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Jüdische Korrespondenz · 1918-09-19 · 28 (19.9.1918) · page 1

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
28 (19.9.1918)
Date
1918-09-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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jQdische^nrrcspondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen. Redakteur: Jonas Kreppei. Redaktion u. Administration : Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Nr. 28. Wien, 19. September 1918. IV. Jahrgang. Die Lütte des Friedens. Der schwere Kampf ist zu Ende. Der Satan, der das ganze Jahr hindurch die Menschenkinder zur Sünde verleitete, um am Oierichtstage gegen sie als Ankläger aufzutreten, ist niedergerungen. Mit dem Schall der Posaune wurde er betäubt und aus dem Konzept gebracht, mit Tefchuwa, Tefila und Zedakka, Buße, Gebet und Wohltätigkeit zum Schweigen gezwungen, Recht und Gerechtigkeit obsiegten, die Lüge mußte der Wahrheit, die Finsternis dem Lichte weichen. Die Sieger freuen sich ihres Triumphes, sie feiern das herrliche Fest der Freude, erhobenen Hauptes tragen sie die Siegespalme herum, sie verlassen ihre festungsartiqen Häuser und hausen in Laubhütten als freie Menschen, die keinen Feind mehr zu fürchten haben. So schildern unsere Weisen die Symbolik des Laubhüttenfestes, das den Abschluß der „furchtbaren Tage", der „jomim nauroim", bildet. Die Arbaah-Minim, der Esrog, der Lulaw, die Myrte und die Bachweide, die aLMO.symbolisier dW, Wumph^. des jüdischen Volkes über den bösen Trieb, den Satan, der die Söhne Israels vom Wege der Rechtschaffenheit abdrängen und zur Sünde verleiten wollte. Der Kampf ist zu Ende und Israel freut sich seines Sieges. In den „furchtbaren Tagen" wird aber nicht bloß über das Schicksal des jüdischen Volkes entschieden. Die Religion Israels ist diesbezüglich universell. Die ganze Menschheit, Völker und Staaten erscheinen an diesen Tagen vor dem Richterstuhl des Ewigen. Ihr Los wird an diesen Tagen entschieden, über Leben und Tod, Krieg und Frieden das Urteil gefällt. Heute, da diese Tage des Gerichtes vorüber sind, können die seit länger als vier Jahren um Leben und Tod ringenden Völker das Fest des Friedens feiern? Ist es ihnen gelungen, die bösen Triebe des Hasses zu besiegen, den Satan der Verhetzung und Verleumdung niederzuringen? Ist es Ihnen gegeben, die betonierten Unterstände und die befestigten Schützengräben zu verlassen und ihre freien Hütten wieder aufzuschlagen?! — Leider nicht! — Roch immer tobt der blutige Kamps, noch immer wird frisches Oel ins Feuer geschüttet, noch immer führt der Satan seinen teuflischen Tanz auf. Das Gebet „Breite das Zelt deines Friedens über uns aus!" ist noch immer ein frommer Wunsch. „Liebet die Wahrheit! Liebet den Frieden!" — Wo keine Wahrheit, dort kein Friede. Darin liegt das Uebel. Jnsolange die Völker von einander durch einen Abgrund der Lüge getrennt sind, insolange die Verleumdung und Verhetzung Orgien feiern, der Haß und die Beutesucht die Völker beherrschen, das Sündenregister des „al-cheth“ täglich neu verübt wird, die »Aweroth scliohein adam lachwerau“ ans der Tagesordnung sind, kann die vielgeprüfte Menschheit nicht zur Ruhe kommen. Die Tage des göttlichen Gerichtes gehen vorüber, aber die Freude des FriedenSfestes kann nicht platzgreisen. Dem „Jom- Hadin" kann der „Seman ssirncliessenu“ nicht folgen. Gerade zum Versöhnungstage hat Oesterreich-Ungarn wieder einmal die Kriegführenden, Freund wie Feind, zu einer Friedensbesprechung eingeladen. Die Antwort, die es sich seitens der Westmächte geholt, ist bis aus weiteres ablehnend, voller Hohn, Haß und Böswilligkeit. Der Satan des Krieges will noch immer nicht weichen und diejenigen, die angeblich das Wohl der Menschheit anstreben, für die Freiheit der Völker kämpfen, sind seine Trabanten. Kann da von der Rechtmäßigkeit ihres Tuns die Rede sein?! — Nein! — Wer den Völkerkrieg will, der ist kein Freund der Menschheit! Zum fünften Male feiern wir das schöne Sukkothsest mitten im Toben des Krieges. Ä,«» wir d» dieses herrlichen Festes nicht voll und ganz genießen, zum fünften Male hat die Laubhütte bloß eine symbolische Bedeutung, da die Völker sich gegen einander hinter Fcstungsmauern, Schützengräben und Stacheldrahtzäune verstecken. Möge es nun der letzte Kriegs-Sukkoth sein. Möge der Wunsch „Breite über uns die Hütte deines Friedens aus!" gar bald in Erfüllung gehen. Spectator. Leine „religiöse Aushungerung". Der „löbliche" Plan der Italiener, die österreichische Judenschaft gelegentlich des Sukkethsestes religiös „auszuhungern", indem sie das Hineinlassen von Esrogim und Lulawim nach Oesterreich verweigerten, ist kläglich gescheitert. Dank demEntgegenkommen der k. u. k. Regierung ist es in letzter Stunde gelungen, zumindest soviel Arbaah-Minim aus der Türkei hereiuzubringen, daß der allernotwendigste Bedarf gedeckt werden konnte. Die türkische Regierung ihrerseits hat alles mögliche getan, um den rechtzeitigen Abtransport der Esrogim und Lulawim aus Damaskus zu ermöglichen. Im Laufe der vorigen Woche in Konstantinopel angelangt, wurde der Transport über Auftrag des k. u. k. Ministeriums des Aeußern und des k. u. k. Kriegsministeriums durch die offiziellen Kuriere hieher gebracht, so daß alles noch rechtzeitig anlangte. Freilich, das eingelangte Quantum ist recht minimal. Es konnte nur so viel erreicht werden. daß jede Gemeinde der Monarchie zumindest eine Garnitur der Arabaah-Minim erhielt, in den Großgemeinden konnte für jede Synagoge eine Garnitur bestimmt werden. Immerhin ist die größte Not beseitigt und man muß sich auch ans diesem Gebiete mit einer Rayonierung behelfen. Das unerhörte Vorgehen der Italiener hat begreiflicherweise in allen jüdischen Kreisen die höchste Erbitterung hervorgerufen. Die Regierung in Rom wurde seitens der glaubenstreuen Inden als eine „memschala marschaas“ (böswillige Regierung) geradezu verflucht. Desto hoher w u r d c das freundliche Entgegenkommen der k. u. k. Regierung eingeschützt, die den a m t l i ch e n Apparat zur V e rsügung stellte und cs ans diesem Wege den Juden in Oesterreich ermöglichte, auch henjahr die „Mizwatb-Lulaw“ mekajem zu sein. Wie sagen doch unsere Weisen: „Reu, mah bein beni l'ben chami!“ Der Kampf gegen die Taufepidemie, die leider immer weitere Kreise um sich zieht, wird zurzeit in Wort und Schrift sehr energisch geführt. Sowohl in der Presse, als auch von der Kanzel wird zu diesem Kampf in beredten Worten aufgerusen und derselbe als die wichtigste Ausgabe all jener dargestellt, denen die Erhaltung des Judentums am Herzen liegt. Mit flammenden Worten wird die große Gefahr geschildert, die dem Judentum infolge der Ueberhandnahme des Abfalls droht und die Notwendigkeit betont, dagegen anzukämpfen, um diese Gefahr zu bannen. In der Tat hat die Absallbewegung in den letzten Jahren ganz unerwartete Dimensionen angenommen. Es ist auch nicht bloß die Zahl der Austretenden, sondern das Milieu, dem sie entstammen, das zu ernstem Nachdenken aufsordert. In früheren Jahren rekrutierten sich die Täuflinge vornehmlich ans zwei Schichten: der Karrierenjäger, die sich dank des Abfalles ein besseres Fortkommen sichern wollten, sowie derjenigen, die der „Liebe" ihren Glauben zum Opfer brachten. Immerhin war die Zahl dieser Täuflinge ziemlich beschränkt und das Judentum weinte jenen nie eine Träne nach. Heute aber ist die Situation eine ganz andere. Wer die Liste der „Ausgetretenen" regelmäßig verfolgt, der kann die höchst bedauerliche Erscheinung wahrnehmen, daß es fast sämtliche Schichten und Klassen des jüdischen Volkes sind, die der Taufepidemie zum Opfer fallen. Studenten, Kontoristen, Kaufleute usw. beiderlei Geschlechtes sind es, die den Glauben ihrer

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