Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 30 (22.10.1918)
- Date
- 1918-10-22
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. SV Jüdlsehe Korrespondenz. Seite 7 offiziellen Meldungen über den Wunsch der ukrainischen Regierung nach dem weiteren Verbleiben der österr.-ungar. Truppen imLandezurAufrechterhaltung der Ordnung wird neuerdings auch seitens der dortigen jüdischen Bevölkerung der Befürchtung Ausdruck gegeben, daß nach einem etwaigen Abzug derTruppen anarchische Zustände einreißen und der Unmut der Bevölkerung sich in Pogromen egen die Juden Luft machen önnte. Es wird deshalb auch von dieser Seite der dringende Wunsch nach weiterer Belassung der österr.- ungar. Truppen in der Ukraine ausgesprochen. (Sabbatfrage in Rumänien.) Die neubegründete jüdische Union zur Durchführung der jüdischen Gleichberechtigung hat, wie „3fr." aus Focfani berichtet wird, Mißstimmung dadurch hervorgerufen, daß sie für ihre Bureaus von vornherein den Sabbat als Arbeitstag, den Sonntag als Ruhetag erklärte. Die Entrüstung war um so berechtigter, als kurz vorher ein Bukarester Blatt in der Tat das Ansinnen an die Juden gestellt hatte, als Preis für ihre Gleichberechtigung die Religionsgesetze aufzugeben und sich als areligiös zu assimilieren. In einer stattgehabten Protestversammlung wurde auf Anregung des Herrn Rabbiners Dr. Nacht und nach scharfen Erklärungen zahlreicher Redner eine Resolution gefaßt, worin die Schließung der Bureaus am Samstag oder aber ihrige völlige Auflösung gefordert wird. (Drangsalierungen der Jade« in Reagrieche«land.)Ein jiiVischerSchriststeller veröffentlicht im „Echo de Bulgarie" einen Artikel, in dem er die Lage der Israeliten unter dem venizelistischen Regime namentlich in Neugriechenland darlegt. Venizelos hat den Juden Salonikis ihre Ergebenheit für den König Konstantin nicht verziehen. Es wurden Verfügungen zur Einschränkung der wirtschaftlichen Tätigkeit der neuen griechischen Untertanen getroffen. Sodann wurde nach dem großen Brand am 18. August 1917 eine allgemeine Enteignung in Saloniki von der Regierung angeordnet und schließlich eine Jagd auf die Juden bei jener berüchtigten allgemeinen Mobilisierung begonnen. Schon vor dem Mobilisierungsdekret trieb man die jungen Leute dazu, sich als Freiwillige in die Armee aufnehmen zu lassen. Unter dem Vorwände gesundheitlicher Inspektionen suchten venizelistische Agenten die Israeliten auf und durchsuchten genau deren Häuser. Sobald sie einen jungen Mann fanden, schleppten sie ihn, wenn er auch krank war, hinaus, schlugen ihn grausam und führten ihn in die Kaserne, die man ihn nie mehr verlassen sah. (Kriegsdienste der amerikanische« Inden.) Welchen Anteil die Juden der Vereinigten Staaten am Kriegsdienst nehmen, beweisen einige Bemerkungen des Herrn Walter M. Chandler, Mitglied des Unterhauses, der im „Congressional Record" folgendes schreibt: „Von der gesamten Bevölkerung des Landes (Vereinigten Staaten) sind zehn vom Hundert waffenfähig, und zwei v. Hsind tatsächlich bei der Armee. Bon den Juden des Landes sind nur fünf v. H. waffenfähig, aber zwei v. H. bei der. Armee." Daß heißt also, daß, während von dem gesamten Volke nur zwanzig v. H. der „Fähigen" zurzeit dienen, von den Juden schon vierzig v. H. ihre Pflicht aktiv erfüllen. Auch leisten einzelne Juden Kriegsdienst von der größten Wichtigkeit, wie zum Beispiel Professor Felix Frankfurter, Direktor ok all War Labour; Julius Rosenwald, aus Chicago, Vorsitzender der Vorrats-Kommission; Bernard Baruch, Vorsitzender des Kriegsindustrieamtes und Jacob Schiff, Schatzmeister des amerikanischen Roten Kreuzes. Auch zu erwähnen sind die Generale Otto Roscnbaum und Chas Lauchheimer und die Konteradmirale Marix und Strauß. (Eine freie jüdische Volkshvchschnle) wird, von verschiedenen jüdischen Organisationen vorbereitet, zum Winter in Berlin eröffnet werden. Sie hat den Zweck, die Wissenschaft von Juden und Judentum in weite Kreise zu tragen sowie Interesse für die großen Fragen und Bewegungen der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart zu wecken. Der Lehrbetrieb umfaßt nach Muster der bekannten deutschen Volkshochschulen Vortragszyklen und seminaristische Uebungen und beruht auf dem Prinzip der unbedingten Lehrfreiheit. Jede wissenschaftlich vorgetragene Ansicht soll zu Worte kommen können. Es haben sich bereits bedeutende Vertreter der jüdischen Geisteswelt, Gelehrte, Rabbiner, namhafte Schrifsteller der Anstalt zur Verfügung gestellt. Näheres wird demnächst bekanntgegeben werden. (Pogrome in Sibirien.) Der „Pester Lloyd" meldet aus Moskau: Aus Sibirien kommen zahlreiche Meldungen über Pogrome, die dort gegen jüdische Flüchtlinge veranstaltet wurden. Es handelt sich um Racheakte gegen die'Sowjetregierung, welche eine Anzahl jüdischer Mitglieder hat. Wie man sieht, äußert sich überall die Gegnerschaft gegen die Bolfchewiki in Verfolgung der Juden, andererseits werden die Juden von den Bolschewiki wegen ihrer ablehnenden Haltung verfolgt. (Die Jndenmifsiou an der Arbeit.) Mit welchen Mitteln die Missionäre arbeiten, um in die Nähe ihrer Opfer zu gelangen, zeigt am krassesten der folgende Fall: In dem in Kopenhagen erscheinenden Missionsblatt „Jsraelsmissionen", Nr. 5, vom 15. Mai 1918, prahlt der dänische Missionär Pastor E. Clausen damit, daß es ihm gelungen sei, durch falsche Vorspiegelung für sich und seine Frau Reiseerlaubnis nach Przemysl zu erhalten, indem er als Reiseziel angab: „Hilfstätigkeit in Galizien, indem ich und meine Frau im Anschluß an die evangelische Hilfsexpedition für Galizien und die Bukowina uns der durch den Krieg betroffenen Glaubensgenossen und insbesondere der dortigen Israeliten annehmen wollen" — mit dem Sitz inPrzemysl. Zynisch fügt Pastor Clausen hinzu: „Dieses Reiseziel wird uns sicher Berge von Visitationen und Untersuchungen ebnen . . .." (Fünfzehnhundert russische Inden verunglückt.) Wie „American Hebrew" mitteilt, sind bei dem Untergang des russischen Schiffes „Orel" auf dem Kaspischen Meer auch 1500 Juden ertrunken, welche von Baku nach Astrachan geflüchtet sind. (Ein jüdisches Gebetbuch für Blinde.) Die Pester jüdische Religiousgemeinde hat ein jüdisches Gebetbuch für Blinde herausgegeben. Die Gebete sind in Blindenschrift gehalten. An der Zusammenstellung des Gebetbuches nahmen teil der Generalsekretär der Kultusgemeinde Dr. Julius Weißburg, die jüdischen Schuldirektoren Abraham Stern und Simon Adler und Professor Moritz Schönberger. Das Gebetbuch enthält sämtliche Gebete für das ganze Jahr und wird in Ungarn an die jüdischen Blinden unentgeltlich verteilt. Die Herausgabe eines solchen jüdischen Gebetbuches für Blinde setzt natürlich voraus, daß in den Blindeninstituten die jüdischen Blinden auch im Lesen des Hebräischen unterwiesen werden. Es ist sicher anzunehmen, daß die Einführung der Pester Gemeinde auch in anderen Ländern Nachahmung finden wird. (Das Flugzeug in der Bibel.) Angesichts der nicht zu bestreitenden Vorherrfchaft Deutschlands im Luftkampf muß es unsere Feinde, die die Priorität an der Erfindung neuer Kriegsmittel für sich zu reklamieren pflegen, besonders schmerzlich berühren, daß ein französischer Forscher nächst der — Bibel den Deutschen einen gemessenen Anteil an der Erfindung und Ausnutzung des Flugzeuges als wertvoller Kriegswaffe zuspricht. Was die Bibel anlangt, so erinnert die betreffende Zeitschrift daran, daß bei dem Propheten Jesaia sich eine Stelle findet, die wie eine Vorahnung dieser modernsten Errungenschaften der Technik klingt. Im 60. Kapitel lautet der achte Vers: „Wer sind die, welche fliegen wie die Wolken und wie die Tauben zu ihren Fenstern?“ Die Zeitschrift hebt hervor, daß in dieser Frage der Flug der Apparate sehr genau beschrieben ist; denn der Prophet vergleicht die Fliegenden nicht mit den Vögeln, die durch Flügelschläge sich vorwärts bewegen, soydern mit den Wolken, die in der Luft gleiten, und ihre Ankunft vergleicht er mrt der der Taube, die in ihr Haus zurückkehrt. (Ein seltsames Grabdenkmal) befindet sich auf dem jüdischen Friedhofe in Jekaterinoslav. Es erhebt sich über dem Grabe, in welchem Thorarollen bestattet liegen, welche die Hooligans in den blutigen Pogromtagen des Oktobers 1905 verunreinigt und zerrissen haben. Das Grabmal ist ein Kunstwerk von großem Werte. Es hat die Form eines Zeltes, in dessen Innern das „ewige Licht" brennt. Auf drei Seiten des Monuments ist mit großen hebräischen Goldbuchstaben alles verewigt, was sich in jenen traurigen Tagen zugetragen hat. Auf dem Dache des Zeltes steht weithin sichtbar ein großes Davidschild. Das Grab der Sifre-Thora ist in unmittelbarer Nähe des „Brudergrabes" errichtet, in welchem die Opfer jener blutigen Tage begraben liegen. Auf der diesem Brudergrabe zugewendeten Seite befinden sich die folgenden Inschriften in hebräischer Sprache: „Deinetwegen werden wir ständig getötet, wie Schafe, die auf die Schlachtbank geführt werden." Und weiter unten: „Kannst du dich hierbei noch zurückhalten, o Gott, schweigen, da man uns so peinigt?" Eine Platte, welche die ganze Gefchichte jener Trauertage enthält, schließt mit folgenden interessanten Sätzen: „Wir, die wir Augenzeugen waren dieser schrecklichen Ereignisse, haben die Thorarollen aufbewahrt und dieses Grabmal gestellt gegenüber dem Grabe, in welchem die Märtyrer liegen, die hingemordet wurden nur deshalb, weil sie dem Volke entstammen, das die Thora am Sinai in Empfang genommen. Und wenn später Kinder fragen werden: „Weshalb ist das Blut dieser unschuldigen Geschöpfe vergossen wor-