Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 27 (5.9.1918)
- Date
- 1918-09-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 2 Jüdische Korrespondenz. Nr. 27 unseres Lebensweges: Hier sind wir. Es rnst uns zn allem Edlen und Guten: Hier sind wir. Es ruft uns als die Kinder des Inden tums, das; nur ihm seine Treue bewahren und da, Ivo es leidet, unfern Beistand gewähren. Lasset uns antworten und ohne Zögern antworten: Hier sind wir. Das sei das Won, mit dem wir in das neue Jahr cintreten, und Gott gebe, daß es ein Jahr des Segens sei und das Jahr des Friedens werde, ans das wir hoffen und für das ivir beten mit allen auf Erden. L. Oie Lsrogimfrage. (Auch ein Beitrag zur Charakterisierung der italienischen Politik.) Wir stehen hart vor dem Laubhüttenfeste — die Esrogimfrage ist aber noch immer nicht gelost. Schon im vorigen Jahre gestaltete sich die Losung dieser Frage sehr schwierig. Infolge der Kriegsereignisse in Mazedonien >var es unmöglich, aus Griechenland Esrogim zu erhalten. Das Quantum, das aus Palästina anlangte, war ziemlich knapp, und nur mit Mühe konnte der Bedarf halbwegs gedeckt werden, was allerdings gewissen Händlern die Handhabe zu ganz unerhörten Preistreibereien bot. Immerhin war es noch möglich, den Bedarf zu decken. Biel schlimmer gestaltete sich die Sache hinsichtlich der Lulawim. Aus Palästina konnte nur ein minimales Quantum einlangen, der Hauptbedarf an diesem Artikel wurde immer aus Italien gedeckt. Die italienische Regierung hatte es sich aber in den Kopf gesetzt, die Juden in den Staaten der Mittelmächte auch religiös „aushungern" zu »vollen. Obwohl es eigentlich im Interesse der italienischen Volkswirtschaft gelegen war, die Lulawim zu exportieren, für die es ja sonst keine andere Verwendung gibt, und obwohl auch Balutarücksichten dafür sprachen, verweigerte die italienische Regierung die Erteilung einer Ausfuhrbewilligung, und nicht einmal die Intervention des Papstes, an den sich die Orthodoxie in Deutschland gewendet hatte, konnte einen Erfolg bringen. Die Regierungen der Mittelmächtestaaten haben ohne weiteres die Einfuhrbewilligung erteilt, obwohl Valutarücksichten dagegen sprachen, um die religiösen Bedürfnisse der Juden zu befriedigen. Die Herren in Rom, die sonst mit ihrer Judenfreundlichkeit prunken, wollten von einem Entgegenkommen nichts wissen. Ihre Absicht war klar: Sie wollten auch auf diesem Wege die Juden in den Staaten der Mittelmächte „aushungern" und damit ihre Unzufriedenheit erregen, — auch ein Propagandamittelchen, wie es kleinlicher und lächerlicher nicht sein kann. Das Vorgehen der Italiener hat im vorigen Jahre in den neutralen Ländern große Erbitterung hervorgerufen. Es geschah zum ersten Male, daß religiöse Momente in den Dienst der Kriegspolitik gestellt wurden, und die Herren in Rom suchten sich später damit zu verantworten, daß es sich um ein „Mißverständnis" handelte. Sie wußten angeblich nicht, zu welchem Zwecke diese Palmenzweige benötigt werden und erachteten es nicht für angebracht, den Mittelmächten diesen Luxusartikel, der vielleicht zur Kriegführung (?) gebraucht werden könnte, zu liefern. Daß es sich um eine plumpe Ausrede handelte, war ja jedem Einsichtigen klar, — aber in unserer verwilderten Kriegszeit konnte auch diese Ausrede gelten. . . In diesem Jahre ist die Situation viel schlimmer. Ein Teil Palästinas besindet sich in englischen Händen und die Zahl Esrogim, die von dort exportiert werden konnte, ist verschwindend gering. Lulawim gibt es fast gar keine, da diese znni größten Teil in dem besetzten Gebiete Palästinas gepflegt wurden. Da anch der andere Teil des Landes jetzt engeres Kriegsgebict ist, so ist der Abtransport von dort noch viel schwieriger. Man bemühte sich daher wieder, griechische Esrogim und genueser Lulawim zu erhalten. Die Regierungen der Mittelmächte haben die Einfuhrbewilligung erteilt, — an der schweizerischen Grenze lagern viele Waggons Esrogim und Lulawim — aber die Herren in Rom wollen die Sache wieder einm a l „m iß v erst e h en" und verweigern trotz aller Interventionen von neutraler Seite die Erteilung einer Ausfuhrbewilligung. Es wurden alle Anstrengungen gemacht, um aus Palästina das nur mögliche Quantum herauszubekommen, und die türkische Regierung versprach, die weitgehendsten Erleichterungen zu gewähren. Aber im allergünstigsten Falle könnte nur ein minimales Quantum einlangen, das kaum für das Gesamtgebiet der Mittelmächte und der okkupierten Länder hinreichen dürfte. Dabei dürften grüne Lulawim überhaupt nicht zu haben sein. Auch im vorigen Jahre war es sehr knapp damit, aber man behalf sich mit trockenen -Lulawim, die vom Jahre 1916 zurückgeblieben waren. Diesmal sind nicht einmal vorjährige Reserven da, und das alte Material entspricht kaum den religiösen Vorschriften. Sicherlich wird man sich zu helfen wissen. Man wird sich eben darauf beschränken müssen, daß jedes Bethaus eine einzige Garnitur erhalte, kleinere Gemeinden würden ebenfalls bloß nur je eine Garnitur bekommen, die Rabbiner werden in Berücksichtigung des „schaas-hadchak" alle im Sinne der religiösen Vorschriften zulässigen Erleichterungen aussprechen. Schließlich sind in früheren Zeiten, besonders zur Zeit der großen Kriege — zuletzt während der napoleonischen Feldzüge, — ähnliche Schwierigkeiten vorhanden gewesen. Man erzählt, daß damals ein Esrog mehrere Hundert Gulden gekostet hat und daß man für mehrere Gemeinden nur eine Garnitur zur Verfügung hatte, die durch spezielle Boten von Gemeinde zu Gemeinde befördert wurden. Die Juden in den Staaten der Mittelmächte werden sich auch diesmal schon irgendwie zu helfen wissen. Das Vorgehen .der italienischen Regierung muß aber als eine Ungeheuerlichkeit qualifiziert werden. Um das „löbliche" Ziel, die glaubenstreue Judenschaft in den Staaten der Mittelmächte zu verhetzen, zu erreichen, sollen sie in ihren religiösen Gefühlen getroffen werden — ein Vorgehen, das nicht einmal in den finsteren Zeiten des Mittelalters praktiziert wurde. Das Mittelchen, das da zur Anwendung gelangt, ist so kleinlich, daß es geradezu lächerlich anmutet, darüber auch nur ein Wort zu verlieren. Aber die Sache sollte dennoch hier näher beleuchtet werden, da dadurch die Taktik der Entente wieder einmal ins richtige Licht gerückt wird. Wie schlimm muß es um die Sache der Italiener stehen, wenn sie sich veranlaßt sehen, zu solchen Mittelchen zu greifen. Sapienti sat. Sp ectator. Organisation der österreichischen Orthodoxie. Die Sommerferien haben eine Unterbrechung in der Organisationsarbeit der Orthodoxie in Oesterreich verursacht, die nunmehr wieder in Fluß geraten soll. Demnächst wird eine Sitzung der seinerzeit gewählten Kommission stattfiuden. welche ihre Tätigkeit wieder aufnimmt und daran gehen wird, die Organisationsarbeit zu vollenden. Auch die Einberufung der großen Delegiertenkonferenz, die bereits für die Sommermonate geplant, aber infolge der Vorbereituiigsarbeiten nicht abgehalten werden konnte, soll jetzt erfolgen. Wenn die Organisationsarbeit auch einige Zeit äußerlich geruht hat, so hat der Gedanke, eine stramme Zusammeiischließung aller glaubenstreuer Inden in Oesterreich zu schaffen, dennoch höchst erfreuliche Fortschritte gemacht. Die Nachrichten über den Gang der Vorbereitungsarbeiten in allen westösterreichischen Kronländern, die im Laufe der Zeit eingelangt sind, widerspiegeln ein erfreuliches Bild und lassen erwarten, daß es nunmehr möglich sein werde, die Arbeit zu vollenden und der Orthodoxie in Oesterreich die Stellung zu sichern, die ihr vermöge ihrer Zahl und ihres geistigen Gehaltes gebührt. In letzterer Zeit wird wieder einmal von einer geplanten Verfassungsreform in Oesterreich gesprochen. Die Details dieser Pläne — vorausgesetzt, daß es sich um reale und greifbare Bestrebungen handelt — sind wohl nicht näher bekannt und man muß autentische Nachrichten abwarten. Immerhin ist schon jetzt klar zu ersehen, daß die Verfasfungsreform auch die Interessen der Juden im allgemeinen und diejenigen der Orthodoxie insbesondere sehr ernstlich berühren dürfte. Nur eine starke Organisation der Orthodoxie, die berechtigt wäre, im Namen aller glaubenstreuen Juden zu sprechen, könnte mit dem nötigen Nachdruck und der nötigen Autorität auftreten, um deren Interessen zu wahren. Dies dürfte umso eher möglich sein, als die maßgebenden stellen bekanntermaßen den Wünschen und Bedürfnissen der glaubenstreuen Judenheit das weitgehendste Verständnis und Wohlwollen entgegenbringen. Gerade deswegen ist es dringend geboten, die Organisation der Orthodoxie Tatsache werden zu lassen. Dieser Umstand muß die in Betracht kommenden Faktoren zur stärkeren Entfaltung ihrer Energie veranlassen und anspornen. Schaffung eines jüdischen religiösen Zentrums in Palästina. Die Budapester Korrespondenz meldet: Bekanntlich haben zwischen den Abgesandten der mitteleuropäischen jüdischen Organisationen und der türkischen Regierung Verhandlungen stattgefunden, die ein günstiges Ergebnis zur Folge hatten. Wie nun der Budapester Korrespondenz aus Konstantinopel mitgeteilt wird, hat der Großwesir Talaat Pascha die vorläufige Beendigung der grundlegenden Tätigkeit der jüdischen Mission mit folgender Erklärung begleitet: