Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 30 (22.10.1918)
- Date
- 1918-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 30 Generationen der Erfolg nicht ausbleiben. Die Franzosen haben seit 1871 ihre ganze nationale Erziehung auf den Gedanken der Revanche eingestellt, und die verhängnisvollen Folgen zeigten sich in unseren Tagen. Sollte nicht auch eine Erziehung zur Humanität möglich sein? Bethmann Hollweg meinte, nach den furchtbaren Erfahrungen des Weltkrieges werde ein „Schrei nach Verständigung" durch die Kulturmenschheit gehen. Dieser Schrei müßte nur stark genug sein, um auch praktische Wirkungen zu erzeugen, um den Willen zur Verständigung lebendig werden zu lassen. Auf die bisherigen Mittel des Pazifismus, die Einrichtung von Schiedsgerichten, von interparlamentarischen Körperschaften, von Weltkongressen usw. braucht deshalb nicht verzichtet zu werden, sie alle können dazu dienen, die Menschheit zu dem großen Gedanken der Völkervereinigung zu erziehen. Nur darf man nicht glauben, daß damit allein das Ziel erreicht werden kann. Nur eine Erneuerung von innen heraus kann die Menschheit reif machen für die Idee des Völkerbundes. Aus Rußland und der Ukraine. Auf der Ersten Konferenz der jüdischen Gemeinden in Rußland, die jüngsthin in Moskau tagte, wurde unter anderen Resolutionen zur innern und äußern Befestigung der Gemeinden auch eine solche zur Regelung der jüdischen Rückwanderung gefaßt. Dieser für den Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden ungemein wichtige Beschluß hat folgenden Wortlaut: 1. Die.Organisierung der Reevakuation und der Hilfeleistung an Kriegsgefangene und Kriegsopfer ist eine nationale Arbeit, an der alle Gemeinden, alle jüdischen Zentralorganisationen und sämtliche aktiven Kräfte im Judentum Anteil nehmen müssen. 2. Zwecks Aufstellung eines Systems dieser Tätigkeit muß ein Spezialorgan geschaffen werden, das zur Hälfte aus Vertretern der zentralen Verwaltung der Gemeinden und ur Hälfte aus Vertretern der Hilfsgesellchasten zusammengesetzt werden wird. 3. Sämtliche Materialien bezüglich der Reevakuation und der Köiegshilse werden von den Gemeinden und den Gesellschaften diesem neu zu schaffenden Organ zur Ver-' fügung gestellt. 4. Die Zentralverwaltung der Gemeinden hat Delegationen in die okkupierten Gebiete und andere Länder zu entsenden zwecks Herstellung einer Verbindung zwischen den Gemeinden und den interessierten Kreisen bezüglich der Reevakuation und allseitiger Hilfe der Kriegsnotleidenden. Es ist erwünscht, daß an diesen Delegationen auch Vertreter der Flüchtlinge teilnehmm. 5. Die Konferenz hält es für nötig, die Frage der Hilfeleistung seitens der entsprechenden Regierungen zwecks Wiederherstellung der ruinierten Eistenzen in den vom Kriege betroffenen Gebieten und ihrer Entschädigung bei dem internationalen Friedenskongreß zur Sprache zu bringen. Die Zentralverwaltung wird ferner die Frage der Schaffung einer jüdischen Anleihe für den oben erwähnten Zweck erörtern. — Eine Deputation von Juden aus Turkestan, die in Moskau angekommen ist, berichtet, daß eine große Anzahl asiatischer Juden in den Gebieten um Turkestan sich genötigt gesehen hat, zum Islam überzutreten, um sich vor Gewalttaten und Massakrcs zu schützen, die andauernd von den eingeborenen Mohammedanern gegen die Juden unternommen werden. — Die Schwarzen Hundert in der Ukraine haben eine Liga gebildet, die den Namen „Volksrache" führt und sich vor allem gegen die Juden, aber auch gegen die Bolschewik! richtet. Die Liga hat ein Manifest an ihre Branchen und Anhänger ausgesandt mit dem Ersuchen, eine Liste aller Juden und ihrer Freunde zu führen, alle telephonischen Unterhaltungen zwischen Juden zu unterbrechen, alle Handlungen von Juden zu überwachen und sich für einen bestimmten Tag, an dem ein Massaker stattfinden soll, in Bereitschaft zu halten. In einer anderen, an die Juden gerichteten Proklamation kündigte die Liga an, daß alle Dienstboten in jüdischen Häusern Mitglieder der Liga seien, welche die Schritte ihrer Dienstherrschaft überwachten, die Stellen ausgekundschaftet hätten, an denen diese ihr Geld verbergen. Um einem unmittelbar bevorstehenden Massaker zu entgehen, empfiehlt die Liga mit einer gewissen Naivität den Juden, aus ihren jetzigen Wohnorten zu fliehen. — Der bekannte Großkaufmann Brodsky in Kiew wurde neulich an der Spitze einer jüdischen Delegation beim Hetman der Ukraine empfangen, den er ersuchte, die Juden vor Progromen und Massakers zu schützen. General Skoropadsky sprach seine Verurteilung der antisemitischen Pogrombeweguug aus. — Die Konferenz der jüdffchen Wirtschaftspolitiker, die vor kurzem in Petersburg stattfand, wurde von allen Gesellschaften, die auf dem Gebiete der Hebung der jüdischen wirtschaftlichen Lage tätig sind, und von den Parteien (Jüdische Statistische Gesellschaft, Jüdisches Kriegshilfskomitee, Landwirtschaftliche Gesellschaft, Zionistisches Zentralkomitee, Bund, Vereinigte Volkspartei, Volksgruppe, Poale Zion) beschickt. Als Sachverständige wurden zur Konferenz eine Reihe jüdischer Nationalökonomen zugezogen. Die Konferenz hatte die Aufgabe, die jüdischen Wirtschafts- Probleme den neugeschaffenen Verhältnissen gemäß gemeinsam zu erörtern und mit vereinigten Kräften zu lösen. Der erste Vortrag, der die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich zog, wurde vom Mitglied des Zionistischen Zentral-Komitee I. D. Bruzkus über „Die Reevakuierung der Flüchtlinge und die Wiederherstellung ihrer wirtschaftlichen Existenz" gehalten. Nach Beendigung des Krieges, führte der Referent aus, wird mit einer Rückwanderung von zirka 300.000 jüdischen Flüchtlingen und demobilisierten Soldaten nach Litauen, Kurland und Weißrußland zu rechnen sein. Im Interesse der Regulierung dieser Rückwanderung muß ein Netz von Jnsormativnsbureaus in Großrußland und der Südukraine sowie von Grenzkomitees für die Durchreise und von Wiederansiedlungsanstalten in Litauen gebildet werden. Zwecks Wiederherstellung der zerstörten Existenzen der Rückwanderer muß rechtzestig ein Hypotheken- Kredit organisiert werden. Ferner müssen die bestehenden jüdischen Leih- und Sparkaffen, die Gesellschaften für gegenseitigen Kredit und die Konsumvereine gefestigt werden. Zur Finanzierung dieser zu schaffenden Einrichtungen soll eine zentrale genossenschaftliche Volksbank gegründet werden. Iudenfrage und Lntentezensur. Ein Urteil von Georg Brandes. Das Lodzer „Volksblatt" veröffentlicht ein überaus beachtenswertes Interview seines Kopenhagens Korrespondenten I. Cholcwa mit dem bekannten dänischen Publizisten Georg Brandes. Aus den längeren Ausführungen des dänischen Politikers und Philosophen interessiert namentlich die Stelle, wo er sich mit der englischen Zensur auseinandersetzt. Es heißt da: „In der letzten Zeit werde ich von vielen jüdischep Journalisten und besonders von der jüdischen Presse wegen meiner Meinung über die jüdische Frage befragt, aber wenn ich diese dann beantworte, so streicht mir die Zensur alles. So gab ich. vor kurzem einem amerikanisch-jüdischen Schriftsteller ein Interview; er telegraphierte darüber über 500 Worte nach Amerika, aber die englische Zensur hat fast alles gestrichen. Man sieht daraus, daß die,englische Freiheit, und besonders) daß die angebliche englische Vorliebe für jüdische Angelegenheiten in Wahrheit gar nicht vorhanden ist, sonst würde die englische Zensur doch gewiß keine Veranlassung haben, Georg Brandes den Mund in jüdischen Angelegenheiten zu verbinden. Auch sonst ist das Gespräch mit Georg Brandes reich an bedeutsamen Momenten. Unter anderem sagt er über die. Juden in Rußland: „Nach dem Ausbruch der R«vslution in Rußland fühlten sich dort alle Völker befreit und glaubten Menschenrechte erhalten zu haben. Auch die Juden glaubten, daß nun die Pogrome ein Ende haben würden. Für mich aber war es ganz klar, daß es nicht leicht sein würde, die bisher von dem Schwarzen Hundert verbreitete Auffassung der Reaktion auszurotten, daß die Juden Christus gekreuzigt hätten und daran schuld seien, daß es dem russischen Bauern schlecht gehe. Die Menschen verbessern sich noch lange nicht, wenn die Regicrungsform sich ändert, und ich befürchte, daß in Rußland wieder eine Reaktion eintreten wird. Mein Wunsch geht nur dahin, daß sie sich nicht wieder, wie schon so oft, gegen die Juden wendet." Nachdem er noch kurz die unglaublichen Grausamkeiten gegen die Juden in Rumänien gestreift hatte, schloß Brandes das Gespräch mit dem Hinweis, daß die einseitige Politik, die gewisse Zionistenkreise heute trieben, dem Judentum nicht erwünscht sein könne — er denkt dabei an die allzu starke Anlehnung dieser Kreise an England —, ihre Handlungen beruhen nach seiner Ansicht auf Mangel an politischer Reife. Im übrigen erhoffte er sich von der Verwirklichung der Herzlschen Idem eine wesmtliche Besserung der Lage der Juden in der ganzm Welt. Rundschau. (Die österr.-ungar. Truppe« in der Utariue.) Im Zusammenhänge mit den