Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1918-10-03 · 29 (3.10.1918) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
29 (3.10.1918)
Date
1918-10-03
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3495278-3495381-3495408--0753-3521472
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 29 bewahrt und „das böse, über uns verhängte Urteil" ist zerrissen worden." Und nun sollt Ihr auch das zweite Geschichtchen Horen. Ein berühmter Wunderrabbi hatte einst einen merkwürdigen Traum. Er träumte, er wäre gestorben und ins Paradies gekommen. Sein Nachbar zur Linken aber war ein Mann A. aus dem Städtchen B. Einige Tage darauf ließ er Erkundigungen einziehen und erfuhr, daß in B. tatsächlich ein Mann A. existiere. Sein sehnlichster Wunsch war es nun, diesen Mann und seine Taten kennen zu lernen. Mit großem Gefolge reiste er nach dem weit entfernten Städtchen B., wo er mit großen Ehren empfangen wurde. Man erzählte dem Rabbi, A. sei ein unwissender und wenig beliebter Mann, aber er bestand darauf, ihn kennen zu lernen. Da hörte er denn von A. selber, daß er nichts Besonderes aufzuweisen habe, was ihn vor seinen Mitbürgern auszeichne. Er mußte sogar zugeben, daß er gänzlich unwissend sei und zu seinem größten Leidwesen selbst nicht einmal hebräisch zu lesen verstehe. Auf die Frage des Rabbi, wie er denn bete, antwortete er: „Das Einzige, was ich gelernt habe, ist das „Aleph- Beth (das hebräische Alphabet)". Dies sage ich der Reihe nach ein paarmal vor- und rückwärts auf; aber alle meine Gedanken, all mein Sinnen richte ich dabei auf meinen Schöpfer. Meine Andacht ist daun so groß, weil ich daran denke, daß ans diesem Äleph- Beth die Thora und der Talmud bestehen, daß es die Elemente der Sprache bildet, in der Gott selbst zu Mose gesprochen hat. Ich sehe, wenn ich „Aleph" sage, förmlich, wie dasselbe, den Himmel durchdringend, zu Gott emporsteigt und, am Throne Gottes anlangend, für mich Fürbitte beim Allvater einlegt. So geht es mir bei allen Buchstaben." „Wer mit solcher Andacht zu beten versteht, wer sich beim Gebet so eins mit seinem Gotte weiß, der verdient, daß er mein Paradiesnachbar sei", sprach der Rabbi. Und die Nutzanwendung dieser Geschichtchen? Man kann in jeder Sprache zu Gott beten, wenn es nur mit inniges' Herzensandacht geschieht, aber das Hebräische ist ein vorzügliches Mittel, uns in Andacht zu versetzen. Darum lernt es verstehen und betet täglich hebräisch. Es ist unsere Muttersprache, es ist „die heilige Sprache". (Schluß von Seite 4.) Judentums mit ehrlichem Wollen gearbeitet; doch gerade der Umstand, daß der Nationalismus die Assimilantcn zu bekehren imstande ist, während die konservativen Volksschichten dieser Bewegung darum mißtrauisch gegcnüberstehen, weil sie eine Entfremdung ihrer Jugend von der überlieferten Lehre befürchten, ist ein untrüglicher Beweis hiefür, daß die einseitige Rückkehr zum Judentum das jüdische Volk nimmermehr zu erwecken — zum Zusammenschluß zu einem Volksganzen niemals die .straft besitzen wird. Die jüdische Religion ist das Rückgrat der j ü d i s äi c n R a t i o n, und allmählich dämmert es ja schon den Männern ans, die sich mit national-jüdischen Erziebnugsvroblenienernstl i ch befassen, daß die jüdischen Bräuche, die Sabbatweihe, die FeMW, die religiös-jüdische Erziehung nicht anMDalb des nationalen Erziehnngsprogrammes stehen dürfen, soll die Treue zum Judentum sich im Volke verwurzeln und soll ferner die Einheit des jüdischen Volkes erzielt und dauernd erhalten werden können. Die Religion bildete im Judentum e st ctsdieVolkskrast, daher wir unser nationales Volkstum von religiöser Tradition gestützt wissen wollen. Lehrer M. Mandl. Prag, September 1918. Aufruf des „Sinai": Prag, im Elul 5678. An unsere Glaubensgenossen! Das Judentum in Westösterreich, besonders in Böhmen, befindet sich in einer ernsten Krise; cs steht vor der Entscheidung: Sein oder Nichtsein! Es muß entweder bald zu neuem Leben erwachen, oder es wird untergehen. Wer seinen Fortbestand will, darf nicht länger zögern; er muß mit allem Können und mit aller Htait für das kostbarste aller Güter eintreten, an der Wiederbelebung und Verjüngung des Judentums arbeiten. ES liegt uns ferne, die Versuche, die in dieser Beziehung gemacht wurde» und werden, einer Siritif unterziehen zu wollen. Die Tatsache, daß jedes neue, auf eine Aenderung der Grundlagen oder auf eine Umgestaltung 'der Formen des Judentums gerichtete Streben ihm immer weitere Kreise entfremdet hat, anstatt die Entfremdung zu bannen, spricht eine beredte Sprache. Wertvoll für unsere Gesamtheit und Achtung gebietend ist nur das Judentum, das in Israel zu allen Zeiten als heiliges und unantastbares Goiteswort galt, das unterer Väter Leben geweiht hat und dem sie ihr Leben geweiht haben, das sie unter Mühen, Leiden und Opfern aller Art aus allen Gefahren gerettet und in seiner Größe und Lauterkeit ihren Kindern als heiliges Vermächtnis hinlerlaffen haben. Für dieses Judentum allein, und nicht für eine Menschenschöpsung von gestern und heute, schlägt wärm das Herz in der Brust auch der scheinbar Kalten und Gleichgiltigen. Scheint überall der Tod cingekehrt zu sein, so lebt dennoch in Israel die alte Treue gegen das überlieferte Judentum der Vater, allerdings mehr unbewußt als bewußt. Und darin liegt die große Gefahr, die beseitigt werden muß. Lebt in den heutigen Juden bte Treue gegen das Judentum nur noch unbewußt, so wirb es aus dem Denken und dem Empfinden ihrer Kinder völlig geschwunden sein. Das muß verhütet ivcrden. Die Kraft des Einzelnen kann für die große Aufgabe nicht hinreichen. Alle Ernstdenkenden in Israel, Männer und Frauen, Jünglinge und Jungfrauen, müssen sich zuiammenschließen, um in gemeinsamem Streben das leuchtende Ziel zu erreichen. In zwölfter Stunde wenden wir uns darum an unsere Glaubensgenossen mit der Mitteilung, daß nur im Begriffe stehen, die Treugebliebenen in Böhmen zu sammeln und zu organisieren, und mit der dringenden Einladung: wer das von Gott geoffenbarto, von den Vätern überlieferte Judentum erhalten wissen will, schließe sich uns an! Mit giaubensbrüderlichem Gruße „Sinai" Verein zur Förderung der Interessen des konservativen Judentums. Anmeldungen erbeten an die Adresse: Marcus Ungar, Präg, Mariengaffe 41. Rundschau. (Die Esrogimfrage.) Dank dem Entgegenkommen des k. u. k. Ministeriums des Aenßern und des k. u. k. Kriegsministeriums konnte die Esrogimsrage — wie bereits berichtet — mit knapper Not gelöst werden. Der Transport ist rechtzeitig angelangt und die Verteilung konnte vorgenommen werden. Es gab in Oesterreich-Ungarn keine Gemeinde ohne Esrog und Lulaw. Die größeren Gemeinden erhielten eine entsprechende Anzahl Garnituren. Freilich stellten sich die Kosten ziemlich hoch. Bei der offiziellen Verteilungsstelle kostete eine Garnitur K 600, im Schleichhandel — leider gab es trotz aller Vorsicht auch einen solchen — wurde bis über Li 2000 gezahlt. Ein Rekord wurde diesbezüglich in Lublin erreicht. Dort erhielt die Gemeinde blos eine Garnitur. Ein Privatmann soll für eine Garnitur K 20.000 (sage: Zwanzigtausend Kronen) gezahlt haben. — Charakteristisch für das Verhalten der Entente ist der Umstand, daß dieselbe auch nach der Schweiz und nach Holland nur ein höchst beschränktes Quantum hineinließ, so daß diese Länder sich mit Esrogim aus Deutschland, wo rechtzeitig ein entsprechendes Quantum einlangtc, Helsen mußten. — Die österreichische Hilfskoinmission für Palästina, die sich mit der Herbeischaffung der Esrogim befaßte, sprach der k. n. k. Regierung, speziell Herrn Konsul v. Marquet und Herrn Oberleutnant Karner sowie den Leitungen der k. u. k. Botschaft und des k. u. k. Ärtilleriekommandos in Konstantinopel öffentlich den wärmsten Dank aus, sie gab hiebei den Gefühlen aller Juden der Monarchie lebhaften Ausdruck. (Bon der „Agudas-Jisroel".) Wie bisher werden auch im kommenden Herbst¬ und Wintersemester die Chadorim der „Agudas- Jisroel" in Wien funktionieren. Anmeldungen werden im Vereinslokale, U., Gr. Pfarrgasse 23, entgegengenommen. Die segensreiche Wirksamkeit dieser Chadorim ist hinlänglich bekannt und die Aktion verdient allseitig die wärmste Unterstützung. (Oesterreichs Eintreten für die rumänischen Juden.) In einem soeben in Zürich erschienenen Heft: „Welchen Standpunkt soll der Jude einnehmen", teilt Dr. F. Reumann in Zürich mit: „Ich kenne zufälliger Weise die Verhandlungen, die seitens der Regierungen der Zentralmächte in Rumänien zugunsten der Juden geführt worden sind. Von welcher Uneigennützigkeit und wirklicher Menschlichkeit die österreichische Regierung erfüllt ist und insbesondere wie Graf Ezernin für die Rechte der Juden in Rumänien sich eingesetzt hat, kann nur derjenige eine Vorstellung haben, der wie ich, einen Einblick in die Verhandlungen gewonnen hat.* Ich begehe nur einen Akt der primitivsten Dankbarkeit, bei dieser Gelegenheit eines Mannes, wie Generalkonsul von Peters, Erwähnung zu tun, dessen Namen in goldenen Lettern in der Geschichte der Juden zum Zeichen ewiger Dankbarkeit vermerkt werden sollte. Mit welcher Hartnäckigkeit und Ausdauer, geradezu in Aufopferung seines Jchs, hat dieser hervorragend befähigte und hochherzige Mann den Rumänen die Rechte für die rumänischen Juden Punkt für Punkt abgerungen. Wie weit sie gedeihen oder wie weit sie in Kraft treten werden, wird die Zukunft lehren." (Die Forderungen der Jerusalemer orthodoxe« Rabbiner.) Gelegentlich einer Konferenz in Palästina wurde ein Brief der orthodoxen Rabbiner Jerusalems verlesen, in * Der rumänische Ministerpräsident Marghiloman sagte am 3. Juli 1918 wörtlich: „Sie (die rumänischen Juden) haben in den Oesterreichern die wärmsten Verteidiger gehabt. Sie konnten keine wärmeren Befürworter häben."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.