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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-07 · 32 (7.11.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
32 (7.11.1918)
Date
1918-11-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 32 Sache und ohne Gefährdung seiner Gesundheit führen könne. (Wir behalten uns vor, zu dieser Präsidentenkrise und ihrer Lösung in nächster Nummer ausführlich Stellung zu nehmen. Heute wollen wir bloß bemerken, daß man bei der Herbeiführung des Kompromisses an die Orthodoxie ganz vergessen zu haben scheint, die doch auch einiges Recht hat, in Gemeindeangelegenheiten mitzureden, wenn sie auch Gewaltandrohungen unterläßt. D. R.) Offener Brief eines Rabbiners an die Geistlichkeit Böhmens. Nicht Ehrgeiz, nicht Ruhmsucht, nicht Selbstüberhebung, nicht materielle Vorteile, nicht die Popularisierung meiner Person und auch nicht die Furcht vor dem Martyrium — ich bin zu sterben bereit, wenn ich wüßte, daß mein Tod das immerwährende Heil meines vielgeprüften und vielgeschmähten Volkes herbeiführen würde —, sondern die verzweifelte Lage der böhmischen Judenheit auf dem flachen Lande und meine innerste Ueberzeugung von Ihrem vorurteilslosen Gerechtigkeitsgefühl gegen die Judenheit, verleihen mir die Kraft, Sie, den Apostel der Nächstenliebe, den Verkünder der Wcltversöhnung, den Träger der göttlichen Fahne der Weltverbrüderung, den Priester der heiligsten Güter des Lebens und Erzieher der Verwalter der höchsten Gaben Gottes, inständig zu bitten und zu beschwören, sich der verzagenden Judenheit anzunehmen. Ehrfurchtsvoll beuge ich mein Haupt vor Ihrem anerkannten Gerechtigkeitssinn gegen die Judenheit, und in Stunden höchster Gefahr appelliere ich an das humane Gefühl des einflußreichen Vertreters des Christentums, das christliche Gerechtigkeitsgefiihl in den Dienst der Weltversöhnung zu stellen, das allein das beste Bollwerk sein kann gegen die Entgleisung einzelner Personen, insbesondere aber der unreifen Jugend gegen das Gesamtjudentum. Die grauenhafte Verwilderung der Jugend macht sich in schlimmster Weise bemerkbar. Das leidenschaftliche Tosen und Branden der, jeglicher Grundlage entbehrenden Anklagen gegen das Gesamtjudentum hat die Jugend, die ein Taumel ergriffen hat, in Gährung und in Zersetzung gebracht. Die Schule, das Ällerheiligtum, die Urquelle aus der die Menschheit den göttlichen Trank der Weltverbrüderung schöpft, ist vergiftet und verpestet. Die unreife Schuljugend beteiligt sich unbewußt an dem gewiß ungöttlichen Vernichtungskrieg gegen die Juden, die wahrlich nicht besser, aber auch nicht schlechter sind als die Andersgläubigen. Die Jugend, das höchste Gut eines Volkes, wird von gewissenlosen Demagogen aufgehetzt gegen die schutzlose Judenheit der Diaspora. Wilde, unverantwortliche Brandstifter haben ein furchtbares Feuer des Hasses gegen das Judentum angezündet in den Gemütern der vorurteilslosen, verrohten und verwilderten Jugend zur Vernichtung der Einigkeit zwischen den verschiedenen Religionsbekennern Böhmens. Ja, manche Erzieher infizieren die Jugend mit den schändlichsten Gefühlen des Hasses, der Lüge und des Zynismus gegen die Judenheit, die die Welt nicht geplündert hat! Es ist nicht unsere Schuld, daß das Blut der besten Völker der Welt vergossen, daß das kostbare Gehirn der Kulturvölker vernichtet wird. Der böhmische Jude, der mit allen Fasern seines Lebens an der Scholle hängt und überglücklich ist, ein Kind des stets für das Recht und die Gerechtigkeit der Menschheit eintretenden Volkes zu sein, kann es nicht begreifen, daß solch ein erhabenes Volk, dessen Fahne der Brüderlichkeit von der ganzen Kulturwelt anerkannt wird, die Juden ob ihrer Zugehörigkeit zum Judentum entrechtet und ihnen den Aufenthalt auf dem flachen Lande in Böhmen, dem Musterlande des Humanismus, unmöglich machen will. Noch tobt der Weltkampf, noch ist die Erde rot vom Blute der Knospen und Blüten, noch herrscht der herzlose Satan der Menschheit, noch decken die Schrecken uns zu, noch sind wir von grimmigen, zügellosen Feinden umgeben, die uns dem Vernichtungstode preisgeben, und schon erklingt der Ruf zur Vergewaltigung der Juden. Der Humanismus, die weltliche Bibel der Menschheit, ist vergessen, ja vernichtet. Die Welt ist zu einem Pesthaus geworden, in welchem ruchlose Maulhelden die Mitbrüder, mit denen sie im vollsten Frieden gelebt, die mit Begeisterung die nationale Fahne ihrer Umgebung entfalten und den Feinden gezeigt, daß sie treue, selbstlose Anhänger ihrer Scholle sind, allmählich zugrunde richten. Die hellstrahlende Sonne der Nächstenliebe schläft den ewigen Schlaf des Müßigganges. Die finstere Nacht des grausamen Hasses gegen Andersdenkende herrscht unumschränkt und verwirrt die Gemüter der besonnenen Elemente. Dicke Wolken kleinlicher Gehässigkeiten umgeben uns und ersticken und ertöten die schönen Träume von der Wiedergeburt der Menschheit. Die göttlichen Töne menschlichen Gerechtigkeitsgefühls erklingen nicht mehr, oder werden überströmt vom rasenden Wutgeheul der tobenden und betäubten Menge, die uns Juden das Leben zu einem vergiftetn Quell macht, auf dessen Genuß wir tränenlos verzichten. Blutenden Herzens muß ich die Wahrnehmung machen, daß dem charaktervollen Juden, der aus innerster Ueberzeugung dem Judentume treu bleibt, nichts anderes übrig bleibt, als der Tod. Tragisch ist unser Schicksal in dieser Welttragödie, in den Tagen des Hasses und des Blutes. Ströme jüdischen Blutes haben die Flüsse Europas gefärbt. In den meisten Zentren der Judenheit wurden Männer gemordet, Frauen geschändet, Kinder von ihren Eltern gerissen und ihr Gut geplündert. Auch die erbarmungslosen Feinde der Menschheit, der Hunger und eine heimtückische Krankheit, wüten unter uns und fordern schreckliche Opfer und rauben uns die aufkeimenden Knospen und die herrlichsten Rosen und Blüten des Judentums. In keiner menschlichen Gemeinschaft hat das Weltblutbad so viele Tränen gehäuft, wie in der jüdischen. Wir Juden Böhmens haben mit Gut und Blut das Vaterland verteidigt, unsere Väter und Mütter haben unzählige Opfer auf dem Kriegsaltar gebracht, auch unsere Reihen sind gelichtet, auch wir haben unsere messianischen Propheten und Erhalter unserer Traditionen, für die wir stets geblutet haben, verloren, warum sollen wir von unseren Mitbürgern, mit denen wir draußen auf dem Felde der Ehre unser Land verteidigt, ob unseres Judentums verhöhnt, verspottet und verachtet werden? Keine positive Religion auf Erden, somit auch nicht die jüdische, macht die Menschen zu Verbrechern und Räubern. Gewiß leben auch in unserer Mitte einzelne Personen, die eine öffentliche Brandmarkung verdienen, aber soll das Gesamtjudentum, das der Welt die Offenbarung, viele Propheten und das „Alte Testament" gegeben, dem nichts wesensfremder ist, als die Sucht zu herrschen, ob des Verbrechens einer kleinen Gruppe geldgieriger Kriegswucher, die auch in den anderen Lagern im reichlichsten Maße vertreten sind, ein jammervolles und beklagenswertes Nomadenleben führen müssen? Wir Juden haben ja zu allen Zeiten unsere Pflicht gegen Kaiser und Vaterland gewissenhaft vollführt, wofür wir nie eine Belohnung oder auch nur einen Dank gefordert oder erwartet haben. Das göttliche Böhmen, das wir mit dem Blute unserer Heldensöhne verteidigt haben, sollen wir hetzerischer Elemente wegen verlassen ^müssen, ist das nicht die ärgste Demütigung und Entehrung für uns Juden? In diesem gigantischen Weltkampf, der über das Schicksal zahlreicher Völker und Staaten entscheidet und ihnen die goldene Freiheit der Volksregierung verleiht, wird die Judenheit, die für dieses hohe Ideal mitgeblutet, von der urteilslosen Menge verhöhnt und verlacht. Als treue Anhänger unserer Scholle waren wir immer aufrichtige, nationale Gesinnungsgenossen unseres uns umgebende« Volkes, mit dem wir Leid und Freud geteilt haben. Mein Judentum, dem ich mit Freud und Wonne mein Leben opfere, legt mir die erhabenste Pflicht auf „liebe deine Mitmenschen"; es kennt daher keinen Unterschied zwischen Konfessionen und Konfessionen. Ich, Vertreter des überlieferten Judentums, beurteile meine Mitmenschen nach ihrem Charakter, niemals aber ihrer Religion nach. Wäre die Wische Religion ein Freibrief für Verbrechertum, wäre ich längst schon ein Abtrünniger geworden, das gelobe ich Ihnen! Warum soll ich der;«, der die' Menschen als göttliche Geschöpfe geliebt hat, nur des Judentums wegen gedemüdigt und dem Hohngelächter der aufgehetzten Jugend ausgesetzt sein? Nur die erhabenen Vertreter des christlichen Ideals der Barmherzigkeit und Menschlichkeit, das ja das voranleuchtende Panier aller Religionen ist, könnte den vergifteten Brunnen, der die Besten in unserer Mitte in seelische Mißstimmung versetzte, verschütten und die Urquelle der Weltverbrüderung ans Tageslicht bringen und sie zum Gemeingut aller Menschen machen, diese Quelle könnte dann das Innere des Menschen ausmachen. Es ist die höchste Zeit, daß die Priester der christlichen Liebe zur Menschheit und des religiösen Strebens nach Brüderlichkeit aller Nationen und Rassen, die friedliche Fahne der Nächstenliebe entfalten und ihre Glaubensbrüder auffordern, auch die Juden als Menschen, als Kinder Gottes anzuerkennen und sie nicht als eine Horde von Zigeunern, Kriegswucherern, Staatsverrätern und Piraten zu betrachten. Im Namen der religiösen Humanität, flehe ich den patriarchalischen Vertreter der großen christlichen Kirche an, das Todesgift, die Idee der Zerstörung, der Harmonie zwischen den einzelnen Glaubensbekennern auf dem Lande, aus der Schule zu enffernen und den Schulkindern zu zeigen, daß auch (Fortsetzung auf Seite 6.)

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