Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 28 (19.9.1918)
- Date
- 1918-09-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Jüdisehe Korrespondenz. Nr. 28 päischen Oesfentlichkcit aufs neue furchtbare Verbrechen, die von den rumänischen Regierungsbehörden mährend des Krieges verübt worden sind, zur Kenntnis bringt. Dieses Dokument sührt eine so beredte Sprache, daß es überflüssig ist, ihm etwas hinzuzutügen: „Ein jüdischer Soldat vom 8. Jäger- Regiment, Gottesmann, wurde unter der Beschuldigung, daß er desertieren wollte, hingerichtet, obzwar er nur im Dorfe zur Verrichtung seiner Notdurft zurückgeblieben tvar, und obwohl sein Stabsfeldwebel, Jrodcl Bastle, und sein Kompagnie-Kommandant, Leutnant Mrezescu Gheorghe, Widerspruch erhoben und bekundeten, daß er einer der besten und bravsten Soldaten der Kompagnie sei. Auf dem Hiurichtungsplatz tvurdc von den Offizieren des Regiments ein Gelage veranstaltet. Nach der Festigung der Fronten Marasti- Galatz und Moldau-Gebirge erließ der Chef des Generalstabes General Presan au alle Truppeneinhciten den Befehl, besondere Abteilungen jüdischer Soldaten, mit schwarzer Montur ausgerüstet, zu bilden und sie dauernd in der Schmarmliuie mit Maschinengewehren im Rücken zu halten. Ein Neffe dieses Generals, Neffe des früheren Bukarester Bürgermeisters, Emil Petrescu, Leutnant Petreseu Radu, vom 8. Jäger-Regiment, 6. Kompagnie, bediente sich jedoch eines noch praktischeren Mittels, um die jüdischen Soldaten loszuwerden. Er befahl dem Feldwebel Jacob von seiner Kompagnie, alle Inden, die unter seinem Kommando standen, hinzurichten, was auch in der Nacht vom 21. zum 22. November a. ©t. 1916 zwischen Casin-Kloster und Clabuc geschah. In dieser Nacht wurden von ihren eigenen Kameraden niedergemetzelt: Cinrrarn Zalic aus Burdujeni, Moise sin Aron Dudel, David Jdel aus Botosani und Solomon Herscu Avram. Ein fünfter, Meier sin Janen aus Darabani, der von seinem Kameraden Gorbanescn Dimitrie mit dem Bajonett durchbohrt und als Totgeglaubter zurückgelassen worden war, tvurdc am nächsten Tage von einer ungarischen Patrouille aufgelesen. Ein sechster, Hertel Jtic, welcher rechtzeitig verständigt wurde, entwich, als er zusammen mit den anderen zum Richtplatz, jeder mit seinen! Henker im Rücken, geführt lvurde. Der Feldwebel Mocancscu Peter, vom 8. Jäger-Regiment, 8. Kompagnie, ist im Besitz der vom Leutnant Petrescu Radu eigenhändig geschriebenen Liste der jüdischen Soldaten, die in der Nacht vom 21. auf den 22. November 1916 zu ermorden waren. Der Tod dieser Unglücklichen, die je vier bis sechs Kinder hinterlassen haben, wurde bis zum 11. Dezember a. St. 1916 geheim gehaltem Nachdem an diesem Tage an derselben ^Stelle (Casin-Clabuc) der erste Kamps stattgesunden hatte, wurden sie als „in dem Zusammenstoß vom 11. Dezember 1916 gefallen" angegeben. Die Gattin des Meier sin Janen aus Darabani erhielt einige Tage später eine Verständigung von Petrescu Radu, daß ihr Gatte „als Soldat" in dem Kamps vom 11. Dezember 1916 bei Clabuc „gesallen" sei. Inzwischen war, wie erwähnt, dieser Janen von einer ungarischen Patrouille aufgelesen und in einem Hospital abgeliefert tvorden. Er besitzt das Vormerkblatt Nr. 16.476 vom Krankenzugprotokvll des k. u. k. Epidemiespitals Arad, mit der Diagnose: „Stichwunde captis paiietalis-Gegend". Feldwebel Jacob, der später ebenfalls in ungarische Gefangenschaft geriet, bestätigte bei einem Verhör unter eigener Unterschrift alle diese Angaben. Der Hanptzeuge in der Angelegenheit der vom 8. Jäger-Regiment ermordeten Juden ist Mojor Ropala Eduard, der diesem Regiment angehörtc und der die ganze Angelegenheit kennt und bereit ist, die Wahrheit ausznsagen." (All dies geschah während der Zeit, da Rumänien der Bundesgenosse der Westmächte war. Diese aber, die heute so viel warme Worte für die rumänischen Juden haben, enthielten sich damals jeder Intervention!) Slüchtlingsfürsorge der israelitischen Kultusgemeinde Zwittau (Mähren). Gleich zu Kriegsbeginu kamen in unsere Gemeinde einige Flüchtliugsfamilien, die aber jedwede Unterstützung ablehnten. Erst im Herbst 1914 kamen in die um Zwittau liegenden Dörfer des Poliekaer Bezirkes Flüchtlinge. (Die Geineinde Polieka zählt wenige Mitglieder und konnte wenig, die Sache fördernd, beitragen; was in ihren Kräften stand, hat sie ohnedies getan.) Nach und nach kamen die Flüchtlinge in immer größeren ©charen in die umliegenden Dörfer, so daß ihre Zahl bald 1200 betrug. Für eine kleine Gemeinde gewiß viel! Dieser armen Leute nahm sich der hiesige Rabbiner Herr Dr. Kanter aus das liebevollste an, der, durch zahlreiche Geldsendungen seitens der großen israelitischen Vereine der Monarchie sowie Deutschlands und durch Privatsammlungen, die er veranstaltete, den Leuten neue Wäsche, Kleider rc. nähen ließ, sowie Bücher unter ihnen verteilte. Es kam das Jahr 1916. Durch die glückliche Offensive im Jahre 1915 konnte anfangs 1916 die Mehrzahl die Umgebung Poliekas verkästen. Doch bald mußte die Bukowina und Ostgalizien neuerlich evakuiert werden und in Zwittau selbst verblieben etwa 500 dieser Armen. Diese wohnten größtenteils in einem großen Hause, siedelten später in Privatwohnungen über. Ehrend wollen wir an dieser Stelle der Zwittauer Stadtverwaltung und des Bezirkshauptmanns in Mähr.-Trübau gedenken, die in entgegenkommendster Weise die Flüchtlinge mit Rat und Tat unterstützten. Am 1. Jänner 1917 wurden 200 Flüchtlinge von Zwittau abtransportiert und es verblieben noch 300, für die in ausreichender Weise gesorgt wurde. Sofort nach Eintreffen der Flüchtlinge bildete sich unter Vorsitz des Herrn Vorstehers kaiserlichen Rates Josef Stein ein Komitee, das mit den Behörden in innigem Kontakt stand und speziell in der ersten Zeit den Armen wahrhaft väterlich an die Hand ging. Unterstützt wurde es durch ein Damenkomitee unter dem Vorsitz der Frau kaiserlichen Rat Stein. Das Komitee hat den Flüchtlingen Geschirr gekauft und ihnen eine eigene Fleischbank hergerichtet, für die ein galizischer Schächter das Fleisch schlachtete. Herr Doktor Kanter, dem die Fürsorge für die in den Dörfern untergebrachten Flüchtlinge oblag, und der oft ihretwegen zur antisemitischen Bezirkshauptmannschaft Polieka fuhr, hielt in der ersten Zeit zweimal wöchentlich Sprechstunden ab, um die Wünsche dieser Unglücklichen kennen zu lernen, hauptsächlich aber, um nach den Vermißten zu forschen: zu diesem Zwecke setzte sich genannter Herr mit dem Roten Kreuz in Verbindung und konnte vielfach gute Resultate erzielen. Nachdem aber die k. k. Bezirkshauptmannschaft die Liebenswürdigkeit hatte, die Vermißten selbst zu eruieren, wurden die Sprechstunden aufgelassen. Früher erwähntes Komitee setzte sich überhaupt zur Aufgabe, den Flüchtlingen Lebens-, beziehungsweise Bedarfsartikel zu möglichst billigen Preisen abzugebeu, so zahlte es die staatlichen Zlnterstützungsgelder aus, verteilte die von der Regierung gelieferten Kleidungsstücke, gewährte in bedürftigen Fällen Unterstützungen aus eigenen Mitteln, beschaffte die nur auf Karten zu erhaltenden und auch die sonstigen Lebensmittel zu billigen Preisen rc. Die Offensive 1916 brachte teils in die alten, teils in neue, schwer zugängliche Dörfer des Poliekaer Bezirkes Flüchtlinge, für die Herr Dr. Kanter, der im tiefsten Winter mit frugalem Mahle zu ihnen per Wagen fuhr, sie tröstete, unter ihnen Kleider, Wäsche, Bücher und Geld verteilte und sie nach ihren Wünschen fragte. Nachdem mit Rußland Frieden geschlossen wurde, konnten die Flüchtlinge Zwittau sowie die der Umgebung unsere gastlichen Stätten verlassen. Die ersten bereits Ende März, die anderen Mitte April, die letzten Mitte August. Jetzt sind nur noch drei Familien da, die deswegen nicht zurückkehren können, weil ihre Heimat zerstört ist. Schließlich wollen wir der Hoffnung Ausdruck geben, daß Gott der Allmächtige ihren Leiden ein Ende machen und daß es ihnen in der Heimat wohl ergehen möge. Gerhard Kanter. Die Juden in Rußland. Wieder liegt eine Reihe von Nachrichten über die unerfreuliche Lage der Juden in Rußland vor. Die Lage der jüdischen Flüchtlinge ist eine verzweifelte. Wie das jüdische Komitee für die Kriegsopfer in Petersburg mitteilt, befinden sich in verschiedenen Orten Zentralrußlands 75.000 Flüchtlinge, die infolge des Bürgerkrieges, der Desorganisation des ökonomischen Lebens, der Zerrüttung der Transportverhältnisse und des Fehlens von Nahrungsmitteln sich in einer völlig aussichtslosen Lage befinden. Unter den Flüchtlingen grassieren Epidemien. Die Minimumsumme, die zum Unterhalt der Flüchtlinge monatlich nötig ist, beläuft sich aus drei Millionen Rubel. Von der Regierung ist keine Unterstützung zu erwarten. Aus den Mitteln der lokalen jüdischen Organisationen kann nur ein Drittel des nötigen Betrages gedeckt werden. Das erwähnte jüdische Hilfskomitee appelliert deshalb an die Juden des Auslandes um schleunige Hilfe. Herr Rosow, der als Vertreter der russischen Zionisten in der Palästinakommission dieser Tage aus dem Wege nach Palästina in Stockholm eingetroffen ist, ist vom Komitee beauftragt, (Fortsetzung auf Seite 6.)