Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 30 (22.10.1918)
- Date
- 1918-10-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 30 Bodens veranlassen könnte. Wir wollen hoffen, daß diese Bestrebungen von Erfolg gekrönt seien — immerhin aber wird dies kaum von heute aus morgen möglich sein. Dasselbe gilt hinsichtlich der industriellen Entwicklung des Landes. Die Voraussetzungen hiefür sind sicherlich gegeben. Besitzt auch das Land an und für sich nur wenig Rohstoffe, Kohle usw., die die Grundlage einer jeden industriellen Entwicklung bilden, so ist dessen geographische Lage eine solche, daß diesem Mangel abgeholfen werden kann. Jedenfalls steht Palästina auch auf diesem Gebiete eine große Zukunft bevor, und man kann sich den kühnsten Hoffnungen hingeben. Nur ist dies eben wieder zunächst bloß Zukunftsmusik. In absehbarer Zeit wird auch die industrielle Entwicklung nur schrittweise vor sich gehen können. Ist somit die wirtschaftliche Seite des Palästinaproblems eine Sache der langsamen Entwicklung, die nicht übers Knie gebrochen werden kann, desto stärker rückt die geistige Seite in den Vordergrund, und deswegen sieht sich die glaubenstreue Judenheit gezwungen, schon jetzt zu diesem Problem so ausgeprägt und dezidiert Stellung zu nehmen. Dies tun auch die Nationalisten, die zunächst von einem geistigen Zentrum sprechen, wohl wissend, daß die materielle EntwiÄung des Jischub sich erst langsam. Schritt für Schritt entfalten kann. Nur wollen die Nationalisten eben das nationale Moment dieses jüdischen Zentrums derart vorschieben, daß das Religiöse ganz in den Hintergrund trete. Die Orthodoxie kann und darf sich dies aber nicht gefallen lassen. Sie maß und wird Garantien hiefür fordern, daß das jüdische Zentrum im heiligen Lande, das dank der vereinigten Kräfte aller Juden geschaffen werden soll, nicht antireligiös und auch nicht areligiös sein soll, da sie sonst kaum mittun könnte, sich aber weder ausschließen noch verdrängen lassen will. Die Nationalisten, die ja bis nun unstreitig die Führung in ihren Händen haben, müßten sich dazu bereit finden, dieser Frage ernstlich und aufrichtig näher zu treten. Der Hinweis, daß sich im zionistischen Lager auch glaubenstreue Juden befinden, daß der „Misrachi" usw. die Wahrung der religiösen Angelegenheiten besorgt, ist nicht stichhältig, da diese Wahrung erfahrungsgemäß bis nun nicht ganz zweckentsprechend war und kaum den Anforderungen bei einer stärkeren Entwicklung des Jischub genügen könnte. Man darf auch nicht übersehen, daß mit dem Einzug der Engländer und Franzosen in Palästina und Syrien auch der westeuropäische Geist dorthin seinen Einzug hielt. Was dieser für die Gefährdung der religiösen Interessen bedeutet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Eine desto stärkere Abwehr ist deswegen nötig. Die Orthodoxie bringt jetzt ihre Forderungen hinsichtlich der Wahrung der religiösen Interessen im Jischub zur Geltung, sie will und wird an der Entwicklung dieses Jischub mittun — aber sie will die Wahrung der Interessen des religiösen Judentums gesichert wissen. Anstatt sich mit bloßen Redensarten zu begnügen, sollten die Nationalisten dieser Sache ernster näher treten und eine Bereinigung des Problems anftreben, da nur dann eine gemeinsame Arbeit möglich wäre, die allein die wünschenswerte Entwicklung des Jischub verbürgen könnte. Oie Umwälzung in polen. Die Anerkennung der Wilsonschen vierzehn Punkte seitens der Mittelmächte gab dem polnischen Regentschaftsrate die Gelegenheit, seinerseits die volle Selbständigkeit des Königreiches Polen u. zw. alle ehemaligen polnischen Gebiete umfassend, zu proklamieren. Diese Angelegenheit berührt auch sehr ernstlich die Lage und das Schicksal der Juden in Polen und dürfte gelegentlich der Friedenskonferenz ihre definitive Regelung erfahren. Es ist begreiflich, daß sich die Juden Polens veranlaßt gesehen haben, zu derselben sofort Stellung zu nehmen. Bei dem Mangel einer einheitlichen jüdischen Organisation im Lande gelangten hiebei die verschiedensten Standpunkte zum Ausdrucke. Gelegentlich einer seierlichen Sitzung des Warschauer Stadtrates wurden jüdischerseits nicht weniger als fünf Deklarationen verlesen, u. zw. seitens der Assimilanten, Orthodoxen, Zionisten, Volkisten und Bundisten. Es ist klar, daß die Judenfrage in Polen dadurch nur kompliziert werden muß. Eine Anregung der Volkspartei, eine gemeinsame unparteiische nationale Vereinigung der Juden zu schaffen, wurde seitens der anderen Gruppen mit der Motivierung abgelehnt, daß die Bezeichnung „national" dm Begriff „unparteiisch" ausfchljeßt. Es wäre sicherlich wünschenswert, unter den Juden Polens eine einheitliche politische Front auf realer Grundlage herzustellen, unter Fortlassung aller parteimäßigen Bezeichnungen, da sie nur dann imstande sein werden, ihre Interessen wirksam zu wahren. Vorläufig äußerte sich die Wirkung der neuen Ordnung darin, daß die für den 17. und 18. Oktober bestimmten Wahlen zur Warschauer Kultusgemeinde auf unbestimmte Zeit verschoben wurden. Die jüdische Presse Warschaus nimmt zu den Ereignissen folgendermaßen Stellung. Das Zionistenblatt „Hajnt": „Die Worte des Regentschaftsrates an das Polenvolk haben in noch viel höherem Maße für das jüdische Volk Geltung. Alles Trennende mag jetzt verschwinden vor dem starken Rufe: Ein Heim für das jüdische Volk in Palästina und verbürgte bürgerliche und nationale Rechte in allen Ländern, wo Juden wohnen. Wir glauben fest, daß die Unterdrückung der Juden beendigt wird durch ein Wahlgesetz für die Konstituante. Davon hängt es ab, ob die Politik der Nichtberücksichtigung eines Zweimillionenvolkes, welches das staatliche Leben Polens miterlebte und unter demselben Druck litt, aufhören soll." Der nationallistische „Moment" veröffentlicht den Beschluß der Bolkspartei, in der die Juden als die am meisten rechtlose und unterdrückte Nation für sich das gleiche Selbstbestimmungsrecht wie alle anderen Nationen fordern. Im wiederhergestellten Polen verlangen die Juden für sich nationalpolitische Autonomie. Bei den Wahlen zur Konstituante ist den Juden die nationale Kurie zu gewähren. In das Koalitionsministerium wollen die Juden Vertreter schicken." Das orthodoxe „Jüdische Wort" lehnt die zionistische Anregung, eine innerparteiliche nationale Vertretung der Judenschaft zu bilden, ab, da sie im wesentlichen die Durchführung national-jüdischer Gedanken bezwecke. Der amerikanische Jingoismus im Kampf gegen die sprachen der Mngewanderten. Das Jüdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Der Gouverneur von Jova, Harding, hatte im Monat Mai eine Proklamation erlassen, in der der Gebrauch der nichtenglischen Sprachen in den öffentlichen Anstalten und selbst in den Synagogen, Kirchen und Schulen untersagt wurde. Hierauf hatte Louis Marshall, der bekannte jüdische Politiker, einen Protestbrief an Harding gerichtet. Dieser antwortete nun in einem ausführlichen Schreiben an Marshall, das für den in der großen Republik überhandnehmenden Chauvinismus höchst bezeichnend ist. In dem Schreiben wird ausgeführt, daß alle Sprachen in Amerika, mit Ausnahme der englischen, fremde oder tote seien und daß die Wortfreiheit in diesen Sprachen von der Konstitution der Republik und des Staates Jova auch den Bürgern nicht garantiert sei. Bon denjenigen, die das Bürgerrecht erwerben wollen, müsse gefordert werden, daß sie die Fähigkeit besitzen, englisch zu schreiben und zu sprechen. Derjenige, der während des Krieges auf dem Gebrauch fremder. Sprachen ungeachtet der von der Regierung des Staates Jova erlassenen Aufforderung besteht, „stelle sich auf die Seite des Feindes". Harding führt dann weiter aus: „In Ihrem Briefe sagen Sie: „Es gibt nichts, woran Männer und Frauen so hartnäckig festhalten, als an ihrer Tradition, die Sprache ihrer Vorfahren eingeschlossen." Diese eine Behauptung zeigt die ganze Schwäche Ihrer Argumentation. Sie verkennen die Tatsache, daß die Vereinigten Staaten eine Nation und nicht ein Asyl sind. Um eine Nation zu sein, müssen sie eine Flagge, ein Volk, eine Sprache haben. Wollten sie ein Asyl sein, würden sie jedermann erlauben können, aus fremden Ländern zu kommen und seine Traditionen und seine Sprache mitzubringen und sie in Ewigkeit zu pflegen. Die mißbrauchte Güte der Vereinigten Staaten könnte zu einem Mittel ihres Sturzes werden. Wenn die Vereinigten Staaten eine Nation sein wollen, müssen sie eigene Traditionen und eigene Sprache haben, und der einzige Weg zu diesem Ziel ist, darauf zu bestehen, daß die adoptierten Söhne und Töchter es lernen, die Sprache der Adoptiveltern zu gebrauchen und die Traditionen der Eltern zu ihren eigenen zu machen. Wenn der Krieg vorüber sein wird, werden wir Vereinigten Staaten vor verwickelteren Problemen als je stehen. Wir müssen ein Volk haben, das die Sprache des Landes versteht, wenn wir mit Erfolg diese Probleme lösen wollen . .. Die Erlernung einer neuen Sprache des Adoptivlandes sollte das erste Geschäft desjenigen sein, der den Schutz der neuen Regierung genießt."