Jüdische Korrespondenz
- Journal
- Jüdische Korrespondenz
- Volume
- 4 (1918)
- Issue
- 25 (8.8.1918)
- Date
- 1918-08-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ des Vereines ..Jesclnirun“ ORGANISATION i für die thoratreue Jugend Wiens.; Alle Zuschriften und Anfragen sind ij zu richten an: ii „Jescburun“-PreftkomItee, Wien, I., Salztorgasse 2 . --—-== Jeschurun Nr. 25. — 1918. Beiblatt der „Jüdischen Korrespondenz“. ABONNEMENTS sind zu beziehen mittelst Postkarte durch das: Preßkomitee des Vereines „Jeschurun“ Wien, I., Salztorgasse 2. Religion und Krieg. (Jorlsetzmiz > Und so zogen sie hinan», Männer und Jünglinge, kampfbegeistert, gläubig an den Sieg ihrer Waffen, gläubig an Gott den Gerechten, der ihre gerechte Sache vertreten wird. Sv zogen sie hinaus, ausgerüstet mit allen Waffen der rohen Macht — aber auch Gebetbuch, Gebetriemen, Arba-Kanfoth, Amulette, Koran, Kreuz und Rosenkranz waren im Rucksack. Die Gotteshäuser waren gefüllt von Andächtigen, alle beteten zu Gott für ihre Waffen, „und alle Hände sind zum Fleh'n gefaltet, auf allen Lippen zittert ein Gebet“. Sie beteten um Sieg, sie beteten, daß Gott die Ausziehenden beschütze, sie heimkehren lasse zu den ihren. Man hoffte und baute aus Gott den Gerechten, daß Er den Feind zerschmettern werde, daß Er Mitleid haben werde mit denen, die da hinausgehen, um das Vaterland gegen einen Feind zu verteidigen, gegen einen rohen Feind, dem jedwede Kultur fremd geblieben. Und so beteten alle, jeder reklamierte Gott für sich und wähnte die Gerechtigkeit auf seiner Seite, das Unrecht auf der Feindlichen. Seit langem wurde nicht so viel gebetet und Gott angerufen, wie zu Beginn des Krieges — eine Glaubenshausse! Es ist nie so oft Gott im Munde der Menschen geführt worden, wie zu dieser Zeit. Alle Manifeste, alle Berichte reden von Gott. Alles geschieht im Namen und zu Ehren Gottes. Im Vertrauen auf Gott werde« die Waffen gefchmiedet und alle Mordwerkzeuge blank hergerichtet, damit jedes tadellos sein Gotteswerk verrichte —. Mit dem Vertrauen auf Gott wird den Menschen das Morden befohlen und die Schlachtberichte lassen auch dem lieben Gott in Dankbarkeit einen Anteil an den Sieg der Waffen. „Mit der Hilfe Gottes ist es uns gelungen, den Feind niederzuzwingen. So und so viel tausende liegen tot und verwundet in den Gräben usw.“ Nie, zu keiner Zeit, hatte der liebe Gott eine solche Reklame auf Erden — denn einen Krieg mit so großen Blassen hat es noch nicht gegeben. Alle, ohne Unterschied, hassen, zerstören und töten mit Gott —. Und jetzt? Jetzt haben sic den Glauben an Gott verloren, an Gottes Gerechtigkeit, an Gottes Barmherzigkeit, an Gott, der sehen kann wie so viele hoffnungsvolle Menschenleben vernichtet werden, der seinen Menschenkindern so unendliche Qualen erdulden laßt, sie lahm, blind, geistesgestört ein Leben schleppen läßt, das ihnen zur unerträglichen Last wird. Sie haben den Glauben verloren an Gott den Gerechten, der die friedliebenden Einwohner durch Bomben töten läßt. Wie kann es eine Gerechtigkeit geben, wenn unschuldige Familien, deren Männer und Söhne im Felde stehen oder in der Gefangenschaft schmachten, von ihrem Grund und Boden verjagt, ihre Töchter geschändet werden, und diese Vertriebenen und Geflüchteten kein gastliches Dach finden und lieblos von den in Sicherheit lebenden Brüdern und Schwestern behandelt werden. Wo ist Gott der Gerechte, Gott der Barmherzige? Sie glauben nicht an Gott den Gerechten, der es geschehen lassen kann, daß die Einen sich sättigen, ja sogar in Ueberfluß schwelgen, während die Anderen hungern, die Mutter ihren Säugling nicht stillen kann. „Es klebt die Zunge des Säuglings an seinem Gaumen, Kinder verlangen Brot, es kann ihnen nicht gereicht werden.“ „Sie geben ihre Kostbarkeiten für Brot, um ihren Hunger zu stillen.“ Sie sehen, wie die Einen sich am Unglück der Anderen bereichern, wie sie stolz einhergehen, in reichen Gewändern, geschmückt mit Perlen, Gold, Silber und kostbaren Edelsteinen, allen Vergnügungen stöhnen, während tausende von Frauen um ihre Männer trauern, Väter und Mütter ihre gefallenen Söhne beweinen, Kinder nach ihren Vätern rufen, die der Feind grausam getötet oder in die Gefangenschaft getrieben. Diese Einen fahren geputzt und glückstrahlend in ihren Karossen und Autos zum Derby, während die Insassen der Bliudenheimstätten täglich an Zahl zunehmen, die Züge immer mebr Verwundete und Krüppel bringen und in den Hospitälern die Kranken und Verstümmelten stöhnen. Sie haben daher den Glauben an Gott den Gerechten, den sie 1914 um Hilfe anflehten, verloren — sie läugnen das Walten Gottes. — In ihrer Gedankenlosigkeit und Kurzsicht erklären sie, es gäbe keine Bestimmung, keine Gerechtigkeit, weder Strafe noch Lohn, keine Vergeltung, alles Geschehene, Geschehende und Werdende sei Zufall, blinder Zufall. Fort mit dem Glaubensmärchen! belügen und belasten wir nicht unsere Jugend mit Gott und Engeln, mit Himmel und Hölle, mit Vorsehung und Bestimmung. Freie Kulturmenschen wollen wir sein, unseren Geist befreien vom Ballast des Gottesgedankens. (Fortsetzung folgt.) „Kinder aufs Land." Ein Monat ist nun verflossen, seitdem die ersten 150 Kinder aufs Land gefahren sind. — Viel Neues haben sie gesehen und viel Gutes haben die Kinder gehabt, die nach beidem mit ihren ganzen agilen Seelchen lechzten; die einen, um ihre Erkenntnis und Kenntnis zu erweitern, die anderen aus Sensationslust, um erzählen zu können, und sie alle erwiesen sich außerdem als Pragmatiker, die sich dem weitaus prosaischeren, utilitaristischen Standpunkte zuwendeten, da die eminent großen Schwierigkeiten der Lebensbedingungen in der Großstadt die unschuldigen Kinderchen vor Sorgen und Kummer fast zu erdrücken drohen. Es gehört zu den Greueln des Krieges, daß die Kinder so ganz ohne Jugend dahin leben müssen, daß sie' das Der ewige Friede. Von Dr. I. W o h l g e m ü t h. (SdjlllB.) Wie wenig der Gedanke, daß es vor allem gilt, die Menschheit zur sittlichen Vollendung zu führen, bevor sic auf den Lohn hoffen darf, der ihr dann im ewigen Frieden winkt, durchgedrungen ist, sieht man an einigen Symptomen, für welche die Pazifisten nicht verantwortlich sind, aber welche doch die ganze Art der Behandlung dieses Ideals charakterisieren. Unter allen Königen der Welt ist sicherlich der Zar von Rußland derjenige, der als Repräsentant seiner Regierung die geringste Anwartschaft darauf hat, für die Herrschaft ethischer Prinzipien im Leben der Völker einzutreten. Und fein Bild ist es, das als einziges den Friedenspalast im Haag — schmückt. Der Vorsitzende der letzten Friedenskongresse, d'fftournelles, hat nach Ausbruch des Krieges als einer der ersten die Parole ausgegeben: Deutschland müsse von der Welt vertilgt werden. Das sind die Hauptanreger und Wortführer der Friedensbewegung in unserer Zeit. Und es ist mehr als ein Symbol, daß der Nobelpreis für diejenigen, die sich um die Förderung dieser Idee verdient gemacht, aus Mitteln bestritten wird, die durch die Verfertigung der mörderischen Explosivstoffe erworben wurden. 3. Der Friede unter den Völkern ist ein Glück, und dies Glück wird der Menschheit zuteil, wenn sie die Stufe der höchsten Vollkommenheit errungen. Das ist, wie wir gesehen, der Sinn der jüdischen Auffassung vom ewigen Frieden. Aber das Judentum hat noch eine wichtige Ergänzung dieses Gedankengangs in seinen Lehrgehalt ausgenommen. Wohl ist es die Aufgabe des Menschen, diese Zeit des Glückes durch seine Arbeit heraufzusühren, aber unabhängig von dem Tun des Menschen, auch dann, wenn er dieser Aufgabe im Lause der Jahrtausende nicht gerecht wird, soll der Tag des Glückes kommen zu einer von Gott bestimmten Frist. Wie verschieden auch in der Bibel die messianische Zeit und die Art ihres Herannahens geschildert wird und welche Fülle von Merkmalen man aus den Verheißungen der Propheten auch zusammenstellen könnte — Abarbanel hat es in seinem Werke „Mazmiach Jeschua“ versucht — der eine Gedanke zieht sich durch alle ihre Worte, daß die völlige Hinwendung zu Gott die Erfüllung der messianischen Zeit wohl beschleunigen wird, daß diese aber kommen muß: „Wenn sie auch zögert, harre ihrer, kommen muß sie, sie bleibt nicht aus.“ Wie das unsere Weisen in die knappen Worte gefaßt: „Wenn sie es verdient, dann will ich's beschleunigen, wenn nicht, dann kommt es zu seiner Zeit.“ Es ist klar, daß die Erfüllung „am Ende der Tage“ unmöglich als ein unverdientes Geschenk an die Menschheit gedacht fein kann, das ihr zur bestimmten Frist in den Schoß fällt. Unendliche Leiden gehen dieser Zeit voraus. Und diese Leiden, die in ihrem Riesenausmaß ans Wunderbare grenzen, werden auch die wunderbare Wirkung haben, daß sie im Sturme vollbringen, was der ruhigen Entwicklung nicht gelang: die Läuterung des Menschengeschlechts und ihre völlige Rückkehr zu Gott. Bibel und Apokryphen, Talmud und Midrasch, Exegese und Philosophie des Mittel-