Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 34 (21.11.1918)
- Date
- 1918-11-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 J&disehe Korrespondenz. Nr. 34 murapi, der vor 40M Jahren abgefaßt ist, so modern anmuten, in dem die gleichen Verbrechen wie heute, mit ähnlichen Strafen wie heute, außer etwa Wechselfälschung und Diebstahl von Elektrizität, geahndet werden?! So ist denn die Schrift des Josephus gegen Apion und Genossen keine bloße dialektische Ucbung oder Gelehrtengezänke, sondern hat den sehr ernsten Zweck, seine Glaubensgenossen vor Verleumdung zu schützen. Weniger erfreulich ist seine Selbstbiographie, weil in ihr wie in allen derartigen Schriften, das liebe eigene Ich halb bewußt, halb unbewußt doch ein wenig zu sehr auf ein Piedestal gestellt ivird. Aber wo Schatten ist, muß auch Licht sein: diese kleinen und manchmal allerdings auch großen Eitelkeiten seiner Lebensbeschreibung tuen doch dem Wert des „Jüdischen Krieges" und der „Altertümer" keinen Abbruch. Wir sehen das klassische Rom eigentlich immer mit römischen Augen, das heißt mit denen der römischen Autoren. Da ist nun gerade Josephus eine gute Ergänzung, er zeigt uns zwar das gleiche Bild, aber in einer anderen Beleuchtung, vom anderen Standpunkt aus gesehen: „Ich muß mich vor eurer Macht beugen. Darum tue ich es lieber freiwillig, denn Widerstand wäre doch vergeblich. Aber ich vergesse nie dabei, daß mein Volk, meine Lebensanschauung eine unendlich weit höhere als die eure ist." Das fühlt man trotz der schuldigen Reverenz vor dem Imperatoren doch deutlich durch, und darin liegt der Wert des Josephus vom kulturgeschichtlichen Standpunkt aus bemessen. Deshalb zum Schluß: man begnüge sich nicht mit diesen Zeilen, sondern lese Josephus selber. Dem großen Lesepublikum hat er bisher nichts bedeutet und wird es wohl kaum auch künftig, er ist eben „Kaviar fürs Volk" und — auch für den kulturhistorischen Feinschmecker! (Schluß von Seite 4.) daß sie Ordnung und Zivilisation wünschen. Wenn irgendein Volk Mitteleuropas Begier nach Unordnung walten läßt, wird die Demokratie des Westens nicht in der Lage sein, in Geduld und erzwungener Untätigkeit auf die Wiederherstellung der Bedingungen zu warten, welche die Tür für den Fortschritt des Friedens öffnen." Ausspeiseanstalt „Einheit" und die Leimkehrer. Der öffentlichen Ausspeiseanstalt „Einheit", welche seit Jahren eine überaus segensreiche Tätigkeit entfaltet und besonders während der Kriegszeit Großes geleistet hat, sind jetzt wieder große Aufgaben erwachsen. Die große Zahl der heimkehrcnden jüdischen-Soldaten findet in der „Einheit" eine entsprechende und billige Verpflegung. Täglich speisen dortselbst einige Tausend Soldaten, wovon etwa ein Viertel unentgeltlich. Der Außenstehende kann sich kaum eine Vorstellung von der Riesenarbeit machen, die zu bewältigen ist. Ganz besonders verursacht die Beschaffung der Lebensmittel sowie der Geldmittel hiefür schwere Arbeit. Dem Vorstande. besonders dem überaus rührigen und energischen Präsidenten Herrn Bernhard Hofbauer, sowie der Leitung gebührt öffentliche Anerkennung. Es ist auch die Pflicht aller Juden, der „Einheit" die finanziellen Mittel zur Verfügung zu stellen, damit sie auch fernerhin ihren Ausgaben gerecht werden könne. Rundschau. (Bon der Wiener Kultusgemeinde.) In der am 13. d. M. stattgehabten Vorstandssitzung der Wiener Kultusgemeinde ist der zurückgetretene Präsident Dr. Alfred Stern zum Ehrenpräsidenten ernannt worden, eine Auszeichnung, die unseres Wissens zum ersten Male seit Bestand der Kultusgemeinde erteilt wurde. In die Permanenzkommission wurden gewählt die Herren: Dr. Jakob Engel, Dr. Wilhelm Pappenheim, Leopold Simon, Dr. Josef Auerbach, Dr. Leopold Plaschkes, Dr. Karl Pollak. Den Vorsitz in der Permauenzkommission führt der derzeit geschäftsführende Erste Vizepräsident Hoftat Dr. Benjamin Rappaport. In den Vorstand wurden kooptiert: Hofrat Siegfried Gerstmann, Baurat Wilhelm Kempler, Hof- und Gerichtsadvokat Dr. Julius Monath. (Eine Judendebatte im Staatsrat.) Die „Reichspost" vom 16. d. M. meldet: Im Staatsrate kam die geplante Ernennung des Dr. Ludo Hartmann als Gesandten Deutschösterreichs für Berlin zur Sprache. Es erhoben sich ernstliche Einwände dagegen. Abg. Wolf erklärte im Laufe der Debatte, es sei eine sehr Peinliche Erscheinung, daß von Seite der sozialdemokratischen Vertretung im Staatsrate auffallend viel Juden in die Staatsämter entsendet werden, ins Kriegsministerium Dr. Deutsch, der zahlreiche Verwandte und Freunde nachziehe, ins Ministerium für Aeußeres Dr. Bauer, und eine Reihe anderer Ernennungen. Das mache böses Blut. Er müsse doch fragen, ob man für den geeigneten Vertreter Deutschösterreichs in Deutschland einen Juden halte. Der Vorsitzende Dr. Renner erklärte hierauf, er müsse es zurückweisen, daß konfessionelle Momente in die Debatte gezogen werden, in der Staatsverwaltung dürfe es keinen Antisemitismus geben. Abg. Wolf, der hieraus nochmals das Wort nahm, verwies darauf, daß die nationalgesinnten Juden selbst das Bestreben haben, sich als Volk zu konstituieren, und wenn dieses schon nicht für sich selbst einen Staat bilden könne, so sei es nur gerecht, daß die Juden nach ihrem perzentuellen Verhältnisse an den Staatsämtern Deutschösterreichs Anteil nehmen. Was aber jetzt geschehe, gehe weit darüber hinaus. Er warne die sozialdemokratische Partei in ihrem eigenen Interesse, damit fortzufahren. Die Ausführungen des Sprechers fanden bei der Mehrheit des Staatsrates lebhafte Zustimmung. Dr. Ludo Hartmann dürfte nicht als Gesandter nach Berlin entsandt werden. (Graf Adalbert Sternberg für Duldsamkeit der Tschechen.) Der bekannte, bisher antisemitische Tschechenführer Graf Adalbert Sternberg erläßt inder „Union" einen Aufruf an die Tschechen, in welchem es heißt: „An der Wiege des neu errichteten Reiches Svatopulks muß eine Generalamnestie erfolgen. Der Ruf muß an alle ergehen, an Deutsche, an Adelige und Juden: Kommt und werdet patriotische Staatsbürger dieses neuen Reiches! Wir verbürgen euch Ordnung und Gesetzlichkeit! Ihr aber gelobt dem Lande Treue und Gehorsam! So wird der Grundstein zu einem zukunftsreichen, wirklich lebensfähigen svatopulkischen Reiche gelegt werden. Durch Androhen von Konfiskationen der Güter, von Pogromen gegen die Juden, Unterdrückung der Deutschen werden wir von Anfang an wieder jenen Weg betreten, der uns bereits mehrmals in der Geschichte nicht zur Freiheit und Größe, sondern zur Knechtschaft geführt hat." (Jüdischer Soldatenrat in Lublin.) Vierzehnhundert jüdische Soldaten der Lubliner österreichischen Garnison bildeten einen jüdischen Soldatenrat. Die polnischen Offiziere forderten zunächst unter Androhung der Proviantverweigerung von den Juden den Eid für die polnischen Legionen, trotz des ausdrücklichen Befehls, daß nur Freiwillige zum polnischen Heer genommen werden sollten. Andererseits verlangten auch die ukrainischen Offiziere die Unterstellung der Juden unter sie. Eine Versammlung, die von Hunderten von jüdischen Soldaten und Unteroffizieren mit blau-weißen Kokarden statt der früheren Abzeichen besucht war, bildete einen Soldatenrat. Für den Fall eines Kampfes mit ruthenischem Militär würden sich die Juden neutral verhalten. (Ans der Ukraine.) Die „Allukrainische Gesellschaft zur Verbreitung von Arbeit und Kultur unter den Juden" beklagt sich in einem Rundschreiben an sämtliche Ortskomitees über die ukrainische Regierung, die die Hoffnungen der Juden in ökonomischer und kultureller Beziehung getäuscht hätte. Die jüdischen kulturellen und philanthropischen Institutionen wurden durch die Aufhebung der jüdisch-nationalen Autonomie in ihrem Wiederaufbau gehemmt und gänzlich in Frage gestellt. Nun will die Gesellschaft die Sache in die Hand nehmen und ihrerseits an Begründung von Gewerbeschulen, technischen Kursen usw. Herangehen, wozu sie die Hilfe aller Ortskomitees ansucht. — Die allgemeine Konferenz der ukrainischen Gemeinden rückt ihrer Verwirklichung entgegen. Die Vorbereitungskosten, die sich auf 20.000 Rubel belaufen, übernehmen die größeren jüdischen Gemeinden im Lande. — Im Laufe des Oktober nahm das jüdische Lehrerseminar in Kiew, das den Charakter einer staatlichen Mittelschule hat, seinen Lehrbetrieb auf. — Bezeichnend für den reaktionären Geist in der ukrainischen Beamtenschaft ist ein Rundschreiben des Gencralinspektors der Polizei in Simoropol, in dem die Behörden dringend ermahnt werden, keine Juden, auch keine getauften, im Dienste der Polizei zu beschäftigen. Wie sehr sich aber hier die Gegensätze berühren, ersieht man aus der Tatsache, daß man in Odessa dem bekannten Zionisten Paßmanik den Posten, des Bildungsministers angetragen hat. Er soll, wie mitgeteilt wird, die Ernennung glattweg abgelehnt haben. (Die Araber.) Ein guter Kenner der Araberkolonie in New Dork, M. Schimonowitsch, gibt in amerikanischen Blättern ein Gespräch mit dortigen Arabern über ihr Verhältnis zu den Juden, speziell zu dem Judenstaate in Palästina, wieder. Im allgemeinm glauben sie, daß eine jüdische Einwanderung in Palästina dem Lande großen Nutzen bringen