Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 34 (21.11.1918)
- Date
- 1918-11-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 34 eine Generation entstanden ist, welche sagte: Der Religion nach bin ich Jude, dem Volkstume nach deutsch, tschechisch usw. Es muß sich jeder fragen: Ist es denn möglich, die Seele vom Körper zu trennen, solange ein Individuum lebt? Die Trennung bedeutet doch Tod, und so ist es auch. Die jüdische Seele, das, was das religiöse Leben durch Jahrhunderte und Jahrtausende ausgemacht hat, die Beobachtung aller Gebote, welche mit einem schlecht angebrachten Ansdrucke Zeremonialgesetze genannt werden, die Speisegesetze, der Sabbat, die Beobachtung der jüdischen Feiertage und die Hauptsache, das jüdische Lernen in allen Lebenslagen, in jedem Alter wurde abgeschafft. Es wurde, wie der schöne Ausdruck lautet, alles reformiert. Ja so weit reformiert, daß selbst gottesdienstliche Gebräuche uralten Ursprunges abgeschafft und christliche Gebräuche eingeführt wurden. Nachdem ein, zwei Generationen auf diese Weise erzogen wurden, war das jüdisch religiöse Leben tot. Es war keine Seele mehr da, und es blieb der Körper zurück, der selbstverständlich auch absterben mußte. Die jüdische — reformierte — Nation war tot, nachdem ihr die Seele ausreformiert wurde, aber die Juden lebten weiter. Nationslos kann aber kein Mensch sein, und so kam es, daß, nachdem das eigene Volkstum tot war, die Juden sich zu jenen Nationen zählten, in deren Mitte sie lebten. Es wurde auch dafür gesorgt, daß das religiöse Moment nach Art der betreffenden Nationen mundgerecht gemacht werde, und so ist es gekommen, daß die Nachkommen der Juden aus dem Jahre 1848 allmählich Deutsche und Tschechen geworden sind, nachdem alles, was jüdisch war, nicht mehr für sie existierte, teils weil sie es so wollten, teils weil sie so erzogen waren. Daß der Abfall vom Judentum, die Taufe, nun leicht zu erklären ist, wird jeder begreifen. Das, was Religion genannt wird, haben in wenigen Fällen die Täuflinge gekannt und kennen es nicht, und es ist daher ganz selbstverständlich und folgerichtig, daß die Taufen immer mehrzunehmen müssen, solange dieser Zustand dauern wird. Aber, lau machschewasai machsehewauseiehem, die Sache kam doch anders. (Schluß folgt.) Die Pogrome. Aus Budapest wird bericht^: Wie die Blätter während der letzten Tage berichteten, breiteten sich die Unruhen am Beginne der Woche über zahlreiche Orte so über Sütör, Endröd, Ferlöszsplak, Sarrod, Beled, Räbapordäny usw. aus und trugen überall den Charakter regelrechter Pogrome. Der Pester Lloyd stellte fest: „In allen diesen Ortschaften wurden hauptsächlich die Geschäfte der jüdischen Mitbürger arg geplündert. Man raubte, zerstörte und verwüstete, wo man nur konnte. Der Schaden, der im Komitat Sopron angerichtet wurde, beziffert sich bisher schon auf Millionen." Die Unruhen waren in Kapuvär und Csorna .ausgebrochen. Hier versuchte der Notär B. Vadäsz auf die gereizte Stimmung im Volke beruhigend einzuwirken. Hierin unterstützte ihn auch der Ortskaplan Bilovies, allein ohne Erfolg. Aus der Menge kamen die Ruse: Wir schützen die Juden nicht! Die Plünderungen dauerten am ersten Tage bis in die Morgenstunden. Die zu Tode erschrockenen Juden, die nicht abreisen konnten, flüchteten auf die Dachböden. Um 7 Uhr wurden noch die auf die Straße geworfenen Waren weggeschleppt. In Kapuvär wurden gleichfalls alle Judengeschäfte erbrochen und ausgeraubt. Beim Wein- und Spiritusgroßhändler Steiner wurden in dessen Keller 3000 Hektoliter Wein ausgelassen. Im ausfließenden Spiritus haben viele Menschen den Erstickungstod gefunden. Die Straßen sind mit Glasscherben bedeckt. An mehreren Stellen hörte man Explosionen, von denen fünf Personen Brandwunden erlitten. Die Ruhe ist in Kapuvär und Csorna hergestellt, aber in den kleinen Dörfern währten die Plünderungen noch Mittwoch unvermindert an. Die Pogrome erstreckten sich besonders auf die Komitate Trentschin, Arva, Lipto und Neutra, nach neueren Berichten auf alle oberungarischen Komitate. Aus Ungarisch-Brod wird uns geschrieben: „In der Umgebung von Ungarisch-Brod und Walachisch-Klobouk in Mähren treiben gegenwärtig tschechische Banden ihr Unwesen, die zuletzt in den Orten Banov und Brezowa- Strany Exzesse gegen die jüdischen Einwohner begingen und sie all ihrer Habseligkeiten beraubten. Die wegen dieser Vorfälle sehr beunruhigten jüdischen Bewohner von Ungarisch-Brod, die auch in dieser Stadt ähnliche Ausschreitungen befürchten, erhoffen vom tschechischen Nationalrat entsprechende Maßnahmen, welche es den Banden unmöglich machen, ihr räuberisches Treiben fortzusetzen." An der österreichisch-ungarischen Grenze wurden in den Ortschaften Gayar, Nagy- Leward, Kiß-Leward, Magyarfalu, Magasfalu, Zohor, Malaczka, St. Johann usw. sowie in sämtlichen Gemeinden der Slowakei große Plünderungen von den Tschecho-Slowaken vorgenommen. Die meisten der in diesen Gegenden befindlichen Gutshöfe, die zum Teil in Regie, zum Teil als Pachtung in jüdischen Händen stehen, wurden vollkommen beraubt und sämtliches lebendes und totes Inventar sowie riesige Quantitäten von Getreide- und Kartoffelvorräten und alles, was irgendwelchen Wert an Land- oder Bodenprodukten besitzt, vollständig verschleppt und vernichtet. Ferner wurden sämtlichen jüdischen Pächtern und Händlern die ganzen Möbeleinrichtungsstücke und Kleider weggeführt und die Leute nur mit den Kleidungsstücken, die sie am Leibe hatten, verjagt. Was nicht mitgenommen und zerstört werden konnte, wurde ganz einfach durch Brand eingeäschert und sogar von den Gebäuden die Fenster und Türstöcke sowie die Dächer abgetragen. Es stehen somit diese Menschen, die dort das volkswirtschaftliche und geschäftliche Leben betrieben haben, mittellos da, und jene, welche sich nicht flüchten konnten, sind den Schikanen der Tschecho-Slowaken ausgesetzt. Trotzdem sich die Leute an die verschiedenen Behörden gewendet haben, finden sie keinerlei Schutz, da die Ungarn diese Gebiete verlassen haben. Erst in den letzten Tagen sind, nachdem die Verwüstungen ihr Ende gefunden hatten, tschechische Truppen zur Sicherung und Einführung der Ordnung sowie zum Schutze der dort befindlichen nichtslowakischen Bevölkerung eingezvgen. Die einzelnen Gutsbesitzer haben durch diese Vorgangsweise Schäden von Millionen erlitten, find aber außerstande, bei den bezüglichen neuen Regierungen Schadenersatzansprüche erheben zu können. Aus Brzesko wird gemeldet: Als sich in dem Städtchen die Kunde von den Judenpogromen in Westgalizien verbreitet hatte, wurde in einer Sitzung des Gemeinderates die Schaffung einer Bürgermiliz zur Ausrechterhaltung der Ruhe und Ordnung verlangt. Dienstag, den 12. d. M., überrumpelten starke Bauernbanden die jüdische Selbstwehr, entwaffneten sie und erpreßten bei dem Bezirkskommandanten die gesamte Munition. Sie erbrachen sämtliche jüdischen Geschäfte und plünderten sie vollständig aus. Während dieser Vorgänge haben sie auf dem Ringplatz geschossen. Hiebei wurde der Korporal Wolf erschossen. Dem Kaufmann Moses Goldmann wurde Geschäft und Wohnung ausgeplündert; nachher gaben die Plünderer, angeblich weil er jüdische^ Soldaten beherbergt hatte, fünf Schüsse gegen ihn ab. Als er in Agonie lag, trat noch ein Soldat auf ihn zu und versetzte ihm mit den Worten: „Du hast noch zu wenig, Jude", einen Bajonettstich ins Herz. Sein kleines Mädchen, das einen Handschuß bekam, wollte kein Arzt verbinden und behandeln. Eine andere Bande raubte dem Chiel Moses das Geld und erschoß ihn. Meier Perlmann wurde unter einen rollenden Zug geworfen und überfahren. Am Vorabend kamen zwei Abteilungen polnischer Soldaten aus Bochnia und Tarnow mit dem Aufträge, dem Pogrom ein Ende zu bereiten, aber der Kommandant dieser Mannschaft, ein Leutnant, hielt an seine Abteilung folgende Ansprache: „Auf unsere Brüder werden wir nicht schießen. Morden braucht man nicht, aber rauben ist gestattet, dafür wird niemandem ein Haar gekrümmt." Die Exzedenten haben abends uochzehu jüdische Häuser in Brand gesteckt, um sie einen Kordon gebildet und die Flüchtenden beschossen. Ein Kellerraum in, einem dieser Häuser ist noch voll von jüdischen Leichen. Mittwoch, den 13. und Donnerstag, den 14. d. M., wiederholten sich diese Vorgänge. Bisher sind festgestellt: fünf Tote, acht Schwerverletzte und ein Sachschaden von 20 Millionen. Es wurde zwar über die Stadt das Standrecht verhängt, aber es wird nur gegen Juden angewendet. Das Jüdische Preßbureau teilt mit: Das britische Ministerium des Aeußern hat am 15. d. M. folgende Erklärung veröffentlicht: „Sr. Majestät Regierung sind Nachrichten über antisemitische Pogrome in Warschau zugekommen. Sollten sich die Berichte als wahr erweisen, kann die Regierung nur die schärfste Haltung gegenüber solchen Zwischenfällen einnehmen, da sie eine Ermutigung für die Elemente der Unordnung und der Gewalt sind, die bereits das Leben der ganzen Bevölkerung zwischen dem Rhein und der Wolga bedrohen. Der eben erreichte Freiheitssieg würde von wenig Bedeutung sein, falls die Welt sehen müßte, daß die Herrschaft der Gewalt wieder eingesetzt ist, zwar in einer anderen Form, aber nicht weniger in Widerspruch mit den Prinzipien der Freiheit. Die alliierten Regierungen und die Vereinigten Staaten von Amerika sind bereit, dem Wiederaufbau der wirtschaftlichen Grundlagen, der Ordnung und des zivilisierten Lebens ihre ganzen Kräfte zu widmen, aber nur für jene Länder, welche durch ihre Handlungen zeigen, (Fortsetzung auf Seite 6.)