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Jüdische Korrespondenz · 1918-10-22 · 30 (22.10.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
30 (22.10.1918)
Date
1918-10-22
Page
– (sequence 5)
Language
German
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M » Organ des Vereines „Jeschuren“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: ,Jeschurun,‘-Preflkomilee, Wien, l„ Salztorgasse 2 > Jeschurun Nr. 30. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“, ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Prefikomitee des Vereines .Jeschurun' Wien, I., Satztorgasse 2. -W Religion und Krieg. (Fortsetzung.) Eine Wechselwirkung zwischen Geist und Körper, zwischen Seele und Leib im Sinne des alten Sprichwortes: „Mens sana in corpore sano!“ gibt es nicht— ein bloßer Wunsch. In Wirklichkeit zeigt uns die Geschichte und auch unsere Zeit gelehrte, geistvolle Menschen mit schwacher körperlicher Konstitution — oft eine Geistesfülle, getragen von einem siechen Körper. Nach all den hier ezeigten Bildern gewinnen wir einen Einlick in die Natur; wo jede Wurzel, jede Blüte, jeder Halm, kurz alles zu uns spricht und uns belehrt, müssen wir zwei Arten von Trieben unterscheiden: rein körperliche, im Organismus begründete und geistige oder seelische Triebe. Der Mensch kann allerdings die mit dem Tiere gemeinsamen körperlichen Triebe beherrschen, was dem Tiere nicht möglich ist. Je höher er steht, je geistiger und seelischer seine Entwicklung, desto mehr ist er imstande, seine körperlichen instinktiven Triebe zu beherrschen — oder sagen wir deutlicher, desto größer ist bei ihm die Ueberordnung des Geistes, der Seele über den Leib. In diesem Falle kann der Geist wirksame Unterstützung durch einen kräftigen Organismus erfahren — ein schwacher wird ihn zur Nachgiebigkeit veranlassen, insofern fällt dem Leib eine wichtige Rolle zu, aber sonst in rein geistigen, seelischen Fragen kann der Geist, die Seele sich frei entwickeln, ohne vom Körper daran gehindert zu werden, und wenn er auch im Gegensatz zu dem ihn erfüllenden Geist zu der ihm innewohnenden Seele hinfällig ist. Der Weise wird seine leiblichen Genüsse, Begierden, Affekte zu unterdrücken verstehen — sie bemeistern — der Tor unterliegt ihnen. Wer ist stark? Der seinen Trieb beherrschen kann. Wer ist weise? Der in die Zukunft blicken kann, d. h. die Folgen seiner Handlungsweise übersehen kann. — Der für unsere Studien hauptsächlich in Betracht kommende Trieb ist die dem Menschen wie dem Tiere innewohnende Sehnsucht zur Gemeinschaft, oder nennen wir ihn den Paarungstrieb, den Trieb zum Zusammenleben. Der Zug zur Gemeinschaft, zur Gattung. „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.“ Dieser Satz ist die Quelle jenes Triebes. Wie wunderbar ist dieser Gemeinschaftssinn bei den kleinsten Lebewesen ausgebildet. Wenn wir die Staatenbildung der Bienen und Ameisen betrachten, wer wird nicht staunen, wer wird beim Anblick der von diesen winzigen Tierchen eingerichteten, die Grenze des Instinktiven zu überschreiten scheinenden Ordnung nicht in den Ausruf einstimmen: „Wie groß sind Deine Werke, o Ewiger!“ Wie jede tandlung eine Reihe von Handlungen im efolge hat, so hat die Bestimmung des Schöpfers, daß der Mensch nicht allein bleibe, eine Reihe von Trieben ausgelöst, die zur Bildung der menschlichen Gesellschaft hinführen. Wir haben bereits von Trieben gesprochen, die einander scheinbar widersprechen. Wir müssen uns jetzt mit diesen beschäftigen. — lieber- und Unterordnung, Herrschsucht — Tyrannei, Unterwürfigkeit und Kriecherei — beide Triebe in einem Körper vereinigt. Je tiefer der Mensch steht, je weniger er seinen Geist, seine Psyche in seiner Gewalt hat, desto mehr wird er seinen Egoismus den Schwächeren, den Schutzlosen, den ihm Preisgegebenen fühlen lassen. Der hochstehende Mensch wertet seinen Vorrang zum Wohle seiner Mitmenschen. Hat nicht jeder Einzelne in dieser schweren, erbarmungswürdigen Zeit es zu fühlen bekommen, was Vorrang bedeutet, hat nicht beinahe jeder der Sklaven — denn freie Menschen gibt es seit vier Jahren nicht — die Worte Herrschsucht, Tyrannei, in die Tat umgewandelt, am eigenen Leibe erfahren? (Fortsetzung folgt.) Die Bibel und der Völkerbund. Zum Thema „Völkerbund“, das jetzt alle Welt beschäftigt, schreibt Rabb. Dr. Unna (Mannheim) in der „Fr. Z.“: Die ersten, welche den Gedanken der Völkervereinigung und des allgemeinen Friedens ausgesprochen haben, waren wohl die altisraelitischen Propheten; und es ist charakteristisch, daß bei ihnen der Ausblick ans diese Zeit immer mit dem Gedanken der allgemeinen Anerkennung eines einzigen Gottes verbunden erscheint, eines Gottes der Gerechtigkeit und der Sittlichkeit, so wie die Propheten ihn auffassen. Jesaia sägt (2, 2—4): „Am Ende der Tage wird festgegründet sein der Berg des Hauses Gottes über allen Bergen und er wird ragen über alle Hügel, und ihm werden zuströmen alle Völker. Und viele Nationen werden gehen und sprechen: Auf, laßt uns hinaufziehen zum Berge Gottes, zum Hause des Gottes Jakobs, daß er uns seine Wege lehre, daß wir in seinen Pfaden wandeln; denn von Zion geht die Lehre aus und das Wort Gottes von Jerusalem. Und er wird richten zwischen Völkern und entscheiden zwischen vielen Nationen, und sie werden umschmieden ihre Schwerter zu Sicheln und ihre Lanzen zu Rebenmessern, nicht wird ein Volk mehr gegen das andere das Schwert erheben, und sie werden nicht mehr den Krieg lernen.“ Die Stelle kehrt fast mit denselben Worten bei Micha wieder. Und in Jesaias Schilderung der Zeit, dck „der Wolf bei dem Lamm lagert und der Leopard neben dem Böcklein ruht“, heißt es ebenfalls: „Sie verderben nichts und richten keinen Schaden an auf meinem ganzen heiligen Berge, denn voll ist die Erde von Gotteserkenntnis, wie Wasser den Meeresgrund deckt.“ Der Zusammenhang zwischen diesen beiden eschatologischen Gedanken ist klar. Die Bölkervereinigung, das ist die Meinung der Propheten, hat nur dann Bestand, wenn sie von moralischen Faktoren getragen ist, der Friede zwischen den Nationen ist nur dann von Dauer, wenn die Menschen durchdrungen sind von der Existenz einer sittlichen Weltordnung, wenn sie überzeugt find von dem Walten einer höheren Macht, die der Hort der Gerechtigkeit ist und die jedes Unrecht ahndet. Rur diese Ueberzeugung bietet eine Gewähr dafür, daß die großen wie die kleinen Nationen ihr Recht finden und daß kein Volk mehr versuchen wird, seine vermeintlichen Rechtsansprüche durch Krieg und Gewalt durchzusetzen. Auch hier wird also die Läuterung der Gesinnung der Menschen als Voraussetzung für den allgemeinen Frieden betrachtet, und die Richtigkeit dieser Auffassung zeigt sich uns, wenn wir die Momente ins Auge fassen, die den Rechtszustand und den Frieden im Innern der Staaten aufrechterhalten. Man weist gegenüber den Theoretikern der Gewalt mit Recht darauf hin, daß es auch zur Ueberwindung des Faustrechts und zur Begründung des Landfriedens einer jahrhundertelangen Entwicklung bedurfte. Nur darf man nicht vergessen, daß es im Innern die Staatsgewalt ist, welche die Erhaltung der Rechtsordnung gewährleistet, und daß nur die Furcht vor dieser Staatsgewalt die schlechten Elemente im Zaume hält und daran hindert, sich an Leben und Eigentum ihrer Mitmenschen zu vergreifen: wo die Autorität des Staates und das Vertrauen zu seiner Festigkeit erschüttert ist, da steht auch die Rechtsordnung auf schwachen Füßen. Im internationalen Verkehr gibt es solche Sicherung der Rechtsordnung durch Machtmittel nicht. Denn die internationale Polizei, die man dafür errichten will, wird niemals so stark sein, ein Volk, das, von kurzsichtigen oder gewissenlosen und ehrgeizigen Führern verleitet, zum Schwert greifen will, daran zu hindern. Auch der wirtschaftliche Boykott gegen die Friedensstörer wird dazu nicht ausreichen, zumal wenn sich mehrere Völker vereinigen, um ihre Forderungen mit Gewalt durchzusetzen. Da kann es nur ein Mittel geben: das Gewissen der Völker muß so geschärft werden, daß jeder Staatsmann die Durchbrechung des Rechts als ein Verbrechen betrachtet und die Anwendung von Gewaltmitteln gar nicht in Rechnung zieht. Es muß, wie Guttmann richtig sagt, eine neue Gesinnung in der Menschheit sich durchsetzen. Bedeutet nun diese Erkenntnis den Verzicht auf die Erstrebung des Ideals eines Völkerbundes? Das braucht keineswegs der Fall zu sein. Man hat in den feindlichen Ländern alle Mittel geistiger Beeinflussung angewendet, um bei den Massen den Haß gegen Deutschland anzufachen und zu verstärken, und man hat damit ungeahnte Erfolge erzielt. Gewiß ist es leichter, in dm Massen die schlechten Instinkte zu erregen, sie zu Haß und Versolgungssucht aufzustacheln, als die edlen Gefühle in ihnen wachzurufen. Aber die Entwicklung der Menschheit rechnet nicht nach Jahren, sondern nach Jahrhunderten; und wenn nur ein Teil jener Energie darauf verwendet würde, in der Jugend eine neue Gesinnung zu erzeugen, wenn statt des nationalen Chauvinismus und der Völkerverhetzung Humanität, Nächstenliebe im weitesten Umfange und Verständnis für die nationale Eigenart eines jeden Volkes die Ziele der Erziehung würden, so könnte im Verlauf von

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