Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 28 (19.9.1918)
- Date
- 1918-09-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Väter verlassen. Es ist weder die Karriere noch die Liebe, die da den Beweggrund bildet, sondern einfacher Leichtsinn und Bequemlichkeitssucht, Nachahmung schlechter Beispiele rc. Wenn die Epidemie bereits solche Dimensionen angenommen hat, dann ist es klar, daß man sich nicht niehr damit begnügen darf, die „Ausgetretenen" ganz einfach von sich abzuschütteln, sondern gezwungen ist, zu dieser Erscheinung entschieden Stellung zu nehmen. Das Ucbel sitzt bereits ziemlich tief und muß an der Wurzel erfaßt werden, soll gute und erfolgreiche Abwehr möglich sein. Wäre diese Erscheinung an und für sich nicht so traurig, die glaubenstreue Judcnheit hatte wahrlich allen Grund, einige Schadenfreude zu bekunden. Sic hat es voransgesagt, daß die „Modernisierung" des Judentums, die Reformsucht, der „Rationalismus ohne Religion" schließlich dazu führen müßten. Indem jene Grundfesten erschüttert wurden, auf welchen das überlieferte Judentum basiert, konnte es nicht anders kommen. Ohne an dieser Stelle eine Auseinandersetzung mit dem jüdischen Nationalismus führen zn wollen, mag nur ganz kurz konstatiert werden, daß auch diese Bewegung nichts zur Abschwächung des Abfalles getan hat, mögen deren Führer die Existenzberechtigung ihrer Ideen auch mit der Notwendigkeit des Kampfes gegen den Abfall begründen wollen. Es ist gerade in den letzten Jahren, da der Nationalismus angeblich so überhandnimmt, viel schlimmer geworden, und dies gerade im Lager der Jugend, auf welche der Nationalismus ja die stärkste Anziehungskraft ausübt. Allenfalls, der Kampf gegen die Taufepidemie gehört heute zu den vornehmsten Aufgaben aller Gutgesinnten. Mag die Mitschuld unserer Neologie hiebei auch noch so groß sein, mag sie es in erster Linie fein, die ihre Reihen lichten sieht und der Gefahr ausgesetzt ist, gar bald vor leeren Tempeln zu stehen, so darf der Kampf gegen diese demoralisierende Bewegung keinesfalls ihr allein überlassen werden. Die gesamte Judenheit muß an diesem Kampfe tcilnehmen. Das jüdische Lager muß vor jeder tveiteren Verseuchung geschützt werden. Darin aber, sagen wir es offen, happcrte es bisher und darin liegt auch der Grund dafür, daß die bisherige Abwehr in Wort und Schrift so wenig erfolgreich war und daß die Bewegung im Gegenteil imnier weiter Umsichgreifen konnte. In früheren Zeiten galt der Abtrünnige, mochten dessen Motive wie immer geartet sein, als ausgeschlossen von der jüdischen Gemeinschaft, nicht bloß religiös, s o n d e r it auch sozial und s a m i l i ä r. Die eigenen Eltern und Geschwister sagten sich vom Täufling völlig los, er hörte auf, Familienmitglied zu sein. Die Geschäftsfreunde brachen jeden weiteren Verkehr ab, Freundschaft und Kollegialität hörten auf. _ Eine Familie, aus deren Mitte ein Täufling sich loslvste, galt für die ganze Generation als minderwertig, und oft hatten selbst entfernte Verwandte unter dieser Schande zu leiden. Es war klar, daß angesichts dessen nur ganz besonders rücksichtslose Naturen sich zu einem solchen Schritte entschließen konnten, selbst wenn sie jeden Gefühles bar waren und keine Bedenken Persönlicher Natur sie vor dem Aeußersten abhalten konnten. Damit war das Uebel auf das Minimum beschränkt. Jüdische Korrespondenz. obwohl die etwas modernere Erziehung und der Mangel an entspreAenher religiöser Befestigung vieles zur Erschütterung der Glaubenstreue beigetragen Hanen. Wie sicht nun die Sache heute aus: unsere heutige moderne Generation hat jede Empfindlichkeit den Täuflingen gegenüber aufgegeben. Die Familie zieht sich nur selten von ihnen zurück. In vielen Fällen werden die Verhältnisse durch die Taufe nicht im geringsten alteriert. Die Freundschaften bleiben aufrecht erhalten, die geschäftlichen Verbindungen bleiben in Kraft, der Advokat verliert keinen Klienten, der Arzt keinen Patienten, der Journalist keine Beziehungen und der Künstler keine Verehrer und Förderer. Was soll diese Schwachen im Geiste davon abhalten, den letzten Schritt zu tun, der ihnen zumindest „Bequemlichkeit" bringt? — Wenn man ihnen noch einredet — und da fällt unseren Nationalisten eine große Schuld zu — daß sie trotzdem „gute Juden" bleiben, sich für jüdische Angelegenheiten „interessieren" können rc., dann können sie desto leichter den Entschluß ausbringen, vom Judentum „auszutreten". Will man also die Taufepidemie kraftvoll und erfolgreich bekämpfen, dann müßten die Hebel an der Wurzel des Uebels angesetzt werden. Ohne eine religiöse Inquisition einführen zu wollen, müßten diejenigen, die den Gott ihrer Väter verlassen, familiär, gesellschaftlich und kollegial energisch beiseite geschoben werden. Sie müßten die Folgen ihres Schrittes ganz auf sich nehmen, jedes Familienband zerrissen, jede Freundschaft gekündigt wissen. Ihr Ausschluß aus der jüdischen Gemeinschaft müßte derart erfolgen, daß dieser Umstand sowohl für sie als auch für deren nächste Umgebung abschreckend wirken sollte. Freilich, diejenigen, die trotzdem zum Austritte bereit wären, würden sich dadurch nicht abhalten lassen. Aber es werden wieder vereinzelte Erscheinungen sein, keine Epidemie, die immer stärker umsichgreift, keine leichtsinnige Nachahmungssucht, keine Modeallüren. Eines Umstandes soll aber noch Erwähnung getan werden, der nur selten berührt wird, der aber das meiste zur Ausbreitung der Taufepidemie beigetragen hat. Wir meinen die Mischehe, die noch viel stärker als die Taufe um sich greift und die geradezu „toleriert" wird, was vielleicht am stärksten zu deren Ausbreitung mitwirkt. Die Zahl der Mischehen in unseren fortschrittlichen Kreisen ist geradezu erschreckend und es ist doch klar, daß in den meisten Füllen daraus die Taufe resultiert, sicherlich aber diejenige der Kinder nach sich zieht. Darin liegt der Anfang allen Uebels. Unsere Talmudweisen hatten dies vorausgesehen. Sie untersagten, das Brot der Heiden zu genießen, damit man nicht dazu gelange, ihren Wein zu trinken, der Wein durfte aber nicht genossen werden, damit es zu keinen Verschwägerungen komme. Unsere modernen Juden drängen sich allzuviel in die nichtjüdische Gesellschaft hinein, nicht bloß beruflich, was ja unumgänglich sei, sondern auch gesellschaftlich und kulturell. Die Folge davon ist die Mischehe, deren Konsequenz in den meisten Fällen die Taufe sein muß. Will man die Taufepidemie ernstlich bekämpfen, so darf man die Mischehe nicht aus dem Auge lassen. Da aber hätten wir ein besonderes Hühnchen mit unseren „Nationale. 28 listen" zu pflücken. Es ist eine geradezu merkwürdige Erscheinung, daß gerade im Lager unserer modernen Nationalisten die Mischehe keine Seltenheit bildet, und daß es gerade die „Führer" sind, die da mit „gutem Beispiel" vorangeben. Garmanchernatio-. nalisti s che Führer, dess en Sch riften mit Heißhunger verschlungen, dessen Lieder wie heilige Psalmen rezitiert, dessen Worte wie prophetische Verkündigungen bewertet werden, mußte ausgerechnet eine Mischehe ein gehen. Man kann sich leicht vorstellen, wie vergiftend und verderbend solche Beispiele wirken. Es ist geradezu unerhört, daß solche Leute den Juden als „Führer" präsentiert, als Kandidaten für öffentliche Stellungen empfohlen w e r d e n/gerade von einer solchen Seite, die den Kampf gegen die Tausseuche am schärfsten propagiert. Stein, meine Herren Nationalisten, ihr seid da auf dem Holzwege! Die Mischehe bedeutet den Gipfelpunkt der Assimilation, die ihr so sehr bekämpft! . . . Wenn es euch nur halbwegs mit euerem Kampf gegen die Assimilation und gegen die Taufepidemie ernst ist, so müßtet ihr in erster Reihe gegen diejenigen euerer Führer auftreten, die Mischehen eingegangen sind. Und wenn ein Rabbiner aus euerer Mitte es als seine wichtigste Aufgabe betrachtet, gegen den Abfall vom Judentum von der Kanzel herab einen rücksichtslosen Kampf zu führen, dann darf er das nicht übersehen, was in seinerFreundesnähe geschieht. Freundschaften und Gesinnungsgenossentum dürfen da keine Rolle spielen. Die kollegiale Liebe darf da bie. Sünde nicht bemänteln. Sonst müßte man an den Ernst des Eifers zweifeln. Es muß auch gesagt werden, daß der bloße Kampf mit Worten da wenig ausrichten wird. Wandel kann nur die Rückkehr zum unverfälschten Judentum schaffen, zum Judentum, das keine wie immer gearteten Konzessionen kennt und das das heilige Gesetz der Thora nicht durch irgend welche Surrogate moderner Prägung ersetzen will. Immerhin aber, da man im Lager unserer Fortschrittler verschiedener Färbung zur Erkenntnis gelangte, daß man großen Gefahren entgegengehe und den Entschluß fand, dagegen aNzukämpfen, so mag an dieser Stelle darauf verwiesen werden, daß sie sich nur dann einen Erfolg versprechen könnten, wenn sie ganze Arbeit zu machen entschlossen wären. Man kann die Taufepidemie nicht bekämpfen, wenn man die Mischehen toloriert, und man kann gegen die beiden Erscheinungen nicht erfolgreich ankämpfen, wenn man dies bloß mit Worten und Zeitungsartikeln tun will. Taten sind notwendig, ganze, konsequente Taten, die Rückkehr zum unverfälschten Judentum — nur dann kann demUebel abgeholfen werden. Jehudi-Chored. Zur palästinafrage. Wie nachträglich festgestellt wird, ist der Text der Erklärung des Großwesirs, die wir in voriger Nummer veröffentlicht haben, ein authentischer. — Das Organ der Orthodoxie