Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 34 (21.11.1918)
- Date
- 1918-11-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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B- Organ des Vereines „Jeschurun" ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „JesGtarua“-Prefikomit ea, Wien, I., Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 34. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: * Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, l., Salztorgas.se 2. Religio« und Krieg. (Fortsetzung.- Diese höchste Instanz für Geist und Seele ist zum Unterschied von der physischen, eine körperlose vollkommene, unveränderliche, ewige und von dem mit einem tierischen Leib verbundenen Geist unfaßbare Kraft. Daher ist jedwede Vor- und Darstellung ausgeschlossen. Diesen Gedanken vom höchsten Wesen finden wir im Monotheismus entwickelt und zum höchsten Ausdruck gebracht. Das Sehnen und Streben der Menschen nach geistiger und seelischer Vollkommenheit besitzt in diesem unerforschlichen Wesen ein Vorbild. Diese höchste Potenz, welche alle Kräfte in sich vereinigt, unveränderlich, ewig waltend, die Geschicke der Menschen bestimmend, ist das höchste Ideal, das die Menschen veranlaßt sich aufzuschwingen und dem Geiste, der Seele die Oberhand über den Körper zu verleihen. Und so war und bleibt die mosaische Religion die Führerin, welche die Menschen mit einem priesterlichen Beruf erfüllt, ihnen den Weg zu ihrer Entwicklung weisend. Ihre Anhänger erkennen Gott als den Schöpfer und Lenker des Weltalls, von dem nur Gutes ausstrahlt und der die Menschen anspornt, ihm nachzustreben und die ihnen verliehenen geistigen und seelischen Fähigkeiten so zu betätigen, daß ihrDasein berechtigt erscheint. Während die Heiden ihren Göttern — die Mehrzahl beweist allein schon die Unvollkommenheit des einzelnen Menschen- und Tierähnlichkeit gaben, geht das Streben der Juden dahin, die Menschen gottähnlich zu machen, sie zu Gott emporzuheben. Die Vielgötterei war ein religiöser Mißgriff. Die Verteilung der Kräfte an die einzelnen Götter bestätigt deren Unvollkommenheit. Feuer, Wasser, Liebe, Handel, Krieg und Frieden, sie hatten Chefs, die getrennt ihre Agenden versahen. Der Gläubige mußte ein Verzeichnis dieser Herrschaften besitzen, um gleich zu wissen, welche er anrufen muß. Es ist ja naheliegend, um nicht den Vergleich mit dem Telephon heranzuziehen, neben dem sich die kleine Tabelle mit den Nummern der Rettungsgesellschaft, Feuerwehr, Polizei und Apotheke befindet. Und diesen Ober- und Unterweltsgöttern erster und zweiter Klasse gaben sie Gestalten von Menschen, sie führten sie den Gläubigen nackt und bekleidet vor. Das Bestreben des Künstlers ist es seit jeher gewesen, ob Feder, Pinsel, Stichel oder Meißel als Ausdrucksmittel, den klarsten und besten Eindruck beim Leser oder Beschauer erreichen. Dies gilt ganz besonders in der religiösen Kunst, wo der Beschauer neben dem künstlerischen Genuß auch in gläubige Stimmung versetzt werden soll. Das Hervorstechen des Körperlichen ist in der Kunst im allgemeinen verpönt, in der religiösen Kunst ist damit zugleich eine Profanisierung des Inhalts zu befürchten. — Die zu sehr betonte Plastik nimmt den Nimbus, auf den keine Kunst verzichten darf. Bei religiösen Darstellungen, die doch immer vom idealen Standpunkt aufgefaßt werden, wirkt die aufdringliche Plastik abstoßend. Die Vermenschlichung Gottes — den Anthropomorphismus — finden wir allerdings auch in der Bibel — dem Lehrbuch für die Menschheit — jener unerschöpflichen Quelle der Erkenntnis der ewigen Moral und ewigen Wahrheit —. Wenn daselbst von der starken Hand Gottes, von den Augen und dem Mund Gottes die Rede ist, so will uns damit kein Bild, keine Schilderung Gottes gegeben werden — sagt doch dieselbe Bibel „du sollst dir kein Abbild machen“, und es wird im Judentum als schwerste Sünde, als größtes Vergehen gegen den Gottesgedanken betrachtet, sich Gott als Körper auch nur denken — geschweige vorzustellen. — Es sind das bloß Bezeichnungen für das menschliche Ohr berechnet, wie die Lehrer und Eltern mit den Kindern in ihrer Sprache reden. Die starke Hand soll die Allmacht zum Ausdruck bringen, das Auge Gottes dessen Fürsorge. Gott ruhte, Gott bereute, sind Verba, die dem Menschen das Walten Gottes besser verständlich machen sollen. Dasselbe Buch kann doch nicht auf der einen Seite die Allmacht und Allwissenheit und Voraussicht Gottes schildern und aus der anderen einen bereuenden Gott vorführen. Man muß das Buch der Bücher eben zu lesen verstehen. Es ist kein Geschichtswerk, kein Unterhaltungsstoff, es ist ein Lehr- und Gesetzbuch, ein Wegweiser, für die darin Forschenden und daraus Schöpfenden — „die Quelle lebendigen Wissens“. Das Christentum hat trotz Dekalog die Darstellung Gottes vom Heidentum entnommen und läßt Gott Vater als Greis mit wallendem Bart und Haupthaar in großem Faltenwurf erscheinen. Welcher Widerspruch zwischen der auch dem Christentum heiligen Lehre von der Unsaßbarkeit und Unsichtbarkeit Gottes und der Abbildung als Mensch — als Greis — mit Händen und Füßen. Das Judentum hingegen sagt: Er hat keine Aehnlichkeit mit einem Körper. (Fortsetzung folgt.) Llavius Josephus. Kulturgeschichtliche Skizze von Dr. E. B r a n d e nburg, München. (Schluß.) Aber das allein ist es nicht, was den Jo sephus und seine Werke wertvoll macht; auch in kulturgeschichtlicher Hinsicht ist er, wie schon gesagt, durchaus interessant als Prototyp des gebildeten Juden der damaligen Zeit, überzeugter Patriot im Herzen, der sich aber doch nicht dem in paralleler Entwicklung zum Römischen Weltreich sich machtvoll entfaltenden Hellenismus verschließen kann. Er beherrscht Griechisch und Lateinisch und will durch seine Schriften der damaligen Kulturwelt beweisen, wie hoch gerade ethisch das politisch vernichtete Judentum steht. Immer und überall bricht bei Josephus die jüdische Ethik, das Sittengesetz, durch, immer wieder zeigt er der Welt, die damals mit der Riesenorgie begann, die römische Cäsarenmacht und -Wahnsinn anführte, daß es doch noch etwas Höheres gibt als den Hedonismus, als das „Carpe ,diem“, nämlich den Kategorischen Imperativ, um dies später geprägte Wort auf ein gleiches Empfinden anzuwenden. Ich möchte ihm in diesem Punkt, so gewagt es auf den ersten Anschein hin erscheint, mit Hermann Cohen vergleichen: er war strenger Kantianer, man kann ruhig sagen, der Kantianer unserer Zeit. Als solcher wußt er sehr wohl, daß der Freie Wille ein Postulat der „Reinen Vernunft“ sei und mit der Negierung des Freien Willens im letzten Grunde auch das ganze Sittengesetz illusorisch wird. Und trotzdem, weil Cohen eben der im Gesetz, im Sittengesetz geborene und auferzogene Jude war, dieses ein untrennbarer Bestandteil seiner selbst sein mußte, bricht bei ihm immer wieder, ähnlich wie bei Josephus der Kategorische Imperativ, das Aufgehen im Sittengesetz, durch. Das ist das durchaus Wesentliche im Werke des Josephus; und auch die letzten Zeilen Hermann Cohens, die er wenige Tage vor seinem Tode geschrieben, handelten darüber. Als sein Schwert zerbrochen ist und Josephus nicht mehr auf dem Schlachtfeld für sein Volk streiten kann, greift er zur Feder und kämpft auf geistigem Gebiet. Er schlägt den Gegner mit seinen eigenen geistigen Waffen, dazu dienen ihm griechischer Stil und griechische „Beredsamkeit“, die wir besonders in den langen Reden, die er seinen Hauptpersonen in den Mund legt, finden; aber der Endzweck ist doch immer wieder nur der nämliche: der Mitwelt zu zeigen, daß die Juden kein inferiores Volk sind, daß sie den damaligen Kulturvölkern ebenbürtig zur Seite stehen können, sie im Gegenteil durch das Alter ihrer Geschichte übertreffen (besonders in den „Jüdischen Altertümern“), worauf damals, genau wie heute, großer Wert gelegt wurde. Und das stets unter Betonung des Gesetzes, der Pflicht dem Gesetze zu folgen und nicht dem soviel angenehmeren Genuß des Augenblicks. Von diesem Standpunkt aus ist auch die Schrift gegen Apion und Genossen geschrieben, die man mit vollem Recht die ersten Antisemiten nennen kann, und die, was ihre Motive und Mittel anbelangt, kaum anders waren als ihre modernen Gesinnungsgenossen. Nur sehr viel gefährlicher waren sie damals, denn in Alexandrien gelang es ihnen z. B., den Pöbel zu Ausschreitungen gegen die dortigen Juden zu veranlassen, die man durchaus mit den russischen Pogromen vergleichen kann. Auch der gute Geschmack der damaligen Antisemiten in der Wahl ihrer Mittel unterschied sich kaum von dem der heutigen: wie es vielleicht jetzt noch Leute gibt, die allen Ernstes an Ritualmorde glauben, so erzählte man sich schon damals, daß man im Tempel einen Mann gefunden und befreit hätte, der für das Opfer besonders gut vorher gemästet wurde. Auch der Vorwurf der Anbetung eines goldenen Eselkopses erscheint besonders lächerlich von seiten eines Aegypters, mit seinem Tierkult, wie Apion es war, und zeigt nicht gerade von genauer Kenntnis des streng bildlosen jüdischen Kultes. Die Zeiten ändern sich, und — bleiben doch ziemlich dieselben! Warum würde uns sonst der Kodex des Ham-