Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 26 (22.8.1918)
- Date
- 1918-08-22
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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if Organ des Vereines „Jesctiuruir |: ORGANISATION |; für die thoratreue Jugend Wiens!i Alle Zuschriften und Anfragen sind ji zu richten an: |! ,,Jaschurun“-PrB[ikomitee, Wien ,1., Salztorgasse 2. ...:- Jeschurun Nr. 26. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“, ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun Wien, Salztorgasse 2. Religion und Krieg. (Fortsetzung.) So hat sich die gottsuchende in eine gottlose Zeit verwandelt. Fragen, Sätze, Schlagworte werden laut, auf die wir später näher eingehen wollen, um sie zu beantworten, zu widerlegen und zu entkräften. Warum hat Gott — die Allmacht — den Krieg nicht verhindert? Ist doch alles, Mensch und Tier und was die Welt füllt, in seiner Gewalt — „denn dem Ewigen ist die Erde und was sie füllt — das Weltall und dessen Bewohner". Warum hat Er den Menschen nicht die Einsicht gegeben, im Haager Friedenspalast die Streitigkeiten auszutragen? Nie hat die Religion Kriege verhüten können. Wo ist die Kraft der Religion? Empfiehlt nicht Gott selbst in seinem Buche den Krieg — „Ansrotten! Den Säugling an der Mutterbrust nicht schonen! — Keine Seele am Leben lassen!" . .. Das sind Schlachtrufe der Bibel, göttliche Befehle. Diese und noch viele andere sind die Tagesfragen unserer Zeit und wir wollen sie auf Grund unserer Forschung beantworten. Vor Eingang in die Beantwortung der angeführten Fragen müssen wir die Frage, was ist Religion und welche Zwecke verfolgt sie, behandeln. Wenn wir hier etwas weit ausholen, so ist dies zum besseren Verständnis unbedingt nötig, und bei genauem Studium der Quellen, der Reihe nach, werden wir über alles — was uns unverständlich und unklar ist — Aufschluß erlangen. Die Frage, was ist Religion, ist bis heute noch nicht klar beantwortet — selbst über die Entwicklung des Begriffs suchen die Gelehrten, die Theologen, die Philosophen in verschiedenen Richtungen und kommen zu verschiedenen Resultaten. Selbst etymologisch ist keine Klarheit vorhanden. Zur Zeit des Augustinus suchte der Lateiner nach einer Bezeichnung für das Verhältnis der Menschen zu Gott, ob man Religion mit dem deutschen „Frömmigkeit" decken oder das holländische „Godsdienst" dafür setzen kann, oder ob man darunter den „Druck des Unendlichen" zu verstehen habe, oder wie Kant Religion definiert, als die Anerkennung unserer Pflichten als göttliche Gebote. Religion ist ein Begriffswort. Der Hebräer gebraucht für Religion vielfach das Wort Treue — Wahrheit und faßt die Religion als einen mit Gott geschlossenen Bund auf. Das Gleichnis von Bräutigam (Gott) und Braut (Israel) ist charakteristisch für die Auffassung des Religionsbegriffs im Judentum. Wir wollen aber nicht etymologische Studien treiben, sondern den Uranfängen — der Entstehung der Religionen nachgehen. Bevor wir diese Wanderung antreten, müssen wir den Menschen näher betrachten. Der Mensch hat mit dem Tier vieles gemein — vor allem den Urtrieb der Selbsterhaltung, dann Unvollkommenheit, Veränderlichkeit und Vergänglichkeit. Was er vor dem Tiere voraus hat, nennen wir es Vernunft, Geist oder Seele. Trotz dieser Vorzüge hat er gewisse instinktive Triebe und Gefühle mit dem Tiere gemein, wie z. B. Hunger, Durst, Schlaf, Schmerz, Freude u. a., auch Treue und Liebe finden wir bei beiden Gattungen, nur sind diese beim Tier rein instinktiv und nicht von Geist oder von der Seele, die das Tier nicht besitzt, beeinflußt. Während wir beim Menschen Leib und Seele unterscheiden, finden wir beim Tier nur den Leib. Wir müssen also beim Menschen eine Zweiteilung im Auge behalten, und wenn wir genau beobachten und forschen, entspringen aus dieser Zweiteilung Vor- und Nachteile — Eigenschaften, die ihn über das Tier erheben und folche, die ihn dem Tier gleichstellen oder noch tiefer stellen. Wir erkennen also in der Gattung Mensch Abstufungen je nach dem Verhältnisse des Miteinandcrlebens von Leib und Seele diesen beiden in ihren Richtungen weit auseinanderstrebenden Teilen — wie es der königliche Dichter ausdrückt: Der Geist des Menschen strebt nach aufwärts. Dort, wo der Geist — die Seele die Herrschaft über den Leib zu erringen versteht, ist die höhere Gattung Mensch, wo die Seele unterliegt, die niedere und niederste. Die Unvollkommenheit tritt bei allen Menschen zutage. Sie gibt sich vor allem kund in den begrenzten Fähigkeiten des Menschen. Unser Sehen, Hören, Denken, Fühlen ist begrenzt — wie die Lebensdauer. Sie gibt sich auch in den Gegensätzen der Triebe des Denkens, Fühlens und Handelns kund. Wir erkennen oft Triebe und Handlungen, die mit anderen nicht in Einklang zu bringen sind — Widersprüche und Extreme. Wir vermissen jede Konsequenz. Manche Psychologen wollen in diesen Gegensätzen einen logischen Zusammenhang erblicken. Wenn dieser Standpunkt begründet sein sollte — was a priori nicht zugegeben werden kann. — so rechnen eben die Psychologen von vornherein mit der Unvollkommenheit des menschlichen Wesens im Denken, Fühlen, Sprechen und Handeln. Die Begriffe Mut, Feigheit, Gutherzigkeit, Härte u. a. müssen eben erst geklärt werden. Wir bezeichnen oft eine Handlung als mutig, und sie hat bei genauer Prüfung nicht den Mut zur Grundlage, oder wir nennen eine Handlungsweise feige und sie ist die Folge von Mut, z. B. das feige Weib! Man versuche es, der Mutter das Kind zu rauben, und sie wird sich nicht feige verkriechen, sondern wie eine Löwin für ihr Kind kämpfen und ihr Leben gern hingeben, um das ihres Kindes zu retten. Wir müssen bei den Taten die Beweggründe prüfen. Wie oft ist die uns als mutig erscheinende Tat nichts anderes als die Folgeerscheinung von Verzweiflung. Wir können eine Handlung erst dann werten, wenn wir deren Ursprung, oder besser ausgedrückt, deren Zusammenhang mit der Ursache ergründen — das heißt, die Tat nach dem Gedanken werten. Wie das Fieber nicht eine Krankheit für sich ist, sondern die Folgeerscheinung einer Erkrankung, so ist die Tat eine Folgeerscheinung des ihr vorausgegangenen Gedankens. So kann Mut die Folgeerscheinung von Verzweiflung aber auch, so paradox es klingt, die Folgeerscheinung vom Gegenteil sein. Wenn wir eine Handlung als geizig bezeichnen, so muß ihr Ursprung nicht im Geiz liegen. Gibt es doch ein Weinen der Freude, des Schmerzes, der Trauer. Die Quelle, aus denen die Handlung entspringt, der die Tat hervorrufende Gedanke ist allein der Wertmesser. Bei vielen Menschen — ich möchte fast behaupten, bei den meisten, sind die Handlungen — insbesondere auf dem Gebiete der Religion rein mechanischer Natur — es geht ihnen kein Gedanke, noch weniger ein logisches Denken voraus — ein gewohnheitsmäßiges Handeln ohne Ueberlegung. (Fortsetzung folgt.) „Linder aufs Land." Der Geburtstag unseres vielgeliebten Monarchen, des Initiators unserer Aktion, wurde in unserer Kolonie Pomüz in würdigster Weise gefeiert. Wir bringen im Nachstehenden die zu diesem Anlaß gehaltene Festrede unseres bewahrten pädagogischen Leiters Herrn Dr. Albert Weiner. Andächtige Festgäste! Die Feier, zu der wir uns hier heute versammelt haben, ist eine Feier des Friedens und der Nächstenliebe. Eine halbe Welt steht in Flammen, Nationen zerfleischen sich im Kampfe, die Furien der Zwietracht sind entfesselt, nichts als Kampf und Streit und Blut. Doch in diesem wüsten Lärm und grausamen Toben ertönt plötzlich eine sanfte Engelsstimme wie aus Himmelshöhen und ruft klar und gebieterisch: „Sorget für die Kinder". Unser erhabener Kaiser und König hat diesen Ruf in die Welt geschickt, einen Ruf der Liebe mitten in einer Welt von Haß, einen Ruf des Friedens mitten im Kampfe; und wenn wir heute sein Geburtsfest feiern, so nennen wir cs mit Recht ein Fest der Liebe und des Friedens. In dem Abschnitte der Sprüche der Väter, den wir heute nachmittags lesen, finden wir die Mahnung des älteren Hillel: „Sei von den Jüngern, den Jüngern Arons, liebe den Frieden und strebe nach dem Frieden, liebe die Menschen und führe sie hnt zur Lehre." „Liebe den Frieden und strebe nach dem Frieden." Wieviele behaupten heutzutage, daß sie den Frieden lieben und nach ihm streben. Tie einen meinen, sie könnten ihn durch einen vollständigen Sieg erreichen, die anderen durch diplomatische Künste, die dritten durch große soziale und wirtschaftliche Umwälzungen. Doch diese alle haben der gequälten Menschheit den Frieden nicht schenken können; aber unser Kaiser und König, der bekanntlich seine Regierung auch mit einer Kundgebung für den Frieden begann, hat die Frage ganz anders erfaßt und angegriffen. So wie der alte Hillel lehrte: „Strebe nachdem Frieden und liebe die Menschen", so hat auch er sich gesagt: „Ohne Menschenliebe kein Frieden!" Der Glaube an Ruhe, Glück und Zufrieden-