Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 30 (22.10.1918)
- Date
- 1918-10-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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indische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration: Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 30. Wien, 22. Oktober 1918, IV. Jahrgang. Gestenreich als Bundesstaat. (Die Stellung der österreichischen Juden.) Am 17. d. M. ist das kaiserliche Manifest veröffentlicht worden, welches die bereits längst angekündigte und erwartete Umgestaltung Oesterreichs in einen Bundesstaat in die Wege leitet. Es ist in diesem Moment unmöglich, die Tragweite dieses großzügigen Reformwerkes eingehend zu würdigen, dies umso weniger, als das Manifest nur die allgemeinen Umrisse dieses Neuaufbaues der Monarchie verkündet, wogegen die Details erst ausgearbeitet werden sollen. So viel ist bekannt, daß der Plan besteht, in Oesterreich vier Bundesstaaten ins Leben zu rufen, und zwar einen deutschen, einen tschechischen, einen ukrainischen und einen südslavischen, wobei auch den kleineren Nationalitäten, wie Italienern, Rumänen rc. die Gelegenheit und die Möglichkeit zur Wahrnehmung ihrer nationalen Interessen gegeben werden soll. Triest erhält eine Sonderstellung, der polnische Teil Galiziens da der eventuellen Vereinigung der polmschen Gebiete Oesterreichs mit dem unabhängigen polnischen Staate nicht vorgegriffen werden soll. Jeder dieser Bundesstaaten soll eine eigene nationale Regierung erhalten. Zunächst sollen die Reichsratsabgeordneten einer jeden Nation Nationalräte bilden, die die Interessen der Völker zueinander sowie im Verkehre mit der Zentralregierung zur Geltung bringen sollen. Ist es somit im ersten Momente, ohne Kenntnis der näheren Details sowie der Grenzen der neuen Staaten, unmöglich, ein Urteil über die Tragweite und die Realisierungsmöglichkeiten dieser Reform abzugeben, so ist es anderseits schon jetzt klar, daß die Stellung und die Lage der Juden derMvnarchie dadurch sehrwesentlich beeinflußt werden dürfte. Zunächst wird die österreichische Judenheit, die ohnehin einer einheitlichen politischen Organisation entbehrte, in mehrere Teile gespalten, die nur lose miteinander Zusammenhängen dürften, mag der nachherige Zusammenschluß der Bundesstaaten wie immer durchgeführt werden. Dieser Zusammenschluß allein ist es, der geeignet ist, das Band auch fernerhin bestehen zu lassen, das bisher diese Juden zusammenhielt. Sonst aber dürfte die politische Differenzierung im Lager der österreichischen Judenheit noch stärker als bisher in die Erscheinung treten. Was die neuen Bundesstaaten anbetrifft, so kommt hinsichtlich der Judenftage der südflavische Staat kaum in Betracht, da die Zahl der Juden in diesen Gebieten eine kaum nennenswerte ist. Stärker dürste die Zahl der Juden in dem tschechischen Staate sein. Laut der letzten Volkszählung befanden sich in Böhmen, Mähren und Schlesien insgesamt etwa 140.000 Inden. Da die deutschen Teile dieser Länder dem tschechischen Staate nicht angehören sollen, ist es schwer, genau die Zahl der Juden sestzustellen, die in diesem Staate bleiben werden. Immerhin könnte man eine beiläufige Zahl von 70.000 bis 80.000 annehmen. Wie sich die nationale Stellung der Juden in diesem Staate gestalten könnte, ist noch weniger klar. Sollten die Juden in allen Bundesstaaten der Monarchie als besondere Nationalität anerkannt werden, so hätte dies hinsichtlich des tschechischen Staates nur eine akademische Bedeutung. Mit Ausnahme von Prag und noch einigen größeren Gemeinden könnte ein jüdisches Leben praktisch gar nicht durchgesührt werden. Immerhin mag gesagt sein, daß die nationale Bewegung unter den Juden in diesen Kronländern in letzter Zeit wesentliche Fortschritte gemacht hat, und es ist nicht ausgeschlossen, daß diese Juden in der Zukunft einen nationalen Zusammenschluß anstreben werden.^^^^^^^^^^^ dürfte die Zahl der Juden etwa 250.000 bis 280.000 erreichen, immerhin eine ansehnliche Ziffer. Davon entfallen aber aus Wien allein etwa 180.000, so daß ein nationales Eigenleben nur da in Betracht käme. Die Juden in den anderen Städten dieses Bundesstaates Hütten kaum die Möglichkeit, sich national auszuleben. Die größte Rolle dürfte die Judenfrage unstreitig in dem ukrainischen Bundesstaat spielen, der Ostgalizien und Nordbukowina umfassen soll. Auch da läßt sich die Zahl der Juden nicht genau seststellen, da die Grenzen Ostgaliziens nicht festgesetzt sind. Sollte die Sanlinie die Grenze bilden, dann dürste die Zahl der Juden im ukrainischen Staate etwa 720.000 bis 750.000 erreichen. Sollte aber diese Grenze mehr gegen Osten vorgerückt werden, so wird eine kleinere Ziffer herauskommen. Immerhin dürften die Jaden in diesem Bundesstaate eine wesentliche Rolle spielen, und da wäre zumindest die Möglichkeit eines nationalen Eigenlebens gegeben, obwohl auch da die Schwierigkeiten einer praktischen Durchführung nicht unterschätzt werden dürfen. Das Schicksal der Juden Westgaliziens hängt mit dem Schicksal dieses Gebietes überhaupt zusammen. Sollte Westgalizien zum Königreiche Polen geschlagen werden ungänzlich .aufhören, zu Oesterreich zu gehören, dann müßten eben die dortigen Juden aus dem österreichischen Staatsverbande ausscheiden, insofern sie es nicht vorziehen sollten, von einem eventuellen Optionsrechte Gebrauch zu machen. Die Frage, ob die Jude» als eine besondere Nationalität anerkannt werden würden, ist bis jetzt noch nicht klargelegt. Es heißt aber, daß der Ministerpräsident den Abgeordneten Reizes und Breiter diesbezügliche Zusicherungen gemacht habe. Es ist ferner fraglich, ob sie sich bloß aus die Juden im Osten oder auch auf diejenigen im Westen beziehen werde. Die nächste Zeit dürfte darüber Klarheit bringen. Sollte es dazu kommen, dann dürsten im jüdischen Lager ganz eigenartige Erscheinungen zutage treten. Im Sinne des kaiserlichen Manifestes sollen die Reichsratsabgeordneten einer jeden Nation einen eigenen Nationalrat bilden. Wie wird dies nun hinsichtlich der jüdischen Abgeordneten sein? Werden sich beispielsweise Hofrat Äuranda und Dr. Offner zur jüdischen Nation bekennen und einen jüdischen Nationalrat in Deutsch-Oesterreich bilden? Wie sollten sich übrigens die Konfessionslosen verhalten? Ebenso kompliziert wird die Sache in Galizien sein. Bloß die Abgeordneten Reizes und Straucher stehen 'Mitgliederdes Polen klubs betrachten stich national als Polen. Werden sie jetzt aus dem Klub austreten und einen jüdischen Nationalrat bilden wollen? — Mit Ausnahme des Abg. Groß sind sie alle in Ostgalizien gewählt worden, sie müßten eigentlich den Polenklub verlassen und sich als Vertreter Ostgaliziens betrachten. Wie würden sich die jüdischen Sozialisten Dr. Diamant und Dr. Liebermann verhalten? — Man sieht, die Sache ist ziemlich kompliziert und dürfte gar manche eigenartige Erscheinungen zutage bringen. Ueber das Verhältnis der Juden zu den anderen Nationen in den zu bildenden Bundesstaaten soll noch ausführlich gesprochen werden. Die allernächste Zeit dürfte es möglich machen, die Dinge klarer zu sehen und die Situation überblicken zu können. Heute mag nur noch soviel gesagt werden: Die maßgebenden Stellen werden gut tun, bevor eine Entscheidung hinsichtlich der Stellung der Juden getroffen werde, alle jüdischen Faktoren anzuhören, da nur dann eine befriedigende Lösung möglich sein dürfte. Friedens- und Iudenfrage. Der Friede ist unterwegs. Die Mittelmächte, die seit Jahr und Tag einen Kampf für den Frieden führen, haben nun den äußersten Schritt getan, indem sie, obwohl militärisch intakt und trotz der jüngsten Rückschläge und dem Ausscheiden Bulgariens noch immer imstande, sich ihrer Feinde zu erwehren, sich bereit erklärt haben, das Friedensprogramm