Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 31 (1.11.1918)
- Date
- 1918-11-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jüdische Korrespondenz Bezugs preis: GanzjährigK12, halbjährig K 6, vierteljährig K 3. Einzelnummer 30 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 31. Wien, 1. November 1918. IV. Jahrgang. Der Neubau Oesterreichs 'und die Juden. Die politische Umwälzung in Oesterreich, die in den letzten Tagen so überstürzend vor sich geht, hat naturgemäß auch die Stellung und die Haltung der Inden in den Vordergrund gerückt, und die Tagespreise bringt von Zeit zu Zeit Berichte über jüdische Versammlungen, Konferenzen und Beschlüsse zu den aktuellen Fragen. Ohne auf das Meritum der Sache einzugehen, ist es angebracht, öffentlich festzustellen, daß es sich hiebei nur um die - Stellungnahme einer einzelnen jüdischenGruppe und ihrer Anhängsel handelt, die keineswegs berechtigt ist, im Namen der jüdischen Gesamtheit zu sprechen und zu handeln. Die Orthodoxie wird in der allernächsten Zeit ihrerseits zu den politischen Fragen offen und klar Stellung nehmen. Dasselbe dürfte auch seitens der anderen jüdischen Gruppen geschehen. Bis dahin darf von keiner Seite der Haltung der. Gesamtjudenheit präjudiziert werden, was die Oeffentkichkett zur"KeMtnis nehmen möge. Die Zukunft der Juden in Gesterreich- Ungarn. In ausländischen Blättern veröffentlicht „Ein Oestorreicher" einen Aufsatz über die Zukunft der Juden in Oestorreich-Ungarn, dem wir nachstehende Stellen entnehmen. Ohne uns mit allen Ausführungen einverstanden zu erklären, enthält der Aufsatz manche bemerkenswerte Ansichten. Wir werden im Laufe der nächsten Zeit zu diesem Problem eingehend Stellung nehmen. Wie wird sich das Schicksal der 2'3 Millionen Inden gestalten, die in der bisherigen Doppelmonarchie der Habsburger leben? Der ärgste und unversöhnlichste Feind der Inden ist der Nationalismus. Der Antisemitismus bekundet ja schon durch seinen Namen, daß er sich nicht gegen die Religion, sondern gegen die Rassenfremdheit der Inden richtet. Er fußt auf dem Grundsatz, daß in den Grenzen des Nationalstaates nur die Angehörigen der einen, durch die Raffe am deutlichsten kennbaren Nationalität das Recht haben zu leben. Faßt ein Staat mehrere Nationalitäten zu _ einem einheitlichen festgefügten Gemeinwesen zusammen, so steht er über ihnen allen und gleicht ihre Gegensätze aus, in ihm kreuzen und paralysieren sich die einzelnen Nationalismen gegenseitig und verlieren dadurch an Schärfe und Giftigkeit. Wenn die Nationalitäten aber in Kleinstaaten konstituiert sind, so ist der Nationalismus jedes einzelnen losgelaffen und tobtsich hemmungslos gegen die schwächste Minderheit SHpsT-tflitr 'für» Mr aus: gegen die Inden. Dazu kommt die säkulare Erfahrung, daß die Inden in den Kleinstaaten, insoferne sie dort in größerer Anzahl wohnten und im öffentlichen Leben bemerkbar waren, am schlimmsten behandelt wurden. Deutschland und Italien waren in den Zeiten ihrer Kleinstaaterei die klassischen Länder der Judenverfolgungen und Judenaustreibungen. Erst mit der Einigung konnten die Juden in diesen beiden Reichen volle bürgerliche Gleichberechtigung erlangen. Nur die starke Zentralgewalt eines geeinten großen Staates, die alle Kräfte zusammenfaßt und auf große Ziele richtet, hat die Kraft, die Juden vor dem kleinlichen Brodneid, der Unduldsamkeit und Gehässigkeit der einzelnen Volksgruppen, Jnteressenverbände und Wirtschastsklassen zu schützen. Der Zentralstaat allein ist es auch, der ein Interesse daran hat, die Juden zu schützen, weil er ihrer Kraft für seine allgemeinen, über die einzelnen National- und Klassenegoismen hinansragenden Ziele bedarf. Der Großstäat allein gewährt den Juden hinreichenden Spielraum für die Entfaltung Hrer wirkWMM« " ' . Befriedigung ihrer kulturellen Bedürfnisse. Wenn der Kleinstaat nicht nur klein, sondern auch noch nationalistisch sein wird, so wird er den Juden in seiner Mitte den Lebensraum immer mehr einengen, bis zur Unerträglichkeit. Als Rumänien 1866 sich endgültig als nationaler Kleinstaat konstituiert hatte, begann für die Juden eine Epoche harter Verfolgungen. Und als es durch den Berliner Kongreß 1878 vollkommen selbständig gemacht wurde, nahmen die Unterdrückungen, immer in äußerlich vollständig legalen Formen sich bewegend, unerhörte Dimensionen an und bewirkten eine allmähliche unerbittliche Proletarisierung der jüdischen Massen. Alles mußte national-rumänisch sein. Nicht nur kein Fußbreit Bodens durfte jemandem angehören, der nicht Rumäne von Rasse und Religion war, auch aus dem Handwerk, dem Handel, dem Gewerbe, aus jeglicher Beschäftigung, sogar aus der Schule mußte alles verdrängt werden, was sich nicht als rumänisch von echtem Schrot und Korn ausweisen konnte. Dasselbe kann sich in allen den kleinen, auf dem Boden der österreichischungarischen Monarchie entstehenden nationalen Kleinstaaten wiederholen. Die Rumänisierung von ganz Osteuropa wird Platz greifen. Dieser südslawische, dieser tschechoslowakische oder ukrainische Staat wird mit unduldsamer Eifersucht darüber wachen, daß keine Unze vom Nationalreichtum, sei es an Bodenbesitz oder an beweglichen Gütern, in anderen Händen als denen von Konnationalen sich befindet. „Svuj k’svemu!“ Jeder zu den Seinigen! Das war seit langem das Feldgeschrei der Tschechen, der Südslawen usm. im nationalen Kampfe. Kauft nur bei Volksgenossen, beschäftigt ausschließlich Volksgenossen, gebt nur Volksgenossen zu verdienen, laßt nur Volksgenossen in Eurem Wirtschaftsbereich leben! Wer gar einem Nichtvolksgenossen ein Stück Boden verkaufte oder verpachtete, der war ein abgefeintter Verräter an den heiligsten nationalen Gütern und wurde verfemt. Eine Grenze fand die verheerende Macht dieses Schlagwortes nur in der Notwendigkeit, die sich aus dem Zusammenhang der einzelnen nationalen Territorien innerhalb der gesamten Monarchie ergab. Fällt dieser Zusammenhang weg, dann wird dieses nationalistische Programm kein Hindernis mehr finden und sich vor allem gegen die Juden auswirken. Diese werden ans dem Wirtschaftsleben ausgeschaltet, das heißt proletarisiert werden. Die Juden befinden sich wirtschaftlich in einer Lage, die es leicht macht, sie beiseite zu schieben und überflüssig zu machen. Abgesehen von einer sehr dünnen Schicht der Wohlhabenden oder in der letzten Zeit wohlhabend Oesterreich - Ungarn vom Kleingewerbe, das von einem Tage zum anderen sein Dasein fristet und von jedem Windhauch umgestoßen werden kann. In einzelnen Zweigen des Handwerks sind sie ebenfalls vertreten, sind aber nicht organisiert, verfügen weder über die verbesserten Arbeitsmethoden der Gegenwart noch über den notwendigen Kredit und sind nicht imstande, die Konkurrenz der Großindustrie und der wohlorganisierten, reich ausgestatteten Genossenschaften auszuhalten. Den Bauern kann man nicht durch Boykott überflüssig machen, ebensowenig den wohlorganisierten Handwerkerstand, An unsere geehrten Leser! Nach Ueberwindung mannigfacher technischer Schwierigkeiten wird die „Jüdische Korrespondenz" nunmehr wieder regelmäßig wöchentlich erscheinen. In den letzten Monaten sind die Herstellungskosten des Blattes wiederholt bedeutend gestiegen. Wir sehen uns daher gezwungen, auch unsererseits den Bezugspreis zu erhöhen, und zwar wird die „Jüdische Korrespondenz" ab 1. November kosten: Ganzjährig . . K 12— Halbjährig . . „ 6'— Vierteljährig . „ 3’— Einzelnummer . „ —30 Indem wir die p. t. Abonnenten ersuchen, dies zur gefälligen Kenntnis zu nehmen, ersuchen wir gleichzeitig, das Abonnement laut dem neuen Bezugspreis entsprechend ergänzen zu wollen. Die Administration.