Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 27 (5.9.1918)
- Date
- 1918-09-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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jüdische Korrespondenz Bezugspreis: Ganzjährig K8, halbjährig K4, vierteljährig K 2. Einzelnummer 20 Heller. Wochenblatt für jüdische Interessen Redakteur: Jonas Kreppei.! Redaktion u. Administration : i Wien, VIII. Alserstraße 55. Erscheint jeden Donnerstag. Np. 27. Wien, 5. September 1918. IV. Jahrgang. Hnläßlicb des Jabreswecbfels wünfdben wir allen unseren geehrten Lesern und Freunden ns'rm r.zto Die IReöafitlon. 567$—5679. Der Schall der Posaune kündet ein neues Jahr an. Das alte verschwindet, ohne daß ihm viele Tränen nachgeweint werden. Es hat die Hoffnungen, die an seiner Schwelle gehegt wurden, nicht ersüllt, es hat vielfache Enttäuschungen gebracht. Noch immer tobt der blutige Krieg, noch immer schreitet der Würgengel unbeschränkt einher, noch immer ist der Abgrund voll Haß, der Völker und Menschen voneinander trennt, nicht überbrückt. Wohl ist es gelungen, an der Ostfront dem Menschenschlachten Einhalt zu gebieten — aber auch dort ist es noch nicht völlig ruhig, der Wahnwitze . vom. .ÄkrieK^ nicht.,küsp wollen, ist eifrig dabei, fortgesetzt Oel ins Feuer zu schütten und auch im Osten eine neue Kriegsfront aufzurichten. Jnsolange dies nicht gelingt, werden Revolverkugeln, Handgranaten und ähnliche Knlturinstrnmente gehandhabt, um den gelöschten Brand nicht ganz ersticken zu lassen. Das Jahr 5678 hat somit der leidenden Menschheit das ersehnte Heil nicht gebracht. Wird das neue Jahr den geplagten Menschenkindern freundlicher zulächeln? Wir wollen es hoffen. Freilich, die Erfahrungen des vierjährigen Krieges haben uns gelehrt, bescheiden zu sein. Nichtsdestoweniger iväre es verseblt, sich einer Resignation hinzugeben. Auch die Wasser der Sintflut mußten sich verlaufen, als die schuldige Menschheit ihre Vergehen gesühnt hat. Vielleicht ist der Tag nicht mehr fern, da die Taube den Oelzweig bringen wird. Der Schall der Posaune, der vier Jahre hindurch vom Kanonendonner übertönt wurde, wird es vielleicht denn doch vermögen, sich durchzuringen und den Erdensöhnen Freiheit und Erlösung zu verkünden. Dann „werden die Gerechten es sehen und sich freuen, die Redlichen jauchzen, die Frommen mit Jubel frohlocken — da das Laster verstummen, die Bosheit gänzlich wie Rauch hinschwinden und die Herrschaft des Frevels von der Erde beseitigt werden wird". Hat das zu Ende gehende Jahr die in dasselbe gesetzten Hoffnungen nicht erfüllt, so hat es ganz besonders dem jüdischen Volke wenig Trost gebracht. Die Zukunft der Millionen Juden im Osten ist noch immer in tiefes Dunkel gehüllt. Unsere Millionen Brüder in den Ländern des ehemaligen Zarismus haben noch immer keinen sicheren Morgen, und was in und um Palästina vorgelit, kann nur vertrauensselige Optimisten oder Heuchler voll befriedigen. Kein aufrichtiger Jude kann darüber ungetrübte Freude empfinden, daß das heiligste Ideal des jüdischen Volkes zum Spielball fremdpolitischer Interessen geworden ist. Noch immer bluten Tausende und Abertausende unserer Brüder auf den Schlachtfeldern. Wenn die russischen Inden seit Jahresfrist davon bewahrt sind, so hat der Wahnwitz Wilsons die Millionen Inden Amerikas in den Kriegsdienst gepreßt, in den Dienst eines Krieges, der ihnen ebenso fremd ist, wie der überwiegenden Majorität des amerikanischen Volkes. Als Menschen und als Juden sehnen wir das Ende des Krieges herbei, und unsere Gebete am Neujahrsfeste dürfen sich um diesen Wunsch konzentrieren. „Weal hamdinotli bau jeomer!“ „lieber alle Länder wird an diesem Tage entschieden, in welchem das Schwert und in welchem der Friede, in welchem Hungersnot und in welchem Ueberfluß vorherrschen soll." Viermal nach- .Äamuüer..ift die..Entscheidung, für. den.Krieg.. gefallen, 0, mögen nunmehr die Würfel des Friedens die Vorhand erlangen. „Es gehe zu Ende das Jahr und seine Flüche; cs beginnen das Jahr und seine Segnungen!" 3um Neujahrsfest. Die Schrift erzählt: „Und es war nach diesen Begebenheiten, da prüfte Gott den Abraham und er sprach zu ihm: Hier bin ich." Nach welchen Begebenheiten? Was war geschehen? Wir können es kurz vorher in der Schrift lesen. Abraham hatte mit Abimelech, dem König der Philister, einen Bund geschlossen. Große Worte waren gefallen. „Und nun schwöre mir doch bei Gott, daß du nicht trügerisch handeln wirst an mir und meinen Nachkommen." „Gemäß der Liebe, die ich an dir getan habe, sollst du tun an mir und dem Lande, in dem du weilst." Und sie schlossen den Bund miteinander und schwuren auf diesen Bund „und er rief den Namen des Ewigen an, des Weltengottes." Gibt es größere Worte als diese? Ein Schwur bei Gott! Ein Bündnis bei Gott beschworen! Liebe! Der Gott der ganzen Welt! Aber „es geschah nach diesen Worten", da kam die Prüfung, die Heimsuchung. Wie große Worte haben wir doch in der Welt gehört? Von Liebe, der alle Menschenkinder Brüder sind. Von dem Gott der Welt, in dessen Verehrung alle auf Erden sich einen. Ein Gott und eine Menschheit. Bündnisse wurden geschlossen und beschworen. Wie weit dünkten wir uns in Kultur und Gesittung. Aber es geschah nach alledem und trotz alledem, da ist die Prüfung gekommen, diese furchtbare Heimsuchung über die Welt und, wir haben uns schjecht bewährt. Die großen Worte sind verflogen, Bündnisse wurden mit Füßen getreten, au die Stelle der Liebe trat der Haß, an Stelle der Wahrheit die Lüge und der große Gott der ganzen Welt ist von seinem Throne gestoßen und jedes Volk betet zu seinem Gott, das ist das Tragische in unserer Zeit. — „Und Gott prüfte den Abraham." Es war die erste Prüfung, die die Geschichte unseres Volkes zeigt. „Wie vieleHeinisuchnngen sind seitdem über Abrahams Nachkommen ergangen!" Bis zu dieser letzten Prüfung, die die Gegenwart in die Blätter unserer Weltgeschichte schreibt. Wir haben unsere Prüfungen bestanden. Wir sind nicht untergegangcn. Israel hat immer gesprochen: „Hier bin ich." Es war über die ganze Welt zerstreut. Das ist der Fluch, der nach der Meinung der Alten und nach der Meinung der Welt zur Strafe für seine Sünden ans ihm lastet. Aber es ist nach der Meinung der Alten auch ein Segen darin, etwas Gnies in dieser Zerstreuung "Israels'. DeÜn"Mkr"M-dk zerstreut ist, gibt es nie eine Heimsuchung, die das ganze Israel trifft. In der Gegenwart aber leidet fast das ganze Volk. Wir wollen hoffen, daß das neue Jahr endlich die Erlösung bringt, den Frieden für die Welt, die Freiheit für Israel. Wir können das neue Jahr nicht besser beginnen, als mit dem Wort Abrahams: „Hier sind wir, wir wollen helfen!" — Und Gott sprach: „Abraham", und er sprach: „Hier bin ich." Wie folgt hier Ruf und Antwort so unmittelbar aufeinander. Gott ruft, ruft nur den Namen, weiter nichts, und Abraham antwortet schon, antwortet nur das eine: „Hier bin ich", weiter nichts. Und nichts dazwischen. Keine Frage, keine Erörterung, keine Erklärung, kurz und knapp nebeneinander: Abraham — Hier bin ich. So war es früher. Die Religion ries, und der Jude war da. Die Religion forderte, und der Jude gehorchte. Sie brauchte nicht viel zu reden und es kamen nicht erst viele Fragen: warum? warum gerade dies? weshalb so viel? Mau fragte nicht und grübelte nicht. Man tat. Und wie vieles steht heute zwischen Ruf und Antwort, zwischen Forderung und Erfüllung? Wenn überhaupt noch die Antwort kommt! Und tvenn, wie zögernd kommt sie oft, und wie viel muß geredet werden, ehe sie kommt. Heute ruft uns unser Neujahrsfest: Abrahams Es ruft uns als die Kinder unseres Volkes. Es ruft uns nach all diesen Begebenheiten, die wir miterlebt haben, aus der schweren Heimsuchung, die über die Welt und Israel gekommen ist. Lasset uns sprechen: „Hier sind wir." Es ruft uns zur ernsten Lebensbetrachtung : Hier sind wir; zur aufrichtigen Prüfung