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Jüdische Korrespondenz · 1918-12-05 · 36 (5.12.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
36 (5.12.1918)
Date
1918-12-05
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 36 der ganzen Welt ans den staatlichen Wiederaufbau Polens gerichtet sind und in welcher von seiner kulturellen und politischen Reife ein Großteil seiner Erfolge abhängt. Im Namen der Menschlichkeit, denn das, was jetzt auf dem ohnehin durch die Greuel des Krieges hart mitgenommenen Boden Polens vorgeht, spricht den primitivsten Anforderungen der Menschlichkeit Hohn. Sache der polnischen Regierung war und ist es, die entfesselten Elemente zu zügeln und mit aller Energie weiteren Greueltaten vorzubeugen und weiterem Schimpf für die Würde des polnischen Namens. Wir verlangen von der Regierung, daß sie durch ungesäumte Tat beweise, daß sie die Judenverfolgungen auf das schärfste verdammt. Wir verlangen die sofortige Einleitung einer Untersuchung zur Feststellung der Schuld und zur strengsten Bestrafung der Schuldigen. Schuld daran sind nicht nur diejenigen, welche die Tat begangen, sondern auch diejenigen, die sie durch Aufreizung des Volkes bewirkt haben. Und die Regierung, welche doch derzeit ganz Polen repräsentiert, sie muß der Welt die Gewißheit bieten, daß sie jenen Grundsätzen der Gleichberechtigung aller Bürger ohne Unterschied des Glaubens, denen die Regierung der wiedererstehenden Republik so oft öffentlich Ausdruck verliehen hat, auch wirklich Respekt im Staate zu verschaffen gewillt ist und zu verschaffen vermag. Dem polnischen Volke aber soll sie es als heilige Pflicht auferlegen, diese Grundsätze getreu zu befolgen; und wer sich gegen sie vergeht, soll der öffentlichen Aechtung verfallen als Schädling an der Würde des polnischen Namens. Genug des Unglücks und der Opfer und des unschuldig^vergossenen Blutes! Die Nation, die die Schandtat verdammt, weist sie von sich. Sollte aber die Regierung schweigen, sollte sie durch ihre Passivität derartige Geschehnisse dulden, dann lädt sie die Schuld auf die ganze Nation.?err Ministerpräsident der polchen Republik, tun Sie Ihre Pflicht! Dr. Nathan v. Löwen st ein ehemaliger Reichsrats- und Landtagsabgeordneter Dr. Ignaz Steinhaus ehemaliger Reichsratsabgeordneter. Der Pogrom in Lemberg. Die Schweizerische Depeschenagentur meldet: Die blusigen Judenmassakers haben die ganze gesittete Welt in Aufregung versetzt. Es hat sich ein Komitee gebildet, um die Entsendung einer unparteiischen Untersuchungskommission zu veranlassen. Diesbezügliche Schritte bei den Regierungen der Entente sind unternommen worden. Ohne auf die Schuldfrage einzugehen, verwahrt sich das Komitee der schweizerischen Juden gegen den propagandistischen Borwurf des Bolschewismus, der jetzt gegen das Judentum erhoben wird. Nachdem jahrhundertelang alle ansisemitischen Exzesse mit dem jüdischen Kapitalismus begründet wurden, benützt man jetzt dieses moderne Schlagwort des Bolschewismus, um das Judentum zu diskredisieren. Die Jüdische Kultusgemeinde Wien hat an Wilson folgendes Protesttelegramm gerichtet: „Der Vorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde richtet im eigenen sowie im Namen der übrigen jüdischen Gemeinden Deutschösterreichs an Sie, Herr Präsident, die aus tiefster Seele der Juden der ganzen Welt kommende Bitte, den ungeheuerlichen, himmelschreienden Vorgängen in Galizien, der Niedermetzelung, Verbrennung, Beraubung hilfloser und unschuldiger Männer, Frauen und Kinder Einhalt zu gebieten. Die polnische Regierung steht auch nach eigenem Zugeständnis den Ereignissen machtlos gegenüber. Die Herstellung der Ordnung und die Verhinderung ähnlicher Vorkommnisse könnte nur mit Hilfe entsprechend starker, in der Nähe Galiziens befindlicher Truppen der Entente erfolgen. Wir bitten Sie, Herr Präsident, im Namen der durch die Pogrome geschändeten Menschlichkeit unverzüglich einzugreisen." Sind die Juden eine Kation l Von Dr. Max Beer, Advokaten in Mähr.-Oftrau. (Schluß.» Als die größte geistige Not des Judentums entstanden war, als nirgends ein Ausweg gesunden werden konnte, wie dem Uebel Einhalt getan werden könne; als weder die Orthodoxen'), noch die Reformer ein Heilmittel für die assimilierten Massen gegen den Abfall finden konnten und fanden: da entstand ein Retter und Helfer. Merkwürdigerweise, er kam nicht aus den Talmudschulen aus dem Osten; er war nicht aus den Rabbinerseminarien des Westens; er kam aus den vollständig assimilierten Kreisen. Er war die höchste Blüte der assimilierten Kultur, sprach alle modernen Sprachen, bewegte sich in den höchsten Kreisen, war ein deutscher Dichter, dessen Werke auf den größten Bühnen aufgeführt wurden, und dieser Mann war berufen, der jüdischen Geschichte eine Wendung zu geben, die ich die Rettung des Volkskörpers nennen möchte. Denn nichts anderes ist die unsterbliche Tat Theoder Herzls, die er als Sendbote der Geschichte zu vollführen hatte, als den Körper des Judentums im Westen vor ewigem Verfall zu bewahren und die Juden zu ihrem Volke zurückzuleiten. Herzl hat das Wort geprägt, der Zionismus ist btc Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr nach Zion. Durch Herzl wurde dem toten Volkskörper im Westen der Geist des Volkstums wieder eingehaucht. Wir sehen mit unseren eigenen Augen die Verwirklichung der Vision des Propheten Ezechiel. Das abgestorbene Volkstum in Westeuropa wird lebendig. Die toten Gebeine stehen wieder aus, und wir sehen nach kaum zwanzig Jahren ein gewaltiges Heer, welches erklärt, wir sind wieder Juden. Daß dieses gewaltige Heer noch nicht vom echt jüdischnationalen Geiste, wie er in unserer Thora und Propheten und in den großen Männern unserer Geschichte verkörpert ist, durchdrungen ist, darf uns nicht irremachen. Der vielleicht unbewußte Fehler von drei Generationen kann st Die Orthodoxie hat daS Heilmittel schon finden können — nur erschien dasselbe unseren Westjuden als zu „unbequem", da das religiöse Judentum zu mel Lasten auserlegt. Der Nation«» lrsmus gestaltet die Sache leichter. Die Red. nicht in einer Generation wieder gutgemacht werden. Wir müssen aber selbst vom streng orthodoxen Standpunkt darüber jubeln, daß der jüdische Volkskörper zunächst gerettet ist, und unsere Sache ist es, die Generationen mit jüdischem Geiste zu erfüllen. Uns darf nicht irremachen, daß im jugendlichen Selbstbewußtsein die nur national fühlenden jüdischen Juden ein Judentum für sich zimmern wollen, ohne Rücksicht aus Geschichte und Tradition. Uns darf es nicht (?) irremachen, daß selbst die Führer der Nationalen das, was den konservativen Juden, die ja die nationalsten Juden waren und sind, heilig ist, verwerfen, oft in den Kot zerren, mit Hohn und Spott übergießen, daß sie in selbstbewußter Weise sich ein Judentum zurechtlegen, welches mit der ganzen Geschichte des Judentums im Widerspruch steht. Er ist dennoch mehr Jude, als ein sogenannter Reformjude, der überhaupt nichts Jüdisches kennt, einmal im Jahre in den Tempel zur Predigt oder Seelenandacht geht und ein tüchtiger Deutscher oder Tscheche ist.') Unsere Pflicht, ich meine die der konservativen Juden, ist es, mit dem „Nationaljuden" und „Zionisten" unbedingt Hand in Hand zu gehen, denn die sind Fleisch von unserem Fleisch und Blut von unserem Blute. Denn was ihnen fehlt, um volle und ganze Juden zu werden, das ist Sache der Erziehung, Sache der Belehrung, die von uns konservativen Juden an allen Orten zu leisten ist. Wie könnten wir aber etwas leisten, und für wen könnten wir etwas leisten, wenn wir nicht das Volk selbst hätten? Wenn wir nicht den Körper haben, dem wir die Seele einflößen könnten? Deshalb ist es unsere Pflicht, die Bestrebungen der Nationaljuden und Zionisten in allen Beziehungen zu unterstützen. Wir dürfen uns keiner. Täuschung hingeben. Das Judentum in Westeuropa ist auf einem Scheidepunkt angelangt, der gleichzeitig der Gipfelpunkt ist. So geht es nicht weiter. Entweder Abfall, Taufe, die wir in Massen zu erwarten haben, oder Rückkehr zum Judentum, zum religiösen Judentum, und der erste Schritt hiezu ist es, daß die Juden sich vor allem darauf besinnen, daß ihr Körper, ihre Nation, ihre Existenz nicht den Deutschen oder Tschechen usw. gehört, sondern dem Judentum, und weil die Sachlage so ist, so müssen wir in dem jetzigen historischen Augenblick die Sachlage klar erkennen. Wir Juden müssen uns ebenfalls als Nation konstituieren. Wir müffen zurück zur ersten Stufe, und Vorbedingung unseres jüdischen nationalen Lebens, welches gleichbedeutend ist mit jüdischreligiösem Leben, und uns als Volk erklären. Die konservativen Inden, insbesondere ihre Führer, müssen die Sachlage von einem höheren Standpunkte bettachten; daß die Führer der jüdischnationalen Bewegung irreligiös und vielleicht antireligiös sind, darf uns nicht (?) beirren. Diese Geistesverfassung ist vermöge der Erziehung und vermöge der ganzen Entwicklung der Kultur in den letzten Jahrzehnten begreiflich. Wir dürfen deshalb die Jüdischnasionalen, insbesondere ihre Führer überhaupt nicht anfeinden oder bekämpfen, sondern >) Die Verfälschung des echten Judentums, wie der moderne Nationalismus eine solche dar» stellt, ist unter Umständen viel gefährlicher als die offene Assimilation. Da heißt es: lölde Iwer lau üten Michschaul! Die Red.

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