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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-01 · 31 (1.11.1918) · page 6

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
31 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 31 Wölfen heulen, sondern man muß stark genug sein, um, wenn's not tut, gegen den Strom schwimmen zu können und Abseits-' und Irregeleitete ins richtige Fahrwasser zu bringen. Kein Haarbreit traditionellen Bodens darf freigegeben werden. Unsere Religion ist zu grandios, als daß man sich zu irgendwelchen Konzessionen einlassen könnte. Zeit ist's daher, daß eine jüdische Gemeinschaft — ein Block starker Individualitäten, die sich nur an den „Schulchon Oruch", an den gedeckten Tisch setzen brauchen, um von diesem Gesichtskreise aus, zu allen ihnen vom Zeitgeist ausgedrängten Fragen und Problemen Stellung zu nehmen — dem Abfall Einhalt gebietet und von neuem auszubauen beginnt. Aleph. (Schluß von Seite 4.) tungen in Polen zu bearbeiten habe. Die Leitung des Referates, das weaen des großen Umfanges der jüdischen Wohltätigkeit sehr wichtig ist, sei Herrn Koral übertragen worden. Starker Antisemitismus in Finnland. Vor kurzem wurde die Nachricht von der für den 30. September angedrohten Ausweisung der Juden aus Finnland gebracht. Laut einer Mitteilung der „Prawda" in Petersburg ist die Ausweisungsfrist bis zum 31. Oktober verlängert worden mit der Bekanntmachung, daß an diesem Tage der Befehl rücksichtslos zur Ausführung gelangen werde. Me die finnischen Behörden mitteilen, bezieht sich dieser Befehl nicht aus die ansässige jüdische Bevölkerung, sondern auf die während des Krieges zugereisten russischen Juden. (Aber die zugereisten Nichtjuden werden nicht ausgewiesen.) Indessen hat der Befehl auch unter den finnischen Juden eine Panik hervorgerufen. Die Juden befürchten, daß wenn die Polizei die einzige Instanz ist, die die Entscheidung darüber zu treffen hat, ob ein Jude zugereist oder ansässig sei, der Willkür Tür und Tor geöffnet ist. Die finnischen Juden haben um so mehr Veranlassung, beunruhigt zu sein, als ihre seit mehr als einem Jahre eingereichten Gesuche um Naturalisierung noch bis ans den heutigen Tag unerledigt sind, in offenbarem Widerspruch zum Gesetz, das dem Senat vorschreibt, die Naturalisierungsgesuche binnen eines Monats zu erledigen. Tie finnischen Juden bemühen sich bei der Regierung zugunsten ihrer vor der Ausweisung stehenden russischen Brüder. Der Hinweis daraus, daß die Ausweisung für viele Juden unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen in Rußland lebensgefährlich ist, blieb erfolglos. Unter den auszuweisenden russischen Juden befinden sich übrigens auch politische Flüchtlinge, die seinerzeit unter dem zarischen Regime in die Gefängnisse eingesperrt wurden, weil sie für die Freiheit des finnischen Volkes eingetreten sind. Letztens hat die finnische Regierung eine neue antisemitische Maßnahme getroffen, die eine schwere ökonomische Schädigung für die Juden in Finnland bedeutet. Bekanntlich hat die bisherige mittelalterliche finnische Judengesetzgebung den Juden verboten, Handel und Gewerbe zu treiben mit Ausnahme des Handels mit alten Kleidern. Im Lauf der Zeit haben sich die Juden infolgedessen fast ausschließlich auf dem Gebiete der Konfektion und des Manufakturhandels spezialisiert. Unter der falschen Beschuldigung, daß die Juden sich mit Preistreiberei beschäftigten, gründete die Regierung jetzt einen Handelsverein mit der Bezeichnung „Manufaktura", dessen Mitgliedern allein das Recht zusteht, Handel mit Manufakturwaren zu treiben. Allen andern ist es auf das strengste verboten, mit Manusakturwaren zu handeln. Trotz aller Bemühungen ist es bis jetzt keiner einzigen jüdischen Firma gelungen, in den Handelsverein „Manufakiura" ausgenommen zu werden. Diese unerhörte antisemitische Maßnahme hat den offensichtlichen Zweck, der kleinen Zahl finnischer Juden ihre einzige ökonomische Erwerbsmöglichkeit zu rauben, um sie zur Auswanderung aus dem Lande zu treiben. Die Juden in Helsingfors hielten aus diesem Aulaß eine Reihe von Konferenzen ab und legten bei der Regierung den schärfsten Protest ein. Rundschau. (Verein zur Wahrung der Interessen des orthodoxen Judentums.) Sonntag, den 27. d., nachmittags, fand eine Vorstandssitzung dieses Vereines statt, die sich mit den aktuell-politischen Fragen beschäftigte. Nach einer lebhaften Erörterung der jüngsten Ereignisse und deren Rückwirkung auf die Stellung der Orthodoxie wurde beschlossen, in den nächsten Tagen eine weitere Sitzung einzuberufen, der auch die Mitglieder des Aktionskomitees der Organisation der Orthodoxie beigezogen werden sollen. Hiebei soll die Stellung der Orthodoxie endgültig sestgelegt werden. (Eine Oberrabbiner-Asfaire in Wien.) Kaum wenige Monate nach der Lö'ung der Oberrabbinerfrage in Wien beschäftigt diese Angelegenheit wieder einmal die Oefientlichkeit. Der neue Oberrabbiner Dr. P. H. Chajes hat in seinen Predigten das politische Thema im zionistischen Sinne angeschnitten, wogegen sich sowohl unter den Tempelmitgliedern als auch innerhalb des Kultusvorstandes eine Opposition bemerkbar machte. Die Sache gelangte bei der jüngsten Plenarsitzung des Kultusvorstandes im Wege einer Interpellation des Vorstehers Dr. H. Schreiber zur Sprache. Es ergriffen hiebei der Präsident Dr. Stern sowie die Vorsteher Dr. Schreiber, Stricker, Prof. Ehrmann und Dr. Ritter v. Schwarz-Hiller das Wort. Von einem Beschlüsse wurde abgesehen, doch soll dem Oberrabbiner privatim nahegelegt worden sein, künftighin in seinen Kanzelreden das aktuell-politische Thema nicht zu berühren. (Der Großrabbiner von Sieniawa verschieden.) Am 17. d. M. ist in Neu- Sandez nach langem, schwerem Leiden Großrabbiner Moses Halberstam im Alter von 76 Jahren verschieden. Der Verewigte (Enkel des berühmten Sandzer Großrabbiners Rabbi Chaim,sichrono liwnocho) war Oberrabbiner in Stropkow (Ungarn), sodann Oberrabbiner in Sieniawa (Galizien), in den letzen Jahren war er Nachfolger der berühmten Großrabbinen in Neu-Sandez. Samstag nacht fand das Leichenbegängnis statt. Tausende und tausende Menschen, Verehrer des verewigten Rabbiners aus Ungarn und Galizien, aus weitester Ferne, sind zusammengeströmt, um an dieser Trauerfeier teilzunehmen. Viele Rabbinen hielten feierliche Trauerreden. Zu seinem Nachfolger ist sein Sohn, Oberrabbiner aus Sieniawa, Leibisch Markus Halberstam, berufen worden. Das Ableben dieses hervorragenden Großrabbiners hat in allen jüdischen Kreisen große Trauer hervorgerufen. Sonntag, den 27. d. M., wurden denselben in der Wiener Sandzer Klaus und in der Talmud- Thora„Hespedim"gemacht. Rabbiner Jeruchem- Sharry-Sambor und Oberrabbiner Steinberg-Brody widmeten dem Verblichenen tiefempfundene Nachrufe. Secher Zaddik livrocho! (Aufba« der Jeschiwaus in Litauen.) Aus Zürich wird berichtet: Ein Ausruf, den Herr Rabbiner Dr. A. Cohn in Basel zugmisten der Jeschiwaus in Litauen in diesen Tagen erlassen hat, findet hier allgemein die wohlverdiente Beachtung. Ueber die jetzt wieder errichteten Jeschiwaus in Litauen sind einem Briefe des Herrn Oberrabbiners Rubinstein in Wilna an Herrn Rabbiner Dr. Cohn in Basel vom 25, August 1918 folgende Zahlen zu entnehmen. Die Zahl der Schüler beträgt zurzeit in Köwno- Wiliampol IM, Telsche 120, Wilna 145, Grodno 100;Radum 20,Killmy 40, insgesamt somit über 5M Schüler. Werden die Bedürfnisse eines Jeschiwo-Jüngers auf ca. 80 Mark veranschlagt, so stellt sich das monatliche Budget auf ca. 40.000 Mark. Hierzu kommen noch die Ausgaben für die Lehrer und Beamten der Jeschiwaus. In einem andern gleichfalls an Herrn Rabbiner Dr. Cohn in Basel pom Rabbiner aus Telsche . gerichtesen Brief, datiert vom. 1,4, Mul 5678, -tzmd.der mühsame Aufbau der dortigen Jeschiwo geschildert: „Die Jeschiwo ist soweit.gediehen, daß sie eine Zahl von 120 Schülern ausweisen kann, eine Zahl, die für die jetzigen Verhältnisse sehr bedeutend ist. Wer die Telscher Jeschiwo aufmerksam betrachtet und ihr geistiges Leben wahrnimmt, der kommt zu der Ueberzengung, daß in dem hingebungsvollen Studium der Gotteslehre die Zukunft des jüdischen Volkes wurzelt. Leider ist die Existenz der Jeschiwo jetzt in Gefahr geraten, ... die Teuerung der Lebensmittel steigt immer mehr, und zugleich steigen die Ausgaben der Jeschiwo. Darum, Brüder, helfet uns, denn unsere Lage ist kritisch. Lasset diese heilige Lebensquelle der jüdischen Seele nicht untergehen. Rettet unsere Jeschiwo und die Zukunft unserer Kinder." (Die Sendung von Hilfsgeldern nach Rußland in Amerika nntersagt.) Dem jüdischen Preßbureau in Stockholm wird aus London telegraphiert: Herr Samuel Mason, der von der Üsbrorv Immigrant. Aidsociety in New Jork nach Japan und Sibirien entsendet war, um die Lage der jüdischen Heimlosen und Emigranten zu untersuchen, ist von seiner Reise zurückgekehrt. Er berichtet, daß in Sibirien allein sich 20.000 Juden befinden, die in schrecklichster Not leben. Mit den von ihm mitgebrachten Hilfsmitteln konnte er nur für einige Zeit das Elend von 20M Personen mildern. Leider werden die amerikanischen Juden für diese Unglücklichen, wie üherhanpt für die zahllosen jüdischen Opfer des Weltkrieges und des Bürgerkrieges in Rußland bis auf. weiteres nichts tun können, denn ein weiteres Londoner Telegramm meldet uns:

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