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Jüdische Korrespondenz · 1918-10-22 · 30 (22.10.1918) · page 3

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
30 (22.10.1918)
Date
1918-10-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. BO Jüdische Korrespondenz. Seite 3 Anderseits können wir nicht umhin, darauf hinzuweisen, daß bei dieser Gelegenheit seitens der oberwähnten jüdischen Persönlichkeiten divergierende Anschauungen vertreten wurden. Wir wollen mit ihnen nicht rechten und uns in keine Erörterung darüber cinlassen, welcher Standpunkt den Interessen der Juden am besten entspricht. Es soll nur noch einmal konstatiert werden, daß angesichts des Mangels einer einheitlichen jüdischen Organisation in der Monarchie keine Persönlichkeit, mag sie welche Stellung immer bekleiden und welcher Gruppe immer angchören, das Recht hat, im Namen der Gesamtjudenheit zu sprechen. Es konnten bei dieser Gelegenheit nur gewisse Parteistandpunkte zum Ausdruck gelangen. Der Standpunkt der Orthodoxie, die sowohl in politischer, wie in geistiger Hinsicht eigene Wünsche und Bestrebungen hegt, fand bei diesen Audienzen keine Vertretung, und es wäre wünschenswert, daß derselben, die das Gros der österreichischen Judenheit bildet, die Gelegenheit geboten werde, vor Seiner Majestät ihren Anschauungen Ausdruck zu geben. Ueber die Audienzen wird folgendes berichtet: Die Audienz des Oberrabbiners Dr. Chajes fand am 2. Oktober statt. Nach einer Einleitung, die die Tätigkeit des Oberrabbiners an seinem früheren Amtsorte Triest zum Gegenstand hatte, erkundigte sich der Kaiser über die gegenwärtige Lage der jüdischen Flüchtlinge in Wien. Dr. Chajes erwiderte, daß der größte Teil bereits in seine Heimat zurückgekehrt ist und daß die Lage derer, die wegen Zerstörung ihrer Heimat bisher nicht zurückkehren konnten, insofern schlecht ist, als sie nunmehr viele Jahre, vom Heimatboden losgerissen, in einer ihnen fremden Umgebung vielfach der Not ausgesetzt sind. Der Kaiser bemerkte darauf: „In Ihrem Volke hilft ja immer einer dem anderen". Die nächste Frage des Kaisers galt der Lage der Ostjuden. Dr. Chajes antwortete, daß die Lage der Ostjuden eine schlechte ist, besonders mit Rücksicht auf das schlechte Verhältnis der Polen zu den Juden. Auf die Frage' des Kaisers, was nun zu geschehen hätte, erwiderte der Oberrabbiner, daß die einzige Möglichkeit einer Abhilfe in der Sicherung der Rechte der Juden als nationale Minderheit liege. Die jüdischen Massen im Osten hätten sich immer als Nation gefühlt. Die Auffassung des Judentums als konfessionellen Verbandes sei vor mehr als hundert Jahren in Westeuropa enfftanden, wo übrigens gleichfalls die nationale Strömung Fortschritte macht. Der Kaiser stellte daraufhin noch einige Fragen hinsichtlich Palästinas. Gelegentlich der Empfänge der österreichischen Parlamentarier am 12. d. M. waren auch die jüdischen Abgeordneten Doktor von Löwenstein und Reizes vor dem Kaiser erschienen. Nachdem diverse politische Angelegenheiten besprochen wurden, kam Dr. v. Löwenstein schließlich auf die Judenfrage zu sprechen, wobei er dem Monarchen erklärte, daß, soweit es sich um die polnischen Juden handle, diese Leid und Freud mit den Landesbewohnern andern Glaubens teilen müssen und ihr Verhältnis zu denselben nur von der gegenseitigen Verständigung abhängig gemacht werden kann. Hiefür sei kein Gesetz maßgebend, sondern nur das praktische Leben. Die Regelung der Lebensverhältnisse der Juden in Polen könne nur in Polen selbst im Einvernehmen zwischen Christen und Juden entschieden werden. Selbstverständlich sei es hiebei, daß im Interesse Polens die Judensrage nur in modernem Geiste vollkommen bürgerlicher Gleichberechtigung gelöst werden könne. Ueber die zukünftige staatsrechtliche Gestaltung Polens werde das polnische Volk selbst in seiner berufenen gesetzgebenden Körperschaft entscheiden. Abgeordneter Reizes schilderte dem Monarchen die Verhältnisse in Ostgalizien unter besonderer Berücksichtigung der dort lebenden 800.000 Juden. Die Judenfrage wurde auch seitens der ukrainischen Abgeordneten Dr. Lewickyj und Petruszewycz berührt. Sie erklärten: Die Juden, welche mit den Polen in diesem Staatsgebiete gehen, seien nur die dünne, gut situierte Oberschicht und ein verschwindender Bruchteil, während die jüdischen Volksmassen auch weiterhin mit den Ukrainern gehen wollen. _ Die palästmafrage und die Orthodoxie. Die Palästinafrage ist allem Anscheine nach in ein entscheidendes Stadium getreten. Die Eroberung Nordpalästinas durch die Engländer und die Anerkennung der Wilsonschen 14 Punkte seitens der Mittelmächte und der Türkei bringen es mit sich, daß der Verwirklichung der englischen Versprechungen nichts mehr im Wege steht. Ob das Land nach dem Friedensschlüsse völlig von der Türkei losgetrennt werden oder auch fernerhin unter türkischer Souveränität bleiben wird, tut hiebei nichts zur Sache. Sollte das Land ganz unter englische Herrschaft gelangen, dann wird man eben die Gelegenheit haben, sich überzeugen zu können, inwieweit England seine feierlichsten Versprechungen einzulösen geneigt sein wird und inwieweit es ihm gelingen werde, aus dem Widerspruch zwischen den den Juden und den Arabern gemachten Versprechungen hinauszukommen. Man darf nicht übersehen, daß das Wilsonsche Programm bloß von einer Autonomie für die in der Türkei wohnenden Völkerschaften spricht. Da Palästina momentan eine überwiegend arabische Majorität besitzt, könnten also die Araber als die Träger dieser Autonomie angesehen und anerkannt werden. Es wird somit Sache der Juden sein, die Herren der Entente an ihre Versprechungen zu erinnern und deren Erfüllung zu reklamieren. Seitens der Mittelmächte, die sich bisher, wenn auch unter der mit Rücksicht auf den türkischen Verbündeten gebotenen Reserve, dem Gedanken eines jüdischen Zentrums im heiligen Lande gegenüber wohlwollend verhallen haben, ist kaum eine Einwendung zu erwarten. Die türkische Regierung hat ihrerseits in der bekannten Erklärung des Großwesiers Taalat Pascha ebenfalls diesbezüglich weitgehende Zusicherungen erteilt, wobei die Wortklaubereien hinsichtlich des „religiösen" und „nationalen" Zentrums, die seitens der nationalistischen Presse so breisprurig betrieben werden, kaum wesentlich in Betracht kommen können. Immerhin stehen wir vor einer ernsten Wendung in der Palästinäfrage, vor dem entscheidenden Stadium, und es ist zu erwarten, daß nach jeder Richtung hin eine befriedigende Lösung gefunden werden dürfte. «soviel hinsichtlich der außenpolitischen Seite des Problems. Jnsolange diese Seite noch ungeklärt war, mußte das innerjüdischc Moment etwas in den Hintergrund treten. Die Frage „national" oder „religiös" hatte bis auf weiteres eine mehr akademische Bedeutung. Heute aber, da die Angelegenheit der Verwirklichung entgegengeht, gewinnt diese Frage mehr an Aktualität, und eine ernste Auseinandersetzung im jüdischen Lager ist unerläßlich. Gerade deswegen, weil trotz aller äußeren Erfolge noch manche Schwierigkeiten zu überwinden sein werden, gerade deswegen, weil es sich als notwendig Herausstellen könnte, daß das Gesamtjudentum seine Wünsche und Forderungen vor dem Friedenskongresse geltend mache, ist cs geboten, innerhalb der Judenheit alle Fragen zu bereinigen, um die Einheitlichkeit des Volkswillcns zum Ausdruck bringen zu können. Die Stellung der Orthodoxie zur Palästinafrage ist bekannt. Ohne ins zionistische Fahrwasser hineingeraten zu wollen, war die Palästinasache der glaubenstreuen Judenschaft stets heilig, und sie brachte stets die größten Opfer zugunsten des „Jischub-Erez-Jisroel", wenn auch in einer andern Form, ohne rauschende Reklame und ohne speziellen Apparat. Man kann bei dieser Gelegenheit nicht umhin, nochmals daran zu erinnern, daß es gerade der alte Jischub war, der das Einsetzen des neuen Jischub ermöglichte, und es ist nur eine Verkennung und Verleugnung der Wahrheit, will man von nationalistischer Seite dieser Tatsache keine Rechnung tragen. Die Orthodoxie hat es deswegen kaum nötig, ihr Recht, an der Gestaltung der Dinge in Palästina mitsprechen zu dürfen, besonders zu betonen. Sie ist auch nicht gewillt, trotz des Lärmes der nationalistischen Presse hievon abzugehen, und erachtet gerade den jetzigen Zeitpunkt als geeignet, diesbezüglich das Wort zu ergreifen. Inwiefern es sich um die materielle Entwicklung und Förderung der jüdischen Ansiedlung in Palästina handelt, so dürfte es im jüdischen Lager kaum Divergenzen geben. Man darf sich aber kaum über die Schwierigkeiten hinwegtäuschen, die dieser Entwicklung entgegenstehen. Wie die Dinge heute liegen, ist es keine einfache Sache, große jüdische Volksmassen in einem raschen Tempo nach Palästina zu verpflanzen. Die wissenschaftlichen Gutachten und die fachmännischen Berechnungen, laut welchen Palästina noch zwei bis drei Millionen Einwohner vertragen könnte, in allen Ehren. Aber bis auf weiteres ist dies Zukunftsmusik. Um solche große Massen im Lande anzusiedeln, müßte zuerst entweder der nötige und entsprechende Boden zur Verfügung stehen, oder eine verhältnismäßig entwickelte Industrie vorhanden sein. Beides ist momentan — wozu cs leugnen? — nicht der Fall. Der Boden in Palästina, insoweit er überhaupt noch zu haben ist, befindet sich vornehmlich in arabischen Händen, und es ist bekannt, daß die Araber sich schon heute mit Händen und Füßen dagegen wehren, den Boden den Juden zu überlassen. Es ist auch eine Taffache, daß man in den zionistischen Kreisen mit dieser Schwierigkeit rechnet und Projekte ausarbeitet, wie man die Araber beftiedigen und zur Freigabe des

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