Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 29 (3.10.1918)
- Date
- 1918-10-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29 Jüdische Korrespondenz. Seite 3 wurden durch die Eroberung nicht vertrieben. Sie sind ausgewandert. „Besitzt", fragt Laarange, „ein Volk, das sich selbst von dem Besitze eines Landes lossagt, durch die Jahrhunderte hindurch unverjährbare Rechte?" Und weiter: „Söhne der Gallier, haben wir ein Recht, uns im cisalpinen Gallien niederzulassen? Beanspruchen wir Kanada, wo die Nachkommen der ursprünglichen Franzosen noch heute unsere Sprache reden und viele unserer Einrichtungen und Sitten bewahrt haben? „Während in diesem Falle nur eine politische Zusammenschweißung nötig wäre, können die Juden in Palästina keinen Staat gründen, ohne den Einwohnern ein Joch aufzuerlegen, das verhaßt wäre, es sei denn, daß man den Entschluß faßt, sie zu vertreiben. Im bürgerlichen Recht würde ein ähnlicher Vorgang schnell entschieden sein. Warum sollte nach dem politischen Recht eine Nationalität, in voller Ausübung ihrer Rechte dnrch die Nachkommen der alten Eigentümer verdrängt werden? Man könnte noch einwenden, daß die wirklichen Landbewohner die Erben der Kananiter sind, die durch eine kleine Zahl Israeliten besiegt wurden? .... So interessant der politische Streit sein möge, scheint es mir, daß Mr. Baudrillart mehr in das Herz der Frage gedrungen ist und sowohl vom französischen, als auch vom katholischen Standpunkte, da Frankreich im Orient die traditionelle Rolle besitzt, das richtige Wort in St.-Julien-le Pauvre, am Tage nach der Einnahme Jerusalems durch die Alliierten gesprochen hat, als er in diesem Ereignisse den mysteriösen Anstoß der Kreuzf'ige zeigte und durch die Leiden und den od Christi die entscheidende Berechtigung der Christenheit auf diese durch den göttlichen Todeskamps geweihte Stätten feststellte. Daß die heiligen, kaum vom Joche der Ungläubigen befreiten Stätten morgen in einen jüdischen Staat ein geschlossen sein sollen, das ist etwas, wozu weder Frankreich noch die Christenheit ehrenhalber ihre Zustimmung erteilen können." (Soweit der „Figaro". Was sagen die Entente-Enthusiasten dazu?) Frontzusammenbruch des jüdischreligiösen Liberalismus. -Unsere jüdisch-religiösen Liberalen, die sogenannten Fortschrittsjuden, erleben in letzter Zeit einen Zusammenbruch ihrer geistigen Front, wie er im gegenwärtigen Weltkriege nur selten vorkommt. Sie können beim besten Willen ihre Enttäuschung nicht mehr verbergen und sind aus der Suche nach einem neuen Ideal, das die Leere in ihrem seelischen Empfinden ausfüllen sollte. Freilich handelt es sich dabei um eine neue Stellung von recht zweifelhafter Widerstandsfähigkeit. Es bewährt sich an ihnen das Wort des Propheten: „Mich verließen sie, den Quell lebendigen Wassers, um sich Gruben zu bauen, geborstene Gruben, die das Wasser nicht fassen" (Jeremia, U, 13). Sie glaubten, mittelst der Modernisierung des Judentums, mittelst der Reform, des Fortschrittes, das Judentum erhalten (?) zu können, und müssen nun einsehen, daß sie einem Phantom nachgejagt sind, das nie erreichbar ist. Anstatt aber den richtigen Weg zur Rückkehr anzutreten und die einzige Quelle lebendigen Gotteswassers aufzusuchen, wollen sie sich wieder einmal mit irgend einem Surrogat begnügen. Der Nationalismus soll die eigentliche Religiosität ersetzen, denn Orthodoxie — das widerspricht doch dem Zeitgeiste, ist wahrlich unbequem und legt vielfache Beschränkungen und Pflichten auf. Nationalismus ist eine viel einfachere Sache, man kann es sich hiebei recht bequem machen und dennoch diesem Ideal huldigen. Es wird aber übersehen, daß man da aus halbem Wege stehen bleibt. Wer es wirklich mit dem Judentum ernst meint, muß schon so viel Mut aufbringen und die Konsequenzen aus den bisherigen Erfahrungen ziehen. Immerhin mag dieser Zusammenbruch der Neologie und das Tasten nach einem neuen Halt als eine günstige Erscheinung registriert werden. Das weitere wird hoffentlich schon Nachkommen. Wie sagen doch unsere Weisen: „Mochten sic wohl mich verlassen haben, aber meiner Lehre treu geblieben sein, das Licht derselben würde sie schon völlig zum Guten bekehren." Der religiöse Liberalismus hat völlig versagt. Die modernen Tempel, die schöngeistigen Predigten, selbst die Vereine und Vorträge für jüdische Geschichte und Literatur, die diversen Kurse rc., haben die Indolenz, den Abfall, die Mischehe und die Taufe nicht aufhalten können. Die ältere Generation, die noch eine Anhänglichkeit für das Judentum bewahrt hat, sieht sich verlassen, vereinsamt. Kein Nachwuchs, keine Nachfolger. Die junge Generation ist entweder ganz jenseits der jüdischen Grenze oder in anderen Lagern, anderen Idealen huldigend. Da wird daher zur Umkehr geblasen. Zurück zum Judentum! lautet die Parole. Aber beileibe nicht zum unverfälschten Judentume, für welches unsere Vorfahren geblutet, gelitten und gestritten haben, und das dem jüdischen Volke trotz aller Leiden und Drangsalierungen die Lebenskraft verlieh, sondern zum modernen Nationalismus, der mehr' dem Zeitgeiste angepaßt ist, und dem man leichter Konzessionen machen kann, als der verfebmten „Orthodoxie", die das Ghetto (!) in Erinnerung bringt. Die Herren scheinen zu vergessen oder übersehen zu wollen, daß die jüdische Ethik, die jüdischen Sitten und Gebräuche und selbst die heilige Sprache ohne der wahren Religiosität nur Halbheiten darstellen, die nie zum angestrebten Ziele, vorausgesetzt, daß es sich ernst darum handelt, führen können. In letzter Zeit hat sich der greise Präsident der Wiener Kultnsgemeinde veranlaßt gesehen, diesbezüglich ein Bekenntnis abzulegen. In einer Unterredung, die Herr Dr. Alfred Stern einem jüdischen Publizisten gewährte, äußerte sich der Kultuspräsident u. a. folgendermaßen : Um jüdisch zu werden, soll sich die Jugend in den Geist des Judentums versenken, sie soll die Bibel in der Ursprache lesen und in ihrem Geiste leben, sie soll die Feste. unserer Religion feiern und die jüdischen Sitten und Gebräuche pflegen. Das was die Juden als kostbarstes Gut in die Welt mitgenommen haben, das ist unsere Religion. Sie sei uns alles, denn in ihr ist unsere Nattonalität, unser Volksmm inbegriffen. Ich verstehe unter Religion nicht die streng« Orthodoxie, denn wir leben nicht mehr in der Zeit des Ghettos, aber mit der jüdische« Ethik, mit jüdische» Sitten und Gebräuchen, mit der hebräischen Sprache soll die jüdische Jugend voll und ganz vertraut sein. Die Religiosität verbleibt jedoch nicht im Innenleben des Menschen, sie dringt nach außen, sie will bezeugt werden. Und dazu sollen der Jugend unsere Gottesdienste, unsere jüdische» Feste und Gebräuche dienen. Jede Vereinigung von jungen Juden ist zu fördern, solange sie nicht religionsfeindbche oder gar bis an die äußerste Grenze gehende assimilatorische Tendenzen hat. Das Leben in der Vereinigung läßt jenen Kitt entstehen, der zum Zusammenhalten gegen Angriffs von außen unbedingt notwendig ist. Geistige Gemeinsamkeiten entstehen und im Äespräch stiegt ein Gcistcsninkc auf, der in den Gemütern zündend und folgenreich wirkt. Wir wollen an dieser Stelle mit Herrn Dr, Stern nicht darüber rechten, ob er und seine Gesinnungsfreunde stets diesem Gesichtspunkte huldigten, ob ihre öfsentlich-jüdische Tätigkeit sich stets darnach richtete, die Erhaltung des Judentums zu fördern, ob sie sich nicht nach dieser Hinsicht gar manche Unterlassungssünden zuschulden kommen ließen. Wir wollen es im Gegenteil mit Freude begrüßen, daß sie auf dem Wege zur Erkenntnis, zur Umkehr sind. Aber sie mögen nur nicht auf halbem Wege stehe» bleiben. Sie sollten die Orthodoxie nicht fortgesetzt als Popanz vorführen. Sie sollen nur nicht glauben, daß sie mit dem modernen Nationalismus etwas erreichen werden. Auch der Nationalismus wird dem religiösen Leben Konzessionen machen müssen, sollte er sich im jüdischen Lager behaupten wollen. Der Anfang scheint bereits in die Erscheinung zu treten. Herr Dr. Stern legt auch ein Bekenntnis zum Zionismus ab. Er meint: Es ist sehr zu wünschen, daß sich die jüdische Jugend mit dem Gedanken der Gründung eines jüdlschen Kulturzentrums in Palästina beschäftigt. Vor Jahren war ich ein Gegner des Zionismus, denn damals hielt ich den Zionismus für eine Utopie, welcher man das durch mühsame Kämpfe Errungene nicht opfern dürfe. Heute jedoch steht die L-achc anders, heute ist die Aussicht auf die Besiedlung Palästinas in die sJ!ät)e gerückt und es ist nicht unwahrscheinlich, daß dort ein jüdisches Kulturzentrum geschaffen werden wird. Wir niüfsen trachten, am Aufbau dieses Zentrums jüdischer Kultur mitznwirken und daher ist es sehr zu begrüßen, wenn sich die jüdische Jugend mit dem Palästinagcdanken befaßt. Ich war nie ein Gegner des zionistischen Gedankens. Was mich aber besonders in der ersten Epoche gegen seine Verbreiter aufzutreicn verantaßle, war jener Umstand, daß sie alles Bestehende für völlig wertlos erachteten. Auch da haben wir cs mit einer Halbheit zu tun. Tie Orthodoxie braucht kein spezielles Bekenntnis zum heiligen Lande abznlcgen, denn die Erlösung des jüdischen Volkes und die Rückkehr desselben ins Land 'einer Väter bildete seit jeher einen Kardinalgrundsatz des religiösen Judentums. Wenn dieses sich den zionistischen Bestrebungen gegenüber ablehnend verhielt, so geschah es nicht deswegen, weit sie solche als Utopie bewertete — eine Bewegung als Utopie zu beurteilen, die innerhalb weniger Jahre gewisserniaßen ihrer teittveisen Verwirklichung entgegengcht, zeigt von keiner großen Voraussicht — sondern weil sie in gewissen Bestrebungen des Zionismus eine Gefahr für das unverfälschte Judentum erblickte. Diese Bedenken sind bis heute noch aufrecht und die angeblichen Erfolge der Bewegung vermögen es nicht, diesbezüglich in der Haltung der Orthodoxie eine Wandlung eintreten zu lassen. Das Schlagwort vom „kulturellen Zentrum" kann die Orthodoxie nicht täuschen. Es ist im jüdischen Lager mit i