Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 33 (14.11.1918)
- Date
- 1918-11-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 33 die — nach Rußland — in Europa die stärkste Gruppe bildete, in mehrere kleine Teile zerrissen. Oesterreich-Ungarn zählte über zwei Millionen Juden, die österreichische Reichshälfte allein etwa 1,400.000. In Deutschvsterreich dürften nun höchstens 300.000 Juden verbleiben. Aber nicht bloß zahlenmäßig kommt diese Veränderung so stark in Betracht. Der Zusammenhang zwischen den Juden des Ostens und des Westens, der bisher bloß in Oesterreich direkt vorhanden war, wird zerrissen. Von nun an dürsten auch politische Grenzen die auch sonst gewissermaßen vorhandene Scheidewand stärken. Ganz besonders dürste sich dies in Wien fühlbar machen. Der Zuzug aus dem Osten dürfte auf das Minimum beschränkt bleiben, wobei es noch zweifelhaft ist, ob die heute in Wien lebenden Ostjuden — wir sprechen hiebei keineswegs von den sogenannten Kriegsflüchtlingen, von denen ein wesentlicher Teil ohnehin im Laufe der Zeit abgereist wäre — aus politischen und wirtschaftlichen Gründen daselbst werden verbleiben können. In der Wiener Judengemeinde dürfte sich dies in geistiger Hinsicht recht fühlbar machen. Anderseits werden die Juden Galiziens und der Bukowina, die schon jetzt schwere Tage durchleben, die Loslösung vom Westen und von den westlichen Brüdern recht empfindlich zu spüren bekommen. 'Hingegen dürfte dieJudenheit in Deutschland eine Verstärkung erfahren, die naturgemäß fast allen dortigen jüdischen Gruppen zustatten kommen wird. Die Wiener Judenschaft ist ja so ziemlich differenziert und sie wird im Laufe der Zeit, je nach ihrer Schattierung, bei den ähnlichen Gruppen im Reiche Anschluß finden. Ganz besonders dürfte sich dies hinsichtlich der Orthodoxie fühlbar machen. Die Orthodoxie in Deutschland ist bekanntlich seit jeher ziemlich stramm organisiert, was in Oesterreich bisher nicht der Fall war. Die Organisationsversuche, die in den letzten Monaten nach dieser Richtung unternommen wurden, sind bisher aus den Vorbereitungsstadium nicht hinausgekommen. Kommt die Vereinigung Deutschösterreichs mit Deutschland zustande, dann dürfte sich der Kontakt im jüdischen Lager leichter Herstellen lassen. Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß die Orthodoxie in Deutschösterreich dann die Möglichkeit haben werde, den Zwang, den Großgemeinden unterworfen und in ihrer Entwicklung behindert zu sein, abzuwerfen. Dann böten sich nämlich dem glaubenstreuen Judentum sehr bedeutende Entwicklungsmöglichkeiten. Anderseits darf nicht übersehen werden, daß speziell die Großgemeinde Wien unter der Entwicklung der Verhältnisse viel zu leiden haben dürfte. Ohne wesentlichen Zuzug aus dem Osten, Böhmen-Mähren und Ungarn dürfte die Gemeinde, ebenso wie die Stadt Wien im allgemeinen, im Laufe der Zeit nur auf den natürlichen Zuwachs angewiesen sein, wobei große Abgänge durch die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse zu gcwärttgen sind. Wien wird vielleicht nach einiger Zeit nicht mehr die größte Judengemeinde Westeuropas sein und Berlin wird diesbezüglich an die erste Stelle vorrücken. Es ist auch damit zu rechnen, daß Berlin auch die geistige Führung übernehmen wird, da doch unsere Brüder im Reiche über besser ausgebaute Organisationen und — die Wahrheit soll ohne Scheu konstatiert werden — tatkräftigere Persönlichkeiten verfügen. Die Judenheit in den anderen, früher zur Monarchie gehörenden Staaten wird in kleinere isolierte Gruppen zerschlagen und auch innerlich geschwächt bleiben. Sollten die Pläne, Ungarn bloß auf das kernmagyarische Gebiet zu begrenzen, durchgeführt werden, dann dürfte auch die ungarische Judenheit eine wesentliche Schwächung erfahren. Die Absplitterungen dürften den Judengemeinschaften in Südslawien, Tschechisch-Slowakien und Rumänien zugute kommen, ohne aber, gerade infolge dieser Zersplitterung, in diesen neuen Staaten wesentlich in Betracht zu kommen. Mit ganz besonderer Sorge muß man den Plan, einen Teil Siebenbürgens Rumänien zuzusprechen, verfolgen. Das Los der dortigen Juden dürfte kaum beneidenswert sein. Die Judenexzesse in der Slowakei, deren Zeugen wir sind, lassen ebenfalls für die Zukunft sehr schweres befürchten. Ganz besonders könnte sich diejRückwirkung der neuen Wendung auf die Lage der Juden in Galizien und der Bukowina geltend machen. Die Kämpfe, die jetzt in Ostgalizien zwischen Polen und Ukrainern um den Besitz des Landes geführt werden und die wilden Pogroms in Westgalizien lassen das Schlimmste befürchten. Auch das Schicksal der Juden in der Bukowina gibt zu ernsten Besorgnissen Anlaß. Die Rumänen sind bereits ins Land eingerückt und erheben Anspruch auf wesentliche Teile desselben. Da die Entente und selbst Wilson den Rumänen die Erfüllung ihrer Aspirationen versprechen, könnte auch die Judenheit der Bukowina gespalten und teilweise der rumänischen Willkür preisgegeben sein. Ob es möglich sein wird, ein Großrußland wieder herzustellen und die dortige Judenheit wieder zu vereinigen, wobei ihre Position gesichert werden könnte, ist trotz aller Pläne der Entente noch immer eine große Frage. Vielleicht kommt es dort gar zur Wiedereinführung der Reaktion mit allen ihren furchtbaren Begleiterscheinungen, wodurch die Fudenfrage in Rußland wieder der wundeste Punkt im Judenproblem werden müßte. So sehen wir denn, daß die neuen Wendungen, deren Zeugen wir sind, hinsichtlich der Judenfrage Ausstrahlungen zur Folge haben dürften, deren Wirkung nicht immer günstig sein könnte. Man sollte meinen, daß die Juden, besonders diejenigen in den Staaten der bisherigen Donaumonarchie, sich angesichts der ernsten Zeit zu einer gemeinsamen Arbeit aufraffen werden. Leider ist dies nicht der Fall. Ein Teil derselben betreibt eine Politik der Geschäftigkeit mit einem großen Eifer und will den Massen einreden, daß man mit den diversen Kundgebungen, Vorsprechungen und Versprechungen etwas ausrichten kann. Wir haben bereits eine ganze Reihe von Nationalräten, die sich aber bisher nur als Helden des Wortes auszeichnen, ohne etwas reales erreichen zu können. Die anderen Gruppen verhalten sich vornehmlich passiv, fürchten den Terror der Radikalen, oder ermangeln eines klaren Zieles und eines entschlossenen Willens. Man läßt so die Dinge an sich herankommen. Die große und ernste Zeit ist da — aber wo bleibt das große Geschlecht?!... Spectator. Die Krise in der wiener Kultusgemeinde. Die politischen Umwälzungen in Oesterreich haben auch zu einer Umwälzung in der Wiener Kahalsstube geführt. Kultuspräsident Dr. Alfred Stern ist, wie wir bereits gemeldet haben, zurückgetreten und es wurde eine Permanenzkommission, bestehend aus drei Mitgliedern des Kultusvorstandes und drei Delegierten der zionistischen Partei eingesetzt, der die Aufgabe zufällt, ein neues Gemeindeoberhaupt zu bestimmen und eine Reform des Statuts auszuarbeiten und durchzuführen. Diese Kommission hat auch bis zu den Neuwahlen die Gemeindeverwaltung zu kontrollieren und steht jeder der beiden Parteien in wichtigen ^Angelegenheiten ein Veto-Recht zu, so daß alles nur im gegenseitigen Einverständnisse geregelt werden kann. Mitglieder der Kommission sind: die Kultusvorsteher Dr. R. v. Schwarz-Hiller, Prof. Dr. Ehrmann und Siegmund Kauders sowie die Zionisten Dr. Auerbach, Dr. Pollak und Dr. Plaschkes. Die Krise im Präsidium ist bis heute noch nicht gelöst. Dr. R. v. Schwarz-Hiller, dem die Präsidenten-Stelle angeboten wurde, hat abgelehnt. Aus einen anderen, beiden Parteien genehmen Kandidaten, konnte man sich bisher nicht einigen. Wie verlautet, streben die zionistischen Mitglieder der Kommission dahin, das Statut derart abzuändern, daß die Kultusgemeinde in eine politische Volksgemeinde umgewandelt wird, der vornehmlich soziale und kulturelle Aufgaben zufallen sollten. Die religiösen Angelegenheiten sollem Sache der diversen jüdischen Gruppen fein, die von der Gemeinde die notwendigen Beträge zur Deckung der Ausgaben zu erhalten hätten. Das Wahlrecht soll auf breiteste Basis ausgedehnt und auch den Frauen zugebilligt werden. Indem wir uns Vorbehalten, zu dem angekündigten Reform-Projekt seinerzeit, sobald die näheren Details bekannt sein werden, eingehend Stellung zu nehmen, wollen wir zunächst einiges über die Vorgeschichte der Umwälzung sagen. Dr. Stern ist zum Rücktritt geradezu gezwungen worden und zwar durch die Drohung der Zionisten, sich eventuell der Gemeindeverwaltung mit Gewalt zu bemächtigen. Es ist nur dem Eingreifen der beiderseitigen besonneneren Elemente zu verdanken, daß diese gewaltsame Umwälzung, deren Folgen unabsehbar wären, hintangehalten wurde. Die Bildung der Permancnzkommission stellte den friedlichen Ausweg dar. Dr. Stern, der auch diese Konzession seinen Widersachern nicht gewähren wollte, mußte zurücktreten. Die Stellung der Orthodoxie zur offiziellen Kultusgemeinde ist bekannt und ebenso bekannt ist es, daß die glaubenstreue Judenschaft Wiens mit Dr. Stern in religiösen Angelegenheiten gar manchen harten Strauß auszufechten hatte. Ohne dessen sonstige Verdienste um die Gemeinde leugnen zu wollen, sei zugegeben, daß er vielfach Energie mit Eigensinn verwechselte und das Zusammenarbeiten nicht leiöht machte. Gerade deswegen nahm jede wichtige Angelegenheit eine mehr persönliche als sachliche Form an und so artete auch der Kampf innerhalb des Kultusvorstandes zu einem mehr persönlichen Konflikt