Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 29 (3.10.1918)
- Date
- 1918-10-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 29 dem Begriff ..Kultur" sehr viel gesündigt worden, und gerade der Präsident der Wiener Kultusgemeiiide dürfte darüber manches zu erzählen wissen. Das Vcrnichtnngsurteil über die jüdischreligiös liberalen Bestrebungen kommt auch an einer anderen Stelle rum Vorschein. In der „Allgemeinen Leitung des Judentum" gelangt Herr Sanitätsrat Dr. Scherbel (Lisfa) gelegentlich einer Besprechung eines Vortrages des Rabbiners Dr. Lewkowitz (Berlin) über das Thema „Tie Grundsätze des jüdischreligiösen Liberalismus" zu folgender Schlußfolgerung : Die Liberalen glauben an eine allmähliche Entwicklung der jüdischen Lehre. Jede Zeit hat die Aufgabe, sich ihre besondere Form der Religion zu schassen. Die Glaubenssätze, die uns überliefert sind, müssen mit dein Denken der Gegenwart, den Ergebnissen der Wissenschaft zur tlcbercinstiminniig gebracht werden. Das ist Sache der Religionsvhilosopbic, und die Gesetze des Judentums müssen der Empsindungsweise und den Lebensbedingungen der Gegenwart entsprechend umgestaltet werden. Die Liberalen halten sich für berechtigt, die Religion so zu ändern, daß die Menschen wieder nach ihr leben können. Die Rücklicht nur den Menschen ist das grundlegende Prinzip des Liberalismus. Er nimmt Rücksicht auf den Verstand und das Gefühl des Menschen und be st reitet nicht, daß darin auch eine unverkennbare Gefahr für den B c s! a n d dos Judentums lieg t. Denn der Liberalismus gibt dem einzelnen das Recht, seinen Glauben nach seiner persönlichen Auffassung zu gestalten, wodurch sich die geschlossene Einheit der Ueberlieserung und des Judentums, die von der Orthodoric so streng betont wird, löst und jeder einzelne sein eigenes Judentum hat. Aus dieser Schwierigkeit herauszukommen, erscheint als eine wesentliche Aufgabe der Gegenwart. Wie gesagt, lvir erblicken in all diesen Erscheinungen ein Zeichen der Umkehr, was nur mit Genugtuung zu begrüßen ist. Aber gewarnt muß davor werden, auf halbem Wege stehen zu bleiben und etwa zu glauben, der Rationalismus könnte vollen Ersatz bieten. Wenn jemand, der die Taufepidemie bekämpfen will, erklärt: Wollen wir also die Juden heim Judentum behalten, so müssen wir diejenigen gelockerten Bande stärken, die diese Macht besitzen: das religiöse und nationale Band. Nehmen mir uns aber etwas vor, so müssen wir an dessen Möglichkeit glauben. Die Frömmigkeit zu starken, und wo sie verloren gegangen üt, wieder herzustellen, liegt nicht in unserer Macht, da sich ihr der Zeitgeist midersetzt. In religiöser Hinsicht bleibt uns also die Anhänglichkeit zur Religion selbst zu festigen, zu ihrer hohen Ethik und zu ihrem erhabenen Geiste. Bor uns erstreckt sich aber noch das andere Feld: dasjenige der nationalen Arbeit. Das nationale Gemiü zu stärke», die Liebe zu Zion zu festigen — das üt der Kern der wache. Wäre das nationale Gefühl bei den Juden da. so wäre auch die Juden« tanse ganz vereinzelt. Da müßten alle Stürme der Well, alle Höllenkräfte an unserer inneren Krart zerschellen. Denn das Gefühl üt stärker als alle äußeren Mächte. (Oest. Wochenschrift, Nr. 87.) so liefert er nur den Beweis, daß er sich auf dem Holzwege befindet, da der moderne Nationalismus keineswegs vor der Mischehe und in Konsequenz dessen vor der Taufe bewahrt, was die Erfahrung wiederholt gelehrt hat. Tie Rückkehr zum Judentum muß eine vollständige sein, nur dann kann das angestrebte Ziel, der Indolenz und dem Abfall entgegenzutvirken, erreich! werden. Das mögen sich unsere Religiös-Liberalen angesichts des Zusammenbruches ihrer Front gesagt sein lasten. .Jehndi-Chored. Die Iudenhetze aus der Londoner ‘ Bühne. Aus London wird berichtet: Den Schlager der Spioncnstücke, .the best of all the spv plays‘% hat jetzt das Strand-Theatre. Dieser Schlager heißt „tlie liirlden hand“, die heimliche Hand, und sein Held, wenn man es so nennen kann, also sein trauriger Held ist Sir Charles R v s c n b a u m, seit 40 Jahren in England naturalisierter deutscher Jude, Werftbesitzer und Judustriekönig und Ehrenbürger und Würdenträger und Kriegswohl» täter, vor allem aber seit 40 Jahren Agent des Kriegskaisers in England. Dieser Rosenbaurn sabotiert nun den ganzen englischen Krieg. Er kauft die Wechsel eines englischen Marineoffiziers, den er dann mit derBankeroitdrohnng zwingt, ihni die Ausfahrtdaten wichtiger Schiffe zu sagen. (Denn in seinem Londoner Heim verkehren täglich deutsche U-Bootkommandanten.) Er drückt die Löhne seiner Werftarbeiter, um sie in den Streik zu nötigen, damit die neuen Schiffe ungebaut bleiben. Er leitet funkentelegraphisch und mit Lichtsignalen den Luftangriff aus London (riesige Ausstattungsszene), und in diesem Augenblick schiebt er in seinem Arbeitsziinmer das Bild King Georges beiseite, nimmt dahinter ein Geheimtelephon zur Hand und spricht — — — mit dem Kaiser im Hauptquartier. Und mitten in das Schießen und Dröhnen, das Wimniern und Stöhnen der Londoner Tragödie hört man den Kaiser Bravo und Hurra rufen. Natürlich kommt ihni ein unerschrockenes englisches Mädchen schließlich hinter seine Schliche, und ein Pfarrer, den sie aus seine Fährte setzt, bringt den Unhold zum Geständnis und Selbstmord. Das also ist das beste der Spionenstücke, und es wird nicht in Matineen für die unreifere Jugend gespielt, sondern vor erwachsenen Londoner», die es begeistert und überzeugt. . . Polen und Juden. Aus Warschau wird berichtet: Das Komitee der -Ostjuden wandte sich unlängst aus Anlaß der in Warschau und Lodz durch die geheimnisvolle „Armee der Befreiung" verbreiteten Aufrufe, die zu antijüdischen Exzessen ausforderten, an Graf Ronikier, den Vertrauensmann der polnischen Regierung in Berlin, mit der Bitte um Einholung von Informationen in Warschau über den Charakter und Verlaus der letzten Vorfälle und über den Standpunkt der Regierung. Zu Händen Ronikiers gelangte die folgende Antwort des Departements, für äußere Angelegenheiten : Warschau, 11. Juli 1918. Aus wiederholte Anfrage gestattet sich das Departement den Standpunkt hinsichtlich der letzten Vorfälle auf dem Gebiete der jüdischen Frage ausführlich darzulegen, wobei es kategorisch seststellt, daß der polnischen Regierung alle antisemitischen Tendenzen fremd sind, und daß sie auf der Basis völliger Gleichberechtigung der Bürger des polnischen Staates ohne Rücksicht auf Abstammung und Bekenntnis steht. Hinsichtlich der durch die Abgeordneten Noske und Cohen im Reichstag eingebrachten Interpellationen betreffs Pogromausruse in Warschau und Lodz ist zu beachten, daß solche Aufrufe tatsächlich erschienen sind, daß sie aber bei der erdrückenden Mehrheit sowohl der christlichen wie der jüdischen Gesellschaft keine Beachtung gesunden haben. Hinter diesen Aufrufen steht keine ernst zu nehmende Partei oder politische Gruppe und aus der Sitzung des Warschauer Stadtrats wurden sie offen als provokatorische Arbeit gebrandmarkt. Es muß ferner beachtet werden, daß der erwähnte Vorfall keinen der jüdischen Vertreter im Ltaatsrat zu einem Protest gegen die polnische Regierung veranlaßt hat und daß diese Vertreter in ihren Programmreden bei Eröffnung sich auf den Boden der polnischen Staatlichkeit und völliger Loyalität gegenüber der polnischen Regierung gestellt haben. Das Departement arbeitet an der Herausgabe eines Buches über die jüdische Frage in deutscher und französischer Sprache. Es soll die Toleranz der polnischen Regierung darlegen und ihren jedem Chauvinismus abgeneigten Standpunkt beleuchten. . . .,, Gez. Prrnz Radznvill Abtciluiigschef, Baden. (Es bleibt abzuwarten, was das angekündigte Buch enthalten wird.) Organisation und Zusammenschluß. Der Verein zur Wahrung der Interessen des konservativen Judentums in Böhmen hat in seiner ersten ordentlichen Generalversammlung, die bereits im Frühjahr d. I. stattsand, beschlossen, den Antrag des Ausschusses auf Aenderung der Statuten, zum Zwecke der Einschaltung und Erweiterung der Propagandakommission und deren Tätigkeit auf d e m L a n d e, anzunehm?n. Diese Kommission entfaltet seit jener Zeit eine segensreiche Tätigkeit. Den Intentionen der Vereinsstatuten gemäß, sollen alle noch an derTradition des Judentums festhaltenden Juden innerhalb unseres Kronlandes in einem großen Verbände „Sinai", der seinen Sitz in Prag hat, sich vereinigen. Diese Vereinigung, die bereits in Prag selbst schon im ersten Jahre ihres Bestandes an 300 Mitglieder zählt, ist in einer Zeit, wie wir sie jetzt durchleben, eine eminent wichtige Schöpfung, zumal wir traditionell lebenden Juden nun zur Ueberzeugnng gelangt sind, daß die große böhmisch-jüdische Oesfentlichkeit den Interessen des religiösen Lebens keinerlei Verständnis mehr entgegenbringt. Es erscheint daher dringend geboten, die Indolenz und die auf dem Gebiete der Religion eingerissene Vernachlässigung energisch zu bekämpfen; es muß das öffentlich jüdische Interesse an der Förderung und Wahrung des religiösen Judentums — gleichwie an Erziehungsfragen und Jugendfürsorge — in unserem Lande organisiert werden. Der neue Verband stellt es sich nun — im Namen unserer Religion — zur Aufgabe, „die Treugebliebenen in Böhmen zu sammeln und zu organisieren", wie es in dem hier folgenden Aufrufe zur Mitarbeit an unsere Glaubensgenossen, denen noch das unverfälschte Judentum teuer und heilig ist, so trefflich ausgedrückt wird. Es wird wohl von jüdisch-nationaler Seite an der Wiederbelebung und Verjüngung des (Fortsetzung auf Seite 6.)