Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 36 (5.12.1918)
- Date
- 1918-12-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 36 Die Stellung der Orthodoxie zu den aktuellen Lragen. Dienstag, den 3. Dezember, abends, fand eine Konferenz orthodoxer Juden, Delegierter der orthodoxen Bethausvereine, statt, um zu den aktuellen politischen Fragen allgemeiner und jüdischer Natur Stellung zu nehmen. Herr Dr. R e i n i n g e r erstattete das Referat. Der Referent verwies auf die große Bedeutung des gegenwärtigen Moments angesichts der Umwälzungen, deren Zeugen wir sind. Die Neuordnung der Dinge in Deutschösterreich tangiert auch wesentlich die Stellung und die Zukunft der Juden, sowohl hinsichtlich ihres Verhältnisses zu den anderen Bevölkerungskreisen und zum Staat wie auch hinsichtlich der innerjüdischen Fragen. Fragen, wie das Wesen des Staatsbürgerrechtes und die Ausgestaltung der Kultusgemeinde, berühren wichtige Lebensinteressen der Juden. Es ist demnach notwendig, zu denselben ernst und eingehend, frei von jeder Einseitigkeit, Stellung zu nehmen. Die bisher bekanntgegebenen Forderungen von zionistischer und jüdisch-fortschrittlicher Seite decken sich keineswegs mit den Anschauungen und Forderungen der Orthodoxie, und diese muß sich zunächst dagegen verwahren, daß gewisse Kreise sich das Recht nehmen, im Namen der jüdischen Gesamtheit zu sprechen, ohne hiezu beauftragt und bevollmächtigt zu fein. Anderseits muß die glaubenstreue Judenschaft dagegen remonstrieren, daß dieselbe bei der geplanten Reform des Kultusgemeindestatuts völlig ausgeschaltct wird. Die Orthodoxie muß für sich das Recht geltend machen, hiebei mitzufprechen und sie muß gegen jeden Beschluß Verwahrung einlegen, welcher etwa ohne ihr Mittun zustandekommen sollte. Der Referent legte schließlich eine Resolution vor, welche die oberwähnten Gesichtspunkte zum Ausdruck bringt. Hierauf entwickelte sich eine lebhafte Diskussion, an der sich die Herren Kohn, Weiß, Deutsch, Pappenheim, Hofbauer, Felsenburg, Frommer, Fleischmann, Neumann, Kreppel sowie der Referent beteiligten. Die Resolution wurde dann zum Beschluß erhoben. Sie wird in den nächsten Tagen der Oeffentlichkeit bekanvtgegeben. Vor Schluß der Konferenz regte Herr Dr. Reininger noch den Gedanken an, eine Permanenzkommission aus dem Kreise der orthodoxen Bethausvereine zu bilden, welche dazu berufen sein soll, die Interessen der Orthodoxie bei jeder Gelegenheit zu wahren und als Repräsentanz derselben aufzutreten. Die Anregung fand lebhaften Anklang, und es wurden zunächst die Herren Dr. Reininger, Pappenheim, Felsenburg, Hofbauer, Eduard Deutsch, Kohn und Hirsch in die Kommission delegiert. Diese wird sich durch Delegierte anderer Bethausvereine verstärken. Ein Bekenntnis der Juden in Deutschösterreich zum Deutschtum. Folgender Aufruf wird veröffentlicht: An die Juden Deutschösterreichs! In Wien hat sich ein Jüdischer Nationalrat gebildet, welcher durch sein Auftreten in der Oeffentlichkeit den unrichtigen Eindruck Hervorrufen könnte, als ob er zur Vertretung der gesamten Judenschaft Deutschösterreichs legitimiert wäre. Wir Unterzeichneten deutschösterreichischen Juden, die überzeugt sind, im Namen der überwiegenden Mehrheit unserer Glaubensgenossen in der deutschösterreichischen Republik das Wort führen zu dürfen, erklären hiemit, daß wir den Jüdischen Nationalrat nicht als Vertreter der Judenschaft Deutschösterreichs anerkennen. Wir stehen auf dem von jeher festgehaltenen Standpunkte, daß das Band, welches die Judenschaft verbindet und zusammenhält, ausschließlich das konfessionelle ist. Wir fühlen uns durch Heimat, Sprache und Erziehung als Deutsche und als vollberechtigte Bürger der deutschösterreichischen Republik. Wir fordern hiemit sämtliche Glaubensgenossen (Männer und Frauen), die sich zu unserer Anschauung bekennen, auf, ihre Zustimmung ungesäumt mittels einfacher, ihre Unterschrift und Adresse enthaltender Korrespondenzkarte, an die „Oesterreichische Israelitische Union" in Wien,ZU., Universitätsstraße 8. bekanntzugeben. Dr. Arnold Ascher, Generalsekretär; Dr. Adolf v. Bachrach, Advokat, Regierungsrat; Dr. Julius Berman, Notar; Richard Bettelheim; Dr. Josef Breuer, praktischer Arzt; Dr. S. Ehrmann, Primararzt, Universitätsprofessor; Siegfried Fleischer, Sekretär der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union"; Dr. Philipp Ritter v. Gomperz, Großindustrieller; Dr. Karl S. Grünhut, Hofrat, Universitätsprofessor; Dr. Paul Hammerschlag, Direktor der Creditanstalt; Dr. Oskar Hein, Advokat, Stadtrat; Dr. Wilhelm Jerusaleni, Regierungsrat, Professor; Dr. Wilhelm Knüpfelmacher, Primararzt, Univerfitätsprofeffor; Dr. Wilhelm Knöpfmacher, Advokat; Dr. Leopold Königstein, Universitätsprofeffor; Dr. Edmund Kohn, praktischer Arzt; Dr. Albert Kuh, Advokat; Camill Kuranda, Ministerialrat a. D., Nationalrat; Dr. Artur Kuranda, Advokat; Wilhelm Kux, Direktor der Mederösterreichischen Eskomptegesellschaft; Dr. Moritz Laub, praktischer Arzt; Gottlieb Lederer, Fabrikant; Emil Lederer, Großindustrieller; Dr. Heinrich Löwenstein. Medizinalrat, Gemeinderat; Dr. Josef Löwner, Hofrat; Artur Lemberger, Fabrikant; Dr. Otto Marburg, Universitätsprofessor; Edmund Melcher, Stadtbaumeister, Stadtrat; Sigmund Mayer, Ehrenpräsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union"; Dr. Ernst Moser, Advokat, Präsident der Kultusgemeinde Mödling; Dr. Julius Ofner, Advokat, Staatsrat; Dr. Jakob.Ornstein, Advokat, Vizepräsident der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union"; Dr. Wilhelm Pappenheim, Advokat: Wilhelm Pappenheim, Kaufmann; Dr. Alois Pick, Generaloberstabsarzt, Universitätsprofeflor; Dr.Alfred Przibram,Universitätsprofessor; S.Rendi, gsident der Kultusgemeinde Graz; Dr. Joses cherr v. Schey, Hosrat, Universitätsprofessor; ft Simon, Fabrikant; Dr. Julius Schnitzler, Primararzt, Unwersitätsprofessor; Benedikt Schwager, Präsident der Kultusgemeinde Linz; Julius Stern, Fabrikant; Richard Teweles, Kaufmann; Julius Wolf, Fabrikant; Dr. Wilhelm Wolf, praktischer Arzt, Präsident der Kultusgemeinde Wiener-Neustadt; Dr. Julius Zappert, Universitätsprofessor; Dr. Otto Zuckerkands, Universitätsprofessor. Der Vorstand der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" hat an den Staatsrat folgende Zuschrift gerichtet: „Die ,Oesterreichisch-Jsraelitische Union' tritt den auf Erlangung von Sonder- und nationalen Minderheitsrechten für die Judenschast Deutschösterreichs gerichteten Bestrebungen entgegen. Sie bestreitet die Berechtigung des jüdischen Nationalrates, für die Gesamtheit dieser Judenschast das Wort zu führen, denn die überwiegende Mehrheit der deutschösterreichischen Juden erblickt mit uns in b& neuerlichen gesetzlichen Anerkennung und in der kraftvollen, rückhaltlosen Wahrung der vollsten Gleichberechtigung auf allen Gebieten des staatlichen Lebens das einzige erstrebenswerte politische Ziel. Die „Oesterreichisch- Jsraelitische Union" fordert die Juden Deutschösterreichs auf, sich freudig als Bürger des deutschösterreichischen Staates zu bekennen, hingebungsvoll an dem Ausbau der politischen und sozialen Einrichtungen des neuen Staates mitzuwirken und mit allen Kräften seine gedeihliche Entwicklung zu fördern." * * * Als Antwort darauf veröffentlicht der jüdische Nationalrat folgende Erklärung: Der jüdische Nationalrat setzt sich aus Vertrauensmännern aller nationalen jüdischen Parteien und Gruppen zusammen. Der Nationalrat spricht daher nur im Namen jener Juden, welche sich zum jüdischen Volk zugehörig fühlen und das Judentum der ganzen Welt als nationale Einheit betrachten. Der jüdische Nationalrat hat als Grundsatz der jüdisch-nationalen Politik in Deutschösterreich ausgesprochen, daß es den Juden freistehen muß, sich zur jüdischen Nation zu bekennen. Jene Juden, welche dieses Bekenntnis ablehnen, werden naturgemäß nicht von uns vertreten. Die Wahrung ihrer Interessen obliegt nicht den Vertretern des jüdischen Volkes, sondern den Vertretern jener Nationen, denen sie sich zurechnen. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation widerstreitet weder der Erfüllung der staatsbürgerlichen Pflichten noch dem Genuß der staatsbürgerlichen Rechte. Der jüdische Nationalrat hat bereits in seinem ersten Aufruf erklärt, daß die nationalen Juden als treue Bürger des deutschösterreichischen Staates mit allen Kräften an dessen "Aufblühen Mitarbeiten wollen. Der Nationalrat sieht in der Lösung der Judenfrage im nationalen Sinne das einzige wirksame Mittel, um die Gleichberechtigung der Juden zu einer tatsächlichen zu machen. Das Gtaatsdürgerrecht in Deutjchösterreich. Der Gesetzentwurf üb»r das Staatsbürgerrecht in Deutschösterreich, wie er seitens des Verfassungsausschusses formuliert wurde, ließ, wie bereits in voriger Nummer betont, noch immer gar manches zu wünschen übrig. Gelegentlich der Verhandlung im Plenum des Nationalrates wurde das Gesetz aber noch verschlimmert. Abg. Kemetter hat nämlich den Antrag gestellt, daß jeder Bürger auch noch das Bekenntnis zur deutschen Nation abzulegen hätte. Der Antrag ist auch angenommen worden. Dieser Beschluß, der sich gewissermaßen gegen alle fremdnationalen Elemente in Deutschösterreich kehrte, mußte besonders nachteilige Folgen für die Juden haben, angesichts des Verlangens des jüdischen Naüonalrates, den Juden das Recht, sich zur jüdischen Nation zu bekennen, einzuräumen. Tatsächlich hat sich bereits am selben Tage gelegentlich der Vereidigung der Militärärzte ein unangenehmer Zwischenfall ereignet, indem der hiebei funktionierende Staatssekretär die jüdischen Aerzte zur Eidesablegung nicht zulasien wollte, mit der Begründung, sie können bis auf weiteres nicht als Deutschösterreicher gellen.