Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 27 (5.9.1918)
- Date
- 1918-09-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite f> Jüdische Korrespondenz. Nr. 27 welcher sie ihr Nest baust nicht der Einsturz droht. Bei aller Veränderlichkeit der Instinkte sind sie doch rein natürlich mit dem Körver geboren und nicht ans Erziehung beruhend, sondern angeborene, ererbte Triebe, die sich allerdings durch Erziehung beeinflussen, mildern und erweitern lassen. Dafür gibt es zahllose Beweise. Nehmen wir das junge Kätzchen von der Mutter und schließen wir cs sorgsam ab, daß es mit seiner Gattung nicht in Berührung komme — es wird doch den feindlichen Instinkt der Maus gegenüber besitzen, oder junge Enten, die noch kein Wasser und ihre Eltern nie schwimmen gesehen haben — sie werden ohne Zaudern ins Wasser gehen, sobald sie das erstemal — ohne Beispiel — einen Teich erblicken, was junge Hühner gewiß nicht versuchen werde». Mein Kollege Diefenbach hatte einen jungen Löwen und setzte es sich in den Kopf, ihn bei vegetabilischer Kost großzuzicheu. Er lachte überlegen, wenn ich ihn bei meinen Besuchen bat, das Tier erst zu versorgen, bevor ich den Garten betrete. Wie weit er seinen Lö>ven gebracht hätte, ist leider nicht zu konstatieren gewesen, denn die Polizei bereitete seiner pädagogischen Tätigkeit ein Ende, indem sie ihm das Tier nahm. Ich weiß nicht mehr, wo ich es gelesen oder gehört habe, daß ein Engländer es mit einem Tiger so weit brachte, daß dieser seinen Herrn stets frei, ohne Leine, begleitete. Einst hatte der Herr eine unbedeutende Wunde an der Hand, aus der einige Tropfen Blut sickerten. Als der an seiner Seile gehende Tiger den warmen Blutstropfen roch, sie! er seinen Herrn an und tötete ihn. Erleben wir bei der Erziehung des Menschen nicht ähnliche Resultate? Versagen nicht gar zu oft die besten pädagogischen Mittel gegen ererbte Triebe? Die Trinksuchst Spielwut oder sonst Ausartungen moralischer Natur, wie oft sind kleine Erfolge nur von allzu kurzer Dauer und der alte Zustand ist in verstärkter Form wieder da. Hier dürfte die kurze Geschichte eines Trinkers und Spielers am Platze sein. Schon in früher Jugend war er dem Trunk ergeben und spielte die Nächte durch. Alle Einflüsse waren vergebens. Als sein Vater, den er sehr verehrte, erkrankte, nahm ihm seine Mutter das Wort ab — ja, er gelobte, nie wiedor zu trinken und dem Spiele zu entsagen. Was das Letztere betraf, hatte er einen Ersatz, indem er als Zuschauer am Spiele teilnehmen konnte, aber mit dem Dämon Alkohol konnte er sich nicht so leicht abfinden — denn das Zusehen bietet gar keinen Ersatz. Es kostete große Ueberwindung, aber seinem Gelübde mußte er doch treu bleiben. Nach einiger Zeit des Duldens kam ihm etwas durch den Kopf, er ging hin, kaufte ein kleines Brot und ein Fläschchen Rum, goß die Flüssigkeit in einen Teller, tauchte das Brot in die Flüssigkeit und ließ cs so lauge darin, bis es die ganze Flüssigkeit aufgesaugt hatte, dann aß er es mit Wohlbehagen. Und doch ist es die Hauptaufgabe der Erziehung, die bösen Instinkte und Triebe znrückzudrängen und mir allen Mitteln des Geistes, des guten und abschreckenden Beispiels einzuwirken. So sehen wir wieder andere Bilder — Hund und Katze aus einem Raps trinkend — gewiß das Resultat der Erziehung, denn der natürliche Instinkt ist Feindschaft. Die natürlichen und ererbten Instinkte sind vorhanden — der Selbsterhaltungstrieb ist bei Mensch und Tier angeboren — aber es gibt Einflüsse, die ihn verdrängen. Unkenntnis der Gefahr, mangelnde Voraussicht, wie wir es bei Kindern beobachten können, oder andere Einflüsse, Ehrenkrankung, Schande, Verzweiflung, die den mit angeborenem Selbsterhaltungstrieb ansgestattetcn Menschen zum Selbstmord treiben. Es spielen bei allen Handlungen des Menschen so viele mannigfache Einflüsse mit, daß oft die entgegengesetzten Motive zu demselben Resultate führen. Mut und Feigheit, Ehrgefühl und Schande, sie können die Triebfeder ein und derselben Handlung sein. Wir müssen also, wie bereits dargelegt, nach den Motiven der Handlung suchen, wenn wir deren Wert messen Ivollen. Wir können mit anderen Worten von der Handlung keinen Schluß aus den Charakter ziehen, ohne die Beweggründe derselben zu kennen. Es kann jemand splendid erscheinen und bei der Untersuchung erkennen wir, daß die Absicht zu geben nicht vorhanden gewesen — es waren andere Beweggründe, wie Hochmut, unwiderstehlicher Zwang, Rücksicht aus gesellschaftliche Stellung, Absichten zur Erreichung eines egoistischen Zieles. Wer darf den Hungernden, der ein Stück Brot stiehlt, des gemeinen Diebstahls zeihen, oder den, welcher in der Notivehr einen anderen Menschen erschlägt, als Mörder bezeichnen? Die Verteidigung des Lebens und nicht die Lust am Morden war allein das Motiv zur Tat. Von der Suggestion sehe ich ab — die gehört in ein anderes Kapitel. Jeder Handlung geht also, wenn sie nicht rein mechanisch geschieht, der Gedanke voraus, und dieser allein bildet den Wertmesser der Handlung. (Fortsetzung folgt.) perlonalnachricht. Unser rühriges Mitglied des Vorstandes und Arbeitsausschusses. Herr Semi E d r e n f e l d, hat sich mit Fräulein Gisela £> o r o w i tz, Mitglied des Vereines, verlobt. (Neue jüdische Kolonie» in Argentinien?^ Die „Neue Zürcher Zeitung" schreibt: „Die französisch-englische Judendelegation, die Argentinien bereiste, um das Siedlungsproblem zu studieren, hat, wie die „Agencia American»" meldest den Behörden auf Grund ihres Befundes ein Projekt vorgelegt, daß die Ansiedlnng von etwa 10.000 aus Rußland geflohenen jüdischen Familien vorsieht. Der Transport wurde von der Londoner Zionisten-Vereinigung übernommen." (Gute Crntenachrichtc» ans Galiläa.) Nack den beim Hauptbureau des Jüdischen Nationalfonds im Haag eingetroffenen Berichten aus Galiläa haben seine Besitzungen, und zwar sowohl die Getreidefarmen wie die Pflanzungen ihre diesjährigen Ernten mit erheblichem Reingewinn abgeschlossen. Die Arbeitergenossenschaft Daganiah am Tiberiasce, die schon in früheren Jahren Gewinne ergab, erzielte in diesem Wirtschaftsjahr einen Reingewinn von 65.000 Goldfranken. Ebenso erfreulich ist, daß die von außerökonomischen Unglücksfällen oft heimgesuchte Siedlungsgenossenschaft Merhawjah im Emek Jsreel zum ersten Male einen Reingewinn von 17.000 Goldfranken hat. Auch die Arbeiter-Pflanzungsgenosfenschast Gan Schmuel in Chederah wird einige Tausend Franken an Reingewinn abwerfen. Die Farm Kinereth wird durch ihren diesjährigen Gewinn alle ihre früheren Verluste decken. (Pogrome in Persien.) Wie die englischen Zeitungen berichten, haben die aus dem Distrikt Hamadan zurückberufenen bolschewistischen Truppen vor ihrem Abzug aus Persien die jüdischen Viertel systematisch ausgeplündert und niedergebrannt, wodurch 20.000 Juden Heimat- und mittellos wurden. Die persischen Juden haben sich telegraphisch an das zionistische Hauptbureau in Petersburg gewandt und seine Leiter ersucht, zu ihren Gunsten bei der russischen Regierung vorstellig zu werden. (Jüdische Polizei in Casablanca.) Um die Ordnung in den jüdischen Vierteln von Casablanca aufrechtzuerhalten, hat die marokkanische Regierung beschlossen, jüdische Polizeigewalt einzuführen. Diese ivird besonders die Aufgabe haben, die geringfügigen Streitigkeiten, die es tagtäglich in der Bevölkerung gibt, zu schlichten. (Die Juden in Tripolis.) Die jüdische Bevölkerung in Tripolitanieu beträgt nach italienischer Schätzung 16.000 Seelen. In der Stadt Tripolis wurden 10.471 Juden gezählt. vom Zchulverein Jesod Laibora. Die Einschreibungen in unserer Unterrichtsanstalk finden statt: Abteilung Talmud: Täglich an Wochentagen von 4—6 Uhr im Unterrichtslokale, II., Gr. Schisigasse In. Abteilung Pr. Religionsschulc: Mittwoch, den 11. d. M., von 1—4 Uhr im Lokale der Talmud Thora, II., Malzgasse 16, weiterhin ebenda an den folgenden Sonntagen von 9—12 Uhr vormittags und Mittwoch van 2—4 Uhr nachmittags. Im Interesse des Unterrichtes wird gebeten, die Kinder ehest einschreiben zu lassen. Jesod Hathora Schulverein der Adas Jisroel, Wien. Miszellen. (Kaiser Franz Josef als Schntzhcrr jüdischer Waisen.) Vor gerade fünfzig Jahren hatte Kaiser Franz Joses Gelegenheit, seine Güte und Einsicht einer schwerbetroffenen Wiener jüdischen Familie zu bezeigen. Die taubstumme Gattin des Meerschaumdrechslers Hirschler wurde am Fenster ihrer Wohnung in der Siebensterngasse von der Kugel eines Soldaten des Regiments Baron Reischach bei einer Hebung zu Tode getroffen. Die Offiziere besorgten das Begräbnis unter Assistenz Dr. Jellineks und Oberkantor Fischers in pietätvollster Weise. Am Tage nach dem Begräbnis erschien, wie die Wiener Schriftstellerin C. Benedikt erzählt, Graf Grünne beim Prediger Doktor Jellinek, er möge eine kinderlose jüdische Familie (also kein christliches Waisenhaus, wo die Kinder dem Judentum entfremdet