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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-28 · 35 (28.11.1918) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
35 (28.11.1918)
Date
1918-11-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Die nationaljüdische Bevölkerung von Lemberg hatte während der polnisch-ruthenischen Kämpfe um die Stadt vom ersten Tage an ihre Neutralität erklärt und im Judenviertel eine jüdische Miliz organisiert, die nur zum geringsten Teil bewaffnet war und lediglich den Zweck haben sollte, gegen Banditen und Plünderer zum Schutze von Leben und Eigentum vorzugehen. Die Neutralitätserklärung der Juden erregte von Anfang au die größte Erbitterung unter den Polen, und schon als ich auf polnischer Seite weilte, hörte ich auf allen Seiten bösartige Drohungen gegen die Juden aussprcchen, die, falls die Polen wieder in den Besitz von Lemberg kämen, unbedingt gezüchtigt'werden müssen. Am vergangenen Donnerstag gelang es den Polen tatsächlich, sich wieder in den Besitz von Lemberg zu fetzen. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag erfolgte der Einmarsch der polnischen Legionen und wenige Minuten später strömten Horden von Soldaten in das Judenviertel, um dort mit Plünderungen zu beginnen. Als die ersten zwei Juden von Soldaten erschlagen worden waren, machten beherzte jüdische Milizsoldaten den Versuch, durch Gewehrfeuer die Soldaten zu vertreiben. Dieser Versuch mißlang, und er wurde zum Zeichen für ein beispielloses Gemetzel. In einer geradezu glänzend organisierten und vorbereiteten Weise begannen die polnischen Soldaten die Straßen des Judenviertels abzusperren und Patrouillen gingen nun von taus zu Haus, warfen Brandbomben und ranaten in die Haustvre und trieben mit Bajonetfftichen und Gewehrfeuer die Männer, Frauen und Kinder, welche die brennenden Häuser verlassen wollten zurück. Das.Gemetzel dauerte von Freitag nachts bis Samstag vormittags. Sonntag vormittags gelang es mir, das Judenviertel zu betreten. Nach flüchtiger Zählung standen am Sonntag 500 bis 600 Häuser in Flammen. Auf den Straßen lagen 21 von mir gezählte Leichen. Es waren dies jedoch nur Leichen von Leuten, die entweder aus den Fenstern gesprungen oder auf der Straße totgeschlagen worden waren. Die brennenden und zum Teile schon vollständig niedergebrannten Häuser bergen zweifellos noch Hunderte von Leichen. Nach Schätzungen von ruhig denkenden Leuten belaufen sich die Z i f f e r n d e r T o t e n auf mindestens zwei- bis dreitausend. Erregtere Gemüter sprechen von acht- bis zehntausend Toten. Die Jammerfzenen, die ich im Ghetto miterlebt habe, waren zum Steinerweichen. Durch die brennenden Straßen liefen verzweifelt alte Männer, Frauen und Kinder, die nach ihren Vermißten schrien oder mit Bündeln auf dem Rücken einen Ausweg aus dem Ghetto suchten, um irgendwohin auszuwandern. Die Legionäre, die nunmehr die „Aufrechterhaltung der Ordnung" übernommen hatten, verhinderten jedoch die Leute am Verlassen des Ghettos. Viele Tausende von Menschen sind bei einem Nachtfrost von 15 Grad Celsius unter Null im Freien liegen geblieben, da die verhältnismäßig wenigen Häuser, die nicht in Flammen standen, nicht genügten, um ihnen Obdach zu gewähren. Abgesehen von diesen furchtbaren Pogroms durchzogen weitere sogenannte Patrouillen auch die Stadtviertel der Wohlhabenden, um angesehene jüdische Familien zu brandschatzen. Es wurden den Leuten Summen, diechwischen 100 und 50.000 Kronen schwankten, abgenommen und das alles mit vorgehaltenem Bajonett oder Revolver. Ich selbst war. Augenzeuge, wie am Samstag vormittags in der vornehmsten Straße Lembergs, der Karola Ludwika, das Konfektionsgeschäft Feller von Soldaten aufgebrochen und ausgeraubt wurde. Männer und Frauen der „besten" Gesellschaft Lembergs schauten dem Treiben der Soldaten zu und klatschten ihnen laut Beifall. Im ganzen Ghetto, das einen beträchtlichen Teil Lembergs einnimmt, gibt es kein einziges Geschäft, das nicht vollständig ausgeplüudert worden wäre. Abgesehen von den blutigen Verlusten sind mindestens 20.000 bis 30.000 Personen an den Bettelstab gebracht. Nun wendet die polnische Regierung alles an, um einen Schleier über dieses Geschehnis zu breiten. Ein anderer Augenzeuge berichtet: Etwa gegen d Uhr morgens war die Furie der Plünderung entfesselt. Sie begann bei einem Pelzwarengeschäft, dessen Schaufenster eingeschlagen wurden. Die kostbaren Pelze, welche die Auslagen und das große Lokal füllten, wurden von den Legionären auf die Straße geworfen und im Nu rissen sich Frauen der Vorstadt und die Bevölkerung der Vorstadt Lyczakow, welche berüchtigte Plattenbrüder und Rowdies beherbergt, um die Beute. Waschfrauen und Hausbesorgerinnen warfen ihre Umhängtücher und Zwilchjacken von sich und hüllten sich in Persianer- und Sealjacken. Keine Hand rührte sich, keine Stimme erhob sich, um diesem Treiben Einhalt, zu tun. Herren der besseren Stände und Damen aus der Gesellschaft sahen in einer Entfernung von wenigen Schritten diesen Szenen zu, lachten und motivierten sie damit, daß während der Kämpfe zwischen Polen und Ukrainern jüdische Frauen in der Krakowskigasse eine vorbeiziehende Abteilung von Legionären mit heißem Wasser übergossen hätten (!?), so daß 14 Legionäre Brandwunden erlitten und in Spitalspflege gebracht werden mußten. Um die Mittagsstunde entsandte die jüdische Miliz, nachdem die Intervention einiger bei den Polen akkredierter jüdischer Bürger (Advokaten, Aerzte, Staatsbeamte) vergeblich geblieben war, einen Parlamentär zur plündernden Bande, um sie zur Einstellung der Plünderungen aufzufordern. Der Parlamentär wurde mit dem Hinweise darauf, daß die jüdische Miliz als Freischärler (Franktireurs) bettachtet werde, auf Befehl des Kommandanten der plündernden Abteilung niedergemacht. Das war das Zeichen zu einem mörderischen Kampfe um Leib und Leben, Hab und Gut. Die jüdische Miliz eröffnet« aus zwei Maschinengewehren, welche sie seitwärts von einer alten, aus dem achtzehnten Jahrhundert stammenden Synagoge postiert hatte, ein lebhaftes und wirkungsvolles Feuer auf die Plünderer, die durch den Zuzug des Straßenmobs im Laufe des Tages auf viele Hunderte angewachsen waren. Und nun erhielten die Plünderer Verstärkung. Mit Handgranaten und Karabinern bewaffnete Legionäre schlossen sich ihnen an, und es wurde rücksichtslos alles niedergemacht, was sich ihnen entgegenstellte. Ebenso viele Opfer, als die Bajonette und Handgranaten in den Häusern forderten, erlagen den hin und her schwirrenden Kugeln auf der Straße. Weiber und Kinder, die ihr nacktes Leben zu retten versuchten und jammernd auf die Straße stürzten, wurden mit den Bajonetten in brennende Häuser znrückgetrieben oder fanden im Kreuzfeuer den Tod. An manchen Punkten der Krakowskistraße lagen die Menschenleichen zu Haufen. Als ich am Morgen des 24. die Stadt verließ, hatten die Ausschreitungen nach übereinstimmenden Schätzungen ungefähr 300 Menschenleben gekostet. Das Judenviertel brannte an vier oder fünf Punkten, bis das polnische Kommando daran ging, durch Verhängung des Standrechtes den Plünderern das Handwerk zu legen. Ein aus Lemberg angetroffeuer Offizier gibt die folgende Schilderung über den Verlaus der Pogrome vom 22. bis 24. d.: Mit Genehmigung der Ukrainer hatte sich eine jüdische Miliz zum Schutze der jüdischen Bevölkerung gebildet. Diese bestand aus zirka 800 Männern. Die Miliz schritt gegen Banditen ein, die ein jüdisches Haus plünderten. In diesem Kämpfe wurde ein Offizier und ein Soldat der Miliz getötet. Der Gebrauch der Waffe seitens der Miliz gegen die Plünderer bot den Polen Anlaß, die Miliz zu entwaffnen. Am 22. November setzten die Plünderungen der jüdischen Geschäftsläden und Häuser in großem Umfange ein. Die ukrainischen und polnischen Geschäfte wurden von den Ausschreitungen nicht berührt. An den Exzessen haben sich auch viele Frauen beteiligt. Die Plünderer standen meist unter dem Befehl von Offizieren der polnischen Legion. Am 23. November brannte das ganze Judenviertel in Lemberg lichterloh. Die Juden durften ihre Häuser nicht verlassen; wer auf der Straße erschien, wurde niedergeschossen. Das Wasser wurde in Lemberg um 4 Uhr nachmittags abgesperrt, damit nicht gelöscht werden konnte. Der Tempel mit der Bundeslade und den kostbaren Thorarollen wurde im Inneren an gezündet, die Bundeslade und die Thorarollen wurden auf die Straße geworfen, mit Füßen getreten und verbrannt. _ Die Woche. Die Stellung der Orthodoxie zu den aktuellen Fragen. Wir erhalten folgende Zuschrift: Laut Zeitungsnachrichten haben kürzlich in Wien Versammlungen „orthodoxer Juden" stattgefunden, die zu den aktuell-politischen Fragen Stellung genommen und im Sinne der nationalistischen Forderungen entschieden haben. Um Irreführungen zu verhüten, sehe ich mich zu der Erklärung veranlaßt, daß diejenigen Kreise, die sich um den Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums gruppieren, an dieser Aktion keinen Anteil hatten und daß meines Wissens nach niemand aus diesen Kreisen an den erwähnten Versammlungen teilgenommen hat. Bernhard Hofbauer, Präsident des Vereines zur Wahrung der Jnteresien des orthodoxen Judentums in Wien und Oesterreich.

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