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Jüdische Korrespondenz · 1918-10-22 · 30 (22.10.1918) · page 2

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
30 (22.10.1918)
Date
1918-10-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. BO Wilsons anzunehmen und im Interesse des Friedens die damit verbundenen Opfer zu bringen. Der künftige Geschichtsschreiber wird den Herrschern und den Regierungen Oesterreich-Ungarns und Deutschlands, die, jede Prestigerücksicht außeracht lassend, diesen Friedensschritt unternommen haben, sicherlich volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. Die Weltgeschichte wird ihr Verdienst um die Menschheit voll und ganz zu würdigen wissen. Das Verdienst dieser Herrscher und ihrer Ratgeber wird es sein, wenn dem blutigen Ringen, das seit mehr als 50 Monaten die Kulturwelt verwüstet, ein Ende bereitet werden wird, noch bevor die sonst übliche „letzte Entscheidung" auf den Schlachtfeldern gefallen ist. Im Vollbesitze ihrer militärischen Kraft, überall tief im Feindesland stehend, erklären sie sich zum Frieden bereit, zu einem Frieden, der ihren Feinden sicherlich große Vorteile bringen und ihnen große Opfer auferlegen wird. Noch immer ist das letzte Wort nicht gesprochen. Die Feinde, die sich in einem Siegesrausch befinden, wollen das blutige Schwert nicht aus der Hand geben, sie erklären es offen und ungeschminkt, daß sie ihre bisherigen Rivalen bis zur letzten Ohnmacht verfolgen wollen. Präsident Wilson, in dessen Hände die Sache des Friedens gelegt wurde, scheint nicht genug Kraft zu besitzen, um die siegestrunkenen Clemenceau und Lloyd George zur Vernunft zu bringen. Seine letzte Note an Deutschland brachte jedem Friedensfreunde eine große Enttäuschung, und es wird nur der Opferwilligkeit der Mittelmächte zuzuschreiben fein, wenn der Friedensfade» nicht plötzlich abgerissen werden sollte. Der Weg zum Frieden ist noch immer nicht ganz passierbar, gar manche Schlucht, gar mancher Engpaß muß noch überschritten werden, bevor das letzte Wort gesprochen sein wird. Dennoch ist das Beste zu erwarten, und die Hoffnung darf nicht aufgegcben werden, es werde schließlich gelingen, der Vernunft zum Siege zu verhelfen und der geplagten Welt den Frieden wiederzugeben. Wie einst Noe aus seiner Arche haben die Herrscher und Regierungen der Mittelmächte wiederholt Friedenstauben ausgesandt, um zu sehen, ob die Wasser des Hasses sich schon so weit verlaufen haben, um trockenen Fußes die blutgetränkte Erde betreten zu können. Einige Male kehrten die Boten unverrichteter Dinge zurück. Letztens brachte die Taube das erste Oelblatt heim, ein bitteres Blatt wohl, immerhin ein Zeichen, daß es besseren Zeiten entgegengeht und daß die Sonne gar bald im Zeichen des Regenbogens die Wolken durchbrechen wird. Die nächsten Tage dürften die Entscheidung bringen, hoffentlich eine günstige. Indem die Friedensfrage so ernstlich aufs Tapet gelangt, wird auch die Judenfrage in ihrem ganzen Umfange aufgerollt und zur Losung gestellt. Die Judcnfrage in ihrem ganzen Umfange, wörtlich und buchstäblich genommen. Denn nicht bloß die P a l ä st i n afrage, die ja die Quintessenz der Judenfrage bildet, harrt ihrer Lösung, sondern auch die sogenannte Ostjudenfrage dürfte eine völlige Lösung erfahren. Da die Mittelmächte und die Türkei' die Wilsonschen 14 Punkte sich zu eigen gemacht haben, so wird auch die Lage der Juden in allen Ländern und Staaten des Ostens gelegentlich der Friedensverhandlungen eine Regelung erfahren. Gar manche Frage, die bisher so stark die Aufmerksamkeit der jüdischen Oeffentlichkeit absorbierte, so viele geistige Energien und materielle Mittel in Anspruch nahm, dürfte aus der Welt geschafft werden. Es bleibt nur abzuwarten, inwieweit die Herren der Entente bereit sein werden, ihre Versprechungen einzulösen. Jnsolange ihr Freund, der Zar, Rußland beherrschte, hatten die Herren der Entente weder Ohr noch Herz für die Millionen Juden des Zarenreiches, insolange Rumänien ihrem Block angehörte, waren sie blind und taub für die furchtbaren Leiden der rumänischen Juden. Erst nach der Niederringung des Zarismus haben sie ihr Herz für die Juden in den sogenannten russischen Randländern entdeckt, erst nachdem Rumänien zur Kapitulation gezwungen wurde, überquoll ihr Herz von Mitleid und Interesse für die dortigen Juden. Was die Mittelmächte nach dieser Hinsicht getan haben, war den Herren in Paris und London zu wenig, sie versprachen viel mehr. Nun werden sie die Gelegenheit erhalten, ihr Wort einzulösen. Nun gilt das „Hie Rliodus, hie salta!“ ihnen gegenüber. Wir wollen sehen, was sie da ausrichten werden. Vederemo! Immerhin, wie dem auch sein mag: die Judenfrage harrt ihrer Lösung und die nächsten Wochen und Monate dürften für das Schicksal des jüdischen Volkes eine entscheidende Bedeutung haben. Die Juden, die unter den Kriegsereignissen so viel zu leiden hatten, können mit vollstem Rechte die Befriedigung ihrer Wünsche und Postulatsbeanspruche». In erster Reihe steht hier die Palästinafragc, die an anderer Stelle näher erörtert wird. tier mag nur so viel gesagt sein, daß die ch affung, resp. Ermöglichung einer jüdischen Heimstätte in Palästina der Wunsch aller gutgesinnten Juden ist, mögen sie sonst untereinander noch so viele Differenzen auszutragen haben. In zweiter Linie kommt das Schicksal der Juden Polens in Betracht. Indem im Sinne der Wilsonschen Formel ein Großpolen geschaffen werden soll, in welchem etwa 3 Millionen leben würden, ist es notwendig, die Lage derselben ficherzustellen. Wir gehören nicht zu denjenigen, die um jeden Preis ein Eingreifen auswärtiger Faktoren hinsichtlich der Regelung derartiger Fragen als ratsam erachten. Wir würden es noch jetzt viel lieber sehen, wenn die Polen aus eigener Initiative eine befriedigende Lösung der Judenfrage in ihrem Staate vornehmen sollten. Bisher haben sie es diesbezüglich an einem klaren Programm und einem guten Willen fehlen lassen. Sie werden sich es deswegen felbst zuzuschreiben haben, falls die Judenfrage in Polen als ein internationales Problem behandelt werden wird. Die Lösung müßte natürlich in einem Sinne erfolgen, der den Wünschen aller jüdischen Faktoren Polens entspräche. Jede Einfeitigkeit, sei es nach rechts oder nach links, würde von Uebel,sein und soll tunlichst vermieden werden. Ferner kommt die Judenfrage in Rumänien in Betracht. Die Mittelmächte haben bereits dafür gesorgt, daß die Judenfrage in Rumänien eine teilweise weitgehende Lösung erfahre. Gerade aus dem Lager der Entente sind aber diesbezüglich Bedenken geltend gemacht und Borwürfe erhoben worden. Nun wird es Sache des Friedenskongresses sein, das übrige nachzuholen. Die Regierungen der Mittelmächte, die den Anfang gemacht haben, werden sicherlich alle dahingehenden Bestrebungen wärmstens unterstützen. Es wird die Aufgabe der Westmächte und Wilsons sein, da ihr Wort einzulösen. Aber auch das Schicksal der Juden in Rußland, in der Ukraine und in den anderen russischen Rand ländern erfordert eine definitive Lösung. Was jetzt in Rußland vorgeht, kann unmöglich für die Dauer bleiben und für die Verhältnisse in der Ukraine ist der Umstand charakteristisch, daß die dortigen Juden nichts so sehr fürchten, als den Abzug der Besatzungsheere der Mittelmächte, da sie dann der Willkür aller schwarzen und roten Elemente preisgegeben sein würden — was, nebenbei bemerkt, das Verhältnis der so arg verschrienen Mittelmächte zu den Juden ins richtige Licht rückt. Uebrigens hören sich auch aus Polen ähnliche Stimmen, auch dort hat die jüdische Bevölkerung den lebhaften Wunsch, die Besatzungsheere der Mittelmächte mögen so lange als möglich im Lande bleiben, da sie sonst schutzlos dastehen würden. Und doch haben die Feinde nichts besseres zu tun gehabt, als das Verhalten der Mittelmächte den Juden in Polen gegenüber im düstersten Licht zu schildern. Die Neuordnung der innerpolitischen Verhältnisse in Oesterreich dürfte das Schicksal der Juden in diesem Reiche wesentlich beeinflussen. Diese Frage wird au anderer Stelle speziell berührt. Hier sei nur betont, daß der Friedensschluß auch dg Aenderungen von einschneidender'Wirkung herbeiführen wird. So sehen wir denn, daß die Frstdepsstage so wesentlich die Judenfrage in ihrem ganzen Umfange tangieren dürfte. Wir wollen hoffen, daß sich da die Sentenz bewahrheiten werde: „Vom Bösen kam Süßes" und daß die Judenfrage gemeinsam mit allen anderen Weltproblemen eine definitive und befriedigende Lösung erfahren werde. Der Weltfriede, dem man im Sinne der Weissagungen Jesajas, zumindest in großen Umrissen entgegensieht, wird auch den Juden Glück und Segen bringen. Das wollen wir hoffen und jüdischerseits werden alle Bestrebungen, diesen Frieden so rasch als möglich herbeizuführen, die wärmste Förderung finden. Spectator. Oie Zudensrage vor Kaiser Karl. Drei jüdische Persönlichkeiten hatten in letzter Zeit die Gelegenheit, die Judenstage in Oesterreich vor Seiner Majestät dem Kaiser Karl zur Sprache zu bringen: Oberrabbiner Dr. P. Z. Chajes sowie die Reichsratsabgeordneten Dr. v. Löwenstein und Reizes. Indem wir nachstehend die diesbezüglichen Aeußerungen, insoweit darüber Informationen vorliegen, kurz wiedergeben, wollen wir zunächst der lebhaftesten Befriedigung darüber Ausdruck geben, daß sich Seine Majestät so wohlwollend für die Lage und die Wünsche der Juden interessierte und huldvollst geruhte, bei dieser Gelegenheit die Treue und Anhänglichkeit der Juden zu Kaiser und Reich anzuerkennen. Die Juden der Monarchie werden diese Allerhöchste Anerkennung mit ehrfurchtsvollstem Danke entgegennehmen.

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