Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 32 (7.11.1918)
- Date
- 1918-11-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 32 gehende Schlußfolgerungen zu ziehen und uns nach irgend einer Richtung zu exponieren. Unsere Position ist ohnehin exponiert genug. Bei der leisesten Veränderung könnten wir dann die Zielscheibe für allerhand Angriffe bilden, das Ventil für allerhand Enlladungen abgegeben. Wir wollen deutlicher sein. Nachrichten aus Galizien wissen von heftigen und sogar blutigen Kämpfen zu melden, die um den Besitz Ostgaliziens zwischen Polen und Ukrainern entbrannt sind. Es ist klar, daß die Lage der Juden im Lande hiebei furchtbar schwierig ist. Welche Partei immer sie ergreifen werden, immer würden sie den Vorwürfen, Drangsalierungen und Verfolgungen der anderen Partei ausgesetzt sein. Unsere Nationalisten haben hiebei die Anerkennung der Juden als besondere Nationalität als den besten Ausweg erklärt und proklamiert. Dies trifft aber nur bis zu einem gewissen Grade zu. Wenn beispielsweise die Polen die Forderung erheben, das ganze Land soll dem wiedererstehenden polnischen Staate einverleibt werden, wogegen die Ruthenen den östlichen Teil desselben für sich reklamieren, so kann den Juden ihre Proklamierung als besondere Nationalität innerhalb des Landes kaum etwas helfen, da sie doch nicht verlangen können, diesbezüglich neutral bleiben zu dürfen. Sollte es beispielsweise zu einer Volksabstimmung kommen, dann müßten sie sich ja nach der einen oder der anderen Richtung erklären und somit Partei ergreifen. Aehnlich verhält sich die Sache hinsichtlich der Verhältnisse im tschechisch-slowakischen Staate. Auch da wird die Bevölkerung der nicht rein-slawische» Kreise über die Zugehörigkeit derselben in irgend einer Form zu entscheiden haben. Was würde dann den Juden ihre Anerkennung als besondere Nationalität helfen? — Sie werden doch gezwungen sein, nach irgend einer Richtung Partei zu ergreifen. Weniger exponiert, aber nicht minder schwierig könnte die Haltung der Juden hinsichtlich der innerpolitischen Neugestaltung und der Staatsform sein, die schon heute aufgeworfen wird und sicherlich noch viel Staub aufwirbeln dürfte. Was würde es den Juden in Deutschösterreich nützen, als besondere Nationalität anerkannt zu sein, wenn sie in einem solchen Falle beispielsweise zwischen zwei Strömungen zu wählen haben würden. Im Gegenteil, im Falle einer Separierung als besondere Nation würde das jüdische Votum erst recht augenfällig werden. Diese wenigen Beispiele, deren Liste noch vielfach verlängert werden könnte, beweism hinlänglich, wie gefährlich die Lage für die Juden sein müßte, und wie dringend geboten es sei, sich so wenig als möglich zu exponieren. Die siegreiche Partei wird, wie gewöhnlich, den Juden nur wenig Dank wissen, wogegen die unterliegende sie die ganze Wucht ihrer Rache wird fühlen lassen. Ganz besonders müssen wir unsere Brüder davor warnen, sich hinsichtlich der radikalen Strömungen, die sich bereits geltend machen, zu einer exponierten Haltung hinreißen zu lassen. Als Juden haben wir bei irgend einer „Roten Garde" nichts zu suchen und jeder von uns muß bedenken, daß die Gesamtheit gewöhnlich für die Handlungen derEinzelnen verantwortlich gemacht wird. Man kann es wohl den Einzelnen nicht verwehren, ihrer Ideologie zu folgen, wenn sie auf die Gesamtheit ihrer Brüder keine Rücksicht nehmen wollen. Aber so weit als möglich sollten sich unsere Organisationen davor hüten, sich radikal zu gebärden und irgendwie tonangebend aufzutreten. Was speziell die Verhältnisse in Wien betrifft, ist hiebeimit Rücksicht auf dieZusammene setzung der jüdischen Bevölkerung besondere Vorsicht geboten. Weder als Juden, noch als Bürger sollten wir die ersten Rufer im Streite sein. Die Dinge werden auch ohne unser Zutun die Entwicklung nehmen, die sie zu nehmen haben. Hingegen erwachsen all denjenigen, die gewillt und imstande sind, etwas für die Judenschaft zu tun, andere Aufgaben, die sehr wichtig sind. Es muß für die Zukunft derjenigen gesorgt werden, die vom Felde heimkehren und sich neue Existenzen zu schaffen haben, für diejenigen, die infolge der politischen Umwälzungen auch wirtschaftlich zu leiden haben dürften. Diese Aufgabe, an die mau in der Hitze der Tagespolitik kaum zu denken scheint, ist sicherlich viel wichtiger, als gar manche Wichtigtuerei und Gschaftelhuberei, mit der man jetzt so viel Lärm schlägt, und die unter Umständen nicht ungefährlich sein könnte. Die führenden jüdischen Kreise, mögen sie sich in welchem Lager immer befinden, sollten sich dies vor Augen halten und danach handeln. Lin Mahnruf an die österreichische Iudenfchaft. Bon K o h e l e t. Die Ereignisse überstürzen sich. Alles fließt. Das Bestehende wird niedergerissen, ohne daß für den Neubau die sicheren Grundlagen vorhanden sind. Wir nähern uns täglich dem Frieden, den wir uns wahrlich anders vorgestellt haben. Der Waffenstillstand ist bereits abgeschlossen — nur ist angesichts der gegenwärtigen Situation ungewiß, wer den Frieden schließen wird. Wird sich das alte ehrwürdige Oesterreich an den Verhandlungstisch setzen, oder werden es die Teile desselben sein, die diversen Staaten, repräsentiert durch ihre Nationalräte, die über das künftige Schicksal der im „Reichsrate vertretenen Königreiche und Länder" zu entscheiden haben werden? — Wird sich die Donaumonarchie, wie schon so oft, wie ein Phönix aus der Not der Zeit verjüngt und neu erheben, oder wird etwas neues an deren Stelle treten, losgerissen von der jahrhundertelangen Tradition, geformt und gemodelt auf Grund eines Programmes, das in ftemden Landen dafür ausgeheckt wurde und das sich vielleicht von der Ferne sehr schön ausnimmt, praktisch aber kaum durchführbar sein dürfte!? — Es ist heute unmöglich, darüber etwas Bestimmtes zu sagen. Es ist, als ob unsichtbare Mächte das Schicksal des Donaureiches leiten und kein Mensch kann heute Voraussagen, was der nächste Tag bringen dürfte. Immerhin, die Völker der Monarchie haben fast alle ein Ziel vor Augen. Sie streben zunächst die Verwirklichung ihrer Ideale, ihrer nationalen und politischen Aspirationen an. Bloß den Juden Oesterreichs, die zahlenmäßig keineswegs an letzter Reihe stehen, kraft ihrer Stellung im öffentlichen Leben sicherlich nicht ganz ohne Einfluß auf die Gestaltung der Dinge sein dürfen, nur die Juden Oesterreichs entbehren bis heute eines klaren Zieles und stehen angesichts der Umwälzungen, deren Zeugen sie sind, unschlüssig da. Wohl hat es eine jüdische Gruppe als richtig gefunden, gewissermaßen die Führung an sich zu reißen und urbi et orbi als die Repräsentanz der österreichischen Judenheit aufzutreten. Wohl wird täglich die Anerkennung der Juden als eine besondere Nation als die einzig mögliche Lösung, als ein Allheilmittel verkündet, in Wort und Schrift gepredigt und mit Eifer vertreten. Dem Außenstehenden mag es wohl erscheinen, daß dem tatsächlich so ist. Wer aber die Verhältnisse näher kennt, nnd wer nicht den engherzigen Parteiegoismus verfolgt, sondern von einem Verantwortlichkeitsgesühle beseelt ist, der muß sich darüber klar sein, daß diese Lösung, mag sie theoretisch noch so gerechtfertigt sein, kaum geeignet ist, das Judenproblem in Oesterreich zu bereinigen. Die Sache ist viel komplizierter als es auf den ersten Anblick erscheinen mag. Es droht daher die Gefahr, die Sache in eine falsche Bahn zu leiten und Zustände zu schaffen, die noch weniger als die bisherigen haltbar sein könnten. Man mißverstehe mich nicht. Keineswegs soll hier gegen den jüdischen Nationalismus als solchen angekämpft werden. Sicherlich sind die Verhältnisse im Osten derart, daß die diesbezüglichen Forderungen voll berechtigt sind; sicherlich auch müßte es als ein Unding erscheinen, diesbezüglich zwischen Ost und West einen Unterschied #1 machen. Aber weder im Osten, noch im Westen könnte die Judenfrage auf diesem Wege beftiedigend gelöst werden. Darum aber handelt es sich in erster Reihe. Wer die Verhältnisse innerhalb der österreichischen Judenheit näher kennt, der weiß, daß es zunächst drei Richtungen sind, die da in Betracht kommen: die sogenannte assimilatorische, worunter man in erster Linie die fortschrittlichen Elemente versteht; die Orthodoxie und schließlich die Nationalisten. Es tut nichts zur Sache, daß es sowohl im Lager der Fortschrittler, wie im Lager der Orthodoxie Kreise gibt, die dem Nationalismus mehr oder weniger huldigen, ebenso wie es im nationalistischen Lager nicht an Elementen fehlt, die in religiöser Hinsicht entweder orthodox, respektive fortschrittlich-assimilatorisch orientiert sind. Im großen und ganzen trifft jedoch die oberwähnte Einteilung zu, wobei jede Richtung noch ihre Anhängsel und Schattierungen besitzt. Nun sind wir in letzter Zeit, vornehmlich in den letzten Tagen, Zeugen der Erscheinung, daß es die letzte, zahlenmäßig trotz alles lärmenden Auftretens nicht die stärkste Gruppe ist, die tonangebend auftritt und bemüht ist, die Führung an sich zu reißen. Es kommt derselben der Umstand zustatten, daß sie, vermöge ihrer inneren Konstruktton über eine entsprechende Anzahl agitatorischer Kräfte verfügt, so daß es ihr leicht fällt, zu jeder Zeit Versammlungen abzuhaltcn und Kundgebungen zu veranstalten. Anderseits aber ist es die Palästtnasache, die ja jedem guten Juden heilig ist, die in ihrem