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Jüdische Korrespondenz · 1918-11-01 · 31 (1.11.1918) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
31 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 30 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 was im nachstehenden Aussatze streng objektiv, ohne jeder einseitigen Tendenz, geschehen soll. 1. Siedlungs und Sprachenverhältnisse. Laut dem Ergebnisse der Volkszählung vom Jahre 1910 stellte sich die Zahl der Juden in Oesterreich, respektive in den einzelnen Kronländern, folgendermaßen zusammen: Krenländer insgesamt hievon Juden in °/y Niederösterreich . . 8,531,814 184.779 523 Oberösterreich . . 853.000 1.215 014 Salzburq .... 214.737 285 013 Steiermark . . . 1.441.157 2.895 0 20 Kärnten .... 396.200 341 009 Krain. 525.995 146 0 03 Triest. 229.510 5.498 2-40 Görz u. Gradiska. 260.721 338 013 Istrien. 403.566 677 017 Tirol. 946.613 1.624 0-17 Vorarlberg . .' . 145.408 126 009 Böhmen .... 6,769.548 85-826 1-27 Mähren .... 2,622.271 41.158 1-57 Schlesien .... 766.949 13,442 1.77 Galizien .... 8,025.675 871.895 1086 Bukowina . . . 800.098 102.919 1286 Dalmatien . . 645 606 523 008 Insgesamt . 1900 . . . 25,949.065 23,796.951 1,313.687 1,224.711 460 460 Diese Bevölkerungszahl dürfte sich im Laufe der letzten acht Jahre entsprechend verändert haben, das pcrzentuclle Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden dürfte mehr-weniger dasselbe geblieben sein. Als Umgangssprache hatten bei der Volkszählung vom 31. Dezember 1910 angegeben: Deutsch 339.981 Juden, böhmisch-mährischslovakisch 50.670, polnisch 810.460, ukrainisch 23.615, sloüemsch 16, serbisch-kroatisch 61, 'itäkstttisch-ladrnisch' 2.94^ rumänisch 1.024, magyarisch 22, ohne Umgangssprache 1.132, Staatsfremde 83.712. Hiezu mag bemerkt werden, daß die jiddische Sprache, der sogenannte Jargon, im Sinne des Gesetzes als Umgangssprache bisher nicht anerkannt wurde. Die Juden Galiziens und der Bukowina, die in ihrer überwiegenden Zahl sich des Jiddischen bedienen, waren daher genötigt, eine der üblichen Landessprachen als ihre Umgangssprache anzugeben. Früher war es vornehmlich die deutsche Sprache, in der letzten Zeit trat die polnische an deren Stelle. 2. Vertretung in de« gesetzgebenden Körperschaften. Im österreichischen Reichsrate sind die Juden gegenwärtig durch folgende Abgeordnete vertreten: Dr. Hermann Diamond (Wahlkreis Lemberg-Zolkiewska), Rudolf Gall (Tarnopol), Dr. Adolf Groß (Krakau-Kazimierz), Dr. Heinrich Kolischer (Brody), Hofrat Kuranda (Wien-Kaiviertel), Dr. H. Liebermann (PrzemyN), Dr. Ratan v. Löwenstein (Drohobycz), Dr. Julius Ofner (Wien-Leopoldstadt), Edmund Rauch (Stanislau), Heinrich Reizes (Zloczow), Dr. Ignatz Steinhaus (Zolkiew), Bernhard Stern (Buczacz) und Dr. B. Straucher Czernowitz). Die Abgeordneten Kuranda und Ofner sind deutschsreiheitlich, Dr. Groß, Dr. Kolischer, Dr. v. Löwenstein und Rauch sind polnische Demokraten, Dr. Steinhaus und Stern polnischkonservativ, Gall polnisch-nationaldemokratisch (sämtlich Mitglieder des Polenklubs), Doktor Diamand und Dr. Liebermann polnisch-sozialdemokratisch. Reizes giriert sich hie und da als national, gehört aber formell der galizischen radikal-demokratischen Partei an. Doktor Straucher ist jüdisch-national (zionistisch). Das österreichische Herrenhaus zählt solgende jüdische Mitglieder: Moritz Benedikt, Max Ritter v. Guttmann, Philipp Ritter von Gomperz, Hofrat Professor S. Grünhut, Baron Oppenheimer, Louis Freiherr von Rotschild, Baron Schey und Bernhard Wetzler. Diese Herrenhausmitglieder treten jedoch fast nie als Juden aus und können nur nominell als jüdische Vertreter gelten. Ebenso zählen die diversen sozialdemokratischen Klubs jüdische Mitglieder, die aber nie als Juden austreten und als solche kaum in Betracht kommen. Im galizischen Landtage waren die Juden während der letzten Kadenz durch folgende Abgeordnete vertreten: Dr. Tobias Aschkeuazy (Stadt Brody), Dr. Natan v. Löwenstein (Handelskammer Lemberg), Dr. Stanislaw Rittel (Handelskammer Brody) und Hosrat Josef Sare (Handelskammer Krakau). Im Bukowinaer Landtage saßen letztens zehn jüdische Abgeordnete, nnd zwar Doktor Straucher, Professor Dr. Leon Kellner, Doktor Fokschaner, Dr. Katz, Dr. Neumann-Wender, Dr. Weisselbergers, Janko Fischer, Adolf Kraus, Josef Blum, Wilhelm Tittinger. In den anderen Landtagen gab es wohl hie und da jüdische Abgeordnete, jedoch bloß nominell, da diese weder als Juden gewählt, noch sich als solche betätigt haben. 3. Indische Repräsentanten in den Stadtvertretnngen. . Entsprechend ihrer Zahl sind die Juden in den Stadtverwaltungen vertreten, u. zw. kommt hier hauptsächlich der Osten in Betracht, wo die Juden in größeren Massen wohnen. In den beiden Hauptstädten Galiziens gibt es jüdische Vizcbürgermeister: Hosrat Joses Sare (Krakau) und Dr. Philipp Schleicher (Lemberg). In mehreren galizischen Städten bekleiden Juden die Bürgermeisterstelle, und zwar in Stanislau (Dr. Nimhin), in Stryj (Dr. Falk), in Buczacz (Bernhard Stern), in Zloczow (Dr. Gold), in Brody (Dr. Rittel), in Sambor (Doktor Steuermann rc. rc., in den anderen größeren Provinzstädten sind Juden Bizebürgermeister, zum Beispiel in Drohobycz, Kolonie«, Tarnopol, Tarnow,Rzeszow,Przemysl,Jaroslau,Grodek, Neusandez rc. Dasselbe Verhältnis ist auch in den kleineren Städten. Weniger vertreten sind die Juden unter der städtischen Beamtenschaft, wo deren Zahl eine minimale ist. Aehnlich ist auch das Verhältnis in der Bukowina. Die Hauptstadt Czernowitz hatte wiederholt einen Juden zum Bürgermeister, so auch bei Kriegsausbruch (Dr. Weisselsberger). Abgeordneter Dr. Neumann-Wender ist auch Mitglied des Bukowinaer Landesausschusses. In den westlichen Kronländern, wo die Zahl der Juden in den Gemeinden verhältnismäßig kleiner ist, gibt es nur selten jüdische Gemeindefunktionäre in leitender Stellung. Die Präsidenten der galizischen und der Bukowinaer Handelskammer sind Juden, und zwar Lemberg: Samuel v. Horowitz, Krakau: Taddäus Epstein, Brody: Lazar Bloch, Czernowitz: Wilhelm Tittinger. (Fortsetzung folgt.) Arabische pressestimmen zur palästinafrage. Die amerikanische Zeitung „The Jewish Korrespondent" hat au alle in Amerika erscheinenden arabischen Zeitungen eine Rundfrage über die Stellung der Araber zur Gründung einer jüdischen Heimstätte in Palästina gerichtet und eine Reihe von Antwortschreiben erhalten. Der Redakteur der Zeitung „Al-Fatat" schreibt: „Wir glauben zuversichtlich, daß die Alliierten den Krieg gelvinncn werden, daß ihr Sieg den Prinzipien von Recht und Gerechtigkeit, für die sie kämpfen, Geltung verschaffen wird, und daß sie ihr Versprechen an die kleinen und unterdrückten Völker erfüllen werden. Wir leben in der Hoffnung aus die Verwirklichung dieser Prinzipien, und es wird sicherlich für uns eine Freude sein, ein Volk als Nachbarn zu haben, mit dem wir so viel gemeinsam haben, und Hand in Hand mit ihm am Aufbau einer glorreichen Zukunft unseres Landes zu arbeiten." Der Redakteur der Zeitung „Al-Flata" schreibt: „Als ich in Syrien war, war ich ein Freund des Zionismus, weil die Juden ein energisches Volk sind, und weil sie das verwüstete Land wieder aufbauen. Ich hoffe, daß die Alliierten nach dem Kriege nicht ein Königreich dulden werden, das aus einer religiösen Körperschaft basiert, sondern daß sie die Errichtung einer Republik mit gleichen Rechten für alle Nationalitäten begünstigen werden." In unfreundlichem Sinn äußert sich dagegen der Herausgeber der syrischen Wochenschrift „Fatat Boston". Als Gründe für seine ablehnende Haltung führt er an: 1. Die Vorstellungen der Zionisten über die ökonomische Kapazität Palästinas sind übertrieben, und die Zionisten scheinen die Forderungen und Interessen der Landeseinwohner zu ignorieren, oder sogar deren Existenz in ihren Plänen auszuschließen. 2. Wir glauben an das vom Präsidenten Wilson verkündete und von den alliierten Regierungen gebilligte Recht jeden Volkes auf Selbstbestimmung. Daher können wir kaum annehmen, daß die alliierten Regierungen die Errichtung eines künstlichen Staates entgegen den Gefühlen und Wünschen derHandelsbevölkerung unterstützen werden. 3. In Palästina ringen die drei großen Religionen um die Vorherrschaft; das einzige wirksame Band zwischen ihnen ist ein kulturelles, vermittelt durch die arabische Sprache und Literatur. Die zionistische Bewegung ist nicht geeignet, ein solches Band zu festigen. 4. Die einzige Daseinsberechtigung des Zionismus ist nach unserer Ansicht eine religiöse. In einer Zeit, da religiöse Toleranz von allen zivilisierten Völkern als wesentlich für den Fortschritt angesehen wird, scheint uns die zionistische Bewegung daher ein Zurückgleiten in die Vergangenheit zu sein. Die Errichtung eines Staatswesens aus nationaler Grundlage würde nur die Streitigkeiten wieder ausleben lassen, die wir in Palästina auszurotten bemüht sind. Unsere Haltung gegenüber den Juden, die in Palästina wohnen, ist eine sreundnachbarliche... . Wir hoffen, daß die zionistische Bewegung ihre Energien mehr auf die Wiederbelebung einer semitischen Kultur richten wird,

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