Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 33 (14.11.1918)
- Date
- 1918-11-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 33 Jüdische Korrespondenz. Seile 3 ans. Das Ausscheiden des Dr. Stern wird vielleicht dazu beitragen, die Dinge in der Kahalsstube mehr von der sachlichen Seite zu behandeln. Nichtsdestoweniger erachten wir die Taktik der Zionisten, mit Gewalt zu drohen, als absolut verfehlt. Gerade diejenigen, die so oft über Vergewaltigung seitens der Kahalspotentaten zetern, sollten ihrerseits keine Gewaltsandrohungen gebrauchen. Dies umso weniger in einer solch ernsten Zeit, wo wir Juden jeden Schein vermeiden müssen, die Aufregung der öffentlichen Meinung für einseitige Zwecke ausnützen zu wollen. So sehr das getroffene Kompromiß im allgemeinen Interesse als geboten erscheint, so können wir andererseits nicht umhin, gegen die Form desselben entschieden Verwahrung einzulegen. Wenn es sich darum handelt, neue Grundlagen für die Kultusgemcinde zu schaffen, so steht den Neologen und Nationalisten keineswegs das Recht zu, einseitig und eigenmächtig zu entscheiden; auch die breiten Massen des orthodoxen Judentums haben da ein Wörtchen mitzureden. Vertreter derselben müßten unbedingt der Permanenzkommission mit dem Rechte der Parität zugezogen werden. Die Orthodoxie legt hiemit feierlich Protest gegen jede Entscheidung über die Zukunft der Kultusgemeinde ein, die ohne ihre Mitwirkung getroffen werden sollte. Diejenigen, die justament die Kultusgemeinden „erobern" wollen, mögen es sich gesagt sein lassen, daß ein solches Vorgehen weder demokratisch ist, noch gesunde Verhältnisse schaffen kann. Die Orthodoxie wird Mittel und Wege finden, um den ihr zustehenden Einfluß zur Geltung zu bringen. Jehudi-Chored. Völkerfreiheit und Pogrome. In den Flitterwochen^ der Völkerfreiheit fließt jüdisches Blut in strömen. Völker, die dank dem furchtbaren Weltenbrande die Befriedigung ihrer nationalen Aspirationen erreichen sollen, scheinen nichts besseres zu tun zu haben, als zu dem bereits so schrecklich reich geflossenen Blute noch unschuldiges jüdisches hinzuzufügen. Das Programm der Völkerbefreiung, für welches angeblich 51 Monate hindurch gekämpft wurde, wird dadurch ad absurdum geführt. In der Slowakei wird die errungene Freiheit mit Judenexzessen gefeiert. Zügellose Banden überfluten Stadt und Land, unschuldige Juden werden mißhandelt, ausgeraubt und geplündert, so daß sie kaum das nackte Leben retten. Es scheint in diesen Gebieten jede Obrigkeit zu versagen; die Juden sind gewissermaßen vogelfrei. Noch furchtbarer geht es in W e st g a l j z i e n zu. Die blutige Saat, die die Allpolen und ihre Freunde seit Jahr und Tag gestreut haben, schießt grausam in die Halme. Wilde Masten überfallen die kleinen Städtchen und veranstalten blutige Pogrome, die auch Menschenleben fordern. Auch da sind die Juden fast auf sich selbst angewiesen und nur dank ihren eigenen rasch organisierten Selbstschutzgruppen konnte in manchen Orten das Schlimmste verhütet werden. Unmassen von Flüchtlingen überfluten die größeren Städte, da ihnen diesmal infolge der politischen Umwälzungen der Weg nach dem Westen verschlossen ist. Die Not und das Elend sind furchtbar, zu den unsagbaren Leiden, die diese Armen infolge der Kriegsereignisse zu erdulden hatten, müssen sie nun auch die Orgien der Völkerbesreiung über sich ergehen lassen. Anders, wenn auch nicht viel besser, sehen die Dinge in Ostgalizien ans. Dort wird zwischen Polen und Ukrainern ein wilder, blutiger Kampf um den Besitz des Landes geführt. Die Juden verhalten sich wohl vornehmlich neutral, nichtsdestoweniger haben sie furchtbar zu leiden und müssen schwere Opfer an Gut und Blut bringen. Die Geschosse, die zwischen Polen und Ukrainern gewechselt werden, verschonen die Juden keineswegs, und unter den hunderten Menschenleben, die die Straßenkämpfe in Lemberg gefordert haben, gibt es auch viele Juden. Den Flammen, die ganze Häuserreihen verzehrten, fiel auch viel jüdisches Hab und Gut zum Opfer. Was der wilde Krieg verschonte, geht heute zugrunde. Schließlich kommen auch aus Rumänien Hiobsbotschaften. Die Rumänen sind jetzt dank dem Siege der Entente trotz ihres furchtbaren Debacles dabei, ihre nationalen Aspirationen zu befriedigen. Ihre neu organisierten Scharen ziehen gegen Siebenbürgen und die Bukowina und gleichzeitig werden Vorbereitungen zu neuen Pogromen gemacht. Nach dem Abzug der österreichisch-ungarischen und deutschen Besatzungstruppen haben ja die Rumänen freie Hand und können sich nach Belieben austoben. Auch aus Polen und der Ukraine kommen beunruhigende Nachrichten. Nach dem Abzug der Okkupationstruppen haben die Juden das Schlimmste zu befürchten. Die politischen Wirren im Lande begünstigen ja jede Anarchie und auch dort sind Freiheitsorgien zu befürchten. Die armen, hilflosen, auf sich selbst angewiesenen Juden bestürmen die Entente, überschütten Wilson mit Hilferufen und erflehen Hilfe von denjenigen, die für Freiheit und Recht zu kämpfen Vorgaben. Wird diese Hilfe kommen? Die Herren der Entente sind damit beschäftigt, die Verteilung der Beute vorzunehmen, die ihnen der Sieg gebracht, und sie haben jetzt andere Sorgen, als sich um die Juden in Exotien zu kümmern. Wilson ist weit und seine schönen Tiraden können die Bestie im Menschen kaum bändigen. Sein Telegramm an Rumänien, in welchem er den Rumänen die Erftillung aller ihrer Wünsche garantierte, ohne der Juden auch nur zu erwähnen, läßt bezweifeln, ob er überhaupt auch den guten Willen dazu hat. Es klingt wahrlich wie Hohn, dieses Ausstrahlen der Völkerbefreiung, für welche der blutige Weltkrieg geführt wurde. Die Entente scheint zuviel gesiegt zu haben. Unsere jüdischen Nationalräte sind dabei, für die Juden Volksrechte zu erkämpfen, erweisen sich aber ohnmächtig, wo es gilt, Hab und Gut, ja, das nackte Leben zu schützen. Judenpogrome in Galizien. Der Korr. Herzog wird aus Krakau berichtet: Die Blätter veröffentlichen fortgesetzt Nachrichten über Judenpogrome in Galizien. Zu den Exzessen in Chrzanow wird berichtet: Seit einiger Zeit bestand schon in Chrzanow infolge verschiedener antijüdischer Exzesse in den benachbarten Städten und Dörfern eine jüdische Selbstwehr, der es bis zuletzt immer gelungen war, die nach der Stadt strebenden Banden, die aus Bauern und Arbeitern der Rachbardörser bestanden, zu vertreiben. Am 6. d. M. nachmittag wurde die jüdische Miliz von den polnischen Legionären, die den Sicherheitsdienst übernommen hatten, mit Gewalt entwaffnet. Sofort verstärkten sich die am Ringplatz zusammengeströmten Bauden und es kam zu einem schrecklichen Pogrom. Die Menge stürzte sich auf die jüdischen Geschäfte und alles wurde ausgeraubt und ausgeplündert. Die Plünderungen dauerten vom Vortage nachmittags die ganze Nacht hindurch bis zum Morgen. Nach vollständiger Ausräumung der Geschäfte ging es über die jüdischen Wohnungen her, von denen die meisten ebenfalls ausgeraubt wurden. Die Plünderer waren zumeist bewaffnet. Bei den Schießereien, die sie veranstalteten, wurden auch vier Personen getötet, zahlreiche Juden wurden schwer oder minder schwer verwundet. Die geraubten Sachen wurden von Frauen und Mädchen, Angehörigen der Plünderer, auf Wagen fortgeschafft. Nach verläßlichen Berichten sind die Plünderungen fortgesetzt worden. Die jüdische Bevölkerung von Chrzanow ist unterdessen fast ausnahmslos geflüchtet. Die Flüchtlinge haben sich nach Krakau, Prag, Mährisch- Ostrau und Wien begeben. Unter den Getöteten befindet sich auch ein christlicher Bürger. Bezeichnend ist, daß die jüdischen Geschäfte, die sich in christlichen Häusern befinden, verschont worden sind. Die christliche Intelligenz verhielt sich diesen Exzessen gegenüber neutral, auch die Legionäre legten sich nicht ins Mittel. Dieses Verhalten ist ganz rätselhaft, da diese Soldaten doch den Ordnungsdienst übernommen hätten. Der Schaden, den die jüdischen Geschäftsleute erleiden, wird auf mehrere Millionen geschätzt. Eine Deputation der jüdischen Bevölkerung ist nach Krakau abgereist und wandte sich dort an die polnische Militärbehörde um Schutz und Hilfe. Der jüdische Nationalrat in Krakau erhält unausgesetzt Nachrichten über Pogrome in Galizien, so aus Trzebinia, Dobra bei Limanowa, Kolbuszowa, Rozwadow, Majdan, Kolb, Pogarzyce, Alwernia, Skawina und Umgebung sowie in der Umgebung von Zaborow, Dembica, Wieliczka, Brzesko, Brzozow, Gorek rc. Die polnische Liquidationskommission hat auf Vorstellung eines jüdischen Nationalrates gemeinsam mit diesem und dem jüdischen Soldatenrat einen Aufruf erlassen, in welchem die jüdischen Soldaten und Offiziere aufgefordert werden, zum Schutze der Judenschaft in Krakau und in der Provinz eine „Jüdische Reserve" zu bilden. Judenpogrome in Rumänien befürchtet. Der Mordantisemitismus am Werke. — Die Hetzen des Kultusministers. — Verteilung von Waffen aus den Armee-Depots an schwarze Banden. — Ein dringender jüdischer Appell um Rettung. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm erhielt aus zuverlässiger Berliner Quelle folgendes Telegramm: