Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 31 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3495278-3495381-3495410--0773-3521494- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Rawicz 1× ep/1048078
OCR text
Seite 8 Jüdisehe Korrespondenz. Nr. 31 Blut wurde der Stadtbevölkerung zugeführt am Ausgange des ersten Jahrtauieuds ». Chr., als nach Jerusalem die zum Judentum bekehrten Mischlinge aus dem Evomiterlande, Aegypten, Syrien, "Persien, Kleiuasieu und selbst Europa strömten. Nach der Niederwerfung des jüdischen Aufstandes unter Kaiser Hadrian durfte sich in der neu amgcbautcn Stadt kein Jude und, wie es scheint, kein Judenchrist ansiedeln, so daß die damalige Bevölkerung nur aus Heiden und Christen der verschiedenartigsten hellcnisierten orientalischen Rassen bestand und durch steten Zuzug abendländischer Pilger einen fast indogermanischen Typus erhielt. Daran änderte sich nicht viel, als sich mit den Mohammedanern zahlreiche Araber in Jerusalem niederließen, und die Bevölkerung dem Scheine nach vollkommen arabisierten. Unter den Kreuzfahrern kam nach Jerusalem wieder viel fränkisches Blut, kein Wunder, wenn man unter den Christen und auch unter den Muslimen Typen findet, die verkleidete Franzosen oder Deutsche zu sein scheinen. Das beste Beispiel dertverschiedcnsten Mischlingsrassen bilden die Jerusalemer Juden. Die Juden mischten sich immer mehr in den unzähligen, in der ganzen alten Welt zerstreuten Judengcmeinden mit den zum Judentum bekehrten Heiden, und es entstanden im Laufe der Zeit eigene scharf ausgeprägte Judentypen, die man nirgends auf der Welt so gut beobachten kann, wie eben in den jüdischen Kolonien in Jerusalem. Wie ganz anders lieht der behäbige, aus Nordrußland eiiigewanderle Jude aus, als sein schmächtiger, aus südarabien stammender Mitbruder! Welch ein Unterschied zwischen dem holländischen Juden und dem jiidiichen Einwanderer aus Buchara! Und genau so wie der Rasse, unterscheiden sie sich auch der Sprache nach. Arabisch sprechen nur die Muslime und die Mehrheit der Christen. Bon den Juden beherrschen eigentlich nur die „Sephardim" das Arabische und auch von diesen nicht -alle. Die eigentliche Verständigungssprache der jüdischen Kolonisten bildet das Hebräische (Aramäische) des Talmud, i?) Dieses verstehen sie alle, weil es in allen ihren Religionsfchulen gelehrt und in den Synagogen gebraucht wird. Die einheimischen Jerusalemer Juden (etwa 6000) sind alle „Sephardim". Ihr Oberhaupt ist der Großrabbincr, oder wie er in Jerusalem genannt wird, der Chacham Baschi. Er hat keine eigentliche Residenz und keine festen Bezüge. Seit der Einführung der Verfassung ist sein Wirkungskreis sehr gering, da die Ortsbehörden über alles verfügen. Der Chacham Baschi führt den Vorsitz in dem Betdin, dem Richtcrkollegium, das aus drei Rabbinern und einem Schreiber besteht und in Eheangelegcnheiten und in allen unter den Sephardim entstandenen Streitigkeiten entscheidet. Ohne die Zustimmung des Betdin darf kein Jude das türkische Gericht anrufen. Wenn der angeklagte Jude nach dreimaliger Vorladung vor dem Betdin nicht erscheint, so darf ihn der Kläger vor der türkischen Behörde belangen. Früher wurde der unbotmäßige Sephardim mit dem Bann belegt, jedoch hat dieser Bann jetzt keine Wirkung mehr, und niemand kümmert sich um ihn. Die Hauptsynagoge der Sephardim liegt in der Hartel-Jehud, ist recht einfach. Die angesehensten Familien unter den Sephardim sind die Valero, Panisiel und el-Jasar. Der Familie Panisiel entstammte der vorletzte, und der Jasar der letzte Chacham Baschi. Chajjim-el-Jasar, ein Sohn des letzteren, sollte ebenfalls Großrabbiner werden, doch bekämpfte ihn die Alliance Jsraelite, da sie ihn für allzu orthodox hielt. Der Familie Kokja, eingewandert aus dem Kaukasus, gehören viele Häuser, Grundstücke und Bankgeschäfte. Sowohl diese Familie als auch die meisten aus Bochara eingewanderten Juden sind erst während des Krieges osmanische Staatsangehörige geworden. Die „Aschkenazim" sind europäische Juden, die der Medrrnhl nach seit etwa 6« Jahren zumeist aus Oesterreich.Ungarn, Rußland und Amerika nach Jerusalem einwanderten. Auch die Aschkenazim haben einen Oberrabbiner, doch wird dieser von der Regierung nicht als selbständig anerkannt, sondern soll von demjenigen der Sephardim abhängig bleiben. Jerusalem ist keine Handels- und auch keine Industriestadt. Die Umgebung ist sehr arm und kann die Bevölkerung nicht ernähren. Alles was man zum Leben braucht, muß eiugcführt werden, selbst das Trinkwasser. Im Kidrontal, unterhalb der Quelle Sitti Marjam, wird Gemüse gezogen, in den übrigen Talmulden werden Oliven- und Feigenbäume gepflegt, an den Hängen auf mühevoll hergerichtelen oft winzigen Feldern Gerste und Wein angebaut, aber selbst die beste Ernte genügt für die Bevölkerung nicht. Das Gemüse ist in Jerusalem immer verhältnismäßig teuer, da es von weil her geholt werden muß. Das Getreide liefern die fruchtbaren Ebenen des alten Ammon und Moab im Osten vom Toten Meer und im Spätsommer begegnet man oft endlosen Reihen schwerbeladencr Kamele, Maultiere und Esel, die von Jericho gegen Jerusalem langsam emporsteigen. Aus dem Osljorvanlande kommen auch die fleischliesernden Kleinviehherden und von dort bringt man auch Wolle, die in den primitiven Webereien Jerusalems verarbeitet wird. Wenn die Zufuhren aus dem Osten abgeschnitten werden sollten, so könnte Jerusalem überhaupt nicht existieren, oder aber es würden die Preise der Lebensmittel eine ungeheure Höhe erreiche». Ter Westen, die Küstenebeueu von Palästina, haben in den Hafenstädten viel bessere Absatzorte als in dem über 700 Meter höher gelegenen und schwer erreichbaren Jerusalem. Alles, was heule vom Westen nach Jerusalem kommt, ist sehr teuer, obwohl für den Transport die Eisenbahn zur Verfügung steht. Mit der Bahn werden von Jaffa und jetzt auch von Hajia aus alle europäischen und Kolonialprodukte eingeführt, so insvesonders Kleiderstoffe, Leder, Eisen, Holz, Petroleum, Zucker, Kolonialwaren n. a. m. Für den Bau eines Hauses z. B. liefert das Land nur Stein und Kalk, alles übrige muß aus der Fremde geholt werden. Unter solchen Umständen ist es begreiflich, daß sich nur wenige Einwohner in Jerusalem mit dem Handel abgeben. Bon den Juden beherrschen den Handel mit Kolonialwaren die Firmen Jusef el-Jasar und Komp., Maier Gani und Jakob Rabbinowitsch, während die Firmen Maras und Sohn sowie Aron Goral die Manusakrurwaren importierten. Der ungarische Staatsangehörige Wilhelm Groß besitzt Kommffstonsniederlaffunge» in Jerusalem, Jaffa und Hajfa. Die österreich-ungarische Kolonie in Jerusalem zählt über 5000 Juden, die in acht Laudschaflsgemeinden zerfallen, und zwar in eine Oesterreichisch-galizische, Kossower, Wißnitzer, Bukowiner, Oesterreichisch-ungarisch-böhmisch-mährisLe, Sicbenbürger, Marmaroscher und Munkacser Gemeinde. Die stärkste ist die Oesterreichisch-ungarisch böhmischmährische, dann die Oesterreichisch-galizische Gemeinde. Jede dieser Gemeinden hat in ihrem Heimatlande ihren Kurator und zwei bis vier von ihm bestätigte Vorsteher in Jerusalem. Der Kurator sammelt die milden Gaben, „Chalukka", schickt sie den Vorstehern, die dann mit einem Komitee die Gaben verteilen oder für sie Wohnhäuser bauen. Die meisten österreich-ungarischen Juden wohnen in kasernenarligen dicht aneinander gedrängten Häusern nordwestlich von der Stadt. Die Reinlichkeit ist im Verhältnis zum Judenviertel in der Stadt recht beachtenswcrl, was um so höher anzuschlagen ist, da ja das Wasser in Jerusalem einen der kostbarsten Artikel bildet, da jede gefüllte Zisterne um einen hohen Preis sofort verkauft werden kann. Residenz-Atelier lur isiuuGi'iiG r nuiuyi u|iiiid Jüd. Buch-«. Kunstverlag Max Hickl Wien, VH!., Lercheng. 6 a. Brünn, Adlerg.S. Soeben erschienen: Lickls jüdischer Volkskalender Kriegs- und Sriedenskalender Aus dem Inhalt: Belin, Dr. Friedrich: Jüdische Grabdenkmäler in Galizien. — Benedikt Klotilde: Weil sie Jüdin war. — Bergmann, Dr. Hugo: Ein jüdisches Märchenbuch.'— Birnbaum, Dr. R.: Kein Schnbbes mehr. — Bloch Chaim: Die Gemeinde der Chassidim. — Cohn, Dr- Karl, Altona: Was sollen wir tun. — Dienemann, Dr. Rabb.: Judentum und Friedensidee. — F a h n Rüben: Das alte Flußbett. — Freudni a » n, Dr. G.: Belgrad im Kriege. — Gelles, Dr. Rabb.: Messianismus und Weltkrieg. — Joseph Mar: Jüdische Politik. — König Eisig: Zwei Gedichte. — Moser Benzian: Kinderlos. — Müller, Dr. Ernst: Psalm 23. — Neuburger, Dr. Max, Untversiläts-Pivfessor: Zwei Wiener Aerzte jüdischer Abkunft als Pioniere der Wissenschaft im Orient. — Rawitsch Mellech: Gott gloiben. — Schach Fabius, Hamburg: Das neue jüdische Leben. — Derselbe: Jüdische Aphorismen. — S ch e r l a g Lorenz: Ruhlose Zeit. — Sch er lag Marek: Drei Gedichte. — Tag Bernard: Stehen wir im Judentum vor einer religiösen Erneuerung? — Zuckermann Hugo: Ich Hab' ein Ziel. — Ehrentafel der auf dem Felde Gefallenen. Zuschriften an: Redakteur Max Hickl, Wie«, VHI., Lerchengafse 6 a. $ © © «®® „HELDOLANA“ **** Eine neue erprobte Methode, den Gesichtsteint rein zu erhalten, alle JHautunreinigkeiten zu beseitigen und der Haut jeden reizenden, verführerischen Hauch zu verleihen. Man benetze Gesicht, Hände, Hals und Körper mit Wasser, bestreiche dann mit einer Schichte .HELDOLANA“ und wasche die Haut nach einer Weile ab. Bald wird man von dem frischen, blühenden Aussehen überrascht sein. Selbst Runzeln und Falten verschwinden nach dieser Prozedur und von Sommersprossen, Wimmeln und sonstigen Hautunreinigkeiten bleibt keine Spur. Erhältlich in Parfümerien, Drogerien und Apotheken. S © © © © @®®&®©®®®®»®*®*®®®®®«®®®®®®®w Wien, I., Seitenstettengasse 5 empfiehlt ihr reichhaltiges Sortiment in: Talnrod-, Decisoren- und rabbinischer Literatur, Bibeln. Kommeiitarwerke, neuhebräisehe u. jüdisclte Belletristik, hebräische Lehrbücher u. Grammatiken. Reiches Lager an Judaieis. U. a.: Kleine Bibel, Taschenausgabe, Leinenband.K 16’— Milan schel Kiß, hebräisch - deutsches Wörterbuch von Grasowsky ..... 20 — M a r g e 1, Deutsch-hebräisches Wörterbuch » 20-— K o 11 e k, Geschichte der Juden Dr. 8. Funk, Die Juden in Babylonien Dr. D. Ho ff mann, Leviticus Dr. R. Breuer, Die fünf Megilloth (auch einzeln). Sämtliche Werke von S. R. Hirsch, Jul. Hirsch und Mendt Hirsch. 1 Herausgeber und verantwortlicher Redakteur: Jonas Kreppet. Genossenschafts-Buchdruckerei, Wien, VIII., Hemalser Gürtel 20.