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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-01 · 31 (1.11.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
31 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Organ das Vereines „Jeschuriin“; ORGANISATION i für die thoratreue Jugend Wiens. ■; Alle Zuschriften und Anfragen sind i; zu richten an: fc „Je$cluinjn<'-Preßkomitee,Wien.l.tSalziörgasse2, &..■-■■■■■■■ =^-' ——====== Jeschurun Np. 31. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“.; ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I., Salztorgasse 2. Dr. llachan Birnbaum: „Gottes Volk". (Verlag R. Löwit, Wien, Berlin, 1918.) Seit Monaten sieht man in allen Judaica führenden Buchhandlungen das grellgelbe Buch Dr. Nathan Birnbaums „Gottes Volk"; aber noch immer gibt es Privatbibliotheken, die diese kleine Broschüre mit ihrem gewaltigen Inhalt nicht ziert; ja es gibt sogar Junge und Alte, die sich zur intellektueÜen Orthodoxie zählen, und die sie noch nicht einmal gelesen haben. Es ist eine allgemein bekannte, seuchenartig verbreitete Krankheitserscheinung der Grande monde, daß selbst die allerbeste Dame aus ersten Gesellschaftskreisen bei ihren auf viele Tausende budgetierten Diners, die sich in künstlerischen Arrangements und kulinarischen Finessen an Pompe stets überbieten, die irgend ein Werk rühmende Baronin oder den ihr widersprechenden Kommerzienrat bittet, ihr dieses leihweise zu schicken. Wie etwa das übermäßige Wassertrinken bei einem Fieberkranken, ist eine wahllose, ungeheuere Lektüre das zweite diese Indolenz charakterisierende Symptom. Nur politische Schriften werden verschmäht, wiewohl der Absatz solcher für den Autor einem für ihn in die Urne geworfenen Stimmzettel gleichbedeutend ist und jede Neuauflage ihm ein zu neuen Schöpfungen anregendes Mandat ist. Erfahrungsgemäß steht und fällt jedes Buch mit der Laune des Rezensenten, der den sich literatnrkundig gebärdenden Buchtitelamateuren die Richtlinie für seine Kenntnisse und Urteile gibt. Gerade im vorliegenden Falle würden diese Umschlagkoryphäen arge Täuschung erleiden, wenn ihnen nicht Umsichtigere Vorgriffen, um falsche Vermutungen zu entkräften; denn wer Birnbaums frühere Werke kennt, wird vielfach nicht genügendes Interesse für seine weiteren Schöpfungen aufbringen. Doch Nathan Birnbaum von ehedem ist nicht NathanBirnbaum von heute! Er ist Bal Tschuwoh in des Wortes edelster Bedeutung. Wir alle erleben an ihm das selten frohe Ereignis, einen Mann mit weißem Bart zu sehen, der, nachdem er alle Zweige des Wissens und alle Phasen der modernen Gesellschaft strebend und forschend durchlebt hat, gottwissend wurde und in logischer Konsequenz dessen diese sich ihm offenbarende Erkenntnis durch restloses Ausgehen im Dienste für den Ewigen und sein eigentümliches Volk in tätiges Bekennen umsetzte. _ Alldies wäre durchwegs dazu geeignet, fürsprechendes Vorurteil zu erwecken und jede objektive Beurteilung zu hemmen. Aber Worte, die so von Wahrheit, Liebe und Kraft durchleuchtet sind, bedürfen beim Leser keines Protektors, weder der Erwähnung seines siegreichen Lebenskampfes noch der Aneinanderreihung aller Ephitheta ornantia — die ja doch nicht hinreichend sind. Deworim hajauzim min halew, nechnossim lalew: Worte, die vom Herzen kommen, gehen zu Herzen! Sein Buch ist eine offene, freimütige Beichte; die Begrüßungsrede an die gläubige Jndenheit, der er sich zu seinem höchsten Wonnegefühl wiedergegeben sieht, und gleichzeitig Abschied von allen „Heidenjnden" und ihren Irrungen, für welche er sich mitverantwortlich wähnt. „Solange meine Gesinnung", beginnt er, „bloß jüdisch-national war, d. h. solange es mir im Grunde genügte, wenn das jüdische Volk als Volk mit seinen besonderen Daseinsaniprüchen einbekannt wurde, mochten auch die Bekenner wo immer wurzeln — war mir die Religion kein Problem. Ich wußte wohl, daß sie ini Leben des jüdischen Volkes einmal an erster Stelle gestanden hatte und vielleicht heute noch von bedeutender Wirksamkeit war. Doch was ging das mich und meinesgleichen an? Wir waren ja ganz ausdrücklich nationale, nicht religiöse Juden. . . Als ich mich später vom Gesinnungsnationalismus abwandte, nicht mehr auf willkürliche Selbsteinreihung, sondern auf das Leben und Wesen des Volkes und darauf Gewicht legte, daß man eben diesem Leben und Wesen nach zu seinem Volke gehöre — konnte ich natürlich die Religion nicht so leicht nehmen. Eine Erscheinung, die buchstäblich die ganze Geschichte des jüdischen Volkes durch Jahrtausende beherrschte, mußte für alle Fälle ein hervorragendes Zeugnis seines innersten Wesens und daher der eingehendsten und achtungsvollsten Beachtung wert sein." Doch nicht diese und eine Anzahl anschließend angeführter anderer logischer Erwägungen ließen ihn für den Gottglauben gewinnen. Seine Gläubigkeit erstand rein intuitiv, so wie sie als die einzig aufrichtige Emunoh von unseren Weisen s. A. erkannt wurde. Wunderschön sagt er selbst: „Ich habe Gott nicht gesucht, wie man das heute so schön und so verlogen ausdrückt, ich brauchte ihn nicht zu finden. Er hatte sich in mir angekündigt und trat dann plötzlich in mein Bewußtsein ein. Unmittelbar erkannte ich ihn, in dem alle geistigen Achsen der Völker verwurzelt sind, den Vater und Urgrund aller Dinge, den Vorzeichner der Entwicklungen, den Urplaner und Urbauer. Nur eine Weile wehrte sich noch falsche Scham, diese Erkenntnis zu bekennen. Aber ich überwand sie und an ihre Stelle trat eine neue, eine heiße Scham, die bis zur Stunde anhält: daß ich so lange unter denjenigen hatte sein können, die nichts von ihm wissen, daß die Erkenntnis meiner Urahnen, die gewaltigste, die es jemals auf Erden gab, so lange in mir geruht, die Stimme meines Volkes so lange in mir geschwiegen hatte." Wie ein unbegreifliches Rätsel erscheint ihm die Tatsache, daß Juden — Kinder des Volkes, das gewürdigt war, sich in männlicher Demut vor dem allmächtigen Geiste, der alles menschlichen Denkens und Handelns Voraussetzung ist, zu beugen; dem das „Gesetz" in erster Linie nicht Form, sondern offenbarter göttlicher Befehl ist, seinen einsamen Leidens- und Ehrenweg durch das Gedränge der Völker bis ans Ziel der Menschendämmerung zu gehen; daß seine Gesetzeszucht als die Voraussetzung religiöser Entfaltung von Millionen und Milliarden Einzelseelen an sich erlebte — sich dem Golem des sogenannten „freien Geistes, den leblosen Schemen europäischen Krämergeistes überantworten, lieber ordinäre Sklaven jeder Moralkvnjunktur, als geadelte Diener des ewigen Gottes sind — und sogar Musterexemplare dieses neuen Betriebsherdenmenschen wurden. Mit einzigartigem Pathos und fabelhafter Plastik entwirft er ein Bild des Kontrastes grandioser Weltaufsassung echter Juden, gegenüber der lächerlichen kleinlichen Anschauung der „Heidenrebellen". Wir sehen förmlich wie jede Fiber seines Körpers und jede Faser seiner Gehirnrinde unter dem grauenhaften Gespenst der bis ins Herz hinein mechanisierten Menschheit, der tausendköpfigen Hydra moderner Technik fast zermalmt wird. Aber die mächtige Zeder läßt sich von solchem Sturme nicht entwurzeln, sie beugt sich nach der entgegengesetzten Seite und breitet ihre Aeste nach der alten, ewigneuen Sonne aus. Der kulturelle Verfall der letzten Centenien zwang alle genialen Denker von Rousseau bis auf Strindberg und Wedekind zu leidenschaftlichen Kämpfen und flammenden Protesten, die in allen Gebieten der Theorie und Praxis in kongruentesten Extremen ihre Ausläufer fanden. Sie alle steckten zu tief im Schutte ihres Jahrhunderts, um einen Ausweg aus solch grenzenlosem Chaos zu finden und flüchteten in Neurasthenie, Hysterie, oder gar wie Meininger in den Selbstmord; denn ihre Kraft reichte nur zum Einreißen, aber nicht zum Ausbauen. Wie die Sendung Haschems an Jirmijohn lautete: „Siehe, ich sandte Dich heute zu den Nationen und Königreichen, einzureißen, zu entwurzeln, fortzuschaffen, aber aufzubauen und zu festigen", so fühlte auch er, wie es Pflicht jedes Jisroel ist, seinen Berns dazu, und brachte einen Beweis seines Könnens und Wollens, indem er die Tat seines „Gottes Volk" vollführte. Ganz Jisroel — und damit meint er nicht die „Heidenjuden", nämlich die Assimilanten reinsten Wassers, welche sich ihrer Abstammung schämen, noch diejenigen, die durch Schwenkung der Fahne Judäas den das Wasser bis zu seinen Tiefen durchmessenden Blick ihrer Väter und Brüder trüben wollen — sondern den Kern des Judentums, das am ewigen Fundamente der Lehre Gottes, dem geschriebenen und überlieferten Gesetz sesthaltend, allen Zeitläuften Trotz bietet — all diese ruft er zur gemeinsamen Tat aus, daß sie sich die Erlösung erarbeiten und des Messias würdig werden. Jeder Jude ist verpflichtet mitzuwirken und niemand hat ein Recht, sich dieser heiligen Ausgabe zu entziehen, denn eine schwere Schuld ist abzutragen und weitere Verirrungen sind zu verhüten; denn immer ärger wütet der Golem, der alle Augen verblendet. Jedes Gift bedarf seines Antitoxin! Mächtige Organisationen sind erstanden, in denen der Jugend Ersatz für ihr angeboren religiöses Gefühl geboten wird. Auch hier darf man nicht mit den

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