unterernährung und der Anämie, die sehr vorherrscht, -dankt ihre miserable Erscheinung noch meist einer mangelhaften Muskelentwickelung. Schlaffe Muskeln können nicht die Rippen zu einer besonderen Entfaltung bringen, erlauben ihnen jedoch, in einem spitzen Winkel zur Wirbelsäule hinabzusinken. Das Resultat ist die sogenannte „jüdische" oder „Schneiderbrust". Diese ist nicht nur flach, sondern auch von geringem Umfang. Bei gesunden Individuen beträgt der horizontale Umfang über 50 Prozent der Höhe, aber bei der Majorität der Schneider New Äorks habe ich durch Messen gefunden, daß der Umfang bloß die Hälfte der Höhe beträgt. Die krankhaft verzogene Haltung des Körpers der Schneider bei der Arbeit, sowie der Mangel der Muskelbewegung, da das Nähen keineswegs freie Betätigung der meisten Muskeln bedingt, in Verbindung mit der fehlenden Ventilation der üblichen Werkstätte, all das trägt dazu bei, die Lebenskraft des Schneiders zu reduzieren und seine Lunge zur Aufnahme des Tuberkelbazillus disponiert zu machen. Und tatsächlich zeigt die Statistik, die in ganz Europa gesammelt ist, folgerichtig, daß die Schneider mehr zur Tuberkulose neigen, als Arbeiter anderer Zweige, mit Ausnahme der Steinhauer, Buchdrucker und ähnlicher Berufe. Ein anderer gewichtiger Grund gegen die Theorie, daß die niedrigere Tuberkulosemortalität der Juden mit einer auf ihre Rasse bezüglichen Widerstandskraft Zusammenhänge, ist die Tatsache, daß Mischehen mit Nichtjuden durchaus nicht die Zahl der Tuberkulösen bei ihnen vermehrt. Ein Beispiel wird genügen. In Berlin war 1905 die Zahl der Mischehen zwischen Juden und Christen 44 Prozent der reinen Judenehen. Wir wissen, daß gewisse Rassenimmunitäten, wie die der Neger gegen Malaria und gelbes Fieber, sich beim Mulatten vermindern. 'In Analogie würden wir erwarten, daß die Zahl der jüdischen Tuberkulösen in Berlin höher sein werde als in Galizien, wo praktisch Mischehen zwischen Juden und Christen nicht Vorkommen. Tatsächlich jedoch liegt die Sache so: 1906 gab es in Berlin nach der Volkszählung 98.893 Juden bei einer Gesamtbevölkerung von 2,040.148. In demselben Jahre ereigneten sich in dieser Stadt 4302 Todesfälle an Lungentuberkulose, von welchen bloß 97 Juden betrafen, was eine Mortalität von 21 6 Christen und bloß 9 81 Juden auf 10.000 Bewohner ergibt. In Krakau, wo Mischehen nicht Vorkommen, war die Mortalität 30 64, also dreifach als bei den Juden in Berlin. Diese Tatsache, daß die Mischehe die Tuberkulosemortalität nicht vermehrt, ist, wie ich glaube, ein genügender Beweis, daß keine ethnische Immunität anzunehmen ist. Einige haben behauptet, daß die geringe Sterblichkeit an Tuberkulose der Elimination der meisten den Juden zu verdanken sei, die in früherer Zeit prädisponiert waren, so daß eine Rasse zurückblieb, die den Einflüssen des Tuberkelbazillus gegenüber refrektär ist. Reibmayr, der diese Theorie ausarbeitete, behauptete, daß die Juden alle ihre Lebensgewohnheiten ableäen mögen, daß sie jedoch, solange sie sich der Mischehe enthalten, ihre Immunität gegenüber Infektionskrankheiten, Tuberkulose eingeschlossen, nicht verlieren werden. Wir sahen aber oben, daß im Gegenteile die Tuberkulose in Berlin und bei den eingeborenen Juden in Frankreich, Italien, England und' Australien viel seltener sei, als unter den Juden in Osteuropa, bei denen es keine Mischehen gibt. Wie ich an anderer Stelle zeigen werde, hängen diese Differenzen von sozialen Bedingungen und nicht von Raffenursachen ab. Manche Autoren haben behauptet, daß die bei den Juden geübten rituellen Speisegesetze die geringere Tuberkulosemortalität auch bei ihnen bedingen. Wie bekannt ist, unterziehen die Juden, bevor sie die Speisen als für den menschlichen Genuß geeignet erklären, jedes geschlachtete Tier einer gründlichen Untersuchung durch einen Sachverständigen. Spezielle Aufmerksamkeit wird dem Zustande der Eingeweide, hauptsächlich der Lunge, Pleura, Leber und Milz geschenkt. Diejenigen Tiere, deren Lungen irgendwelche Adhäsionen an der Thorax oder der einzelnen Lappen aneinander zeigen, oder bei denen kleine Knötchen auf der Oberfläche der Lunge zerstreut gefunden werden, werden als für den menschlichen Genuß ungeeignet erklärt. Es wurde festgestellt, daß die bovine Tuberkulose so bei den Juden unmöglich gemacht wird. Im Lichte unseres heutigen Wissens über den Ursprung und die Verbreitung der Tuberkulose, gemäß den Anschauungen dar bedeutendsten Autoritäten lCalmette, Behnng und andere), die der Meinung sind, daß die Tuberkulose öfter durch Ingestion als durch Inhalation akquiriert werde, müßte die jüdische Diät ein ausgezeichnetes Präventiv sein, wenn sie genau angew'endet wird. In Wirklichkeit jedoch spricht nichts dafür. In Osteuropa, wo die Juden den Speisegesetzen sowohl nach Wortlaut als auch nach ihrem Geiste folgen, gibt es mehr Tuberkulöse als bei ihren Glaubensgenossen in den westlichen Gegenden, wo die Speisegesetze entweder ganz oder teilweise außeracht gelassen werden. Humanitärer Werein „Liferes Aachurim" zur Unterstützung armer Wiener Tslmudfchüler. Aufruf. Der humanitäre Verein „Tiferes Bachurim" in Wien, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, arme Wiener jüdische Kinder, welche sich dem Thorastudium widmen, durch namhafte monatliche Geldbeiträge zu unterstützen, richtet an seine Mitglieder und Gönner die Bitte, ihre Jahresbeiträge zu kapitalisieren und dem Verein ein für allemal einen Betrag zuzuführen, dessen Zinsenerträgnis dem entsprechenden Jahresbeitrag gleichkommt. Der Spender wird dadurch ewiges Mitglied des Vereines und hat die Verficherung, daß die Zinsen des von ihm erlegten Kapitals Jahr für Jahr, als Mitgliedsbeitrag betrachtet, dem edlen Zwecke des Vereines, der Förderung der Thora und des Studiums, zugeführt werden. Im Hinblick darauf, daß in dem nunmehr beendeten Kriege gar oft ganz bedeutende Mittel für nur momentane vorübergchende Bedürfnisse aufgebracht wurden, steht es wohl zu erwarten, daß diese, einem stets dauernden Zweck echt jüdischer Art gewidmete Aktion den ihr gebührenden Erfolg finden wird. Für den zu erlegenden Betrag kann auch Kriegsanleihe verwendet werden. Anmeldungen sowie Korrespondenzen find an den Schriftführer des Vereines, D. B r en e r, Wien, H., Taborstraße 24 a, zu richten. Für den Vorstand: I. Pinkas P. Grünhut Obmann. Kassier. D. Breuer Schriftführer. Vorstehender Aufruf befürwortet sich eindringlichst in der Darlegung des angestrebten heiligen Zieles — leliagdil tauroh ulhadiroh — und möge er in seiner weittragenden Bedeutung erfaßt und tatkräftigst gefördert werden Rabbiner S. Fürst (Schiffschul). Aufruf! Der Unterftützunasverein der in Wien wohnenden Lemberger erließ folgenden Aufruf: Unsere Glaubensbrüder in Galizien hatten unter den Schrecken des vierjährigen Krieges am furchtbarsten zu leiden, und nun ist über die Bedauernswerten ein neues Unglück hereingebrochen. Sie wurden bekanntlich von den durch verbrecherische Agitation herbeigeführten Pogromen heimgesucht. In grausamer Weise wurden viele von ihnen hingemordet, sogar bei lebendigem Leibe verbrannt, eine ungeheure Zahl geplündert und ausgeraubt. Um diesen schwer betroffenen Glaubensgenoffen in ihrer verzweifelten Lage, wie es unsere Pflicht und Schuldigkeit ist, nach Möglichkeit zu helfen, wird angeregt, die dieswöchentlichen Büchsengelder in den Bethäusern sowie den Erlös der Alijes und die damit verbundenen Spenden vom nächsten Samstag diesem Zwecke zu widmen. Die k. T. Bethausbesucher werden ersucht, sich an dieser Aktion in mögltchst ausgiebiger Weise nach Kräften zu beteiligen.