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Jüdische Korrespondenz · 1918-09-05 · 27 (5.9.1918) · page 5

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
27 (5.9.1918)
Date
1918-09-05
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
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Sf= Organ des Vereines „Jeschurun“ ORGANISATION für die thoratreue Jugend Wiens. Alle Zuschriften und Anfragen sind zu richten an: ,,Jeschurun‘‘-PreQkomitee, Wien, I., Salztorgasse 2. Jeschurun Nr. 27. 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst. Postkarte durch das: PreUkomitee des Vereines „Jeschurun- Wien, I., Salztorgasse 2. Demut. Motto: Wahrlich! Du der Menschen Schöpfer. Du kennst ihre Triebe — sie sind ja Fleisch und Blut! Der Irdische entsteht aus Staub und wird zu Staub, in seiner Seele trägt er selbst den Kamps; er gleicht einer zerbrechlichen Scherbe, dem dürren Grase, der welken Blüte, dem weichenden Schalten, der schwindenden Wolke, der Dauer eines Atemzuges, gleicht dem fliegenden Stäubchen. einem flüchtigen Traume. Aber Du, o König, bist ein allmächtiges, lebendiges und unvergängliches Weien. Für ethnologische Studien ist die Art und Weise der Volksseste ein untrüglicher Gradmesser der Kultur, des geistigen Niveaus und der in der Nation schlummernden oder bereits geweckten, sich fortentwickelnden, stagnierenden oder dekadenten spirituellen Potenzen. Ein ganz krasses Beispiel gibt uns die eigenartige Festesfreude und das daraus zu deduzierende Wesen der Germanen im schroffen Gegensatz zur Lebensart der Orientalen und vorzüglich der jüdischen Rasse. Das allerextremste Exempel bietet uns die Beschließung des alten und die Eröffnung eines neuen Jahres. In wüsten Bacchanalen, schlemmend und prassend, versucht der Germane durch faule Spässe und wahnwitzigsten Ulk das große Ereignis zu banalisieren. In schaler Genußsucht durchschwärmt er wochenlang die Nächte, momentanen, leeren Freuden nachjagend. Das leiseste Zeichen, das ihn an den Ernst der Zeit mahnen könnte, ertränkt er im Rausche. Damit ist auch schon das geistentwandte Drauflosgängertum der Germanen charakterisiert. Staubgeboren, fühlt er sich in niedrigen Sphären am wohlsten und macht den gegenüber der Allgewalt der Natur so winzigen Menschen nicht aus Demut sondern blinder Weltverkennung noch kleiner. Er zieht die Frage seiner Würdigkeit, ein neues Jahr in Gottes wundersamer Natur erleben zu dürfen, nicht in Erwägung. Ihm bedeutet ein Jahreswechsel nur willkommenen Anlaß zu neuen Orgien. Wie anders wirkt dies Zeichen auf den Juden ein. Auch er ruht viele Nächte nicht. Lange bevor die Morgensonne am Firmament ihre leuchtend rote Kugel über den schwarzen Schatten der weichenden Nacht erscheinen läßt, steht er auf, um die „Selichos“, die Gebete um Vergebung für durch zwölf Monate begangene Sünden zum Allmächtigen emporzufenden. Er frägt sich: »Noll uni ma chajai; ani hewel worik; ani rimoh wesauleoh, ani ofor woefer“, „Was bin ich? Was ist mein Leben? Ich bin eitel und leer; ich. bin Staub und Gewürm.“ Sich an die Brust schlagend, stößt er ein scheinbar übertriebenes, gräßliches Sündenbekenntnis hervor: »Osollamnu doFacknu gosalnu «kill arnu daufu . .. vielleicht die einzige Wahrheit, die er seit langem gesagt haben mag: „Wir haben gesündigt, gefrcvelt, gestohlen, übles geredet... ", alles Böse getan, das er nicht müde wird, in fieberhafter Erregung und schamhafter Zerknirschung in langen Selbstanklagen offen zu bekennen um es von sich abznschlendern. Ja, er ftndet kaum Worte, um allen Vergehen, Versuchungen und Tendenzen zu unlauteren Handlungen den richtigen Namen zu geben. Hiedurch wird er sich immer deutlicher gegenüber der Allgewalt und Reinheit des Schöpfers der Geringfügigkeit des Menschen und seiner selbst bewußt. ..Fnaellnu llaellaumer weatoh jauzrenu,-* „Wir sind Lehm und Du bist unser Bildner“, ruft er aus. Der menschliche Horizont und seine absolute Willensfreiheit scheint ihm in solchem Momente ein bedeutungsloses Plätzchen im ungeheueren Weltenapparat einzunehmen. Dabei weiß er, daß die kleinste unerlaubte Tat oder Unterlassung die Wagschale des Bösen hinabdrücken und das Schicksal von ihm, ganz Israel und der ganzen Welt zerschmettern kann. Unbeugsamer, intensiver Wille, sich zu reinigen, stetig zunehmendes Streben, seine Handlungen zu überprüfen und zu verbessern, läßt in ihm die Konzentration himmelwärts nach Vollendung ringender, höchster Gedankenkrast akkumulieren und löst in seiner Psyche das tiefe Geheimnis grandioser Demut und seelcndurchtränkter Gottergebenheit aus. Der schrille Ton des Schofar weckt alle übrigen, an deren Sohlen noch übler Schlamm haftet, aus ihrer Lethargie und mahnt sie an die kommenden „Jomim nauroim“, an die (um möglichst genau zu übersetzen) „furchtbaren Tage“. Mögen sich unsere europäischen Antipoden nur ruhig abivehrend wegwenden, indem sie für sich ausschließlich „lustige“ Tage beanspruchen; wer aber genug Sinn besitzt, um etwa den fünften Satz von Beethovens Pastorale, die „furchtbare“ Gewittcrszene, in all seinen Subtilitäten vollauf zu genießen, der wird auch selbst bei geringen Kenntnissen des patriarchalischen Geistes, der Gebräuche und Gebete die „furchtbaren Tage“ rein als psychisches Regeiterationsmysterium schön wie höchste Musik finden und sich in sie hineinleben können, so daß er sie nachher nie wird missen wollen. Geläutert durch die Erkenntnis seiner. Nichtigkeit und durchglüht vom beharrlichen Verlangen eines zelem elaukim, eines Ebenbildes Gottes würdig zu werden, streift er am evsw-rauscll-llasellonoll Alltagsgewohnheiten und Alltagskleider von sich ab, bullt alles in seiner Umgebung in schlichtes Weiß und legt selbst Totenkleider, die einst mit ihm zu Staub zerfallen sollen, an. Er trachtet alle seine zur irdischen Daseinsbedingung notwendigen, selbst geringfügigsten Handlungen zu spiritualisieren, indem er sie in mit der Würde des Tages im Einklang stehende Symbole kleidet. Ein Fludium von heiligem Ernst, tiefer, gottvoller Sülle, erhabener Feierlichkeit, Wonne und Zagen, durchtränkt vom strahlenden Glanze reinster, grenzenloser Demut, erfüllt und ladet den Äther. So vorbereitet erwartet er den Janm Hadin, den Tag des Gerichtes. Ein Midrasch erzählt uns, daß die himmlischen Scharen zu Ehren des Tages einst das große Halleh die stohlockenden Lobgesänge, anstimmen wollten; doch der Herr webrte ihnen: „Setzet die Bücher der Letzenden und Toten liegen vor mir und Jlir wollet in jubelnden Tiraden Freudenhymnen singen?“ Nein, auch Engeln ziemet Demut angesichts des die Menschheit richtenden Herrn der Heerscharen, „dem der Himmel Thron und dessen Fußschemel die Erde ist!“ Demut hat nichts eklatant Sklavisches an sich, vielmehr das stolze Gefühl, sich einen! höheren Wesen, einer höheren Gemeinschaft, in rick)tiger Erkennung freiwillig cinzusngcn. Wer die unendliche Größe des „Schöpfers von Licht und Finsternis, der Frieden inacht und alles schafft, der Tote belebt und Lebende tötet“, zu erfassen vermag, dem ist der Schritt zu wahrster Demut ein leichter und die folgerichtige Evolution der ihm offenbarten Erkenntnis, welche ihm jenen Phänomenalen Blick ins Transzendente verleiht, so daß seine Gedankenemanationen die schwingenden Höhen mentaler Sphären erreichen, aus welchen Körper und Geist edle, vitale Kräfte empfangen und absorbieren. Alopli. Religion und Krieg. «Fcrlsröung > Die Instinkte sind überhaupt noch nicht ergründet. So wie wir den Selbsterhaltungstrieb oder den Gattungstrieb bei den kleinsten Lebewesen sinden und diese Triebe als praktisch bezeichnen, so sehen wir bei anderen kleinen Lebewesen Triebe, die nicht als praktisch bezeichnet werden, wie z. B. die dem Lichte zufliegendcn Käfer, die ihre wiederholten Versuche, dem Feuer näherzukommcn, mit dem Leben bezahlen. Dies würde gegen den Erhaltungstrieb sprechen. Es ist auf diesem Gebiete so viel hypothesiert und philosophiert — aber noch keine volle Erkenntnis erreicht worden. Man könnte den Menschen, der einen senkrecht in den Himmel ragenden Felsen erklimmt, oder den Seiltänzer, den Trapezkünstler, den Tierbändiger mit jenen ins Feuer fliegenden Insekten vergleichen und ihnen ebenfalls den Erhaltungstrieb absprechen. Es ist aber falsch. Alle diese Menschen besitzen den Selbsterhaltungstrieb, so wie ihn sicher jeder Selbstmörder besitzt — nur überwiegen in den ersteren Fällen andere Motive und Triebe, der Reiz der Gefahr, der Wageinnt oder die Sucht, es anderen nachzutun oder eine Leistung zu erzielen, die andere noch nicht erreichten. Es klettert keiner den steilen Felsen empor mit dem Bewußtsein, sicher den Tod zu finden. Jeder rechnet von vorneherein mit Ueberwindung der Schwierigkeiten und es herrscht eben jenes andere Motiv, jener andere Trieb vor, womit aber der Selbsterhaltungstrieb gar nicht in Frage gestellt wird. So ist den Insekten, die im Feuer ihren Tod finden, nicht der Selbsterhaltungstrieb abzusprechen und zu behaupten, daß sie den Tod suchen. Sie unterschätzen die Gefahr, wie sie der mit Vernunft begabte Mensch unterschätzt. Dem Tier fehlt stcilich jene Vorsicht und Ueberlegung. Es wird keine Schwalbe vorher Untersuchungen anstellen, ob die Mauer, an

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