Mannheim
Compact Memory

Jüdische Korrespondenz · 1918-09-19 · 28 (19.9.1918) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
28 (19.9.1918)
Date
1918-09-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3495278-3495381-3495407--0743-3521461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

& Organ des Vereines „Jesclnirun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens, Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: „j8scharuR“'Preßkoniitee, Wien, I., Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 28. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: PreÜkomitee des Vereines „Jeschurun1 Wien, I., Salztorgasse 2. & Zum hüttenfest. Von Abraham ibn Esra. Vom lebendigen Gott will ich singen und sagen, Solange des Lebens Pulse mir schlagen! — Nur wer an ihn glaubet, der wird ihn finden. Wer aber könnte ihn ganz ergründen, Von dessen Glanz, von dessen Macht Erzählt der Gestirne leuchtende Pracht? Sie wandeln am Himmel in kreisenden Bahnen Und lehren den ewigen Schöpfer uns ahnen. Wenn die Wetterwolken sich dunkel ballen. Wenn die Blitze flannnen und Donner hallen — Hörst du den lebendigen Schöpfer nicht, Der droben gewaltige Sprache spricht? Aus Erde und Meer, aus Tal und Höhen — Fühlst du den Goltesodem nicht wehen? Siehst du den Fruchtbaum in herrlichem Prangen — Wer hat ihn mit Früchten so reich behängen? Das Gewimmel im Meer und das Würmlein im staub Und der furchtbare Leu, wenn er brüllet nach Raub, Und der Vogel mit leichtbefiederten Schwingen: Ein Loblieb sie alle dem Schöpfer singen. Du Quell des Lebens, du gabst uns das Leben, Auf das wir uns strebend zu dir erheben. Du schufst uns in deinem göttlichen Bild, Daß Gottessehnen die Seele uns schivillt, U-nd zieht uns die Sünde zum Staube nieder. Aus dem Staube erhebt deine Gnade uns wieder. Schöpfungsgeschichte und Deszendenztheorie. Versucht man in das Verständnis der Natur einzudringen, versucht man es, sich über die Probleme der unbelebten und belebten Umwelt Klarheit zu verschaffen, dann stürmen so viele Lehren, so viele Anschauungen über das Werden und Vergehen der Natur ans einen ein, daß es zunächst schwer füllt, sich in ihnen znrechtzufinden. Beginnt aber eine Lehre der Naturwissenschaften uns einzuleuchten, dann tritt sofort die — mitunter noch schwierigere — Frage an uns heran: Wie soll ich als Jude diese Theorie betrachten, wie soll ich sie mit den Lehren meiner Religion in Einklang bringen? Denn in der Bibel haben wir ja gelesen, daß in sieben „Jomim“ der Allmächtige Himmel und Erde geschaffen, die Formationen der Erdoberfläche sestgelegt, dann die Pflanzen, die Tiere „in ihren verschiedenen Arten“ geschaffen und zum Schlüsse sein Werk durch die Schöpfung des Menschen gekrönt hat. Doch schon in der Schule bekamen wir, kaum dem Religionsunterrichte der untersten Klassen entwachsen, ganz andere Ansichten * über die Entstehung der Erde und der Erdbewohner zu hören, Gingm wir dieser Anregung nach, so fanden wir, daß — in großen Zügen — heute ungefähr folgende Lehren über das Werden der Natur in der Wissenschaft Geltung haben: Gewaltige fenerflüssige Massen schwebten vor vielen Jahrtausenden im Weltall. Auf Grund gewisser physikalischer Gesetze lösen sich Teile von ihnen ab und, beginnen, um sie zu rotieren. Einer von diesen Teilen ist unsere Erde. Durch die Rotation erhält sie die Gestalt einer etwas abgeplatteten Kugel, deren Oberfläche allmählich erstarrt. Nachdem dieser Prozeß so weit gediehen ist, daß die Vorbedingungen zum organischen Leben gegeben sind, entsteht durch zufällige Zusammenlagerung der Elemente die erste organische Substanz und daraus die erste lebende Zelle (Urzeugung), Von dieser Urzelle aus entwickeln sich dann aus der einen Seite, auf dem Wege über die Bakterien, Algen, Pilze, durch Zusammenlagernng und immer weiter gehende Differenzierung der Zellen die niederen und dann die höheren Pflanzen. Ans der anderen Seite nimmt auch das Tierreich seinen Ausgang von der Urzelle, von der sich zunächst die einzelligen Protozoen ableiten. Aus diesen entstehen dann die niehrzelligen Tiere, die, sich immer höher entwickelnd, in der Nähe der Protozoen in zwei parallele Tierstämme gabeln, von denen der eine in den Ringelwürmern und Gliederfüßlern (z. B- Krebse) gipfelt, der andere aber zu den Wirbeltieren und den Menschen emporführt. Denn zu diesen, oder spezieller, zu den Sängern gehört ja für den Zoologen die Gattung „Mensch“. Gar manchem, der zum ersten Male mit diesen Theorien in Berührung kommt, mögen sie wohl durch ihre Logik, ihre Klarheit und ihre Wahrscheinlichkeit so zwingend erscheinen, dabei der Darstellung der Bibel so widersprechend, daß er bei diesem Vergleiche stark versucht ist, sie auf Kosten der Thora als absolute Wahrheit hinznuehmen. Doch jedem, der sich eingehender mit ihnen beschäftigt, müssen gewaltige Bedenken kommen. So manches, >vas dem Laien als klar und ansgemacht erscheint, ist dem Fachmann, der, in den Stoff eindringend, auch seine Schwierigkeiten immer mehr und mehr kennen lernt, mit tausend und abertausend „wenn“ und „angenommen, daß“ verbunden. Ans dem reichen Material, das gegen die Annahme der Entwicklung der Arten auseinander vorliegt, möchte ich als Beispiel nur die erfahrungsgemäße große Konstantheit der einzelnen Arten herausgreifen. Von jedem Individuum können ja nur gleichartige Individuen abstammen. Gelingt die Kreuzung zweier Arten, so ist der Mischling meist unfruchtbar (z. B. Pferd und Esel — Maultier, bezw. Maulesel). Sind aber diese beiden Arten so nahe verwandt, daß der Mischling sich weiter sortpflanzt, so tut er das nicht unverändert. Schon die nächste Generation beginnt wieder zn zerfallen, so daß nur die Hälfte der Enkelindividuen Mischlinge bleiben, während die beiden anderen Viertel wieder die Merkmale ihrer reinrassige» Großeltern aufweisen (Mendelsches Gesetz, das der Botaniker Mendel durch Versuche mit verschiedenfarbigen Blumenarten und verschiedenfarbigen Mäusen fand). Ganz abgesehen aber von den sachlichen Schwierigkeiten, die der unbedingten Anerkennung der Entwicklungstheorie im Wege stehen, darf man bei ihrer Beurteilung eines nicht vergessen: sie ist ja selbst für den Naturforscher nur eine Theorie, eine Hypothese,.die man nie und nimmer als absolute Wahrheit hinnehmen darf. Tenn wie könnte die Naturwissenschaft in das wahre Sein eindringen? Ihre Aufgabe ist es ja nur, die Gesetzmäßigkeit der wahrgenommenen Geschehnisse zu erklären, ihre „Gesetze“ besagen ja bloß, daß in unseren Wahrnehmungen diese Gesetzmäßigkeit anstritt. Ihre Hypothesen wollen uns keine vollendeten Tatsachen mitteilen, sondern, von einer Reihe von Erfahrungen abstrahiert, öi sollen sie dazu dienen, uns das Eindringen in das Verständnis neuer, noch unerklärter Erscheinungen zn erleichtern. In dem Moment aber, wo einer Theorie irgend etwas in dem Geschehen der Natur widerspricht, ist sie gefallen, um einer neue» Platz zu machen. Dabei ist es ja durchaus möglich, von falschen Voraussetzungen ausgehend, richtige Resultate zn erzielen, wie zum Beispiel die von Keppler anfgefundenen Gesetze der Planetenbahnen von uns noch heute anerkannt werden, obwohl dieser sich die Gestalt der Erde durchaus nicht richtig vorgestellt hat. Die Hypothese aber, die heute die Naturwissenschaften beherrscht, ist eben die Theorie von der Entwicklung, ist das Deszendenzprinzip, Der Entwicklungsgedanke, von Hans aus zwar ein philosophischer, hat aber, auf das Gebiet der Natnrforschnng übertragen, auf diese überaus fruchtbar eingewirkt, und die Erkenntnis der Natur verdankt ihm einen gewaltigen Schritt nach vorwärts. Doch als Dogma könne» wir, wie gesagt, diese Theorie doch nicht hinnehmen. Neigt aber einer dazu hin, so hat er doch durchaus keinen Anlaß, diese Hypothese als der Schöpfungsgeschichte der Bibel unbedingt widersprechend hinzustellen. Spricht die Wissenschaft von Jahrtausenden, in denen die Erde entstanden, während die Bibel nur von sieben „Jomim“ der Schöpfung erzählt, so werden wir, auch ohne das berühmte Psalmwort dogmatisch aufzufassen, doch von ihm darauf hingewiesen, daß dem Hebräer „Jom“ auch einen größeren Zeitraum bedeuten kann. Dabei ist im großen und ganzen die Reihenfolge der Schöpfungsgeschichte wenig von den modernen Anschauungen unterschieden. Und hat die neueste Forschung, von dem Entwicklungsgedanken geleitet, in den Reichen der Natur eine aufsteigende Stufenfolge der aufeinanderfolgenden Arten entdeckt, so widerspricht das doch der „Artenschöpfung“ der Bibel keinesfalls. Tenn ans unserer gegenrvärtigen Kenntnis der Organismen kany man mit derselben Logik auf ihre allmähliche Entwicklung auseinander, wie auf ihre stufenweise Erschaffung schließen. Nur ist man im letzteren Falle der Schwierigkeit überhoben, das erste Entstehen des Lebens ans Erden von einem Zufall abhängig zu machen. Sic ist dann, wie alles andere Werden in der Welt, ein göttlicher Schöpfungsakt, und wir sind dann nicht mehr gezwungen, den vagen Begriff der „Urzeugung“ einzuführen. So sehen wir denn, daß die Bibel im wesentlichen unseren modernen Theorien von der Entstehung unserer Erde und ihrer Bewohner kaum widerspricht. Dabei hat aber die Thora das vor der Wissenschaft voraus, daß sie überall dort, wo diese mehr oder minder zufällig wirkende Kräfte annehmen muß, das Walten eines höheren Willens, einer höheren Vernunft weiß. So führt uns das Judentum, das richtige Verständnis der Bibel dazu, die naturwissenschaftliche Theorie richtig einzuschützen, und wer das tut, der muß umgekehrt schon beim Lesen der ersten Seiten unseres Buches der Bücher sich vor dessen Größe und Göttlichkeit voll Erstaunen und Ehrfurcht tief verneigen. H.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.