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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-07 · 32 (7.11.1918) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
32 (7.11.1918)
Date
1918-11-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 32 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Programme einen ersten Platz einnimmt und kraft welcher es ihr leichter gelingt, die Massen mitzureißen. Nun aber muß zwischen diesen beiden Dingen ein wesentlicher Unterschied gemacht werden. Man kann ein sehr heißer Anhänger der Palästinasache sein, man kann davon überzeugt sein, daß die Schaffung einer jüdischen f eimstätte in Palästina die konsequenteste ösung des jüdischen Problems ist — nichtsdestoweniger hinsichtlich der Stellung der Juden in den Ländern der Diaspora anderer Meinung als die eingeschworenen Zionisten und Nationalisten sein. Die Verhältnisse der Juden in den Staaten der österreichischen Monarchie berücksichtigend, sind die Siedlungsbedingungen derselben derart, daß sich das nationale Prinzip nicht überall praktisch durchführen läßt, die Festlegung der jüdischen Oeffentlichkeit ans dasselbe daher unter Umständen große Nachteile bringen könnte. Es ist leicht, sogenannte Nationalräte zu schaffen, Versammlungen zu veranstalten, wenn man über eine genügende Zahl Studenten und Advokaturskandidaten verfügt, die dabei in ihrem Elemente sind; es ist nicht schwer, Kundgebungen zu veranstalten und Programme auszustellen, die selbst den verbissensten Judenfeinden zu Gesichte stehen, im Sinne des „timeo danaos“, da dies Wasser auf ihre Mühlen ist. »Man muß sich aber Rechenschaft darüber abgeben, ob die Sache sich auch praktisch durchführen läßt — was bis heute in all diesen Kundgebungen und Programmen keineswegs klargelegt worden ist. Es muß daher als verfehlt erscheinen, wenn sich einerseits eine jüdische Gruppe das Recht anmaßt, im Namen der Gesamtheit zu sprechen und zu handeln; aber ebenso falsch ist die Taktik der anderen jüdischen Gruppen, wenn sie sich gewissermaßen passiv verhalten und der einen Richtung die Führung überlassen. In erster Linie ist es gebieterische Notwendigkeit, eine Verständigung über ein gemeinsames Programm anzustreben im Wege einer sachlichen Beratung, ohne zum Fenster hinaus zu sprechen, ohne sich auf einseitige Schlagwortc festzulegen. Wohl sind wiederholte Versuche nach dieser Richtung bisher immer gescheitert. Allein was bisher nicht gelingen konnte, könnte angesichts der Not der Zeit und des Gebotes der Stunde vielleicht denn doch fruchten. Freilich dürfte sich hiebei keine Gruppe einseitig verhalten, sondern ein Kompromis suchen. Sollte dies aber auch diesmal unmöglich sein, dann wäre es die Pflicht aller Gruppen, vor die Oeffentlichkeit zu treten und ihre Standpunkte geltend zu machen. „Schweigen heißt zustimmen!" Die anderen Gruppen, die sich aus taktischen Gründen etwa veranlaßt sehen sollten, den Ereignissen passiv gegenüberzustehen, laufen Gefahr, auch in der Stunde der Entscheidung kein Gehör zu finden. Es handelt sich heute keineswegs um Kleinigkeiten — es geht um das Ganze. Es könnten Verhältnisse geschaffen werden, die nicht so ohne weiteres geändert werden könnten, obwohl eine Remedur dringend geboten wäre. Deswegen ist es notwendig: entweder ein gemeinsames Programm unter Berücksichtigung aller Wünsche und Interessen festzustellen, oder — wenn sich dies als unmöglich erweisen sollte — die diversen jüdischen Gruppen müßte» sich veranlaßt sehen, ihrerseits das Wort zu ergreifen, um nicht unhaltbare Zustände einreißen zu lassen. Die Stunde drängt. Es darf nicht mehr viel Zeit verloren gehen. Kundgebung der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. In der ani 5. November 1918 unter dem Vorsitze des Ersten Vize-Präsidenten Hosrates Dr. Benjamin Rappaport stattgehabten Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde wurde folgender Aufruf beschlossen: „An die Mitglieder der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Der Ernst der Zeit, die Sorge für unsere Gemeinde und ihre Angehörigen, erfordern den „ festesten Zusammenhalt aller Juden. Jeder Unterschied in politischer, religiöser und nationaler Veziehung muß zurücktreten, um die Juden Wiens und ihre Gemeinde — das größte und wichtigste Zentrum der Juden Deutschösterreichs — in diesen schweren Tagen nicht unnötigen Erschütterungen auszusetzen. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde richtet diesen Appell an alle jüdischen Bewohner Wiens angesichts der vor kurzem erfolgten Proklamierung des „Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich", dessen Schaffung bei allen in Wien lebenden Juden Beunruhigung hervorgerufen hat, die nicht aus dem Boden des jüdischen Nationalismus stehen und in dem Aufgeben des Standpunktes, daß die Juden nur eine Glaubensgemeinschaft sind, eine Gefahr in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erblicken. Nach der festen Ueberzeugung des Kultusvorstaudes bilden diese Juden die zweifellose Mehrheit in Wien und Deutschösterreich. Diese Mehrheit will aber die Minderheit nicht unterdrücken, so wenig sie sich selbst zu Anschauungen zwingen lassen will, die sie nicht teilt. Der Vorstand hegt die Hoffnung, daß ein Ausgleich der Gegensätze nicht im Kampfe, sondern im Wege gegenseitiger Verständigung gelingen werde. Unter den jetzt bestehenden Gegensätzen darf jedoch — darüber sind beide Parteien einig — die Lösung jener Aufgaben nicht leiden, die im gemeinsamep Interesse gelegen und dringlich sind. Zu diesem Zwecke wird aus der Mitte des Kultusvorstandes eine Permanenzkommission gebildet, in der beide Parteien vertreten sein werden, und die sich mit allen besonderen Fragen zu befassen haben wird, die aus der gegenwärtigen allgemeinen Lage sich ergeben, insbesondere aber mit der Ausarbeitung des Entwurfes einer neuen Wahlordnung auf demokratischer Grundlage. Diese Kommission wird ihre Tätigkeit solange fortsetzen, bis nach erfolgten Neuwahlen der Wille und die Anschauung der Gemeindemitglieder unzweifelhaft feststehen und in einem neugewählten Vorstande Ausdruck gefunden haben werden. Der Vorstand erklärt schließlich, daß die Schaffung eines „Jüdischen Nationalrates für Deutschösterreich" und auch die angestrebte Anerkennung der Juden als Nation keinen wie immer gearteten Zwang für den Einzelnen bilden wi r d und darf. Jedem Juden wird und muß es vollkommen freistehen, nach seiner Ueberzeugung sich zu jener Nation zu bekennen, der er sich zugehörig fühlt. In keinem Falle aber — und dies betont der Vorstand mit allem Nachdruck — wirdden vollenRechten und vollen Pflichten der Inden als Staatsbürger Deutschüsterreichs, dem sie in hingebungsvoller und opferbereiter Treue ergeben sind, Eintrag geschehen. Der Vorstand bittet, unter allen Umständen und unbeirrt durch etwaige Aeußerungen und Handlungen extremer Elemente, treu zur Gemeinde zu stehen." Demission des Präsidenten der israelitischen Kultusgemeinde Or. Alfred Stern. In der am 5. November d. I. stattgehabten Plenarsitzung des Vorstandes der Wiener israelitischen Kultusgemeinde legte der Präsident Dr. Alsred Stern, der vor einigen Tagen seine Demission gegeben hatte, die Gründe derselben ausführlich dar. Für ihn sei nicht hohes Alter oder geschwächte Gesundheit bestimmend gewesen, sondern die Ueberzeugung, daß der dem Vorstande zur Beschlußfassung vorliegende Kompromisantrag mit der Jüdisch-Nationalen Partei eine Legitimierung des vor einigen Tagen konstituierten „Jüdischen Nationalrates für Deutsch-Oesterreich" beinhalten würde, der er für seine Person absolut nicht zustimmen könne- Er mißbillige insbesondere die Bestrebungen des Jüdischen Natioualrates hinsichtlich der Schaffung eines besonderen Katasters, den er für die Judenschast Wiens und Deutsch-Oesterreichs als in hohem Grade verderblich ansehe. Da er jedoch der von anderer Seite erhofften friedlichen Austragung der Gegensätze nicht im Wege stehen wolle, lege er seine Stelle als Präsident der Kultusgemeinde nieder. Nach Abgabe seiner Erklärung entfernte sich Herr Präsident Dr. Alfred Stern aus dem Sitzungssaale. — Nachdem mehrere Vorstandsmitglieder sowohl zum Kompromisantrag wie zur Demissionserklärung des Präsidenten das Wort ergriffen hatten, wurde bei der Abstimmung mit Stimmenmehrheit die erfolgte Demission des Präsidenten unter dem Ausdrucke innigster Dankbarkeit für sein bisheriges Wirken und unbegrenzter Verehrung für seine Person mit tiefstem Bedauern zur Kenntnis genommen. Hierbei war für die Mehrheit des Vorstandes die Erwägung maßgebend, daß das Judentum in dieser Zeit allgemeiner Bedrängnis nicht auch noch durch innere Kämpfe — und solche wären unvermeidlich gewesen — geschwächt und erschüttert werden dürfe, daß über eine Bewegung, die weite Kreise der Juden ergriffen hat, bei aller Betonung des gegensätzlichen Standpunktes nicht einfach hinweggegangen werden könne und daß endlich in dieser schweren Zeit die Leitung der Wiener jüdischen Gemeinde ein in seiner unverminderten Geistesfrische wohl bewunderungswerter, aber unter den körperlichen Beschwerden seines hohen Alters leidender Präsident nicht ohne Schädigung der

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