Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 31 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 31 zumal denjenigen, welcher über ein Gebiet verfügt, das eine lange Vorbereitung und Uebung erheischt, wie das der Feinmechaniker, Kunstschlosser, Monteure, Elektrotechniker, Installateure, Kunsttischler, Schreiner, Baumeister, Holzschnitzer und dergleichen, die gerade jetzt beim Wiederaufbau der Kriegsgebiete äußerst gesucht sind. Die Bauern sowie die Handwerker der genannten Kategorien sind im Kriege sehr wohlhabend, erstere sogar reich geivorden. Ihr Selbstbewußtsein ist enorm gestiegen, sie sind alle im höchsten Grade vom nationalistischen Taumel ergriffen, das Schlagwort vom Selbstbestimmungsrecht der Völker hat gerade auf diese Klassen wie ein starker, aufregender Trunk gewirkt. Jeder fühlt sich als Stütze — und als alleinberechtigter Nutznießer des künftigen Nationalstaates, und jeder empfindet den „fremden Juden" als lästigen Mitesser und Konkurrenten. Sie werden alle mit Wonne ihr Möglichstes tun, um diesen „fremdnationalen Elementen" das Leben nach Kräften unmöglich zu machen und sie aus dem Lande zu verdrängen. Innerhalb der engen Grenzen des Nationalstaates werden sie ungehemmt schalten und walten dürfen, von keiner obersten Zentralgewalt gehindert, von keinem mäßigenden Einfluß gestört. Sollte das Prinzip des Selbstbestimmungsrechtes der Völker auch auf die Juden angewandt werden, sollten sie also in den neu geschaffenen Nationalstaaten als besondere Nationalität anerkannt und ihnen die sogenannte „nationale Autonomie" zuerkannt werden, so wird erst die Zukunft lehren, inwiefern dies ihre politische Lage verbessern kann. In wirtschaftlicher Beziehung wird das nur eine beträchtliche Verschlimmerung bedeuten. Wenn sie sich als besondere jüdische Nationalität erklären, dann muß es dem tschecho-slowakischeu, südslawischen, ukrainischen Nationalstaate erst recht freistehen, sie zum Lande hiuauszuboykottieren. Es wird den Juden unbenommen bleiben, sich selbst nach Belieben zu „bestimmen", man wird ihnen einen eigenen Wahlkataster cinräumen, aber da sie überall eine Minderheit bilden, wird ihr Einfluß auf die Gesetzgebung und Verwaltung ein ganz minimaler sein. Sie werden sich eigene Schulen, eigene Theater und eigene Museen eröffnen dürfen. Sie werden sogar eigene Gerichtsbarkeit und eine eigene Verwaltung beanspruchen können. Aber ein eigenes Wirtschaftsgebiet werden sie nicht besitzen, weil sie keinen Bauernstand haben, der in geschlossenen Siedelungen sitzt und den Boden in seinen Händen hält; vom ganzen Nationalreichtum besitzt nur eine dünne Schicht unter ihnen einen verschwindend geringen Bruchteil, und diese dünne Schicht ist nicht in der Lage, die große Masse einigermaßen zu ernähren. Die Produktion der Güter ist nicht in ihren Händen, sie leben von der Vermittlung der Erzeugnisse anderer. Als fremde Nationalität werden sie von allen Klassen der herrschenden Nationalität als ein Pfahl im Fleisch empfunden werden, als Störer der nationalen Einheit und Gleichartigkeit; und diese sind ja jetzt das höchste Ideal, zu dessen Verwirklichung die reinliche Scheidung zwischen den Nationen vorgenommen und die Nationalstaaten konstituiert werden. Man wird sie überdies stets verdächtigen, daß sie mit der „jüdischen Nationalität" der anderen Nationalstaaten in heimlichem Einvernehmen stehen und die Verwirklichung der höheren Ziele der herrschenden Nation behindern. Sie werden nicht nur als Staat im Staate, sondern als Staat gegen den Staat behandelt werden. Und es wird als Gebot der nationalen Ehre und Selbsterhaltung gelten, sich ihrer mittels wirtschaftlichen Druckes nach Kräften zu entledigen. Es ist angezeigt, auch hier auf Rumänien hinzuweisen. Was jetzt durch Wilsons Machtspruch erreicht werden soll, haben die Rumänen schon vor einem halben Jahrhundert vollbracht. Gestützt auf die russische Gesetzgebung aus der Zeit der Okkupation von 1828 bis 1832, erklärten sie die Juden als „iration juive“. Eine „jüdische Nationalität" hatte im rumänischen Nationalstaat nichts zu suchen. Man konnte sie freilich nicht alle auf einmal zum Lande hinauswerfen, aber man konnte und durste sie durch gesetzgeberische und wirtschaftliche Maßnahmen derart einschnüren, daß ihnen das Leben in Rumänien unmöglich wurde und sie von selber auswanderteu. Von diesem Grundsatz ist die rumänische Judenpolitik bis auf den heutigen Tag getragen. Rumänien den Rumänen! Wir müssen unsere Nationalität vor dem Ueberwuchertmerden durch eine fremde schützen! Die führenden französischen Staatsmänner haben den Rumänen in diesen Bestrebungen wiederholt Recht gegeben und sie darin unterstützt. Waddington, der als französischer Minister des Aeußeren auf dem Berliner Kongreß am 1. Juli 1878 den Antrag auf Erteilung der vollen Gleichberechtigung an die rumänischen Juden einbrachte und durchsetzte, erklärte am 15. Dezember 1880 in der französischen Kammer wörtlich folgendes: „In der israelitischen Frage bestand die Rolle Frankreichs stets darin, die Forderungen der anderen Signatarmächte an Rumänien (bezüglich der praktischen Verwirklichung der Gleichberechtigung) zu mildern. Man hat in der Presse unsere Ansprüche in dieser Beziehung arg übertrieben. Man forderte die Aufnahme sämtlicher eingeborener Juden in den rumänischen Staatsverband . . . Die Rumänen erhoben Einwendungen. Die Frage ist in der Tat schwierig und die französische Regierung hat diese Schwierigkeiten anerkannt und vollauf gewürdigt." Waddingtons Nachfolger, der Minister Freycinet, erklärte in einer Zirkularnote vom 20. April 1880 die Anerkennung Rumäniens trotz der Weigerung, die Gleichberechtigung der Juden durchzuführen, wie folgt: „Er habe Rücksicht auf die ausnehmend schwierigen Bedingungen, in denen sich die rumänische Nationalität befinde; seit Jahrhunderten sei sie der langsamen Durchdringung (infiltration) durch ein fremdes Element ausgesetzt, gegen welches sie sich zur Wehr setzen müsse, da sie Gefahr laufe, von ihm absorbiert zu werden!" Mit anderen Worten, die demokratischste aller Regierungen rechtfertigte von hoher Warte herab die rumänische Erdrosselungspolitik gegen die Juden mit der Motivierung, daß ohne sie die rumänische Nationalität von dem „fremden Element" aufgesogen werden würde. Dabei beträgt dieses „fremde Element" in Rumänien kaum fünf Prozent. Um wieviel eher wird eine derartige Politik gerecht' fertigt erscheinen zum Beispiel in einem der künftigen Nationalstaaten, wo die Juden etwa 12 Prozent bilden! Es existiert eine ganze polemische Literatur zwischen Rumänen und Juden, die sich um die Frage der „jüdischen Nationalität" dreht. Die Rumänen behaupten hartnäckig, daß die Juden eine besondere Nationalität bilden und darum in Rumänien, das ein Nationalstaat sei, keinen Anspruch auf Daseinsberechtigung erheben dürfen. Die Juden dagegen beweisen, daß sie nur eine Religionsgemeinschaft ausmachen, daß sie zur rumänischen Nation gehören, mit ihr Leid und Freud teilen, sich nur durch das Bekenntnis, und was mit diesem zusammenhängt, von ihr unterscheiden, daher ein Recht ans gleiche Behandlung mit den anderen Rumänen besitzen. Es ist also einleuchtend, daß, wenn die Juden in den neuen Nationalstaaten als gesonderte Nationalität anerkannt und mit „nationaler Autonomie" ausgestattet werden, ihre Lage dem herrschenden Volke gegenüber sich nicht nur nicht verbessern, sondern möglichst noch verschlimmern könnte. Der Erdrosselungs- und Ausschaltungspolitik von seiten der herrschenden Nationalität wird das wirksamste Motiv gegeben sein: die Juden werden sich gleichsam freiwillig als Zielscheiben für den Boykott darb ieten. Und keine zentrale Staatsgewalt wird vorhanden sein, die das Interesse und die Macht hätte, sie zu schützen. . Es. wird behauptet,. daßM. den politischen Freunden und . Berater«- des Präsidenten Wilson einige jüdische Persönlichkeiten gehören. Man nennt den ehemaligen Botschafter Strauß, Morgentham Elkuß. Den Oberrichter Louis Brandeis M Wilson sogar schon zum offiziellen Vertreter der „Ostjuden" auf dem kommenden Friedenskongreß bestimmt haben. Andererseits wissen wir freilich, daß die Polen Dmowski und Paderewski, beide verbissene Judenfeinde, auf die Entschließungen der Entente, und besonders Wilsons, hinsichtlich Oesterreichs einen bestimmenden Einfluß ausübten. Genaueres ist uns ja über die Stellung und den Einfluß jener jüdischen Persönlichkeiten nicht bekannt. Zieht man aber die Lage in Betracht, die das Wilsonsche Schlagwort für die Juden geschaffen hat, so ist nur zweierlei möglich: entweder jener angebliche Einfluß ist eine Chimäre, oder aber diese Persönlichkeiten sind über die wahren Bedürfnisse und die wirkliche Lage der 23 Millionen Inden in Oesterreich-Ungarn sehr, sehr falsch unterrichtet gewesen. _ Die Juden in Oesterreich. Angesichts des Neubaues Oesterreichs, respektive der Umwandlung des bisherigen zentralistischen Staates in einen Staatenbund, wobei auch die Judenfrage wesentlich in Betracht kommt, dürfte es von einigem Interesse sein, nähere Daten über die Juden in Oesterreich, deren Siedlungs- und Sprachenverhältnisfe, politische Vertretung und Parteien, Presse, Organisationen,religiöse,nationale und kulturelle Strömungen, wirtschaftliche Berhältniffe rc. züsammengestellt zu erhalten,