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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-14 · 33 (14.11.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
33 (14.11.1918)
Date
1918-11-14
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jüdische Korrespondenz Bezugspreis: GanzjährigK 12,halbjährig K6, vierteljährig K 3. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Mp. 33. Wien, 14. November 1318 IV. Jahrgang. Infolge technischer Schwierigkeiten erscheint die Heutige Anmmer in Verkleinertem Umfange. Oeutichösterreich und die Juden. An Stelle des alten Oesterreich ist nun die Volksrepublik Deutschösterreich getreten. Die bewährte Loyalität der Juden verbietet es ihnen, denjenigen heute Steine nachzu- Wersen, denen sie gestern in Treue und Anhänglichkeit zugetan waren. Eben diese Loyalität gebietet ihnen aber, dein neuen Staate dieselbe Treue und Anhänglichkeit zu bewahren sowie dessen Wohl zu wünschen und zu fördern. De utschö st erreichkann auf seine jüdischen Bürger jederzeit rechnen. Als demokratisches Element par excellence paßt sich die Judenheit der Neuordnung der Dinge an, die infolge der jüngsten Ereignisse eingetreten ist und sie wird sich bemühen, an der Konsolidierung und Stabilisierung der 'MHZlttlisse mitzuwirken. Sie erwartet aber auch, daß der neue Staat seinem Namen und seinen Aufgaben gerecht werden und allen seinen Bürgern ohne jeden konfessionellen Unterschied alle Entwicklungsmöglichkeiten, Freiheit und Gerechtigkeit bieten wird. Freilich, wie bei jeder Gelegenheit, taucht auch schon jetzt in Deutschösterreich die Judenfrage in einer gewissen Form auf. Gelegentlich der Diskussion über das Gesetz, betreffend das deutschösterreichische Staatsbürgerrecht, wurde diese Frage im Nationalrate gestreift. Die näheren Details der Vorlage sind nicht genau bekannt; aber aus dem Verhandlungsberichte ist beiläufig zu ersehen, um was es sich eigentlich handelt. Der diesbezügliche Bericht lautet: „Hierauf wird das Gesetz über das deutschösterreichische Staatsbürgerrecht in Verhandlung gezogen. Berichterstatter Dr. Ofner legt den Inhalt der Vorlage dar und empfiehlt, sie der Ausschußberatung zuzuweisen. Abg. Wolf beantragt, im § 1 statt der Worte „sich zur deutschen Nationalität bekennen" zu setzen „der deutschen Nationalität zugehören". Zu 8 2 beantragt er folgenden Zusatz: „In die Zeit, durch deren Ablauf gemäß 8 2 des Gesetzes vom 5. Dezember 1896 der Anspruch auf Zusicherung der Aufnahme in den Heimatsverband erworben wird, ist der Zeitraum der vom 1. August 1914 bis zur Kundmachung dieses Gesetzes nicht einzurechnen. Insofern zum Antritt oder der Ausübung eines Gewerbes oder einer Beschäftigung die deutschösterreichische Staatsbürgerschaft erforderlich ist, muß die Zusicherung der Aufnahme in den Heimatsverband jener Gemeinde erlangt werden, in welcher das Gewerbe oder die Beschäftigung ausgeübt wird." Berichterstatter Dr. Ofner verweist darauf, daß die Frage, welcher Nationalität jemand angehöre, wenn man das Bekenntnis ablehne, eigentlich in der Luft schwebe. Ueber einige vom Abg. Wolf gemachte Ausfälle gibt er dem Bedauern Ausdruck. Die Vorlage wird dem Justizausschuß zugewiesen." Es ist klar, daß hiebei die Staatszugehörigkeit der in Deutschösterreich zur Zeit sich aufhaltenden Juden in Betracht kommt. Die Stellung Wiens als eines politischen und wirtschaftlichen Zentrums des Reiches brachte es mit sich, daß daselbst sehr viele Juden wohnen, die nach den anderen Kronländern der gewesenen Monarchie zuständig sind. Im alten Reiche fiel dieser Umstand wenig ins Gewicht und hatte höchstens für Wien die Bedeutung einer lokalen Frage. Nunmehr aber erhält die Sache ein anderes Gesicht. Alle diejenigen, die nach Galizien, der Bukowina, Böhmen, Mähren rc. zuständig sind, können formell als Ausländer gelten und wie es scheint, fehlt es im. Laaer der extremen Nationalisten nicht an'WlRmenj dlescn Juden gegenüber derart vorzugehen. In Wirklichkeit jedoch wäre dies eine himmelschreiende Ungerechtigkeit und sachlich kaum zulässig. Der deutschösterreichische Staat ist der Rechtsnachfolger der bisherigen Monarchie, deren Aktiven und Passiven er bis zu einem gewissen Grade übernimmt. Die in Wien lebenden Juden waren bisher ö st e r r e i ch i s ch e Bürger und hatten trotz ihrer lokalen Zuständigkeit mit den neu entstehenden Staaten nichts zu tun. Ein großer Teil derselben wäre kaum nach Wien gekommen, wenn diese Stadt nicht das eigentliche Zentrum des Staates wäre, dessen Bürger sie waren. Sehr viele unter ihnen sind ihrer eigentlichen Heimat ganz entfremdet und würden es geradezu als Unglück empfinden, dorthin zurückzukehren und sich unter ganz unbekannten Verhältnissen eine neue Existenz gründen zu müssen. Von Rechts wegen müßte also all diesen bisherigen österreichischen Bürgern das Optio ns recht für Deutschösterreich zugestanden werden. Wir wollen hoffen, daß der Nationalrat sich diesbezüglich von keiner kleinlichen Engherzigkeit leiten lassen und diejenigen in die Schranken verweisen wird, die die Schaffung des freien Volksftaates mit Ausnahmsbestimmungen und konfessioneller Hetze diskreditieren wollen. Die Wolf und Konsorten mögen ihrerseits bedenken, welches Unglück sie mit ihrer nationalistisch-chauvinistischen Politik über ihr eigenes Volk gebracht haben und endlich einmal dieser Taktik entsagen. Deutschösterreich soll und muß im wahren Sinne des Wortes ein Uokksstast fein. lleue Wendungen und Ausstrahlungen. Die letzten Tage haben wieder neue Wendungen gebracht. In Deutschland ist die soziale Republik proklamiert worden, nachdem der Kaiser abgedankt und der Kronprinz verzichtet hat. Gleichzeitig sind auch die meisten deutschen Bundessürsten teilweise abgesetzt worden, teilweise sind sie zurückgetreten. Diese Ereignisse konnten auf die Entwicklung der Verhältnisse in Oesterreich nicht ohne Einfluß bleiben. Am 11. d. M. hat Kaiser Karl auf die Ausübung seiner Herrscherrechte verzichtet und tags darauf die deutsche Nationalversammlung in Deutschösterreich die Republik ausgerufen und den Anschluß derselben an das Deutsche Reich proklamiert. Sowohl in Deutschland, als auch in Deutschvsterreich wird noch die Konstituante das letzte Wort zu sprechen haben. Momentan aber ist in Wien und in Berlin die Republik in Kraft getreten. Wir stehen somit vor Umwälzungen von so einschneidender Bedeutung, daß der gewaltige Weltkrieg mit seinen furchtbaren Erschütterungen, der 51 Monate hindurch die Gemüter in Spannung hielt, fast in den Hintergrund getreten ist. Nachdem nun auch der Waffenstillstand zwischen Deutschland und der Entente abgeschlossen wurde, ist das letzte Wort im Kriege gesprochen worden. Der Friede ist aber noch nicht da und kein Mensch kann heute Voraussagen, wie die Weltkarte nach der Unterfertigung der Friedensakte aussehen wird. Die Ereignisse haben sich in den letzten Tagen derart überstürzt, daß die nächsten Tage und Wochen neue Umwälzungen bringen können, sowohl bei uns wie in den anderen Staaten. Wer kann dafür bürgen, daß das, was gestern und heute geschaffen wurde, von Dauer sein wird? — Immerhin, man muß bis auf weiteres mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und die Ausstrahlungen derselben jetzt und in absehbarer Zukunft aufmerksam verfolgen. Wir wollen es unterlassen, an dieser Stelle das allgemein-politische Thema näher zu erörtern. Was uns Juden als Bürger berührt, darüber soll und wird au anderer Stelle gesprochen werden. Heute wollen wir nur die Ausstrahlungen der Ereignisse näher beleuchten, inwieweit sie die Juden uttb das Judentum als solche berühren. Diese Ausstrahlungen sind unstreitig sehr tiefgreifend und geeignet, die Situation wesentlich zu beeinflussen. Sollte es dabei bleiben, daß das alte Oesterreich-Ungarn als Gesamfftaat völlig verschwinden und in Einzelstaaten zerlegt werden, wobei Deuffchösterreich einen Teil des Deutschen Reiches bilden wird, so wird dadurch die Judenheit dieses Staates,

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