Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 25 (8.8.1918)
- Date
- 1918-08-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Jüdische Korrespondenz. Nr. 25 „semach bejaldnß-secho", das „freue dich deiner Minderheit" nicht kennen gelernt haben. Ihnen allen ist eine beängstigende, gar nicht im Einklänge mit ihrer Jugend stehende Selbständigkeit eigen, die sie selten launisch, sondern nur kritisch macht. Als die Jungen und Mädels an Bord gestiegen waren, um in eine neue Gegend zn kommen, ging gleichsam eine Regeneration in jedem einzelnen vor sich; sie erhielten wieder ein Stück der ihnen vvrenthaltenen Jugend zurück. — 9feue Eindrücke sollten ihre schlechten Erinnerungen verwischen. Von diesem Standpunkte war die Schiffahrt recht glücklich gewählt, da sie an und für sich für die meisten eilte angenehme Novität war. Sie nahmen die durch den überaus hohen Wasserstand unvorhergesehene Verspätung ruhig in Kauf, um sich am Verdeck zur Ruhe zu begeben, und sie schliefen gut! Das viele Scheinen hatte sie müde gemacht. Die Erlebnisse des Tages, Abschied, Hoffnung, Erwartung und Donausahrt wiegten sie .mit dem Schaukeln des Schiffes in Schlaf und webten ihnen phantastische Träume. Früh morgens war alles wieder munter ans den Beinen und drängte sich ans Land, denn sie waren inzwischen in Budapest angelangt. Eine neue Hauptstadt lag vor ihnen; was gab's da wieder zu schauen, zu fragen und zu Plaudern. Jetzt hatten sie noch eine Stunde mit der Dampftramway zu fahren, um an ihren Bestimmungsort in Ponwsz zu gelangen. Es ist dort wohl nicht gebirgig, aber gesunde, ungarische Erde und Lust. Nachdem man sich alles genügend angeschaut, sich ausgeruht und gestärkt hatte, ging man daran, sich möglichst häuslich und bequem einzurichten. Eine wahre Bärenarbeit war dies für das Lehrerkollegium. — Es galt nicht nur die Austragung oft verteufelt schwieriger Kämpfe mit den p. t. Lieferanten und den maßgebenden Faktoren, die letzteren zu ihrem mehr oder minder guten Willen die Bewilligung geben mußten, sondern es galt vor allem, 150 Kinder nach ihrem Älter, Geschlecht, Eigenschaften und Eigenheiten, also 150 Individualitäten zufriedenzustellen. Während Herr Lehrer Müller sich vorwiegend der ökonomischen Leitung in der Kolonie mit unermüdlichem Eifer widmete, übernahm Fräulein Obernbreit die pädagogische Führung. Sie leistete Großartiges und war jedem einzelnen Kinde eine zweite Mutter; ihr zur Seite stand tapfer Fräulein Löwy. Bedauerlicherweise konnte Herr Doktor Weiner die ersten zwei Wochen nicht anwesend sein, aber als er nachkam, gewann er sich in kürzester Zeit die Liebe und das volle Zutrauen aller Schützlinge. Als die Kinder Donnerstag wieder in Wien ankamen, hörte man bei der Begrüßung häufige Klagen, die Zeit wäre zu rasch vergangen. Doch es wartet schon eine neue Gruppe auf die Abfahrt. 25. Kinder, die sich noch nicht genügend erholt haben, blieben zurück, um in die zweite Gruppe eingereiht zu werden, die anfangs nächster Woche abreisen soll. Reicher an Erfahrungen und Kenntnissen und mit der gleichen Liebe werden die jungen Gäste mit Gottes Hilfe vom selben Lehrerkollegium bis zum Schulbeginn betreut bleiben. Wer etwas recht Schönes und Rührendes sehen will, schaue sich die Kolonie an Ort und stelle an; die Kleinen empfangen Gäste aus der Heimat stets mit Jubel. An Spenden sind uns weiter zugekommen: K. Jakob Rabinowitsch. 300'— Ungenannt .. 300'— Leopold Satori . .. 200 — teinrich Pappenheim. 200'— . Futterweit. 200'— Samuel Diamant. 100'— Adolf Grünwald. 100'— Nathan Pollak. 100'— Viktor Deutsch. 100 — Ludwig Adler. 100'— Weiner Stricker. 50°— R. Künigfest. 50'— Georg Auerbach. 50 — fritz Waffervogel. 50 — lexanöer Landau.. 50'— Moritz Feder. 50'— S. I.. so — Jakob Stroh, Tempelspende .... 50'— Berthold Stroh. 50 — Moses Jakob. 50'— David Daniel, Baden. 50 — Adolf Duldner. 50' — 2 300'— Bisheriges Ergebnis . 48.371'— Gesamtergebnis . 50.671'— Jedem das Seine. „Wenn es die Aufgabe der Volksschule ist" — sagt Dr. L. Kehr, weiland Schulrat und Seminardirektor in Erfurt, in seinem Werke „Die Praxis der Volksschule" —, „den Kindern des Volkes denjenigen Grad von Bildung zu verschaffen, den jedermann, Rücksicht ans Stand und Beruf haben muß, so erscheint die Volksschule zunächst als Unterrichtsanstalt. Allein die Bildung ist nicht nur eine intellektuelle, sondern auch eine ästhetische, moralische und religiöse. Verstand, Gemüt und Wille (Charakter) sind in gleicher Weise zu berücksichtigen. Obwohl nun die Schule ihren Gesamtzweck in der harmonischen Entwicklung und Ausbildung aller im Menschen liegenden Anlagen, und Kräfte zu suchen hat, so gehört doch der sittlichen Bildung der erste Platz, denn ohne diese ist der gescheiteste Mensch nichts wert. Unwissenheit ist ein großes Unglück; aber schlimmer als alles ist doch die Verderbnis der Sitten und der Mangel einer sittenstrengen Erziehung der Jugend. Mit all eurer Schulbildung — sagt Wellington — ohne Maßregeln zur sittlichen Erziehung werdet ihr nur raffinierte Teufel erziehen." — Nach 8 1 des Gesetzes vom 14. Mai 1869 und 8 71 der Verordnung des Ministeriums für Kultus und Unterricht vom 20. Sepwmber 1905 sind die Kinder in der Schule sittlich-religiös zu erziehen, und infolgedessen genießen die nichtjüdischen Kinder in der allgemeinen Volksschule, beziehungsweise in der evangelischen Schule eine gründliche religiöse Ausbildung. Die jüdische Jugend hingegen entbehrst des Segens ««« religiösen 1Ä:ziehuM,«ck-^ß» betrübt sehen wir, wie in unseren -Reihen Jndifferentismus und Abfall vom Väterglauben von Jahr zu Jahr zunehmen. Aehnlich wie der Arzt, nachdem er festgestellt, an welchem Uebel der Patient leidet, die entsprechenden Mittel anwendet, um die Krankheit zu beheben, müssen auch wir, nachdem wir die Ursache unseres geistigen Verfalles erkannt, darangehen, der israelitischen Jugend nach dem alten Grundsätze: „Jedem das Seine" alters in rationalistischem und mystischem Gewände haben das alles mit glühenden Farben ausgemalt. Widerspruchsvolles und Seltsames läuft da unter. Dieser Gedanke aber, daß die messianische Zeit von Gott herbeigeführt werden muß, ist ein Grundpfeiler der Lehre des Judentums. Denn dieser Gedanke allein ist es, der uns die Sicherheit gibt, daß das Leben der Menschheit einem bestimmten Ziele zustrebt, daß ihr Ideal einmal Wirklichkeit werden wird« Hermann Cohen wirst in seiner „Ethik" die Frage aus, wie wir uns das Problem der Verwirklichung des Sittlichen denken können, wenn diese sich doch der Vollendung versagt. Der Weltfrieden bedeutet Stillstand, die Verwirklichung des Sittlichen ist aber nur in stetem Fortschritt gegeben: „Sollen wir uns bescheiden müssen, die Wirklichkeit des Sittlichen aus einer der vielen Stufen seiner Verwirklichung anznnehmen? Und ist ein noch so hoher Grad der Verwirklichung gleichzusetzen mit der Wirklichkeit? Bliebe also nicht doch die Wirklichkeit selbst ein unerfüllbarer Wunsch, ein unerfüllbarer Gedanke?" Die Frage ist sehr gut in diesen wenigen Worten formuliert. Die Antwort, die der Philosoph gibt, mag man dort im Buche Nachlesen. Uns dünkt, daß sie dem unverbildeten Verstände, der technische Ausdrücke der Philosophie nicht für sachliche Lösungen nimmt, nicht genügen kann. Henu diese Frage ist von der „Ethik des reinen Willens", für welche die religiösen Vorstellungen von Gott ein Mythos sind, überhaupt nicht zu lösen. Nur der Glaube, daß in einem Zeitpunkt der Weltgeschichte die Vollendung der Sittlichkeit in der Herbeiführung des messiauischeu Reiches von Gott verwirklicht wird, der dann der Sittlichkeit oder wie man das zukünftige Streben der Menschheit nennen will, neue Aufgaben stellt, wie er zum Anbeginn der Weltgeschichte sie gestellt, nur dieser Glaube vermag die Widersprüche auszugleichen. * * * Die Philosophen und Theologen werden diesen altjüdischen Gedankengängen mit einem Lächeln begegnen. Wir können das Lächeln tragen. Die Theorien und Lehrsätze, die von ihnen aufgestellt werden, können ebensowenig bewiesen werden. Und mit Maimonides (More Nebuchim II, 22) halten wir es im Zweifelsfalle mit der Ueberlieferung unserer Väter. Was den neuen Lehren über Aufgabe und Bestimmung des Menschengeschlechts ihre Anhänger wirbt, das sind die schillernden Farben des Modegewandes der Ausdrucksweise. Unbedingte Wahrheiten können sie der Natur des Gegenstandes nach nicht geben- Wollte man aber den Wahrheitsgehalt der Meinungen über die Zukunft des Menschengeschlechts nach der Kraft abschätzen, mit der sie ihre veredelnde Wirkung auf die Menschheit ausgeübt, dann dürfen wir lächeln. Dort ein Menschengeschlecht, das heute alles verleugnet, was in hochtönenden Worten über Menschenliebe und Menschenbeglückung von ihm verkündet wurde. Hier eine Glaubensgemeinde, welche die sichere Erwartung der Erfüllung der göttlichen Verheißung Jahrtausende des Elends hat überstehen lassen.