Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 29 (3.10.1918)
- Date
- 1918-10-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Jüdische Korrespondenz. Seite 7 welchem die Forderungen derselben präzisiert wurden. „Vorläufig", heißt es in diesem Brief, „stellen wir die folgenden Minimal» forderungen auf: a) Die Gründungsversammlung hat die Gesetze der Thora als Grundlage für alle Gesetze, die aus dem Gebiete der Landwirtschaft, Produktion, Erziehungje. gefaßt werden, anzuerkennen. b) Der „Choschen mischpat" muß auch für das jüdische Schiedsgericht in Palästina als Richtschnur gelten, c) Die Beamten der öffentlichen Anstalten, die Gewählten und Vertreter der allgemeinen Organisationen des Jischuw sind verpflichtet, die heiligen Gebote nicht öffentlich zu verletzen. d) Die Talmud-Thoroth und Jeschiwoth, die die einzigen Stätten für die Ausbildung der Thoragrößen und religiösen Juden sind, sollen nicht in die Erziehungsarbeit der zu schaffenden Organisation eingegliedcrt werden. Diese Erziehungsanstalten müssen unter Aufsicht der Rabbiner ohne jede äußere Beeinflussung stehen." Der Brief war vom Rabbinatskomitee in Jerusalem gezeichnet. (Schweizerische „Agudas Jisroel"- Kolonie in Palästina.) Das jüdische Preßbureau in Zürich berichtet: In ihrer Sitzung vom 1. September hat das Schweizerische Laudeskomitee der „Agudas Jisroel" beschlossen, in Palästina eine Kolonie ans den Namen „Schweizerische Agudas Jisroel"-Kolonie zu gründen. Mit den Organisationsarbeiten soll sofort begonnen werden. Auch soll das Schweizerische Kriegswaisenhaus der „Agudas Jisroel" in dieser Kolonie errichtet werden. Dieser Beschluß wird von allen Seiten wann begrüßt und hat Aussicht auf rasche Verwirklichung. (Die jüdische .Gemeinde in New- Dork.) Die jüdische Gemeinde in New-Iork stellte bisher — wie die meisten unserer Kultusgemeinden — eine ganz lose Bereinigung vieler Organisationen dar. Die Verwaltung der Gemeinde war zur Deckung ihres Budgets auf die Unterstützung einer ganz engen Gruppe von Philantropen angewiesen, wodurch sie in vollständige Abhängigkeit von ihnen geriet. Nach langen Kämpfen, die auf der diesjährigen Konvention .ihren vorläufigen Abschluß fanden, hat die Gemeinde eine Verfassungsänderung vorgenommen. Die Gemeindeverwaltung wird bestrebt sein, sich mehr auf die Masse des Volkes zu stützen und auch ihre Mittel größtenteils von dieser zu erhalten. Zu diesem Zwecke wurde beschlossen, eine großzügige Propaganda zu entfalten, um 100.000 Mitglieder zu gewinnen, die durch eine progressive Selbstbesteuerung die Gesamtsumme von 200.000 Dollars jährlich, also im Durchschnitt 2 Dollar pro Kopf, ausbringen sollen. Ferner wurde ein Antrag angenommen, eine Monatsschrift „The Jewish Communal Review" herauszugeben. — Sehr bezeichnend für die jüdischen Verhältnisse in Amerika ist die Resolution, sobald die Kriegsumstände es gestatten, auf die Einführung einer fünftägigen Arbeitswoche in den Industriezweigen hinzuwirken, in denen das jüdische Element überwiegt. Wie bekannt, wird in Amerika in den Industriebetrieben Samstag nur vormittags gearbeitet. Nun hat vor einigen Jahren unter der jüdischen Bevölkerung in New-Iork eine Bewegung für die Einführung einer zweitägigen Arbeitsruhe, d. h. für die Abschaffung der Samstagarbeit, die durch eine entsprechende Verlängerung der Arbeitszeit an den Wochentagen ausgeglichen wird, eingesetzt. Diese Bewegung ging ursprünglich von orthodoxen Kreisen aus, die um die Heilighaltung des Sabbats besorgt sind. Sie fand aber auch zahlreiche Anhänger in anderen Klassen der jüdischen Bevölkerung, die sich ihr ans nationalen und sozialen Gefühlen anschlvssen. (Jüdische Gesellschaft für Landwirtschaft.) Der Heranbildung des jüdischen Elements zur Landwirtschaft will die in Wilna begründete Jüdische Gesellschaft für Landwirtschaft Adomah (Erde) dienen, die die behördliche Genehmigung erhielt. Hauptziel ist Bodenerwcrb durch Inden, Bodenbearbeitung, Erziehung und Ausbildung jüdischer Landwirte und Landarbeiter, Ernährung der jüdischen Bevölkerung durch Lebensmittel von eigenem Boden. (Seltenes Exemplar einer Thora- Rolle.) Ein interessanter Fund von hoher archivalischer Bedeutung wurde kürzlich in Ungarn von Rabbiner Dr. Horowitz-Steinamanger bei der Sichtung einer Bibliothek gemacht. Zwischen alten Büchern und Inkunabeln versteckt, fand er eine aus Pergament geschriebeneHafthora-Rollevon prächtig schöner Handschrift. Der Text zeigt vollständige Bokalisierung und Akzentuation. Das Merkwürdige an dem Ganzen ist, daß die Rolle wunderschön illustriert ist. Die Haftaroth der einzelne» Datenabschnitte nämlich sind mit Kupferstichen, die den Hauptinhalt illustrieren, geschmückt. Die Bilder sind von so außerordentlicher Schönheit und Feinheit, wie sie sonst kein einziges jüdisch-graphisches Kunstwerk aufzuweisen haben soll. Herr Dr. Horowitz ist bemüht, Alter und Herkunft sowie den Künstler, von dem es herrührt, festzustellen. Die Aufgabe des Fachmannes wird es noch sein, den künstlerischen Wert der Sache näher zu beurteilen. Die Haftaroth sind für jeden Ritus separat vorgesehen. (Eine Theater-Epidemie in Polen.) Selbst bundistische Blätter beginnen jetzt, sich über die in den kleinen polnischen Städtchen ausgebrochene Theater-Manie aufzuregen. Die jungen Leute beiderlei Geschlechts, soweit sic sich von religiöser Treue emanzipiert haben, können sich in „Dramatischen Zirkeln" gar nicht genug tun, wobei die minderwertigste Dutzendware als „.Kunst" herhalten muß. Das Ganze ist nichts weiter als ein soziales Krankheitssymptom : der Betätigung suchende Lebenstrieb, der die alten Bahnen verlassen hat und neuer Ideale bar ist. Personalnachricht. (Verlobung.) Herr Dr. Eugen Lieben, k. k. Gymnasialprofessor in Prag, hat sich mit Fräulein Hansi Grünbaum aus Nürnberg verlobt. _ Die Zahl der Inden. In Heft 1/2 der von Buber herausgegebenen Zeitschrift „Der Jude" veröffentlicht Dr. A. Ruppin, der bekannte Verfasser der Bücher „Die Juden der Gegenwart" und „Syrien als Wirtschaftsgebiet" eine interessante Studie über die Zahl der Juden. Hienach betrug die Gesamtzahl der Juden in der ganzen Welt im Jahre 1915 13»/,, Millionen, eine Ziffer, die in keiner früheren Evoche der jüdischen Geschichte auch nur annähernd erreicht worden ist. Die Volkszahl der Juden betrug im Beginn der christlichen Zeitrechnung 4‘/s Millionen. Diese Zahl, die spater ständig sank, ist erst im 19. Jahrhundert wieder erreicht worden und hat sich im Laute des einen Jahrhunderts etwa verdreifacht. Ter außerordentliche Bevölkerungszuwachs der Inden in dem letzten Jahrhundert wird besonders deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß es am Ende des 17. Jahrhunderts nur l*/s Millionen Juden gegeben hat. Wenn man die Zahl von ist/', Millionen mit den Bevölkerungs» Ziffern anderer Nationalitäten vergleicht, so ist festzustellen, dass die Polen (in Rußland, Oesterreich und Deutschland) etwa 17 Millionen, alle christlichen Balkanvölker -Rumänen, Bulgaren, Serben, Griechenzusammen etwa 17/,. Millionen, die Irländer ("in Irland und Amerika, etwa? Millionen, die Armenier (in Rußland und der Türkei) etiva st Millionen zählen. Würde das Wachstum der jüdischen Bcvölterungszahl anhalten, so hätten die Juden in wenigen Generationen die großen europäischen Nationen an Zahl cingeholt. Da sich aber das Wachstum in der letzten Zeit mehr und mehr verlangsamt, so kann mit einer ähnlichen Steigerung wie im 19. Jahrhundert nicht mehr gerechnet werden. Immerhin ist es nicht unwahrscheinlich, daß die Zahl der Juden im 20. Jahrhundert ans 25 oder auch auf 30 Millionen ansteigen wird. Die größte relative Bevölkerungsziffer erreichen die Juden in Palästina. Dort leben I06.000 Juden, gleich 1100 unter 10.000 der Gesamtbevölkerung. Die von Ruppin gegebene Gcsamtziffer von 1B3, Millionen muß nach einer neuesten amerikanischen Zählung, die Ruppin noch nicht kannte, noch um mindestens öoo.ooo erhöht werden, so daß sich die Gciamtzahl gegenwärtig auf 11'/, Millionen stellt. 'Rach der erwähnten neuen amentanischen Zählung erreichte die Zahl der Juden allein in den Bereinigten Staaten im Jahre 1917 3,012.141 gleich!» Prozent der Juden, in Chicago 250.000, in Philadelphia 175.000. Das jüdische Vierte! in New ))ork bildet eine Großstadt für sich mit ausgeprägtem eigenen jüdischen Leben. von den chaistdischen Mysterien?) Bon Wolf R a p a p o r t - Przemysl. Ans der Einleitung. In unserer modernen Zeit begann man sich für die Literatur des Chassidismus zu interessieren und hat dieselbe poetische Naturen angeregt. So wie die alte Kabbalah einen?iea de la Miratndula, einen Reuchlin, einen Cornelius Agrippa und Jacob Böhme, welche herumirrlen, eine Wissenschaft zu finden, deren Ausgabe es sein sollle, d,c üetsten Tiefen der göttlichen Natur, die eigentliche Wesenheit und Verkettung aller Dinge zu zeigen, begeisterte, so hak die Beschtianische Lehre viele Gemüter erregt. Der Chassidismus, der bekanntlich feinen Ursprung aus Israel Bal-Schem (Beschk genannt) zurückiührt, ist keine philosophische Disziplin, wie die alte Kabbalah, sie ist weder ein abgeschlossenes Svstem, nach besaßt sie sich mit der Erkenntnis. Sic besteht vielmehr ans intuitiven Aeuherungen der von inneren! Erlebnis beseelten Menschen. Menschen, die durch kein Forschen aus der Vernunft geschaffen, nicht von außen, sondern von innen, Menschen, die sich selber in sich suchten und fanden. Es ist etwas schwierig, über die Inhalte des Chaistdismus zu schreiben, weil sie, wie gesagt, samt und sonders Aeußerungen derJntinition darstellen. Die menschliche Sprache ist zu arm, um die innere» Erlebnisse wiederzugeben. Ein christlicher, von der jüdischen Kabbalah beeinflußter Mystiker des 17. Jahrhunderts schreibt: Zwar Hai sich die Sprache den Mysterien angepaßt und ist nachgegangen der wachsenden menschlichen Seele aui heimlichen Wegen, aber das Erlebnis zu schildern ist sie nicht imstande. Dieses kann man auch von der chassidischen Lehre behaupten. Alles das, was diese Meister empfunden und erlebt haben, haben sie nicht ganz ausgedrückt, und was in den chassidischen Inhalten vorhanden ist, ist nur angedeutet. Oder wie sich die Chassidim ausdrücken „be'rmisa, de'rmisa", ') Aus der vom Verfasser dieser Zeilen in, Buch- und Kunstverlag Mar Hickel lWien-Brünn) unter dem Titel „Bon den 'chassidischen Mysterien" demnächst erscheinenden Broschüre. Die Redaktion.