Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 36 (5.12.1918)
- Date
- 1918-12-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 Jüdisehe Korrespondenz. Seite 3 Die neue Fassung des Staatsbürgergesetzes hat aber auch in anderen politischen Kreisen eine große Unzufriedenheit und eine scharfe Kritik hervorgerufen. Der Staatsrat hat deswegen beschlossen, der Nationalversammlung die Reassumierung des Beschlusses vorzuschlagen und die frühere Fassung des Gesetzes beizubehalten. Höchstwahrscheinlich dürfte es zu dieser Reassumierung kommen, womit der Zwischenfall erledigt sein wird. Lin Zwischenfall bei der Angelobung von Militärärzten. Bei der am 27. November erfolgten Angelobung von Militärärzten durch den Staatssekretär für Volksgesundheit ergab sich ein eigenartiger und bezeichnender Zwischenfall. Der Staatssekretär Dr. K a u p weigerte sich, das Gelöbnis der Aerzte israelitischen Glaubensbekenntnisses entgegenzunehmen, bezeichnete die Rechtslage dieser Kategorie von Aerzten als ungeklärt und meinte, zunächst müsse mit dem jüdischen Nationalrat gegenüberRücksprache genommen werden, ob Juden als Staatsbürger der deutschösterreichischen Republik in Betracht kämen. Ueber die Vorgänge bei der Angelobung wird berichtet: Am 27. November, 12 Uhr mittags, erschienen Generaloberstabsarzt Drastich mit ungefähr IM bis 120 Militärärzten, teils aktiven, teils Zivilärzten, die sich noch in militärischer Stellung befinden, beim Staatssekretär für Volksgesundheit Dr. Kaup, um das Gelöbnis abzulegen. Der Staatssekretär machte die Herren darauf aufmerksam, daß nur diejenigen die Angelobung leisten können, die auf Grund der veröffentlichten Gesetzesbestimmungen über das deutschösterreichische Staatsbürgerrecht nicht als Ausländer zu betrachten seien. Von den Bekennern des israelitischen Glaubens könne er das Gelöbnis nicht entgegennehmen, da nach der Definition des deutschösterreichischen Staatsrates nur ein Angehöriger der deutschen Nation als zur deutschösterreichischen Republik zugehörig betrachtet werden könne. Wegen der Zulassung der Juden müsse erst mit dem jüdischen Nationalrat Rücksprache gepflogen werden. Generaloberstabsarzt Prof. Dr. Alois P i ck legte im eigenen Namen und im Namen der übrigen Aerzte mosaischer Konfession entschiedenen Protest gegen diese Auffassung ein. Er persönlich leiste seit 31 Jahren Militärdienste und habe sich stets als treuer Deutscher und als Deutschösterreicher gefühlt. Zu einer Zeit, da der Herr Staatssekretär wohl noch die Schule besucht habe, fügte Prof. Pick bei, wäre er bereits an der Hochschule deutscher Couleurstudent gewesen. Nach diesem Protest verließen die Aerzte mosaischer Konfession, etwa 25 bis 30, den Saal, ohne das Gelöbnis abgelegt zu haben. Generaloberstabsarzt Dr. P i ck erschien am 29. November in Begleitung mehrerer Vertreter der Militärärzte bei dem Präsidenten Seitz und bei dem Staatskanzler Dr.Renner, um über die Vorgänge bei der Angelobung von hauptsächlich aktiven Mlitärärzten Beschwerde zu führen. Pros. Pick gab eine eingehende Darstellung der Vorgänge und führte aus, daß gerade das militärärztliche Offizierskorps im Kriege Außerordentliches geleistet habe. Wenn irgend etwas, so habe der Sanitätsdienst des Heeres geklappt. Das Reich ist von verheerenden Seuchen verschont geblieben. An Diensteifer für das Volksheer haben es die jüdischen Aerzte ebensowenig fehlen lassen wie die nichtjüdischen. Sie fühlen sich daher mit Recht gekränkt, daß ihnen gegenüber, die sich mit Eifer und Freude zum deutschösterreichischen Staat bekennen, die Frage der Rasse und der Konfession aufgeworfen werde. Die beiden Staatsfunktionäre bestätigten das hohe Verdienst der medizinischen Wissenschaft und der Militärärzte an der Bekämpfung der Seuchen und damit an unserem Volke selbst. Sie baten die Herren, darauf Rücksicht zu nehmen, daß die Begründung des deutschösterreichischen Staates so außerordentliche Schwierigkeiten mache, daß Jrrtümer und Mißverständnisse unvermeidlich sind. Der Staat hat erst seine Grundelemente, Staatsgebiet und Staatsbürgerschaft, festzuftellen. Es ist nicht leicht, aus der Gesamtheit von acht Völkern, die bisher ohne Unterscheidung zusammengearbeitet und sich ini Raum gemischt haben, das deutschösterreichische Staatsvolk herauszulösen. Der Staatsrat und die Nationalversammlung bemühen sich schon durch Wochen mit diesem Problem. Auch die jüngst getroffene Entscheidung der Nationalversammlung könne nicht als endgültig betrachtet werden; denn sie schaffe wieder neue Schwierigkeiten. Die Vorlagen haben in allen Beratungsstadien ihre Gestalt geändert, und so komme es, daß einzelne Staatssekretäre, die ein unfertiges Gesetz zu handhaben genötigt waren, zu sehr abweichenden Auffassungen der Vorlagen gelangt sind. Hiezu kommt, daß ein Koalitionsregime von vornherein der wünschenswerten Einheitlichkeit entehrt. Die Herren mögen Geduld haben und abwarten, bis eine endgültige Fassung des Staatsbürgerschaftsgesetzes vorliegt und bis auf Grund desselben der Staatsrat eine einheitliche Durchführungsvorschrift gegeben hat. Die Herren Aerzte können versichert sein, daß Deutschösterreich unter gar keinen Umständen eine Regelung wählen werde, die der rumänischen Regelung der Judenfrage nahe käme und daher schon völkerrechtlich ganz unhaltbar wäre. Sowohl dem Staatsrat wie dem Staatssekretär für Volksgesundheit liege es fern, einen Unterschied zwischen den Staatsbürgern nach Konfessionen zu machen oder sich auf eine einseitige konfessionelle oder Rassenpolitik einzulaffen. _ Oie Pogrome in Galizien. Die Abgeordneten Dr. v. Löwenstein und Dr. Steinhaus haben an den polnischen Ministerpräsidenten Moraczewski in Warschau folgenden Appell gerichtet: An den Bürger Andrzej Moraczewski, Ministerpräsident, in Warschau. Seit Wochen türmen sich die Nachrichten über Judenverfolgungen im Lande; mit Staunen vernimmt die zivilisierte Well, was sich auf dem Boden des neuerwachenden, freien, unabhängigen Polen ereignet. Es ist uns heute nicht möglich, zu überprüfen, inwieweit alle Einzelheiten der Berichte von Zeugen und Opfern dieser grauenerregenden Vorgänge der traurigen Wahrheit entsprechen. Aber wenn auch nur der zehnte TeilWahrheit wäre, er wäre schon Grund genug für schreckliche Anklage. Dem Walten der geschichtlichen Gerechtigkeit verdankt Polen seine Auferstehung. Ist das die geziemende Feier für das Geburtsfest der Freiheit? Mehr als ein Jahrhundert bangte die Seele Polens dem Augenblick entgegen, in dem sie zu eigenem staatlichen Leben, zu schöpferischer Arbeit Aller erwachen würde. Der Tag der Freiheit sollte die Vereinigung aller produktiven Kräfte bringen, um zu schaffen und zu bauen, nicht um zu zerstören und zu vernichten. Wir harrten des Tages, an dem eine Jahrhunderte alte, von Rußland geknechtete Kultur zu neuem Leben Wiedererstehen wird. Anstatt dessen feiert aus Rußland verpflanzte Barbarei ihre furchtbaren Orgien. Als die ersten schmerzlichen Nachrichten über Gewalttaten gegen Juden eintrafen, nahmen wir an, das sei die Frucht der alten zaristischen Saat des Hasses, die Regierung werde das Unkraut ungesäumt ausjäten. Es gibt ja doch schon eine polnische Regierung! Unterdessen kam Chrzanow, es kamen Brzesko, Krosno, Baranow, Kielce, Groziska, Dubiecko, Jaroslaw, Przemysl. Wir riefen nach sofortiger zielbewußter Abwehr. Vergebens! Es kam Lemberg der Gipfelpunkt in der Reihe jener Orte von heute so blutigem Klange. Jetzt dürfen wir nicht schweigen. Nicht durch nacktes Ableugnen der Tatsachen, dem niemand in der Welt glaubeu wird, wird das Schreckliche gutgemacht, und auch nicht durch Versuche, die ungeheuerlichen Geschehnisse durch angebliche Ausschreitungen einzelner Juden zu rechtfertigen. Denn wenn für angebliche Taten eines Einzelnen die unschuldige Masse der Judenschaft zu blutiger Buße herangezogen werden dürfte, dann nüißte mit gleichem Recht das ganze polnische Volk die Schandtaten verantworten, welche bewaffnete und unbewaffnete Horden, unwürdig des Namens Polen — und doch Polen, verübt haben. Nur männlich offenes, strenges Verdammen solcher Verbrechen ziemt der Würde der Nation. Gegen das furchtbare Blutbad Unschuldiger, gegen diese Orgien der Finsternis, denen viele Hunderte von wehrlosen Glaubensgenossen, Frauen und Kinder, Leben und Habe, zum Opfer fielen, erheben wir unsereStimme zu flammendem Protest. Namens des Polentums, denn diese Vorgänge beflecken die Fahne der wiedergeboreneu Republik. Zum Schutze unserer Brüder, denn nie erstickte der Patriotismus in uns dieglühende Liebe zum Glauben unserer Väter. Und wie unsereAhnen noch unter Folter und Qualen ihren Gott bekannten, so kann auch uns keineMacht derWelt sowie keine politische Rücksicht von der Gemeinschaft mit dem Judentum losreißen. In Verteidigung der Staatsraison, denn unwiederbringlichen Schaden fügen die grauenerweckenden Ereignisse der letzten Tage der polnischen Sache gerade in der Zeit zu, in welcher die Augen