Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 27 (5.9.1918)
- Date
- 1918-09-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 27 Rundschau. (Die Juden i» Litauen.) Zur Organisierung der jüdischen Hilfstätigkeit in Riga, Kurland, Litauen, dem Bezirke Suwalki und dein Etappengebiet Bug ist kürzlich ein „Jüdisches Zentralunterstützungskomitee" unter dem Vorsitze des Lberrabbiners Rnbinstei» in Wilna gegriuidet worden. Zweiter Vorsitzender ist Rechtsanwalt S- Rosenbaum (Wilna), dritter Vorsitzender Dr. Anzelewitsch (Grodno). Ferner gehören dem Zentralkomitee eine Reihe von Mitgliedern in Riga, Kowno, Lida, Bialystok, Libau, Pinsk usw. an. Außer dem Zentralkomitee sind Bezirkskomitees, innerhalb der einzelnen Bezirke Kreiskomitees und innerhalb der Kreiskomitees Ortskomitees eingerichtet worden. In einzelnen größeren Städten fallen die Kreiskomitees mit den Ortskvmitees zusammen. Das Jüdische Zentralkomitee unterhält eine große Anzahl von Kinderküchen und Grciscnasylen, bewilligt im Rahmen der zur Verfügung stehenden Mittel kleine Kredite, verteilt Schuhe für die Kinder tvährend der Wintermonate, Milch für Kranke usw. Das Komitee, dessen Mitglieder die Möglichkeit von Reisen in die einzelnen Bezirke haben, ist mit der Notlage der jüdischen Bevölkerung im ganzen Gebiet genau bekannt und dadurch zu einer außerordentlich bedeutsamen Tätigkeit berufen und befähigt. Gegenwärtig ist die Tätigkeit des Komitees sehr behindert, da die amerikanische Regierung dem jüdischen Verteilungskomitee in Amerika die Heber« Weisung von Hilfsgeldern nach Litauen untersagt hat. (Die Inden in Rumänien.) Der rumänische Handelsminister Grigore Cantacuziono äußerte sich zu einem Mitarbeiter der „Gazeta Bucurestilor" über die bevorstehenden Wahlen für die Handelskammern: Wir wollen bei den Wahlen keine Politik machen. Jetzt, wo wir im Begriffe sind, der Judenfrage die denkbar weitestgehende Lösung zu geben, halten wir es für notwendig, daß auch jüdische Kaufleute und Industrielle den Handelskammern angeboren, um gemeinschaftlich mit den übrigen zur Wiederbelebung des Handels beizutragen. (Die Organisation der israelitischen Knltusgemeinden in Rumänien.) Aus Bukarest wird uns geschrieben: Minister des Auswärtigen und Vizepräsident des Ministerrates C. C. Arion äußerte sich einem Journalisten gegenüber: „Ich glaube nicht, daß die Regierung in der gegenwärtigen Tagung des Parlaments eine Gesetzesvorlage über die Organisation der israelitischen Kultusgemeinden einbringen wird. Ich habe einstmals als Kultusminister eine derartige Vorlage ausgearbeitet, deren Notwendigkeit aber heute nicht ersichtlich ist. Die Organisation der Kultusgemeinden wird aber auch ohne das Eingreifen des Staates erfolgen, der nur die freie Religionsübung zu verbürgen hat, was selbstverständlich ist. Ein Svndcrgesetz, betreffend das Eingreifen des Staates, würde bedeuten, daß der Staat die israelitischen Schulen und Anstalten übernimmt, was bei den heutigen Verhältnissen sehr schwer und überdies zwecklos wäre. Die Organisation der Kultusgemeinden kann durch die israelitische Bevölkerung selber, ohne direkte Einmengung des Staates erfolgen. Der Friedensvertrag, der die freie Errichtung und Existenz der israelitischen Gemeinden sichert, schließt nicht die Schaffung eines Sondergesetzes in sich. Uebrigens wird in dieser Frage wahrscheinlich Ministerpräsident Marghiloman sein Wort sprechen " (Bulgarien und die Juden.) Das israelitische Großrabbinat in Sofia veröffentlicht in der Presse eine Note, ivelche die von dem Athener Berichterstatter des „Journal de fieneve“ diesein Blatte übermittelten Berichte in Abrede stellt, wonach nach dem Zeugnis israelitischer Gefangener der mazedonischen Front israelitische Bulgaren in der Armee mißhandelt morden seien, israelitischen Schülern in den bulgarischen Schulen alle möglichen Schwierigkeiten bereitet tvürdcn und die Israeliten in Bulgarien im allgemeinen sehr bedrückt würden. Das Großrabbinat erklärt, daß man den groben Erfindungen der Verleumder Bulgariens keinen Glauben schenken dürfe. Es fügt hinzu, daß in Bulgarien die Israeliten in die Reihen der Armee als freie Bürger eiutreteu und sich dort für das Wohl Bulgariens mit Eifer und Selbstverleugnung schlagen. Die Israeliten genießen in Bulgarien vollkommene Freiheit und vollständige religiöse und politische Duldung. (Rabbiner Dr. Israel Zoller — Rabbiner der sefardischen (Gemeinde in Sofia.) Rabbiner Dr. Zoller aus Trieft ist zum Rabbiner der sefardischen Gemeinde nach Sofia berufen worden. Dr. Zoller, geboren im Jahre 1881 in Brody (Galizien), genoß seine erste talmudische Ausbildung bei seinem Onkel, Rabbiner Magid Alexander Halpern in Lemberg, absolvierte das Rabbinerfeminar in Florenz, wo die Professoren Oberrabbiner Dr. Margulies und Dr. Chajes, derzeit Oberrabbiner in Wien, seine Lehrer waren. Im Jahre 1911 wurde er nach Trieft als zweiter Rabbiner berufen, wo er zuerst allein, nachher unter Leitung des Herrn Prof. Dr. Chajes tätig war. Dr. Zoller betätigte sich auf literarischem Gebiete durch gediegene Aufsätze historischen Inhaltes als ständiger Mitarbeiter des „Archiv für jüdische Familienforschung" in Wien, der „Rivista Jsraelitica" in Florenz, des „Mesfaggero" in Triest u. v. a., derzeit arbeitet er an einer Geschichte der Juden in italienischer Sprache. (Vom russischen Judentum.) Eine Konferenz der jüdischen Gemeinden hat in Moskau vom 30. Juni bis 5. Juli getagt. Es waren vertreten 39 große Gemeinden, die 133 Delegierte entsandt hatten. 53 Delegierte gehörten der zionistischen Fraktion an. Die Orthodoxen (Achduth) waren durch 20 Delegierte, der Bund durch 16, Poale Zion durch 9, Unparteiische durch 13 Delegierte vertreten. Die Konferenz beschloß die Gründung eines jüdischen Gemeindebundes in Rußland. (Rabbiner Dr. Adolf Rosenzweig.) Im Alter von 68 Jahren starb in Kolberg der älteste in Berlin amtierende Rabbiner Dr. Adolf Rosenzweig. Dr. Rosenzweig, ein geborener Ungar, war der erste Schüler des Berliner liberalen Rabbinerseminars. Seit 1887 wirkte er als Rabbiner in Berlin. Seine Arbeiten sind werwolle Beiträge zur Kulturgeschichte des jüdischen Altertums, besonders bemerkenswert ist seine Studie über den polisischen und religiösen Charakter des Flavius Josephus, Jerusalem und Caesarea und das Jahrhundert nach dem babylonischen Exil. (Die Rot der jüdische» Flüchtlinge in Rußland.) Das Jüdische Preßbureau in Stockholm berichtet: Die Lage der jüdischen Flüchtlinge in Rußland ist eine verzweifelte. Wie das jüdische Komitee für die Kriegsopfer in Petrograd mitteilt, befinden sich in verschiedenen Orten Zentralrußlands 75.000 Flüchtlinge, die infolge des Bürgerkrieges, der Desorganisation des ökonomischen Lebens, der Zerrüttung des Transportes und des Fehlens von Nahrungsmitteln sich in einer völlig ausgangsloseu Lage befinden. Unter den Flüchtlingen grassieren Epidemien. Die Minimumsuinme, die zum Unterhalt der Flüchtlinge monatlich nötig ist, beläuft sich auf drei Millionen Rubel. Von der Regierung ist keine Unterstützung zu erwarten. Aus den Mitteln der lokalen jüdischen Organisationen kann nur ein Drittel des nötigen Betrages gedeckt werden. Das erwähnte jüdische Hilfskomitee appelliert deshalb an die Juden des Auslandes um schleunige Hilfe. Herr Rosow, der als Vertreter der russischen Zionisten in der Palästinakommission dieser Tage auf dem Wege nach Palästina in Stockholm eingetroffen ist, ist vom Komitee beauftragt, im Auslände eine Hilfsaktion zur Rettung der Flüchtlinge zu unternehmen. (Protest Korolcnkos gegen Pogrome.) Der bekannte russische Schriftsteller Korolenko hat in einer in Poltawa erscheinenden Zeitung einen scharfen Protest gegen die au den Juden verübten Gewalttaten eingelegt, der starken Eindruck aus die Oeffentlichkeit gemacht hat. (Sliosberg ermordet.) Der bekannte jüdisch-russische Rechtsanwalt Sliosberg ist ermordet worden. Nähere Umstände sind noch nicht bekannt. Es dürfte nicht ausgeschlossen sein, daß er, der ebenso wie seine Freunde Winawer und Grusenberg der Kadetenpartei angehörte, der Schreckensherrschaft der gegenwärtigen Machthaber zum Opfer gefallen ist. Heinrich Sliosberg, 1863 in Mir (Gouvernement Minsk) geboren, besuchte, bevor er sich der Haskala zuwandte, die dortige Talmudschule, absolvierte später in Petersburg die juristische Fakultät und zählte bald zu den angesehensten russischen Rechtsanwälten. Seit 1889 widmete er sich mit großem Eifer den Interessen seiner Glaubensgemeinschaft, die ihn als einen ihrer edelsten und treuesten Führer verehrte. Sliosberg war auch ein äußerst produktiver Schriftsteller. Seine zahlreichen Essays im „Woschod" sowie insbesondere feine Schriften über die ökonomische und rechtliche Stellung der russischen Juden sichern ihm ein dauerndes Andenken. (Die Heimkehr der kurländischen Inden.) DieausKurlandseinerzeit evakuierten Juden haben unter Führung des Rabbiners Nurok aus Mitau wegen ihrer Rückwanderung nach ihrer Heimat mit der deutschen Gesandtschaft in Moskau Verhandlungen geführt. Der Delegation wurde von dem Gesandtschaftsvertreter in Aussicht gestellt, daß ihre Forderungen prinzipiell erfüllt, und daß die Einzelheiten von einer besonderen Kommission geregelt werden sollen, die in Moskau erwartet wird. Es handelt sich im ganzen um etwa 25.000 Personen, von denen aber zunächst nur 500 zurückkehren sollen. Für die Notleidenden in Riga haben die in Moskau befindlichen Rigaer Flüchtlinge eine besondere Sammlung veranstaltet und ein eigenes Hilfskomitee eingesetzt.