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Jüdische Korrespondenz · 1918-10-03 · 29 (3.10.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
29 (3.10.1918)
Date
1918-10-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Jeschurun Nr. 29. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst l'osiinuie durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun1* Wien, vSalztorgasse 2. f Organ des Vereines „Jeschurun“ j; ORGANISATION für die Ihoratreue Jugend Wiens f Alle Zuschriften und Anfragen sind i zu richten an: i „Jeschurun“-Preakoreitee, Wien. I., Salztorgasse 2. &-====================^~ Religion und Krieg. (Fortsetzung > Nun ist aber jeder Bt'ensch Teil einer Gattung, Glied einer Kette und sie haben alle gemeinschaftliche Kennzeichen, gemeinschaftliche Triebe. Wir finden bei jedem einzelnen Glied der Gattung Mensch eine Anzahl natürliche Triebe, bei allen den Urtrieb der Selbsterhaltuiig ohne Rücksicht auf Seele, Geist oder Erziehung. Der seelischeste Mensch, der Erzogenste, toenn ich so sagen darf, wird das Gefühl des Hungers haben, wenn sein Plagen leer ist, oder Durst empfinden, wenn er lange in der Sonnenglut gegangen. Jeder wird das Gefühl der Freude haben, wenn er befriedigt ist — jeder nach seiner Art — und jeder wird Schmerz empfinden, wenn er leiden muß. Bei all diesen natürlichen Trieben ist der Leib ein wichtiger Faktor — je nach der Entwicklung des Leibes, der Konstitution, treten diese Empfindungen früher oder später auf. — Die Erziehung, das Trainieren kann hier manches erreichen — aber all diese Gefühle und Empfindungen sind in der Natur des Menschen begründet — ihm innewohnend, Resultate der Zelle. — So finden wir bei allen Gattungen, beim Menschen, beim Tier, bei der Pflanze, beim Stein, allgemeine, die Gattung charakterisierende, physisch-natürliche Eigenschaften. Die erwähnten Triebe, Hunger, Durst und so weiter sind wissenschaftlich begründet, und der diesen Gefühlen vorausgehende Prozeß die sie hervorrufenden Ursachen voll und ganz erforscht. Was den Leib betrifft, liegt dem Auge des Forschers offen, die Psyche hingegen ist noch immer sozusagen eine tsrra incognita. Tic Pädagogik hat jedoch hier ihren Schwerpunkt, sie kann weit mehr auf dem Gebiete der Seele, des Geistes erreichen, als auf dem der natürlichen Triebe, allerdings in begrenzter Weise. Wenn Rückert sagt: der Beistand ist im Menschen znhaus wie der Funke im Stein, er kommt nicht von selber heraus, er will herausgeschlagen sein, so gibt er damit der Pädagogik kein unbegrenztes Feld. Die Pädagogik kann die im Menschen schlummernden geistigen Fähigkeiten fördern, weiterbilden, aber nicht schaffen. Sie hat Mittel, fördernd, belebend und bildend einzuwirken — aber sie kann nichts erzeugen. Die Worte Rückerts sind auch auf den Leib anwendbar. Aus einem schwachen Körperbau kann kein Riese werden. Bei aller Ernährung, Abhärtung und Trainage wird man wohl Erfolge erzielen und weiter kommen — aber man kann nur dann, sowohl seelisch wie körperlich, etwas herausschlagcn, wenn etwas vorhanden ist. (Fortsetzung folgt.) wi? sollen wir beten! Im „H.Jsr. Familienblatt“ schreibt Philipp Silberpfennig (Thorn): Sehr oft stellen Schüler und Schülerinnen die Frage an mich: „Weshalb beten wir nicht alle unsere Gebete in deutscher Sprache, weshalb beten wir hebräisch, obgleich wir zum großen Teil nicht verstehen, was wir beten? Es wäre doch gewiß richtiger, wenn wir deutsch beten würden." Ich pflege diese Frage folgendermaßen zu beantworten: Die Hauptsache beim Gebet ist die Andacht, das ist die innere Erhebung und seelische Sammlung, die uns beim Gebet und durch das Gebet ergreifen soll. Gebet ist nichts anderes, als zum Vater im Himmel reden. Im schütten wir im Gebet unser Herz ans, ihm teilen wir darin unsere Gedanken mit. Wenn wir »ns beim Gebet stets bewußt bleiben, zu wem wir beten, dann werden wir von Andacht erfüllt sein. „Wisse, vor wein du stehst" im Gebet und „Ich halte mir den Ewigen stets vor Augen" sind Vorschriften, an die wir beim Gebet stets denken sollen. Wenn wir aber unsere Gebete nur hersprechen, ohne mit dem Herzen dabei zu sein, dann werde» wir auch ein deutsches Gebet nicht mit unseren Gedanken und Sinnen erfassen, ja wir werden dann auch beim deutschen Gebet nicht wissen, was wir beten. Diese Erfahrung kann man gar ost bei den allgemeinen Schulandachten machen. Hand aufs Herz, nieine jungen Freunde, seid ihr wirklich stets andächtig, toenn ihr in der Schule betet: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen" (Psalm 121) oder „Wenn ich auch im Tale des Todes wandle, so fürchte ich kein Leid" (Psalm 23)? Denkt ihr alle immer an den herrlichen Inhalt der Psalmenworte? Seht ihr nicht vielmehr oft gar manchen eurer Mitschüler gerade bei den ergreifendsten stellen Dinge treiben, die mit den Worten, die sie dabei sprechen, gar nicht zu vereinbaren sind! Dies mag euch als Beweis dienen, daß es gar nicht daraus ankommt, wie ihr betet; ich meine, daß von der Gebctssprache die Andacht nicht abhängt. Also, werdet ihr jetzt sagen: dann ist es ebenso gut, wenn wir andächtig deutsch beten. Gewiß, nreine Lieben, aber gebt euch Mühe, unsere Gebetsprache verstehen zu lernen. Besucht fleißig den hebräischen Unterricht und lernt hebräisch übersetzen. Gerade die hebräische Sprache und die hebräischen Schriftzeichen sollen uns zur Andacht stimmen. Ist es doch „die heilige Sprache“, in der die Bibel geschrieben ist, sind es doch die Schristzeichen, die auf den steinernett Tafeln eingegraben waren, ist es doch die Sprache, in der unsere Stammväter redeten, vielleicht ist es sogar, was noch gar nicht entschieden ist, die Ursprache, ist es doch das Band, das alle Inden ans dem weiten Erdenrund umschließt. Dieses Band würde aber zerrissen werden, wenn wir anfingen, das Hebräische aus unseren Gebetbüchern zu verbannen. Die heilige Sprache würde ganz und gar in Vergessenheit geraten. Wäre das nicht ein unermeßlicher Schade für uns? Deshalb ist hebräisch Beten tvohl geeignet, uns in Andacht zu versetzen, auch wenn man noch nicht alles übersetzen kann, wonach man aber allen Ernstes streben soll. Denkt einmal an die Geschichte der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel! Es mag damals wob! Sitte getvcsen sein, recht laut zu Gott zu beten, vielleicht gar zu Gott emporzuschreic». Hanna aber betete leise, doch mit andachtsvollem Herzen. Dem Priester Eli, der sie wegen ihres leisen Gebetes für trunken hielt, antwortete sic: „Ich bin nicht trunken, ich habe mein Herz vor Gott ansgeschüitet,“ worauf ihr der Priester tagte: „Gehe nach Hause, und Galt möge dein Gebet erhören!" Ihr wißt es alle, daß Gott ihr Gebet erhört hat. Auch an zwei andere Begebenheiten aus der Bibel will ich euch noch erinnern. Ihr kennt alle die Geschichte, in der uns berichtet wird, daß Moses beim Kampfe mit Amalek die Hände cmporhielt. Wenn er das tat, siegte Israel. Nicht die hochgehalicnen Hände veranlaßiei! den Sieg. Der andachtsvolle Aufblick und das Hinlenken der Blicke der Kämpfenden zu Gott führten ihn herbei. So ist auch das Hebräische das Mittel, die Beter mit Andacht zu erfüllen. Deshalb verlangen unsere Weisen auch, daß selbst diejenigen, die ausivendig zu beten verstehen, beim Beten ihre Blicke in das Gebetbuch auf bte Schnftzcichen richten. Znm Schluß erzähle ich Euch noch zwei kleine Geschichten, die auch zeigen sollen, daß es beim Beten ganz und gar allein ans die Andacht ankounnt. Es war in einer kleinen russischen Gemeinde. Das heilige Rausch- Haschonohscst war herangcnaht, und im Gottes- Hanse sollte der Schosar ertönen. Aber alle Mühe des Bläsers war vergebens. Keinen Ton vermochte er dem Schosar zu entlocken, obgleich er es doch alljährlich so vortrefflich verstanden hatte. Da, als die Erregung aufs höchste gestiegen war, erscholl aus einer der letzten Reihen des Gotteshauses ein schriller Pfiff. Alles erschrack »nd war entsetzt Über diese Entweihung des heiligen Tages. In demselben Augenblicke, in welchem der Pfiff verklungen mar, ertönte klar und deutlich, wie vordem stets, der Schosar. Ter Rabbi des Ortes gebot Ruhe und befahl dem Burschen, hervorzutreten und ohne Scheu zu erklären, weshalb er gepfiffen habe. Ausinerksam lauschten alle seinen schlichten Worten: „Ich bin", so begann er, „ein einfacher Rinderhirte und habe nichts gelernt, auch verstehe ich leider nicht einmal hebräisch zu beten. Aber wenn ich draußen ans freiem Felde weile, und ich das Verlangen habe, meinen Schöpfer zu preisen, dann beginne ich meine Lieder ztt pfeifen. Ich sehe dann meine Herde nicht, ich sehe die Wiese nicht, aus der ich weide, ich fühle ntich allein mit meinem Gotte, ich sehe hinein bis in den Himmel, bis zum Throne Gottes, zu dem mein Pseiffen empordringt. Ties ist mein Gebet. Auch bei den vergeblichen Anstrengungen des Schofarbläsers, bei der erwartungsvollen Erregung der ganzen Gemeinde, die in Angst und Zittern der heiligen Töne harrte, ergriff mich die Sehnsucht, zu meinem Schöpfer zu sprechen und ich mußte pfeifeiw“ Erstaunt hörten alle diese Worte mit an. Mr Rabbi aber sprach: „Du bist ein wahrer F»>Mcr. Deine wahre Andacht hat uns »or eurem schweren Geschick

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