Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 32 (7.11.1918)
- Date
- 1918-11-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzj ährig K12, halbj ährig K 6, vierteljährig K 3. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 32. Wien, 7. November 1918. IV. Jahrgang. Waffenstillstand. Der so heiß ersehnte Friede rückt in die Nähe. Bereits ist der Waffenstillstand zwischen Oesterreich-Ungarn und der Entente abgeschlossen, und der Friede dürfte noch kaum mehr lange auf sich warten lassen. Freilich, das Herz wird angesichts dieses so erwarteten und herbeigesehnten Ereignisses nicht froh. Die Waffenstillstandsbedingungen, die dem Habsburgerreiche diktiert wurden, entsprechen nicht bloß nicht den rühm- und ehrenvollen Kämpfen, die die Heere dieses Staates in einem vierjährigen Kriege geliefert haben, sie sind nicht bloß furchtbar demütigend und verletzend, sondern sie lassen auch einen Gewaltfrieden befürchten, der der geplagten Welt keineswegs die Bürgschaft einer längeren Friedensperiode bieten konnte. Das Kriegsglück, das vier Jahre hindurch den Mittelmächten und ihren Verbündeten treu war, hat sich in den letzten Monaten jäh gewendet. Noch war das letzte Wort nicht gesprochen. Noch standen die Heere DkflKkerch-MgärtiS '«f'M FMWSKMb. Aber man hat in Wien die Konsequenzen aus der neuen Lage gezogen und um den Frieden angesucht. Im Lager der Entente ist man infolge der jüngsten Siege übermütig geworden. Man macht von dem Rechte des Siegers den weitestgehenden Gebrauch und diktiert dem unbesiegten Gegner Bedingungen, wie sie selbst einem völlig zusammengebrochencn Feinde gegenüber kaum angebracht wären. Es mag sein, daß die Kriegslage hiezu berechtigt — aber der Friede, der auf dieser Basis zustandekommen wird, kann kaum ein Rechtsfriede sein. Das aber, was die Gewalt schafft, kann nicht von langer Dauer sein. Man wird vielleicht freier aufatmen, wenn das letzte Wort in diesem Völkerkonflikt gesprochen fein wird. Aber die Sorge ob neuer Verwickelungen, die der Friede in sich bergen dürfte, wird fernerhin die Herzen bedrücken und das Verhältnis der Völker zu einander vergiften. Bis auf weiteres ist der Einfluß Wilsons bei der Feststellung der Waffenstillstandsbedingungen nicht zu spüren. Lloyd George, Clemenceau und Sonnino haben da das große Wort geführt. Wenn dies auch bei der Friedenskonferenz der Fall sein sollte, dann könnte ein Gewaltfriede zustande kommen, der alles Gerede vom Kampf für Recht und Gerechtigkeit Lügen strafen wird. Dann aber werden auch die Juden eine bittere Enttäuschung erleben. Sie begeisterten sich vielfach für einen Kampf um Recht und Gerechtigkeit und gaben sich der Hoffnung hin, auch ihr Schicksal werde sich dann, wenn einmal das Recht an die Stelle der Gewalt treten würde, günstiger gestalten. Sollen sie diese Hoffnung auch fernerhin hegen dürfen? — Wir bezweifeln es sehr... Dort, wo die Gewalt nach der einen Seite herrscht, kann nach der anderen Seite kaum das Recht zur Geltung kommen. Der Friede, der angesichts der gegenwärtigen Lage zu erwarten ist, wird den Anbruch des messianischen Zeitalters kaum bringen. Es mag sich täuschen, wer getäuscht werden will. Mundus vult decipi. Wer offene Augen hat, muß der Zukunft sowohl hinsichtlich der Allgemeinheit als auch hinsichtlich der Judenfrage mit Sorgen entgegensehen. Es ist furchtbar, nach einem vierjährigen blutigen Krieg solche Horoskope stellen zu müssen — aber es hat keinen Zweck, sich einer Täuschung hinzugeben. Der Friede kommt — wer aber kann seiner voll und ganz froh werden?! _ Spectator. In ernster stunde. . lVou. besonderer Seile.) Wir durchleben jetzt ernste Tage und Stunden. Jeder Tag bringt neue Ueberraschungen und Umwälzungen und morgen kann das umgestürzt werden, was heute errichtet wurde. Kein Mensch kann mit Bestimmtheit sagen, was der nächste Tag bringen werde, ob das, was heute geschieht, nicht eine Eintagsarbeit ist. Jede Perspektive ist getrübt, jedes Handeln nur für den Moment berechnet. Es mag manchem scheinen, daß die Dinge in Oesterreich bereits eine solche Wendung genommen haben, daß das Alte völlig beseitigt und etwas Neues im Werden sei. In Wirklichkeit jedoch ist dies kaum der Fall. Es war leicht, das Bisherige zu zerstören, respektive als zerstört zu erklären. Der Neubau geht aber nicht so einfach vonstatten. Jnsolange das letzte Wort im Kriege noch nicht gesprochen wurde, ist alles im Fluß und können es noch Wendungen eintreten, die die Situation völlig verändern und der Lage ein neues Gesicht geben. Es ist selbstverständlich, daß man ob dieser Eventualitäten und Möglichkeiten nicht ganz einfach, die Hände in den Schoß legen und der Entwicklung der Dinge passiv zusehen darf. Man muß vielmehr mit den gegebenen Verhältnissen rechnen und danach handeln, will man in der Stunde der Entscheidung nicht ganz einfach übergangen werden. Es ist deswegen selbstverständlich und begreiflich, daß alle Völker der bisherigen österreichischen Monarchie eifrig dabei sind, ihre Angelegenheiten auf Grund der gegebenen Lage einzuordnen, neue Staaten werden gebildet, Nationalräte eingesetzt, Volkswehren ins Leben gerufen rc. Es ist selbstverständlich, daß auch die Juden der Monarchie zu den Ereignissen Stellung nehmen und darauf bedacht sein müssen, ihre Interessen zu wahren, ihre Wünsche und Forderungen zur Geltung zu bringen. Trotzdem aber ist es die Pflicht aller einsichtigen Elemente, vor jeder Voreiligkeit, vor jeder Wichtigtnerei und Geschaftlhuberei, vor jedem Vordrängen und vor jeder Vordrünglichkeit zu warnen. Die Erfahrungen haben zur Genüge gelehrt, daß die Juden bei derartigen Umwälzungen nicht genug vorsichtig sein können. Ihre auch sonst exponierte Lage bringt es mit sich, daß sie allzu oft für Dinge verantwortlich gemacht werden, au denen sie völlig unschuldig sind. In den ersten stunden der Begeisterung hängt der Himmel voller Geigen. Die Völker, die angeblich oder wirklich ihre Freiheit erlangen, sind dann furchtbar demokratisch und wohlwollend, sie geizen nicht mit Versprechungen, und es hat den Anschein, als ob alles herrlich bestellt ist. Später aber, wenn die erste Begeisterung verflogen ist und die ersten Schwierigkeiten, die ja geltend machen, lassen sich andere Töne hören. Diejenigen, die aus irgend einem Grunde mit der Entwicklung der Dinge unzufrieden sind — und solche gibt es überall, — suchen sich Sündenböcke aus, denen man die Schuld und die Verantwortlichkeit zuschieben könnte — oder aber diejenigen, die in den Besitz der Macht gelangt sind, bestreben sich, für die Unzufriedenheit ihrer Rivalen ein Ventil zu öffnen und demselben irgend einen Sündenbock in den Rachen zu stürzen. Daß dabei der Jude am leichtesten und bequemsten in Betracht kommt, das haben die Erfahrungen zur Genüge gelehrt, und wir brauchen bloß auf die Ereignisse in Rußland hinzuweisen, wo die Juden fortgesetzt sowohl seitens der Machthaber als auch seitens ihrer Rivalen für alles verantwortlich gemacht und zur blutigen Verantwortung gezogen werden. , Wir wollen hinsichtlich der bevorstehenden Entwicklungen in Oesterreich keineswegs den Teufel an die Wand malen und keine Kassandrarufe ertönen lassen. Gleich allen anderen Gutgesinnten wollen wir ernstlich und aufrichtig hoffen, daß die Umwälzungen, mögen sie welche Form immer annehmen, in Ruhe und Ordnung vor sich gehen werden. Allein, das verbrühte Kind scheut das Feuer und unsere Erfahrungen mahnen uns zur Vorsicht. Das Gebot, das unser Erzvater Jakob seinen Söhnen auf dem Wege nach Aegypten mitgegeben hatte: „Lomo titraü!“ muß auch heute für uns Geltung haben. Wir sollten uns nicht vordrängen und keineswegs danach streben, irgend eine wichtige Rolle zu spielen. Wir sollten den Entwicklungen nicht vorgreifen und sich davor hüten, aus den Ereignissen des Tages weit-