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Jüdische Korrespondenz · 1918-08-22 · 26 (22.8.1918) · page 4

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Journal
Jüdische Korrespondenz
Volume
4 (1918)
Issue
26 (22.8.1918)
Date
1918-08-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Jüdische Korrespondenz. Nr. 26 antastbar machen und das großartige geschichtliche Werk auf diese Weise zu krönen. Wir flehen Gottes Segen auf die Tätigkeit Eurer Exzellenz herab, und verbleiben mit vorzüglicher Hochachtung Moriz Mezci m. p., Kanzlei-Präsident. Dr. Franz Mezei m. p., Kanziei-Bizepräsident. Oie Iudensrage in Mauen. Der stellvertretende Staatssekretär des Auswärtigen, Freiherr von dem Busche, hat an den „Vollzugsausschuß jüdischorthodoxer Organisationen im Gebiete der Mittelmächte" auf dessen Eingabe vom 8. April d. I. folgendes Schreiben gerichtet: „Die Deutsche Regierung hat bereits seit längerer Zeit der Ostjudenfrage ihre besondere Aufmerksamkeit gewidmet. In der Fülle der Probleme, die der Krieg im Osten Europas aufgeworfen hat, ist fraglos das Ostjudenproblem eins der wichtigsten, insbesondere für die Randstaateu, an deren Schaffung der Vierbund mitgewirkt hat. Wie Ihnen bekannt sein dürfte, hat uns der Friedensschluß mit Rumänien bereits Gelegenheit geboten, im Einvernehmen mit unseren Verbündeten tatkräftig einzutrctcn für die Gleichberechtigung der Juden mit den übrigen Bewohnern Rumäniens und für eine durchgreifende Besserung der dortigen Verhältnisse. Auch in Polen hat die Verwaltung alle Schritte getan, um dem jüdischen Teil der Bevölkerung berechtigte Wünsche zu erfüllen. Ebenso hat in Litauen die Verwaltung vom Beginn der deutschen Okkupation an die Gleichberechtigung der Juden mit den übrigen Nationalitäten praktisch vertreten und die Hebung der jüdischen Kultur und des jüdischen Schulwesens überall und mit allen Mitteln gefördert. Die Deutsche Regierung muß grundsätzlich dem neuen, von ihr soeben anerkannten Staate die endgültige Regelung seiner innern Verhältnisse überlassen. Sie hat aber, dem Wunsche des litauischen Landesrats entsprechend, ihre Mithilfe beim Aufbau des neuen Staates versprochen. Soweit hierbei der deutsche Einfluß reicht, wird sie eintreten für die Erfüllung der berechtigten Forderungen des Judentums. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß Litauen sich unter deutscher Mitarbeit eine neuzeitliche Staatsverfassung geben wird. Eine solche muß selbstverständlich auf der Grundlage gleicher Rechte für Alle ruhen und bietet keinen Raum für Ausnahmebestimmungen zu Lasten eines Teiles der Bewohner. Die Deutsche Regierung wird daher eintreten für eine rechtliche und tatsächliche Gleichberechtigung der Juden als Staatsbürger mit allen Rechten, aber auch allen Pflichten solcher. Die Freiheit der Religionsübung gehört zu diesen unantastbaren Grundrechten. Auch das Recht auf Pflege selbständiger jüdischer Kultur einschließlich weitgehenden Äelbftverwaltungsrechts auf dem Gebiete des Schulwesens zur Pflege jüdischer Eigenart und jüdischer Ueberlieferungen gehört zu den Punkten, für die Deutschlands Regierung einzutreten bereit ist. Inwieweit bei dem inner» Aufbau des litauischen Staates die Juden als besondere Nationalität zu behandeln sein werden, muß dem Willen und der Einsicht seiner Bewohner überlassen bleiben. Es ist nicht zu zweifeln, daß bei gegenseitigem Entgegenkommen und Verständnis alle in Litauen vereinigten Völkerschaften einschließlich der Juden dort eine glückliche Zukunft finden werden." Zur Repatriierung der Flüchtlinge. Wieder kann man sie jetzt auf der Wanderschaft sehen, diese Unglücklichen. Seit Jahr und Tag bei uns nur der Gegenstand des Spottes und der Verachtung, brachte man diesen Armen selbst in jüdischen Kreisen nicht jenes Maß von Liebe und Aufmerksamkeit entgegen, wie man es von Brüdern erwarten sollte. Die „Polnischen" wurden überall als Last empfunden, bei Christ und Jud (?), arm und reich, hoch und nieder. Und dennoch war es göttliche Fügung, die sie zu uns, in Gegenden führte, wo das Judentum im Dahinsiechen begriffen ist. Im Folgenden wollen wir, so weit es angängig ist, ausführen, was wir hätten von unseren Glaubensbrüdern und was unsere Glaubensbrüder hätten von uns lernen sollen, respektive können. Was hätten unsere Glaubensbrüder aus dem Osten von uns lernen können. Sie haben lange, leider allzulange, Gelegenheit gehabt, das geordnete Leben und Treiben zu beobachten, sie haben Gelegenheit gehabt, unsere Industrie zu sehen, sie haben Gelegenheit gehabt, kurz all das zu sehen, was man so trefflich Geschäftsleben nennt. — Aber auch unsere Glaubensschwestern hätten den unfreiwilligen Aufenthalt in unseren Gegenden zu nützlichem Lernen verwenden und benützen sollen. Sic haben Gelegenheit gehabt, das geschäftige Tun und Treiben unserer Hausfrauen in Küche und Haus kennen zu lernen. Aber auch wir hätten von unseren Brüdern etwas lernen können, nämlich die tiefe Religiosität, die große Gottesfurcht und eine Gelehrsamkeit, wie sie (einzelne Fälle natürlich abgesehen) bei uns schon lange nicht mehr zu finden ist. Wir hätten von ihnen Religiosität, Frömmigkeit und Gottesfurcht übernehmen sollen, sie von uns feines Benehmen, Kultur und Anstand. Vorstehendes sind die Gedanken beim wahrlich erschütternden Anblick Ahasvers auf der Wanderschaft. Wahrlich, da tritt das größte Elend zutage. Und hier an dieser Stelle müssen wir es aufrichtig bedauern, nicht die wie Orgelton klingenden Worte des Herrn Dr. v. Schwarz-Hiller, jenes bekannten Wohltäters und tatkräftigen Organisators auf dem Gebiete der Flüchtlingsfürsorge, die genannter Herr vor einiger Zeit in einem Blatte unserer Metropole veröffentlichte, wegen Raummangel wiedergeben zu können. Man stelle sich das auch nur so vor: Da fahren jetzt, im Jahrhundert der Kultur und Zivilisation, in Waggons, in denen ehedem Vieh transportiert wurde, Menschen zusammengepfercht, Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, arm und reich, hoch und nieder. Muß das nicht auf die Psyche eines reichen Mannes, der durch den Krieg an den Bettelstab gebracht wurde, geradezu niederschmetternd wirken? Und noch dazu, wenn man sieht, mit welcher äußeren Freude sie alle von uns Abschied nahmen? Ja, sie alle haben gehofft, daß es ihnen in der Heimat besser gehen werde. Doch das sollte sich leider nicht bewahrheiten. Wie alle an uns gerichteten Briefe übereinstimmend uns berichten, finden die Heimkehrenden meist nur eine leergebrannte Stätte und oft nicht einmal die vier Mauern, die ihnen die Stelle bezeichnen sollte, wo ehedem ihr Haus stand. Nimmt man dazu eine große Teuerung, beziehungsweise einen großen Mangel an Lebensmitteln, so ergeben sich Aussichten für jeden Humanen, die in der Tat Besorgnis erregend waren. Diese Aussichten waren um so mehr Besorgnis einflößend, weil doch der Winter und die hohen Feiertage vor der Türe stehen. In manchen Gemeinden Galiziens und der Bukowina, in denen einige Thorarollen bei der Invasion unseres ehemaligen Feindes verschwanden, liegen die übrigen ohne Mäntelchen da. Jedem, dem noch ein wenig das Wohl und Wehe des Judentums am Herzen liegt, muß die Frage eutgegentreten, wie die Repatriierten die hohen Feiertage bei dem schweren Existenzkämpfe, den zu führen sie leider des Schicksals grausige Macht zwingt, werden begehen können. Wahrlich, solche Fragen sind für fromme Männer gar nicht auszudenken. Das einzig Tröstende für uns mag sein, daß sie in ihrer Heimat nicht zu ihrem großen Leide noch den Spott tragen müssen, dem sie bei uns von antisemitischer Quelle ausgesetzt waren, nach dem Sprichwörter „Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen", und daß bis zu den hohen Feiertagen noch geraume Zeit vorhanden ist, die ja zur Restaurierung verwendet werden kann. Zum Schluffe meiner Ausführungen halte ich eS wohl für überflüssig, zu betonen, daß vorstehende Zeilen zu den traurigsten Kapiteln des Krieges wie der gesamten Menschheitsgeschichte überhaupt gehören, und schließe mit dem innigen Wunsche, daß Gott der Allmächtige diesem neuen Golus ein baldiges Ende bereiten und die östlichen Länder unserer Monarchie von neuem blühen und gedeihen mögen. Das walte Gott! Zwickau (Mähr.). G. Kanter. Jüdische Kolonisten am Dnrepr. <2chlutz.) Die Regierung hatte zwar schon bald nach Beginn dieses Ansiedlungswerkes eingesehen, daß die der Landwirtschaft unkundigen Leute ohne Hilfe nicht vorankämen. Man hatte in jede jüdische Kolonie zwei oder drei deutsche Musterbauern gesetzt, die ihnen mit Rat und Tat zur Seite stehen sollten. Gewöhnlich war aber der Gang der Dinge dann so, daß die jüdischen Ansiedler doch zum gelernten Handwerk und Beruf zurückkehrten und lieber den Deutschen ihr Land zur Bearbeitung derpachteten. Nur wenige jüdische Kolonisten besaßen die Energie, die zum Erlernen der Landwirtschaft gehört, die auch ein Umformen des ganzen Menschen und seiner Denkweise erfordert, besaßen die Wetterfestigkeit und Härte, sich Schollenkräftigkeit zu erwerben. Fragt man so unter den Leuten herum, so geben die meisten die Tatsache auch zu. Andere wieder sagen stolz, die Großväter hätten die deutschen Mustersiedler wohl nötig gehabt, aber sie selbst verständen die Landwirtschaft jetzt so gut oder besser als die Deutschen. Nur fehle es ihnen an Land. Das mag bei manchen (Fortsetzung auf Seite 6.)

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