Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 31 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 Die amerikanische Regierung hat die Ueberweisung von Hilfsgeldern nach Rußland für die Kriegsopfer verboten. Dieses verhängnisvolle Verbot wird offiziell mit der in Rußland herrschendest Anarchie begründet. Wie bekannt, dürfen bereits seit Monaten keine Hilfsgelder aus Amerika nach Litauen gesendet werden. Beide Verfügungen bedeuten den empfindlichsten Schlag für große Teile des jüdischen Volkes, die zur Erhallung ihrer nackten Existenz auf die Hilfe der amerikanischen Judenheit angewiesen sind. (Pogro »Helden an der Arbeit.) Die bekannten Pogromhelden Burischkewitsch und Pelikan sind in Kiew aufgetaucht und betreiben dort eine reaktouäre, jndenfeindliche Propaganda. Gegen die Annahme der gemischten Chen in England.) Das Jüdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Der Großrabbiner Herz richtete an die Rabbiner in England und den Kolonien ein Schreiben, in dem er darauf aufmerksam machte, daß die gemischten Ehen in letzter Zeit sich unter den Juden in einem so hohen Grad vermehrt haben, daß sie eine ernste Gefahr für unseru Glauben darsteüen, und forderte die Rabbiner auf, eine energische Propaganda dagegen zu entfallen. Der Weisung des Großrabbiners gemäß wurde in allen Synagogen Englands am Versöhnungstage gegen die gemischten Ehen gepredigt. (Die Ethraugimbeschaffung in den neutralen Ländern.) Dänemark und Schweden sowie Holland hatten sich in diesem Jahre mit der Londoner Gemeinde in Verbindung'gesetzt, um durch diese rechtzeitig in dbn Besitz ' von Ethraugim-zn gelängen! ES wurden exorbitante Preise gefordert und die Ethraugim kamen pünktlich — einen Dag nach Sukkoth an. (Opfer des Bolschewismus.) Der Rabbiner Dr. M. A. Eisenstadt in Petersburg wurde als Geisel verhaftet, ebenso wie Rabbiner Dr. Maseh in Moskau. Die Nachricht von der angeblichen Ermordung des Advokaten Dr. Sliosberg in Petersburg hat sich nicht bestätigt. Dr. Sliosberg ist am Leben und gesund. Aufhebung der jüdische» Gleichberechtigung in der Don-Republik.) Wie die Petersburger Tageszeitung „Unser Tagebl." und „Raßwjet" von durchaus zuverlässigen Quellen erfahren, hat das neue Reich der Donkosaken die jüdische Gleichberechtigung aufgehoben und die alten Beschränkungen ans der Zeit Nikolais wiederhergestellt. Das Wohnrecht wurde nur für Rostow und Taganrog gewährt, wahrscheinlich weil dort bereits große jüdische Gemeinden bestehen und die Regierung von allzu umfangreichen Ausweisungen absehen wollte. Alle übrigen Städte des Don-Gebietes wurden für die Juden gesperrt. (Religiös oder national?) Aus Jerusalem wird gemeldet: Eine wichtige Beratung fand zwischen den Mitgliedern der zionistischen Kommission und 35 der angesehensten Jerusalemer Rabbiner statt. Doktor Weizmann führte in seiner Ansprache aus, daß die zionistische Kommission den Wunsch habe, das jüdische Leben in Jerusalem, iw Einklang mit dem gesetzestreuen Judentum und unter Berücksichtigung seiner Wünsche, auf eine moderne national-jüdische Basis zu stellen. Von seiten der Rabbiner wurde den Vorschlägen der zionistischen Kommission Verständnis entgegengebracht und es wurde beschlossen, die Jeschiboth und Talmud Thora- Schulen in Jerusalem zu hebraisieren und eine besondere Kommission zu ernennen, die die Details der zukünftigen Arbeiten der orthodoxen Judenheit in ständiger Fühlungnahme mit der zionistischeu Kommission regeln soll. (Wenn die zionistische Kommission das religiöse Leben aus eine nationaljüdische Basis stellen will, so sollte sie auch das nationale Leben auf religionsjüdische Basis stellen. Das ist z. B. in dem hebräischen Gymnasium in Jaffa keineswegs geschehen. Das Religiöse ist noch viel wichtiger als das Nationale und muß an erster Stelle stehen.» (Der Bannfluch gegen Wucherer.) In Groduo sind Schmuggel und Wucher so üppig erblüht, wie Unkraut in einem verwilderten Garten. Neu sind die Mittel, iuit denen man das Hebet, unter dem die breiten Volksmassen schwer zu leiden haben, ausrotten will. In Lüden und an Straßenecken sah man am 7. Oktober schmarzumrandete Plakate in hebräischer und deutscher Sprache, die wie eine Todesanzeige wirkten. Ihr Inhalt: Gegen die Lebensmittelwucherer soll der „Cherem", der religiöse Baun, ausgesprochen werden! „Um vier Uhr nachmittags müssen alle Läden in Stadt und Vorstadt geschlossen werden. Alle sollen nach der Synagoge kommen, dort wird der Bannspruch ausgerufen werden!" So lautete die Aufforderung der Rabbiner, die sich zu diesem Anlaß aus dem ganzen Kreis in Grodno versammelt hatten. Gegen vier Uhr knarrten die Läden in der Stadt, alles strömte zur großen Synagoge in der Schulstraße. Kopf an Kops drängte sich die Menge aus dem Platze und in den Vorhöfen. Alles war gekommen, auch die Kinder. Man kletterte aus das Dach, drückte sich in den Nebenräumen zusammen, um wenigstens einen bildhaften Eindruck vom Ereignis zu erhaschen. An Hören war nicht zu denken, dafür war die brodelnde Masse zu unruhig, der Lärm schreiender Kinder zu groß. Der große Synagogensaal lag im Halbdunkel, die goldschimmernden Kronleuchter schwarz umhangen. Vor dem Thoraschrein standen zwei Särge — Symbol der heiligen Handlung. Drei Rabbiner sprachen eindringlich von Not und Tod, Hunger und Elend dieser Zeit, Wucher und Bewucherung: „Es geht nicht an, daß die Reichen allein den Braten essen und den Annen nur das Gewürz übrig lassen! Seid mildtätig! Liebet den Nächsten! So klang es durch die Reden. Dann ward der Bannspruch verlesen. Wer den Bann bricht, den wird der Himmel mit dem Tode bestrafen! Eine kleine Schar von Freunden und Bekannten hat am vorletzten Freilag dem nach kurzer Krankheit an Grippe verstorbenen Schriftsteller M oriz Frühling das letzte Geleite gegeben. Rabbiner Dr. Feuchtwan g hat ihm einen warmen Nachruf gehalten, der ein großes Auditorium verdient hätte. Dann fielen die Schollen auf das „Gratisqrab", in dem ein jüdisches Schriftstellerleben voll Not und Entbehrungen, voll Arbeit und ideellem Streben jäh seinen Abschluß fand. Frühling war kein Schriftsteller von Berus und auch kein Meister des Stils. Er war zuerst Kaufmann und dann eine zeitlang Administrator eines jüdischen Tagblattcs. lind da kam er lange vor deni Kriege auf die Idee, die Zugehörigkeit der Juden zur österreichych-ungarischen Armee hnwrisch und biographisch darzustellen. Die Idee war neu, die Durchführung ungemein schwer. Aber der mittellose, schriftstellerische Neuling ließ nicht locker, er vertiefte sich, ja er verbohrte sich in den Stoff. Aus den Archiven der höchsten militärischen Behörden verschaffte er sich das Material und dieser auch physisch schweren Arbeit ividmete er sich ganz und unter großen persönlichen Entbehrungen. Endlich gelang es ihm, von jüdischen Körperschaften kleinere Subventionen zu erhalten. Das ermöglichte ihm die Herausgabe seines ersten Sammelbuches „Biographisches Handbuch der in der k. u. k. österreichisch-ungarischen Armee und, Kriegsmarine aktiv gedienten Offiziere, Aerzte Truppcii-Rechiiungsführer und sonstigen Militär - beamten jüdischen'Stammes". Es war eine biographische Zusammenstellung jüdischer Offiziere und Miliiärbeamten soivohl in der Armee als auch in der Flotte, die selbst dem Eingeweihten viel Neues brachte. Neben diesen biographischen Daten sammelte Frühling viel episodisches Material aus den Regimentsgeschichten, wo es weiteren Kreisen unbekannt blieb. Er beabsichtigte ein dreibändiges Werk, betitelt „Die Juden in der Wehrmacht Oesterreich-Ungarns" herauszugeben und hatte hiesür bereits einen großen Verlag gesunden. Inzwischen kam der Krieg und angesichts vielfacher Anfeindungen des tüdischen Volkes von gewisser Seite beschloß Frühling, ein jüdisches Kriegs-Gedenkblatr herauszugebc», worin in Form von torilausenden Heften die Heldentaten gefallener jüdischer Otftziere geschildert werden sollten. Leider sind kaum sechs Hefte erschienen, von denen jedes zirka 20 Gedenkblätler enthält. Diese sechs Hefte lind im Verhältnis zum ungeheuren Material, welches Frühling bereits gesammelt hatte — sind doch Tausende jüdischer Offiziere gefallen — ein kleiner Bruchteil. Allein sie sind ein Beweis gründlicher Arbeit, genauer Sachkenntnis und voller Hingabe. Jedes Gcdenkblatt ist allein ein Denkstein für den gefallenen Helden und wird auch gewiß dessen Namen für lange Zeiten ein Andenken sichern. Die Arbeiten Frühlings haben vorwiegend einen apologetischen Zweck. Bon diesem Gesichtspunkte hätten sie uns in den Zeiten, denen wir enigegengehen, sehr nützen können. Für das vom Parteileben zerklüftete Judentum, in dem das Gcnieinsame noch immer gegenüber dem Trennenden zurückstehen muß, bildet der Tod dieses ivenig gewürdigten Schriftstellers einen unersetzlichen Verlust, Dr. L. Prof. Musil über Jerusalem und seine Juden. In dem eben erschienenen Hefte der „Ocsterreichischen Monatsschrift tür den Orient" veröffentlicht Geheimer Rat Prof. Alois Musil eine geschichtlich-ethnologische Studie über Jerusalem. Der bekannte Forscher gibt darin ein interessantes Bild des Jerusalemer Judentums, dem wir nachstehendes entnehmen. Die Einwohnerzahl von Jerusalem, berichtet Musil, läßt sich nur schätzungsweise angeben und dürfte 80.000 kaum übersteigen. Die Mehrheit mit etwa 80.000 bilden die Juden, dann kommen die Christen mit 20.000 und endlich die Muslime mit 10,000 Seelen. Obwohl die Juden am zahlreichsten vertreten sind, so spielen sie dennoch keine einflußreiche Rolle, da sie meist aus Einwanderern bestehen. Jerusalem kann weder was die Rasse noch was die Sprache betrifft, als eine arabische Stadt bezeichnet werden. Der Rasse nach bildeten und bilden die Einwohner ein buntes Gemisch. Bereits um die Milte des zweiten Jahrtausends v. Ehr. war Jerusalem von Angehörigen verschiedener Raffen bewohnt. Ueber die äitangesessene Bevölkerung, die, wie es scheint, zwei verschiedenen Ragen angehörte, ergoß sich eine neue Schicht der wahrscheinlich indogermanischen Eroberer. Am Ausgange des zweiten Jahrtausends kam eine neue Oberschicht, die Hebräer. Neues, fremdrasstges